Hersteller_Roland VA-Synth
Test
3
16.12.2014

Praxis

Sound

Nach dem Einschalten probiere ich zunächst die acht Presets aus und stelle schnell fest, dass sie keine besondere Stärke des SYSTEM-1 sind. Hier soll man selbst schrauben und spontan sein, wie man ja schon an der geringen Zahl von Speicherplätzen erkennt. Also fangen wir mal mit den drei Grundschwingungsformen Sägezahn, Rechteck und Dreieck an:

Das ist solide virtuell-analoge Hausmannskost. Das SYSTEM-1 klingt erstmal ziemlich sauber, was sich auch in dem für meinen Geschmack etwas schmalen und zahmen Unison-Sound zeigt:

Aber mit Ring- und Crossmodulator und den drei „Super“-Schwingungsformen Supersaw, Supersquare und Supertriangle hat der Synth auch extremeres Klangmaterial in petto. Der Grad der Modulation kann entweder manuell per Poti eingestellt werden oder von verschiedenen Quellen moduliert werden. So klingt es, wenn man bei den drei Waves im manuellen Modus den Color-Regler bewegt:

Das Tiefpassfilter des SYSTEM-1 lässt sich wahlweise mit 12 oder 24 dB/Okt. Flankensteilheit betreiben. Hier hört ihr die beiden Settings jeweils mit wenig, mittlerer und maximaler Resonanz:

Auch das Filter klingt für mein Empfinden recht clean, was ja nichts Schlechtes sein muss. Einen besonderen Charakter oder eine „Persönlichkeit“ entdecke ich darin jedoch nicht. Bei viel Resonanz zeigen sich am oberen Ende der Cutoff-Spanne einige unschöne Aliasing-Effekte, wie es bei digitalen Filtern häufig der Fall ist.

Aber jetzt los, Sounds bauen! Es macht Spaß, das SYSTEM-1 zu programmieren. Da die Struktur des Synths klassisch aufgebaut ist und man alles im direkten Zugriff hat, sind die ersten Sounds schnell zurecht geschraubt. Es gibt kein Display, keine Menüs, keine doppelt belegten Regler und Taster und keine komplexe Modulationsmatrix. Jedes Bedienelement hat genau eine Funktion, was den Schraubspaß enorm fördert. Nur die fürchterliche Tastatur bremst zwischendurch leider immer wieder ein bisschen die Freude, und wer die Speicherplätze benutzt, wird sich eventuell daran stören, dass die Werte beim Bewegen der Fader und (nicht endlosen) Drehregler springen. Von Rolands Angewohnheit, die Hüllkurven mit Fadern statt Drehreglern auszustatten, war ich allerdings schon immer ein Fan, weil der Verlauf der Envelopes damit für mein Empfinden irgendwie besser sichtbar und „anfassbar“ wird als mit Potis. Die Modulationsmöglichkeiten sind nicht überwältigend, aber praxisnah und schnell nachzuvollziehen. Die Hüllkurven sind knackig und der LFO kann auf Wunsch im hörbaren Bereich schwingen.

Und auch der Sound stimmt, obwohl der grundsätzlich recht saubere Charakter bleibt und der Synthesizer nie ganz den Druck und die Direktheit entwickelt, die man von echten Analogen gewohnt ist. Dennoch liefert das SYSTEM-1 von satten Bässen bis hin zu sphärischen Flächen eine große Bandbreite von Sounds in überzeugender Qualität – solide, virtuell-analoge Hausmannskost eben. Und dann ist da ja noch die klangliche Erweiterbarkeit mit „Plug-Outs“ – man darf gespannt sein, was sich dem Synthesizer auf diesem Wege noch beibringen lässt.

Die Effekte bieten zwar kaum Einstellmöglichkeiten, klingen aber gut – und es hat ja auch etwas für sich, wenn man einfach mal spontan das Reverb-Poti aufreißen kann, ohne sich um die Details Gedanken zu machen. Das Delay verhält sich wie ein Analog-Delay und erzeugt beim Drehen am Time-Regler die beliebten Pitch-Effekte. Außerdem lässt es sich natürlich zum Tempo synchronisieren (dann regelt Time den Notenwert). Lediglich den Crusher fand ich im Test entbehrlich und habe keinen Sound gefunden, der davon sonderlich profitiert hätte. Stattdessen hätte ich mich manchmal über einen satten Overdrive gefreut. Aber ich will auch nicht ausschließen, dass das eine oder andere pluckernde Arpeggio mit ein bisschen Bitcrushing erst den letzten Schliff bekommt.

Arpeggiator und Scatter

Der Arpeggiator bietet die Standardpatterns Up, Down und Up&Down, kann eine oder zwei Oktaven bespielen und sendet MIDI-Daten. Dreht man am Type-Regler (dem inneren Bereich des Scatter-Rads), so ergeben sich viele weitere Patterns, die zum Teil auch getriggerte Akkorde beinhalten. So ganz genau weiß allerdings man nie, was da kommen wird, was natürlich zum Konzept gehört. Ich hätte mir zumindest noch einen dezidierten Chord Trigger Modus gewünscht, um solche Sachen gezielter bewerkstelligen zu können.

Mit dem Type-Regler wird zugleich der Scatter-Modus gewählt. Diese Funktion haben alle AIRA-Instrumente gemeinsam und sie dient zum spontanen „Verbiegen“ eines Patterns während der Wiedergabe. Man wählt einen Scatter-Typ und dreht dann am äußeren Ring des Controllers nach links oder rechts, woraufhin sich mit zunehmender Auslenkung des Rades allerhand Veränderungen einstellen. Generell gilt: nach links drehen = eher weniger Noten und ein ausgedünntes Pattern, nach rechts drehen = mehr Action bis hin zum Chaos. Die Scatter-Funktion beeinflusst zum Beispiel Notenwerte, Gate Time (die beim Arpeggiator ansonsten übrigens leider nicht einstellbar ist) und Oktavumfang des Arpeggiators und greift in manchen Fällen auch in die Klangerzeugung ein, indem zum Beispiel das Filter moduliert wird. Wenn das passiert, weisen die Leuchtkränze der Regler darauf hin, welche Parameter betroffen sind. Das Wesen und der Reiz dieser Funktion liegen in ihrer Unplanbarkeit: Man kann nur sehr eingeschränkt gezielt damit arbeiten, aber dafür wird man immer wieder überrascht. Mir persönlich wäre das etwas zu chaotisch und unkontrollierbar, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass man bei einer elektronischen Live-Performance eine Menge Spaß damit haben kann.

2 / 3
.

Verwandte Artikel

User Kommentare