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29.06.2018

5 Live-Mixing-Tipps für Studio-Tontechniker, die es live am FoH-Platz versuchen wollen

FoH-Tipps für Studio-Engineers

Es gibt Schauspieler, die sich nach langen Jahren vor der Kamera auch einmal am Theater beweisen wollen. Der Job ist der Gleiche, nur die Bedingungen teilweise völlig anders. Während man vor der Kamera einen misslungenen Take problemlos wiederholen kann, so ist ein „Hänger“ im Theater im schlimmsten Fall ein echter Showstopper. Ähnliches gilt für die Tontechnik. Es gibt Kollegen, die ausschließlich im Tonstudio die Knöpfe drehen und eines Tages das Angebot erhalten, eine Band nicht nur im Studio, sondern auch bei Konzerten am Pult zu betreuen. Ein Abenteuer, das nicht zwingend für beide Parteien gewinnbringend sein muss.

Klar, der Studio-Tontechniker kennt die Sounds der Band sehr genau und weiß zudem, welche Mikrofone und Effekte er für spezifische Sound verwendet hat. Nur reicht das auf einer Live-Baustelle aus, um einen guten Sound zu garantieren?

Hier sind fünf Tipps für Studio-Tontechniker, die sich zum ersten Mal an einen Live-Gig trauen.

1. Mit der Raumakustik arbeiten

„Das erste Mal vergisst man nicht“, das gilt auch für den Studiotechniker, der zum ersten Mal eine Band in einem Traum aus Beton (moderne Mehrzweckhalle) mischen soll. „Ist das Hallgerät nicht gemutet?“, mag sich so mancher Studiokollege beim Soundcheck gefragt haben. Im Studio arbeitet man in akustisch optimierten Räumen. Trockene Akustik, gleichmäßiges Ausschwingen der Frequenzen, Absorption und Diffusion machen das Abhören und das präzise Mixen vergleichsweise einfach. Zumindest deutlich einfacher, als eine Band wohlklingend in einem akustisch schwierigem Raum über eine PA zu verstärken.

Man kann nicht gegen eine schlechte Raumakustik anmischen. Man kann nur versuchen, mit ihr zu leben. Sprich: Ist die Halle besonders „hallig“, dann bleiben die Hallgeräte aus. Was nützt es, wenn die Vocal-Hall-Einstellungen der letzten Studioproduktion den Gesang beim Konzert nur noch unverständlicher macht? Weitere Tipps zum Thema „Mischen bei schlechter Raumakustik“ fin det ihr hier.

2. Mixe im Multitask-Modus

Im Studio betreut der Tontechniker in der Regel nur einen Mix. Entweder den Kopfhörermix des Musikers oder man mischt das Gesamtergebnis. Spielt die Band live ein, dann stehen in vielen Profistudios Eigenmix-Systeme (z.B. Aviom) für die Musiker bereit. Das ist auch durchaus legitim, denn als Studio-Tontechniker sollte man immer das Hauptaugenmerk auf die Performance und die Qualität der Signale haben, die gerade aufgezeichnet werden.

Die Live-Welt ist oftmals eine andere. Erfolgt der Monitormix vom FoH, so muss man sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass neben dem Frontmix noch einige Monitormixe für die Musikanten anfallen. Alle diese Mixe sind wichtig und haben direkten Einfluss auf das Gelingen eines Konzerts. Hier noch 6 FOH-Tipps für den perfekten Live-Mitschnitt.

3. Schnellerer Workflow

Woran erkennen erfahrene Live-Tontechniker einen Studiokollegen? Wenn nach fünfzehn Minuten Soundcheck immer noch am Bassdrum-Sound geschraubt wird. Live gibt es kein stundenlanges Ausprobieren. Man sollte den Perfektionismus aus dem Studio ablegen und zwar schnell. Ansonsten könnten Festivalgigs mit 15 Minuten Umbaupause zu einer Albtraumerfahrung mutieren. Surviving the Stadtfest geht so.

4. Die richtige Lautstärke

Dieser Punkt gilt im Übrigen auch für Hobby-Tontechniker, die zum ersten Mal eine große Show auf einem fetten System mischen dürfen. Fakt ist: Man muss nicht jede PA am Limit betreiben. Große Systeme sind deshalb großzügig dimensioniert, um für sporadische Peaks komfortablen Headroom bereitstellen zu können. Ohne Erfahrung ist es schwierig, die Lautstärke eines großen PA-Systems richtig einzuschätzen. Zumal Profisysteme keine Problem mit einer klirr- und verzerrungsarmen Wiedergabe bei hohen Pegeln haben.

Als Studiotechniker ist man allerdings den aktuellen massiv komprimierten „In die Fresse Sound“ aus dem Studio gewohnt (siehe Punkt 5) und es liegt nah, diese Hörerfahrung über die Lautstärke vermitteln zu wollen. Schaut einfach ab und an auf das SPL-Meter. Oder in unseren FoH-Tipps für perfekte Pegelverhältnisse im Mischpult.

5. Vorsicht beim Duo „Kompressor & Limiter“

Der Sound moderner Rock- und Popmusik wird stark von dem massiven Einsatz von Dynamikbegrenzern und THD-Klirrerzeugern (Limiter, Compressor, Saturator, Clipper usw.) geprägt. Live kann die gleiche Mixtechnik aber mächtig nach hinten losgehen. Zu viel Kompression und Limiting können einen Mix schnell plärrig und leblos erscheinen lassen. Das bewusste Verzerren von Signalquellen kann im schlechtesten Fall sogar in einem Feedback-Inferno enden.

Aber der krass verzerrte Gesang gab dem Song auf der Platte einen fetten Extraschub? Dann ist es besser, diese verzerrten Vocals als Backing-Tracks einzuspielen, als diese mit einem Verzerrer-Effekt live zu erzeugen. Verzerrte Signale verfügen über eine geringe Dynamik und koppeln daher besonders auf Bühnenmonitoren ohne große Vorahnung los.

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