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26.03.2020

Ratgeber: Infektionsgefahren für Musiker und Techniker verringern

Infos, Tipps und DIY-Desinfektionsmittel

Vorsicht in Zeiten der Coronakrise

Alle reden von Corona, und wir jetzt auch noch. Die Situation ist allerdings so unvorhersehbar und so gefährlich, dass man darüber reden muss.

Die Verhaltensregeln der Bundesregierung lassen Proben und Auftritte aktuell nicht zu. Hoffentlich normalisiert sich die Situation bald wieder. Aber auch dann sind das neue Coronavirus COVID-19 und seine Kollegen nicht aus der Welt und könnten unter bestimmten Bedingungen immer noch zu Infektionen führen. Wir zeigen, welche Gefahren speziell auf Musiker und Techniker lauern und wie man ihnen begegnen kann.

Virus-Verbreitungswege und Gefahren für Musiker und Techniker

Die Gefahr, sich mit dem neuen Coronavirus COVID-19 zu infizieren, sollte auf keinen Fall auf die leichte Schulter genommen werden. Bisher gibt es nicht viele zuverlässige Informationen zu diesem neuen Virus. Wissenschaftler sind immer noch dabei, es zu erforschen. Es wird jedoch stark davon ausgegangen, dass es sich zumindest teilweise verhält wie die mit ihm verwandten Coronaviren SARS und Mers-CoV. Diese werden hauptsächlich durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen.

Es besteht die Möglichkeit, dass COVID-19 auch durch eine sogenannte Schmierinfektion übertragen werden kann. Das bedeutet: Es könnte mit den Händen von Oberflächen aufgenommen und über die Schleimhäute, zum Beispiel in Mund, Nase oder an den Augen, in den Körper gelangen. Dies gilt auch, wenn man sich mit einer kontaminierten Hand ins Gesicht fasst!

Nach allem, was die Wissenschaftler bisher wissen, könnte das Virus unter günstigen Bedingungen mehrere Tagen auf Oberflächen überleben und ansteckend bleiben. Niedrige Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit können diesen Zeitraum verlängern.

Die Rolle von Belüftungsanlagen und Klimaanlagen, die ja nicht nur in Tonstudios, sondern auch in Proberaumkomplexen zu finden sind, ist bei der Verbreitung von Viren nicht eindeutig klar. Es gibt Hinweise, dass kleinste, ausgehustete Tröpfchen durch Verwirbelung sehr viel weiter fliegen können als Tröpchen mit 5 Mikrometern Durchmesser oder mehr. Bei grösseren Tröpfchen sorgt die Schwerkraft dafür, dass sie nicht weiter als gut einen Meter kommen.

Eine Belüftungsanlage könnte die Entfernung bei sehr kleinen Tröpfchen noch vergrössern. Auf der anderen Seite sollen Räume gut belüftet werden um ausgehustete Tröpfchenwolken schnell zu verteilen und so die Konzentration der Viren in der Raumluft zu reduzuieren.

Moderne Klimaanlagen sind wahrscheinlich unbedenklich, solange die Filter fein genug sind und regelmässig gewechselt werden. Eine Ansteckung mit COVID-19 über die Luft gilt nach heutigem Stand als eher unwahrscheinlich.

Für Musiker und Tonleute kommen noch ein paar spezielle möglicher Infektionsqeuellen dazu. Insbesondere wenn (was zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels freilich nicht möglich ist) sich mehrere Bands Proberaum, Studio oder Equipment teilen. Jeder Regler, jeder Schalter, jede Oberfläche könnte ein Infektionsherd sein. Auch die gemeinsam genutzten Toiletten und Türgriffe im öffentlichen Bereich eines Proberaumzentrums stellen ein potentielles Risiko dar. Speziell gemeinsam genutzte Mikrofone, Pop- und Windschütze dürften hier ein besonders hohes Infektionsrisiko darstellen.

Infektionsschutz und Hygiene

Der Kollege Nick Mavridis hat in seinem Artikel bereits gezeigt, wie man sich und andere mit einer einfachen Plastiktüte über dem Mikrofon schützen kann. Für Bassisten und Gitarristen fällt diese Möglichkeit wohl weg und auch Keyboarder werden damit einige Schwierigkeiten haben. Schlagzeuger sollten ihre eigenen, nicht schon von anderen benutzten Stöcke nehmen. Allerdings ist das genauso schon der Regelfall wie die Nutzung eines eigenen Basses oder einer Gitarre.

Aber am Mischpult wird es schon wieder schwierig mit einer Tüte zu arbeiten. Ein Selbstversuch zeigt: Fader kann man kaum noch einzeln bewegen, fast immer bewegen sich die Nachbarn mit und Potis kann man nur stückweise gerade soweit drehen, wie es die Tüte zulässt.

Um das Infektionsrisiko für alle so gering wie möglich zu halten sollten alle Oberflächen, Türgriffe, Schalter und Regler am Equipment, vor und nach der Benutzung desinfiziert werden.

Definition von Desinfektion (im medizinischen Bereich)

Massnahmen zur Reduktion von Bakterien, Viren, Pilzen und Protozoen durch Abtöten, Entfernen oder Inaktivieren, sodass die Keimzahl um mindestens 5 Zehnerpotenzen reduziert wird und so von dem behandelten Gegenstand keine Infektion mehr ausgehen kann. Das bedeutet, dass von ursprünglich 1.000.000 Keimen höchstens 10 die Desinfektion überleben dürfen.

Da wir uns als Musiker in der Regel nicht im medizinischen Umfeld aufhalten, genügt es wahrscheinlich, die Menge der Viren soweit zu reduzieren, dass eine Infektion mindestens unwahrscheinlich ist.

Desinfektions-Methoden für Equipment und Instrumente

Trockene Hitze oder Wasserdampf würden genügend Viren zerstören, kommen aber für die meisten Instrumente und Geräte nicht in Frage. Hölzer könnten sich verziehen oder sogar reißen, Kunststoffe können sich verformen und verfärben. Die Firma DPA empfiehlt, ihre Mikrofone bei 60 Grad Celsius für 30 Minuten in den Ofen zu legen. Gleichzeitig warnen sie aber auch vor einer verkürzten Lebensdauer der so behandelten Mikrofone!

Wer hofft, dem Virus mit Einfrieren beikommen zu können, braucht viel Geduld. Viren aus der Familie der Coronaviren können bei minus 20 Grad Celsius bis zu 2 Jahre zu überleben. Mehrmaliges Einfrieren und Auftauen könnte zwar genügend Viren zerstören, um eine Ansteckung unwahrscheinlich zu machen, aber wer möchte (und kann) schon sein Instrument oder Gerät mehrfach einfrieren und wieder auftauen? Ganz zu schweigen von der Wirkung auf die Elektronik. Auch die Wirksamkeit von UV-Licht ist wahrscheinlich nicht besonders hoch.

Deshalb bleibt oft nur die chemische Keule.

Um einen effektiven Schutz gegen COVID-19 und ähnliche Erreger zu erreichen, muss das Desinfektionsmittel mindestens "begrenzt viruzid" (wirksam gegen behüllte Viren) sein. Mittel, die nicht diesen Vermerk auf der Flasche haben, sind wahrscheinlich nur gegen Bakterien und Pilze wirksam. Bei der Anwendung müssen unbedingt die angegebenen Einwirkzeiten und Haltbarkeitsdaten beachtet werden. Achtet auch darauf, dass die Haltbarkeit nach dem ersten Öffnen der Flasche deutlich kürzer ist als bei noch geschlossener Flasche. Der Zeitraum für wirksame Anwendungen nach dem Anbruch ist meistens auf der Flasche angegeben oder kann beim Hersteller nachgefragt werden.

Desinfektionsmittel DIY

Für alle, die momentan Schwierigkeiten haben, ein Desinfektionsmittel zu beschaffen, gibt es hier zwei Rezepte der WHO zum Selbermischen. 

Die Substanzen (aus der Apotheke) füllt Ihr in eine gut verschließbare Sprühflasche und schüttelt sie ordentlich durch, damit sich alles gut vermischt.

 

Rezept 1

  • Ethanol 96 %: 830 ml
  • Wasserstoffperoxid 3 %: 45 ml (optional)
  • Glycerin 98 %: 15 ml
  • destilliertes oder abgekochtes Wasser: 110 ml

Rezept 2

  • Isopropylalkohol 99,8 %: 750 ml
  • Wasserstoffperoxid 3 %: 45 ml (optional)
  • Glycerin 98 %: 15 ml
  • destilliertes oder abgekochtes Wasser: 190 ml

 

Das Wasserstoffperoxid soll Sporen in Eurer Flasche abtöten. Es könnte, so die WHO, auch weggelassen werden. Glycerin soll die Haut vor dem Austrocknen schützen. Wenn Ihr das Mittel für die Desinfektion von Oberflächen verwenden wollt, könnt Ihr es ebenfalls weglassen.Die weggelassene Menge müsst Ihr mit destilliertem oder abgekochtem Wasser auffüllen, damit die Konzentration des Mittels nicht zu hoch wird.

Eine Liste der vom Robert Koch-Institut geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel und -verfahren gibt es hier als PDF.

Alle Desinfektionsmittel, auch selbstgemachte, sollten ausserhalb der Reichweite von Kindern aufbewahrt werden.

Viele Desinfektionsmittel, auch die genannten selbstgemischten, enthalten Alkoholgemische, Wasserstoffperoxid oder Formaldehyd-Lösungen und können Farben von Aufdrucken, Lacke oder Kunststoffe angreifen. Um sicher zu gehen solltet ihr deshalb das Mittel zuerst an einer verdeckten Stelle vorsichtig ausprobieren und dann entscheiden. Metalle und pulverbeschichtete Oberflächen sind in der Regel nicht empfindlich.

Mikrofone können vorsichtig mit einem sauberen Tuch und etwas Isopropylalkohol gereinigt werden. Die Mikrofonkapsel sollte dabei allerdings trocken bleiben! Zur Sicherheit könnt Ihr den Mikrofonkorb natürlich vorsichtig abschrauben und einzeln reinigen. Kabel können angeblich mit warmem Wasser und Seife gewaschen und mit Olivenöl oder Kokosöl behandelt werden.

Der Faktor Zeit

Eine weiter Möglichkeit sich zu schützen, ist einfach abzuwarten und das gesamte Equipment für mindestens drei Tage, besser noch eine Woche, nicht anzufassen. Nach heutigem Wissensstand könnte sich die Anzahl der lebenden Viren damit soweit verringern, dass eine Infektion zumindest unwahrscheinlich wäre.

Fazit

Wie Ihr seht, ist effektiver Virenschutz nicht ganz banal. Eine einhundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Deshalb solltet Ihr gut überlegen, welches Risiko ihr bereit seid einzugehen. Sicher ist es momentan wohltuend, daheim zu bleiben und die Zeit zu nutzen, um Skalen zu üben, neue Stücke zu komponieren, eine Software zu lernen oder endlich mal die Homepage zu überarbeiten. Gute Tipps für die Zeit zuhause gibt es im Artikel Corona - Wie man als Musiker das Beste aus der Situation machen kann von Haiko Heinz.

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