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31.03.2021

Origins Of Sounds: der Amen-Break

The Winstons Amen-Break, die DNA von Drum ’n’ Bass und Hip-Hop

Legendäre Klänge, die die Welt bewegen

Nicht nur bestimmte elektronische Musikinstrumente haben Geschichte geschrieben, sondern auch so manche Sounds und Samples. Lasst uns einige legendäre Klänge unter die Lupe nehmen: Wo kamen sie her, wo führten sie hin und warum sind sie heute noch wichtig? Beispielsweise der Amen-Break, die DNA von Drum ’n’ Bass (und Hip-Hop, Jungle, Breakcore und so weiter und so fort).

5,2 Sekunden für die Ewigkeit

The Winstons waren eine Funk- und Soul-Band aus Washington DC, bestehend aus schwarzen und weißen Musikern, was in den 60er-Jahren in den USA noch durchaus eine Seltenheit war. 1969 brachte die Band auf Metromedia Records die Single „Color Him Father“ heraus, die über eine Million Einheiten verkaufte und nicht nur Gold-Status erhielt, sondern auch 1970 den Grammy-Award als besten R&B-Song. 

Die A-Seite ist aber lang vergessen. Im Gegensatz zur B-Seite „Amen, Brother“. Diese enthielt nämlich einen viertaktigen etwa mit 130 BPM langen Drum-Break, der durch seinen charakteristischen Klang und Groove unsterblich wurde.

Amen, Hip-Hop

1986 erschien „Amen, Brother“ auf „Ultimate Breaks And Beats Vol.1“, der DJ-Bootleg Serie von Street Beat Records. Hier wurde der Loop von der originalen 45 RPM-Platte obskurer Weise auf 33 RPM abgespielt dargeboten.

Für die Hip-Hop-DJs der 80er-Jahre war das ein Geschenk des Himmels, schließlich gab es noch keine DVS-Systeme, mit denen man jedwedes Soundfile scratchen konnte. Aber im selben Jahr kam der Emu SP-1200-Sampler auf den Markt und entwickelte sich schnell zum Kultinstrument der Hip-Hop-Producer. Ruckzuck avancierte der „Amen-Break“ neben James Browns „Funky Drummer-Break“ zu einem viel gesampelten Breakbeat, von NWA über Salt ’n’ Pepa bis Rob Base & DJ E-Z Rock.

„Amen, Brother“ von The Winstons: Der Break findet sich bei 1:26 Minuten.

Hip-Hop fand via Hip-House auch auf schnelleren BPM statt und UK-Kult-DJ Carl Cox kreierte bereits 1990 mit Samples aus Tone Locs „Wild Thing“, Frankie Bones & Tommy Mustos „My House Is Your House“, dem Stab aus Landlords „I Like It“ und natürlich dem Amen-Break den putzmunteren Hybriden „Let The Bass Kick“, einen der definierenden Tracks für UK-Hardcore, Jungle und Drum ’n’ Bass. Plötzlich war der Amen-Break überall, auch dank des Siegeszugs der digitalen Sampler.

Der Amen Break in normaler Geschwindigkeit, schneller (Drum ’n’ Bass) und langsamer (Hip-Hop).

Loops & Things

Ich selbst wunderte mich noch 1991 über die fantastisch „programmierten“ Drum-Beats, die da aus UK zu uns nach Berlin herüberschwappten, bis ich in einer Ausgabe des „Melody Maker“ Magazins ein kurzes Interview mit Mixmaster Morris las, in dem er empfahl, Drum-Loops statt mit originalen 33 RPM besser mit 45 RPM zu samplen und dann herunterzupitchen, um Sample-Speicherplatz zu sparen, ein wichtiges Thema Anfang der 90er-Jahre.

Mir fiel es da wie Schuppen aus den Haaren: Diese aufregenden Beats waren gar nicht programmiert, sondern einfach von anderen Platten gesampelt und geloopt. Den Downbeat sauber schneiden, im Atari Sampler ein MIDI-Pattern mit einer eintaktigen langen Trigger-Note programmieren, den Drumloop transponieren, bis er zum Songtempo passte und fertig war der fette Beat.

Was heute Allgemeinwissen ist oder in diversen Workshops nachgelesen werden kann, mussten wir vor 30 Jahren tatsächlich oft noch selbst entdecken oder erfinden. So erzählte uns Matt Black im Bonedo-Gearchat, wie er 1987 mit Coldcut für den stilbildenden Track „Beat & Pieces“ das Schlagzeugintro von Led Zeppelins „When The Levee Breaks“ noch auf Tonband aufnahm und das Band um einen Besenstiel laufen ließ, um einen Audioloop zu erzeugen 

Das war mit digitalen Samplern dann schon deutlich einfacher. Wer sich mehr Mühe machte, schnitt zum Beispiel den Drumloop in viele kleine Einzelteile, verteilte diese Samples über die Tastatur und konnte den vorher starren Drumloop nun via MIDI-Noten nach Belieben variieren. Diese oft sehr zeitraubende Tätigkeit nahm uns Mitte der 90er-Jahre dann ReCycle ab, das erste Produkt von Propellerheads, den Machern von Reason.

Eightminuteupsidedown hat eine ganze Werkschau mit Songs zusammengestellt, die den Amen-Break sampeln.

Back to the Break

Aber zurück zum Amen-Break. Warum avancierten gerade diese vier Takte zu einem Sound, der seinen festen Platz in der Musikgeschichte und dem kollektiven Klanggedächtnis der menschlichen Kultur hat?

Ein Grund mag sein, dass das leicht dumpfe Original schneller abgespielt besonders crisp und immer noch kraftvoll klingt, langsamer abgespielt aber eine schon brachiale Wucht entwickelt, die gerade zum neu erfundenen Genre des Gangster-Raps perfekt passte 

Tatsächlich wird der Amen-Break in der Drum ’n’ Bass Gemeinde so leidenschaftlich geliebt wie der Marshall-Turm bei Heavy-Metal-Jüngern oder die Roland TB-303 unter Acid-House-Heads. Es muss also nicht immer ein Instrument sein, das Kultstatus erlangt.

Aber leider ist das Musikgeschäft oft unfair und undankbar und es war auch mit Gregory C. Coleman nicht gnädig. Der Schlagzeuger der Winstons, der den meist gesampelten Break der Welt trommelte, starb bettelarm und obdachlos im April 2006. Er hat niemals Tantiemen für seine Kreation erhalten.

Die Songwriter-Rechte hält Winstons-Sänger Richard L. Spencer, aber auch er wurde nicht an den Royalties der Songs beteiligt, die seine Komposition sampelten.  Zu seinen Gunsten wurde 2015 vom englischen DJ Martyn Webster eine Crowdfunding-Kampagne bei GoFundMe gestartet, die Spencer immerhin 24.000 englische Pfund einbrachte.

Also, wenn ihr das nächste Mal den Amen-Break in eure DAW zieht, dann sendet ein kurzes Dankeschön an Gregory C. Coleman, ohne dessen geniale vier Takte dieses magische Soundfile nicht existieren würde.

Für alle, die davon einfach nicht genug bekommen: Jemand hat den Amen-Break auf eine Stunde ausgedehnt.

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