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08.12.2016

Renaissance der Musikkassette

Nostalgischer Hipster-Traum oder sinnvolles Alternativmedium?

Die Kassette war doch eigentlich bereits für tot erklärt: Große Hersteller wie BASF und TDK haben ihre Produktion längst eingestellt, in den meisten Autos finden sich mittlerweile USB-MP3-Player, mindestens aber ein CD-Spieler. Doch spätestens seitdem man bei Lifestyle-Shops wie Urban Outfitters neben Vinyl auch Alben von Nirvana oder John Carpenter auf Kassette kaufen kann, ist das fast vergessene Medium wieder vermehrt im Fokus, besonders auch bei jungen Leuten. Ist es reines Accessoire eines Hipster-Lifestyles oder gibt es auch im Zeitalter von Spotify und Co. noch ernsthaftere, praxisorientiertere Kontexte?

Bandsalat und Bleistifte

Wer mit der Kassette aufgewachsen ist, erinnert sich vermutlich sofort an den endlosen Bandsalat, der immer wieder beim Vor- und Zurückspulen entstand. Und an den Bleistift, der als Mittel der Wahl beim Aufrollen des Bandes zum Einsatz kam. Hin und wieder musste man auch ein gerissenes Magnetband in mühsamer Arbeit wieder zusammenflicken oder den Tonkopf mit Isopropanol reinigen, um die verschwundenen Höhen wieder klingen zu lassen. Doch ganz so schlecht, wie in der Erinnerung, schneidet die Kassette als Abspielmedium im Vergleich eigentlich gar nicht ab, denn der stabile Plastikrahmen sorgt beispielsweise dafür, dass es auch beim achtlosen Umgang kaum zu Schäden am Audiomaterial kommt.

Zerkratzte CDs im Auto und gesprungene Vinyl-Scheiben werden vom Tape-Enthusiasten belächelt. Da ihr auch hohe Temperaturen und Staub kaum etwas anhaben können, ist die Kassette in Afrika und Südostasien auch immer noch viel verbreiteter, als es bei uns in Europa der Fall ist. Ein Großteil der dort veröffentlichten Musik kommt noch in dieser physischen Form heraus. Hinzu kommt, dass das Abspielgerät günstiger zu erwerben ist und auch selbst leichter gewartet werden kann. Auch in vielen älteren Autos sind immer noch Kassettenspieler verbaut, selbst bei Erschütterungen gibt es keine Aussetzer bei der Wiedergabe. Das ist vermutlich auch einer der Gründe, warum Hörbücher bis vor Kurzem noch hauptsächlich auf Kassette erschienen und bis heute in vielen Kinderzimmern zu finden sind.

Tape als günstiges Handwerk

Doch gibt es auch heute noch diverse Nischen, in denen Labels ihre Musik auf Kassette veröffentlichen, so beispielsweise in der experimentellen elektronischen Musik, im Punk-Bereich oder Hip-Hop. Die Gründe für eine wieder steigende Zahl an Kassettenveröffentlichungen liegen auf der Hand: In der Anschaffung und Produktion sehr billig, stellt dieses physische Medium eine hochwertige Alternative zur MP3 dar, die sich auch noch gewinnbringend, beispielsweise auf Konzerten oder Gigs, am Merchandise-Stand für bis zu 10 Euro verkaufen lässt. So gibt es beispielsweise beim Onlineshop „Audio Service“ die günstigste Leerkassette bereits ab 0,59 Euro, in größeren Stückzahlen geht der Preis noch mal weiter herunter. Zusätzlich kann der Rohling und auch die Hülle plus Inlay mit einem eigenen Design geschmückt werden.

Das Bespielen selbst wird von Liebhabern zelebriert, in mühevoller Einzelarbeit werden Hunderte Tapes mit Audiomaterial ausgerüstet und somit zu einem wirklich erarbeiteten, persönlichen Handwerk. Hier spielt natürlich auch Nostalgie eine große Rolle, als physischer Tonträger hat die Kassette einen viel stärkeren persönlichen Stellenwert und ist im Gegensatz zur MP3 oder zum Online-Stream auch wirklich wert, gesammelt und gepflegt zu werden. Die bewusste Limitierung von Tapes – Releases sind oftmals sogar nur auf eine Stückzahl von 100 reduziert – sorgt für eine Exklusivität, die große Streaming-Dienste missen lassen, frei nach dem Motto „willst du gelten, mach dich selten“. Online werden diese raren Stücke dann beispielsweise auf den Websites der Labels, bei Discogs oder auf Bandcamp verkauft, Plattformen, die die komplette Kontrolle des Vertriebs in den Händen der Herausgeber belassen.

Auch das selbst bespielte, klassische Demo-Tape macht viel her, manche Labels werden mit Digital-Einsendungen so sehr überhäuft, dass ein liebevolles Einzelstück viel mehr auffällt und in der Flut nicht untergeht. Auch die großen Namen im Pop haben bemerkt, dass ihre Alben auf Kassette bei ihren Fans gut ankommen, U2, Blink 182 und Rihanna sind nur einige der Künstler, die darauf setzen.

Nostalgiefaktor

... ist der allgemeine Konsens der Liebhaber: Neben dem Heraussuchen, dem Öffnen der Schatulle mit den einhergehenden so vertrauten Geräuschen und dem Einlegen in den Kassettenrecorder, ist es neben der Haptik auch das optische Erscheinungsbild, das das Musikhören wieder zum Erlebnis werden lässt. Im Gegensatz zum Endlos-Stream, der mit seinem Algorithmus die Musik auch im Hintergrund und nebenbei unendlich laufen lassen kann, ist der Hörer durch die zeitliche Limitierung der Kassette gezwungen, sich viel öfter bewusst für ein Stück zu entscheiden. Die Aufmerksamkeit wird hier auch durch das Umdrehen wieder vermehrt dem Hören an sich zuteil.

Auch das Fehlen der Funktion, zwischen den Stücken schnell hin und her zu wechseln, sorgt dafür, dass Alben oftmals von vorne bis hinten durchgehört werden. Das macht die Kassette besonders für Connaisseurs interessant, die Tape-Labels legen deshalb auch allesamt großen Wert auf ihre Releases, die buchstäblich nicht für die Masse bestimmt sind.

Oftmals liegt dem Hardcover noch zusätzlich ein Download-Key für die Tracks im MP3-Format bei, das unterstreicht die ästhetische und sammelnswerte Komponente der Releases. Auch der „analoge Sound“ ist eher einer verträumten Nostalgie zuzuordnen, über die möglicherweise der MP3 überlegenden Qualität der Aufnahmen wird sich daher natürlich auch in zugehörigen Foren kräftig gestritten.

Ray Kandinski – Neue Dimensionen [Baka Gaijin 002]

Gqom Oh! X Crudo Volta Mixtape 

Renaissance?

Die Kassette ist insgesamt keineswegs so gehypt wie Vinyl, Vintage-Kassettendecks à la Plattenspieler bei Lidl sind also vorerst nicht zu erwarten. Dennoch bietet sie für kleinere, auf Qualität bedachte Labels die Möglichkeit, ihre Releases wieder vermehrt als Kunstform präsentieren zu können und dem Käufer bleibende, wertgeschätzte Werke zu bieten.

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