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26.01.2018

Lost In Transit? 5 Tipps, wie ihr Wartezeiten unterwegs optimal nutzt

Wie verbringen DJs und Producer ihre Zeit am besten im Flug oder Zug?

Natürlich ist die Versuchung groß, auf dem Weg von einem Auftritt zum nächsten einfach mal die Seele baumeln zu lassen, in den Erinnerungen der letzten Nacht zu schwelgen – und das ist auch gut so. Aber die Reiserei von Gig zu Gig bringt auch Warterei und Langeweile mit sich und das muss nicht sein.

Denn es gibt auch unterwegs genug zu tun, um optimal vorbereitet zur nächsten Show anzureisen.

1. Playlists pflegen

Ob DJ mit USB oder Laptop auflegt, eine gute Playlist ist im Club Gold wert. Ich ziehe mir die „History“ der letzten Nacht immer in eine frische Playlist, um sie sowohl für Traktor als auch Rekordbox parat zu haben. Selbst wenn man nicht mehr genau weiß, wie ein bestimmtes Stück heißt: In der Playlist des Abends, an dem man es schon mal gespielt hat, findet es sich ganz schnell wieder. Traktor-Playlisten lassen sich ganz einfach übrigens per Drag-and-Drop in Rekordbox ziehen. Optimal für Traktor-DJs, die auch mal die CDJs im Club nutzen oder einen USB-Stick als Backup dabeihaben wollen. Umgekehrt geht das leider nicht. Wer darüber hinaus Loops und Cuepoints aus Traktor in Rekordbox importieren möchte, braucht Konvertierungssoftware wie die günstige DJ Conversion Utility for MacOS oder Rekord Buddy, die App, die Synchronisierung zwischen Playlisten Rekordbox, Serato und Traktor möglich macht.

Achtung bei Rekordbox: Das Abgleichen des USB-Sticks kann mitunter recht lange dauern. Gerade wenn DJ komplette Playlisten von einem Folder in den nächsten schiebt. Ungünstig, wenn man dann den Laptop zuklappen muss, weil der Flieger sich im Landeanflug befindet oder der ICE in den Zielbahnhof einfährt. Es ist sinnvoll, die Synchronisation mit dem USB-Stick auf einem Reiseabschnitt vorzunehmen, der genügend Zeit bietet, den Computer arbeiten zu lassen.

2. Das Set der letzten Nacht editieren und uploadfertig machen

Deine Fans wollen deine Musik hören oder sollten zumindest die Gelegenheit dazu bekommen. Seit dem Niedergang von Soundcloud erscheinen Mixcloud und Hearthis prädestiniert für das Hosting von DJ-Mixes. Unter den neueren Anbietern sticht Evermix dadurch hervor, dass sie mit der MixBox2 auch gleich die passende Audiohardware zur Aufnahme anbieten.

Wenn ihr euer Set per Fieldrecorder aufgenommen habt, solltet ihr den Mix auf euren Laptop und die Audio-DAW eurer Wahl transferieren, sauber schneiden und mit einem Compressor/Limiter noch leicht aufpumpen, um eventuelle Lautstärkeunterschiede im Mix auszubügeln. Wer noch mal extra auf sich aufmerksam machen mag, setzt alle 15 Minuten einen kleinen Jingle à la „DJ Hans Wurst in the Mix“ mit zehnsekündiger Delay-Fahne. Oder auch nicht.

Tipp: Sets ohne Jingle werden auf privaten Partys eindeutig lieber gestreamt. Und wenn das Set cool ist, kommt die Frage nach dem DJ beinah zwangsläufig.

Auf der Reise zum Gig herrscht natürlich noch immer nicht überall durchgehendes WLAN, also lohnt es sich, eventuelle Texte zum Mix (wo und wann aufgenommen, Playlist etc.) vorzuschreiben und dann per copy/paste in die Eingabemaske einzufügen, wenn „happy WiFi“ verfügbar ist. Ich speichere solche Playlisten mit Kommentar übrigens mit Datum im Dateinamen im Computer. So habe ich auch offline immer Zugang zu meinen Playlisten, ohne gleich Traktor oder Rekordbox öffnen zu müssen.

Und Radiosender und mittlerweile auch immer mehr Veranstalter benötigen von euch Playlisten für die Abrechnung mit den Verwertungsgesellschaften. Es wundert mich sehr, dass manche DJ-Software-Platzhirsche das bequeme Exportieren solcher Listen als normale Textdatei immer noch nicht beherrschen, aber da hoffe ich immer noch auf entsprechende Nachreichung im nächsten Update.

3. Lesen. Aber nicht irgendwas.

Es gibt wunderbare DJ-Literatur, die bei Start und Landung und auch bei geringer Handybatterieladung ein anregender Begleiter ist. Ganz besonders möchte ich euch von meinem sowohl auflegendem als auch schreibendem Kollegen Hans Nieswandt seine Bücher Plus Minus Acht und DJ Dionysos aus dem Kiwi-Verlag ans Herz legen. Er versteht es sehr treffend, kleine Geschichten von Gigs in der tiefsten ostdeutschen Provinz mit Erlebnissen als Popstars in Italien „from Disco to Disco“ zu teilen. Im Ernst: Das ist eine tolle Motivation und Inspiration für den nächsten Gig.

Die Szene der Berliner 00er Jahre bildet Tobias Rapp in Lost And Sound – Berlin, Techno und der Easy Jetset kongenial ab, ebenfalls erschienen im Suhrkamp-Verlag. Man schnuppert die Atmosphäre förmlich und ist ganz nah dran an der Zeit, als die Loveparade nicht mehr in Berlin stattfand, Techno eigentlich kurzzeitig schon mal tot erschien und es trotzdem immer weiterging.

Wer es historisch mag, greift zu Der Klang der Familie von Felix Denk und Sven von Thülen aka Sven VT aus dem Suhrkamp Verlag. Hier sitzen fast alle Technoprotagonisten der frühen Berliner Technoszene quasi an einem Tisch und erzählen in einer kongenial zusammengestellten Oral History Technogeschichte so spannend, dass man es beim nächsten Gig mindestens genauso krachen lassen will „wie die damals“.

Und wer sich noch weiter zurücktraut in eine Zeit vor Techno, als Punk und Wave und schräge Elektronik den deutschen Underground regierten, der greift zu Jürgen Teipels Klassiker Verschwende Deine Jugend, auch eine Oral History und sozusagen der Vorläufer zum Klang der Familie, ebenfalls Suhrkamp. Hier erlebt man hautnah die Saalschlachten in der Hamburger Markthalle, das Düsseldorfer Szenegerangel im Ratinger Hof und auch in Berlin schon dabei: Inga Humpe, damals noch das Nesthäkchen, im „Klang der Familie“ schon die Grande Dame der deutschen Elektroszene und mittlerweile mit 2raumwohnung ein internationaler Indie-Popstar! Und wenn ihr dann endlich wieder Handyempfang habt, surft ihr bitte umgehend wieder zu den neuesten News auf bonedo.de, nicht wahr?

4. Music Gaming

Zocken auf dem Handy macht auch die Mutti in der U-Bahn. Über den Wolken sollte doch etwas mehr gehen. Völlig losgelöst von der Erde, schweben Ideen völlig schwerelos. Irgendein Musikgerät passt doch immer in die Bordtasche rein, sei es der Laptop, das iPad, das iPhone oder ein kleines netzunabhängiges Hardwareteil. Und dann gilt es zu forschen, ohne Druck, nur mit Spaß. Es geht gar nicht um große Kunst oder waghalsige Arrangements, sondern um schnelle, dreckige Skizzen in Sachen Beats und Basslines, die mit minimalen Mitteln gemacht und bei Gefallen später in „die große DAW“ übertragen werden können.

Einfach mal was völlig anders probieren, als die immer gleichen Plug-ins zu öffnen. Zum Beispiel werte ich heute Abend gerade Basslines aus, die ich unterwegs auf der kostenlosen iOS App Novation Groovebox erstellt und dann per Dropbox als Ableton Live Set direkt an meine Computer gesandt habe. Cooler geht’s kaum. Also: Groovebox statt Candycrush!

5. Danksagungen

Nein, nicht von mir: von euch! Gig gespielt, Kohle eingesteckt und auf zum nächsten Event? Halt, halt! Es schadet niemals, einfach mal „danke“ zu sagen. Und schreibt nicht einfach: „Berlin, you are awesome!“ Das tun alle anderen auch. Ich habe jetzt über viele Jahre die Posts von großen DJs wie Laurent Garnier oder Tiga verfolgt, die zu fast jedem Event, über das sie posteten, gute und sehr individuelle Worte gefunden haben. Und wenn mal gar nichts ging, haben sie auch das thematisiert und sich quasi dem Publikum erklärt. Empathie, Baby! Es braucht nicht so viel Phantasie, einfach sein Herz zu öffnen und ein paar ganz eigene Worte zur letzten Nacht zu finden. Nicht nur euer Publikum wird es euch danken, sondern auch der Veranstalter und seine Crew – deren Namen du dir hoffentlich noch gemerkt hast.

Gebt Respekt und ihr werdet Respekt erhalten. So einfach ist das! Und ein Post in der Warteschlange vor dem Check-in zum Flieger ist der perfekte Moment dafür. Dafür sind Smartphones da!

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