Gain-Struktur: Tipps vom FoH-Techniker für perfekte Pegelverhältnisse im Mischpult

Eine solide Gain-Struktur ist Grundvoraussetzung für einen professionellen Mix. Doch wie regelt man die Pegelverhältnisse innerhalb des Mixers? Und was ist überhaupt diese ominöse Gain-Struktur? Diese fünf Tipps für Tontechniker und FoH-Leutehelfen dabei, für die richtigen Pegelverhältnisse im Mischpult zu sorgen.

5_PraxisTipps_fuer_perfekte_Pegel

1. Gain-Struktur

Die Gain-Struktur ist das auditive Gegenstück zur Abseitsregel. Jeder hat eine ungefähre Vorstellung davon, aber die Wenigsten wissen Bescheid. Dabei ist die Gain-Struktur im Vergleich zur Abseitsregel primitiv, denn jedes Audiosystem, das aus mehr als einem Audiogerät besteht, hat eine Gain-Struktur. Die Audiopegel, die zum Beispiel vom Mischpult in eine Endstufe gelangen, stehen in einem direkten Verhältnis zueinander und bilden somit eine Gain-Struktur. Beispiel: Niedriger Ausgangspegel Pult–> Muss an der Endstufe durch erhöhte Verstärkung (Gain) wieder aufgeholt werden –> Übermäßiges Rauschen durch schlechte Gain-Struktur.

Soweit die geläufigste Erklärung. Für den Autor entsteht eine Gain-Struktur allerdings schon in einem Mischpult, da durch Insert-Punkte, VCAs, DCAs und Mix-Busse ebenfalls unterschiedliche Pegel in Abhängigkeiten stehen: DCAs/VCAs nehmen direkten Einfluss auf den Kanal-Pegel. Steht der Kanal bei 0 dB, die dazugehörige VCA aber bei -20 dB, ist der ursprüngliche Ausgangspegel verändert. Auch Insert-Punkte können den Pegel des jeweiligen Kanals verändern, wenn das insertierte Gerät im Ein- oder Ausgang eine Veränderung des Insert-Send-Pegels vornimmt.

2. dBu vs. dBFS

Lästige, aber notwendige Theorie: Die Pegelverhältnisse in Audiomischpulten werden in einem logarithmischen Verhältnis, nämlich in Dezibel (dB) angegeben. Dabei gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen digitalen und analogen Mixern bei den „dB Meteranzeigen“. Das dürfte jeder wissen, der zum ersten Mal von einem analogen zu einem digitalen Mixer gewechselt ist (oder anders rum). Scheinbar passen die gewohnten Pegelverhältnisse nicht mehr, was ist da los?

Die einfache Erklärung ist: Analoge Mischpulte nutzen in der Regel 0 dBu (0,775 V) als Bezugspunkt, die digitalen Verwandten verwenden dagegen den Standard der Europäischen Rundfunkunion (EBU) für digitale Audiopegel. Laut EBU soll dem alten analogen 0 dBu nun -18 dBFS (Full Scale) entsprechen. Digitalpult Anwender halten fest: -18 dBFS ist das neue 0 dBu!

3. Krass am Rad drehen

Zeit, um die anliegenden Line- und Mikrofonsignale perfekt auszusteuern. Mittel der Wahl ist das Gain-Poti im Eingang. Wir muten den entsprechenden Kanal, drücken die Solo- bzw. PFL-Taste und drehen besagten Regler langsam im Uhrzeigersinn, bis die Solo/PFL Anzeige -18 dBFS (digitaler Mischer) oder 0 dBu bei einem Analogmixer anzeigt. Das wiederholen wir für alle anliegenden Signale.
Wenn wir jetzt alle Kanalfader und den Summenfader auf die 0-dB-Marke hochschieben, erhalten wir einen ordentlichen Grundmix. So die Theorie. In Wirklichkeit dürfte das akustische Ergebnis kaum überzeugen. Was ist passiert? Die Signale sind zwar korrekt ausgesteuert, aber die musikalische Gain-Struktur innerhalb unseres Mixes stimmt nicht.

4. Dem Mix eine Struktur verpassen

Ein guter Mix lebt davon, dass einzelne Signale lauter (z.B. Lead Vocals) andere wiederum leiser (Becken) auf die PA gegeben werden. Daher haben sich zwei Mix-Strategien herausgebildet:
Die erste Vorgehensweise haben wir in Punkt 3 schon kennengelernt. Man pegelt alle Signale sauber um den 0-dB-Bereich aus und regelt das Lautstärkeverhältnis der einzelnen Kanäle mit den Kanal-Fadern. Bei einem Schlagzeug-Mix würden die Kanalfader für Kick und Snare Drum demnach bei 0 dB parken, die Overheads dagegen eher bei -20 dB. Sprich, die Fader der Overhead-Kanäle sind vergleichsweise weit unten. Das hat den Vorteil, dass beispielsweise externes Outboard-Gear (Dynamics oder Effektgeräte) über einen Insert mit einem ordentlichen 0-dB-Pegel angesteuert wird.

Ein Nachteil ist die eingeschränkte Fader-Auflösung, besonders bei Signalen, deren Fader weit unten oder oben anliegen. Für diese Signale gibt es einen komfortablen Regelweg nur in eine Richtung und nicht in beide. Wem das wichtig ist, der schiebt alle Kanalfader in die 0-dB-Position und dreht die Gain-Potis so lange, bis die Pegelverhältnisse der Kanäle untereinander gehörrichtig passen. In der Folge müssen allerdings besonders laute Signale über das Gain-Poti ausgebremst werden. Externe Effekte bekommen dann nur einen geringen Pegel, was deren Bedienung erschwert. Das kann auch problematisch für die Monitormixe werden, falls diese vom gleichen Pult aus erfolgen.

5. Physikalische und musikalische Gain-Struktur

Wohl dem, der genügend Zeit für einen ausgiebigen Soundcheck hat. Auf manchen Festivals oder Stadtfesten gibt es oft nur einen Line-Check mit unmittelbar darauffolgendem Kaltstart. Das heißt, die physikalische Gain-Struktur steht, aber die musikalische muss noch erstellt werden, und zwar möglichst schnell.

Auch hier gibt es unterschiedliche Strategien: Mancher startet mit den beim Line-Check erstellten Pegeln und muss dabei feststellen, dass die Band zusammen deutlich lauter ist als die einzelnen Signale. Somit hat man gleich zwei Probleme. Es ist zu laut und der Lead-Gesang ist im Band-Mix begraben.
Erfahrene Kollegen starten daher mit angezogener Handbremse, indem sie bis auf Kick, Snare und Lead-Vocals alle übrigen Kanäle ein gutes Stück leiser pegeln und während der ersten Nummer die Instrumente langsam lauter ziehen. Das wirkt deutlich musikalischer, als nach einem brachialen Start eine Vollbremsung vornehmen zu müssen.

Der Autor geht gerne wie folgt vor: Alle Instrumente und Gesänge werden auf VCA/DCA-Gruppen verteilt, wobei die Lead-Gesangsgruppe auf 0 dB und die Instrumentengruppe auf -5 dB eingestellt sind. Der Masterfader, der beim Line-Check der Instrumente noch bei 0 dB residierte, wird ebenfalls auf -5 dB gezogen. Somit liegt ab dem ersten Ton der Lead-Gesang über der Band, während der gesamte Mix nicht mit einem Lautstärke-Inferno startet. Einfach mal ausprobieren!

Weitere Praxistipps, zum Beispiel für´s Kabelziehen oder für einen besseren Monitorsound, findet ihr auch hier.

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von Christian Boche

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Profilbild von Boris Kreuer

Boris Kreuer sagt:

#1 - 29.08.2016 um 11:50 Uhr

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Als Ergänzung würde ich gerne noch folgendes hinzufügen:1) Langanhaltende Signale (z.B. Keyboardflächen, verzerrte Gitarren, vorkomprimierte Playback-Loops) haben oft eine höhere Energiedichte als stark impulshaltige Signale (Kickdrum, Percussion, Akustikgitarre). Diese Energiedichte beeinflusst, wie laut wir ein Signal wahrnehmen.2) Das Gehör reagiert empfindlicher auf die höher liegenden Mittenfrequenzen, was sich auf die Hörbarkeit einzelner Instrumente bei gleichem Schalldruckpegel auswirkt.Da moderne Pegelanzeigen in der Regel über schnelle Ansprech- und etwas längere Abklingzeiten verfügen, wird zwar ein korrekter Spitzenwert angeigt, der Energiegehalt der Signale jedoch bleibt mehr oder weniger optisch verborgen.
(Wer die Möglichkeit hat, sollte einmal vergleichen mit den alten, klassischen Drehspulen-Anzeigen, welche über relativ lange Regelzeiten verfügen)Desweiteren bleibt in der Anzeige die menschliche Hörkurve unberücksichtigt, tief tönende Signale werden im Pegel genauso dargestellt wie beissende Synthielinien.Mit etwas Erfahrung kann man diese Punkte direkt am Gain beim Linecheck berücksichtigen - z.B. indem man z.B. Kick, Toms und Akustikgitarre minimal höher aussteuert während die durchdringenden Hintergrund-Synthies etwas weniger Verstärkung bekommen.Die Hauptempfehlung lautet aber heutzutage immer noch, mit einer definierten Lautstärke per Kopfhörer über die PFL/Solo-Funktion die Kanäle kurz abzuhören.Freundliche Grüsse an alle Tonschaffenden :-)

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Markus Galla sagt:

#2 - 07.11.2016 um 07:32 Uhr

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Hinzuzufügen ist noch, dass jeder Griff zum EQ die Gain-Struktur wieder stark verändert. Insbesondere bei Digitalpulten können Anhebungen am EQ schnell zu einem Desaster führen, hat man die Pegel nicht jederzeit im Blick.Hat man darüber hinaus sehr viele Signale zu mischen, können -18 dBFS unter Umständen nicht ausreichend sein, um den Master beim Zusammenmischen nicht zu überfahren. Auch hier landen schnell alle Fader am unteren Ende der Faderbahn mit den beschriebenen Effekten. Häufig mischt man an Digitalpulten ja "in the box" und bei den heutigen Wandlergenerationen ist Rauschen aufgrund geringeren Gains so gut wie unerheblich. Ich würde deshalb im Zweifelsfall ein weniger "heiß" ausgesteuertes Signal vorziehen. Die üblichen Weisheiten aus den Anfangstagen der Digitaltechnik (geringe Aussteuerung = zu geringe Auflösung = Rauschen/Artefakte/"kühles Klangbild") gelten bei heutigen Wandlern mit 24 oder gar 32 Bit ja nicht mehr. Wichtig ist mir beim Mischen das Verhältnis Ausgangspegel am Master zum Gain der Endstufe. Auch der Gain, der an Subgruppen und auf Aux-Wegen anliegt, ist wichtig. Wer hier vernünftige Pegel hat, dürfte mit Rauschen kein Problem haben.

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