Mikrofon
Feature
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26.09.2015

Klassik-Aufnahmen in der Laeiszhalle Hamburg

Auch mit preiswertem Equipment gute Orchester-Recordings machen

Mikrofonauswahl und -positionen

Ihr habt schon immer davon geträumt, die großen Klänge eines Sinfonieorchesters selbst aufzunehmen? Ihr seid euch unsicher, ob eine solche Aufnahme auch mit gewöhnlichem Equipment und einem überschaubaren Bugdet durchgeführt werden kann?

Am Beispiel einer Konzert-Aufnahme in der Hamburger Laeiszhalle wird euch ein Einblick in die Welt der Klassik-Aufnahmen gegeben.

Hauptmikrofonpaar macht die meiste Arbeit

In der Regel wird ein Orchester mit einem Stereo-Mikrofonpaar aufgenommen, das eine Menge vom natürlichen Raum mit abbildet. Dieses Hauptmikrofonpaar wird meist in vier bis fünf Metern Höhe über dem Dirigenten positioniert, wodurch ein natürliches und lebendiges Klangbild entsteht. Um den Effekt der Höhe bezüglich der Mikrofonierung nachzuempfinden, könnt ihr einfach ein Stereo-Mikrofonpaar in einem normalen Raum aufbauen und es möglichst weit oben unter der Decke positionieren. Nun hört ihr euch an, wie euer Raum abgebildet wird – je höher ihr mit dem Mikrofonpaar geht, desto voluminöser ist der Klang… Im ersten Beispiel ist ausschließlich das Hauptmikrofonpaar einer Orchesteraufnahme zu hören.

Klassikaufnahmen gehen auch mit preiswerten Mikrofonen

Zwei Kleinmembranmikros werden auf einer Stereoschiene fixiert, die wiederum auf einem Chorstativ befestigt werden. Ein Chorstativ lässt sich bis zu fünf Metern Höhe ausfahren, um so die passende Aufnahmeposition für das Hauptmikro realisieren zu können. Die beiden Kleinmembranmikros werden in einem Mikrofonabstand von 30 bis 50 cm zueinander positioniert. So bekommt ihr eine ausreichende Stereobreite, aber die Phasenauslöschungen halten sich in Grenzen. Da die Laeiszhalle einen exzellenten Raumklang aufweist, kann ich es mir erlauben, Druckempfänger-Kugelmikrofone zu nehmen. Ich wähle für diese Aufnahme zwei Schoeps MK2S, weil diese den Raum und das Orchester mit einer seidigen, voluminösen Tiefe abbilden und dabei auch die Details der verschiedenen Instrumentengruppen hervorragend wiedergeben. Für die Budget-Variante habe ich einen Geheimtipp für euch: Im Kleinmembran Stereoset CL2 von Samson sind zwei Kugelkapseln enthalten - das Set kostet ca. 240 €. Die CL2 erzeugen einen durchaus respektablen Klang für diesen Preis. Wenn ihr die Aufnahmen in einem Raum mit nicht so exzellentem Eigenklang machen müsst, könnt ihr statt der Kugelmikros auch zwei Nierenmikrofone benutzen, wie zum Beispiel zwei Neumann KM 184.

Mikrofone ohne Stativ

Da durch ein großes Chorstativ das Bühnenbild erheblich gestört wird, hänge ich die Hauptmikros an einer Seilkonstruktion ab. Diese wird über der ersten Zuschauerreihe zwischen den beiden Balkonbrüstungen des ersten Rangs aufgespannt. Dafür habe ich mir aus 2mm-Stahldraht, den es in jedem Baumarkt zu kaufen gibt, eine Rollen-Vorrichtung gebaut. Der Stahldraht ist zu einer Endlos-Schlaufe zusammengefügt, die über zwei Rollen gleitet. Diese Rollen werden mit Spanngurten an der Brüstung befestigt (Sichern, damit die Mikros nicht während des Konzerts runterkommen!) und nun wird die Stereoschiene mit den beiden Hauptmikros an der Draht-Schleife befestigt. Gaffatape hilft da weiter. Anschließend noch die XLR-Kabel aufstecken, dann können die Mikros wie mit einer Seilbahn an die richtige Stelle gezogen werden.

Stützmikrofone

Ein Sinfonieorchester setzt sich aus mehreren Instrumentengruppen zusammen, wie Geigen, Celli, Kontrabässe, Holz- und Blechbläser. Die Gruppen werden zusätzlich zum Hauptmikrofonpaar mit je einem Stützmikrofon abgenommen. Wenn ihr den Gesamtklang des Orchesters nur mit dem Hauptmikro abbildet, dann habt ihr bei der Mischung keine Möglichkeit, die Klangbalance zu verändern und bestimmte Instrumente zu betonen. Also spendieren wir jeder Instrumentengruppe ein eigenes Stützmikrofon. In der Regel kommen Kleinmembran-Kondensatormikrofone zum Einsatz. Mit diesem Mikrofontyp lassen sich die feinen Klangnuancen von Geige, Klarinette und Co. am besten aufzeichnen. Um das Übersprechen zwischen den Stützmikrofonkanälen möglichst gering zu halten, nehmen wir Mikros mit Nierencharakteristik und positionieren sie relativ nah an den Instrumentengruppen. Im zweiten Hörbeispiel hört ihr die Mischung aller Stützmikrofone. Der Klang ist relativ dünn und eng.

Für die Geigen nehme ich gern die Kleinmembraner Neumann KM 184, während die Celli und Kontrabässe je ein Neumann U 87 bekommen. Das Bassvolumen dieser Instrumente wird von Großmembran-Mikrofonen, wie dem U 87, deutlich besser abgebildet als von Stäbchenmikrofonen. Die Blechbläser, also Trompeten und Posaunen, brauchen schalldruckfeste Großmembraner. In diesem Fall wähle ich die Microtech M 930 und die Holzbläser und Flöten bekommen je ein Sennheiser MKH 40. Alle hier aufgeführten Kondensatormikrofone gehören in die obere Preisklasse, aber natürlich lässt sich eine solche Aufnahme auch mit günstigeren Mikros durchführen. So könnt ihr für die hohen Streicher und die Bläser beispielsweise das Audio-Technica AT2031 oder das Rode NT5 wählen und für die Celli und Kontrabässe das Lewitt LCT 240. In diesem Fall klingen die Streicher vielleicht nicht ganz so seidig und die Bläser etwas schriller. Die Frage ist immer, wofür ihr die Aufnahme später einsetzen wollt. Oft ermöglicht erst der Einsatz von High-End-Equipment hochwertigen Sound. Im dritten Hörbeispiel sind Haupt- und Stützmikrofone zusammengemischt, sodass sich ein offener, aber trotzdem definierter Sound ergibt.

Wichtig: geschlossene Kopfhörer

Nachdem ich alle Mikrofone an meinem Mackie Onyx 1640 verkabelt habe, geht es auf zum Soundcheck. Das Onyx-Mischpult hat gute Mikrofon-Preamps und einen Firewire-Bus, mit dem ich 16 Mikrofonkanäle direkt in ProTools aufnehmen kann. Gleichzeitig mache ich während des Konzerts schon einen Live-Mix über Kopfhörer, den ich dem Kunden abends mitgebe. Auf diese Weise kann er sich auf die Mixing-Session im Studio gut vorbereiten. Beim Soundcheck müsst ihr darauf achten, dass alle Mikros miteinander so harmonieren, dass bei der Mischung keine gravierenden Phasenauslöschungen entstehen. Dabei spielen die Mikrofonpositionen eine entscheidende Rolle, und die könnt ihr nur durch Probieren und Hören optimieren. Und das geht so: Der Engineer setzt sich einen Monitorkopfhörer auf und weist den Assistenten an, in welche Position dieser das Mikro verschieben soll. Diese Übung müsst ihr durchführen, während das Orchester spielt und braucht deshalb einen hochwertigen geschlossenen Kopfhörer, damit ihr neben dem Direktschall des Orchesters den Monitorsound über den Kopfhörer gut wahrnehmen könnt. Dort, wo ihr das Gefühl habt, dass der Sound optimal ist, bleibt das Mikro stehen.

Zusätzliche Mikrofone für den Raumklang

Um den einzigartigen Raumklang der Laeiszhalle noch etwas stärker hervorheben zu können, baue ich zusätzlich zu den Haupt- und Stützmikros noch zwei Raummikrofone auf. Durch Hinzumischen dieser Outrigger-Mikros, die ich im Oberrang in etwa 10 Metern Höhe aufgebaut habe, kann ich das Klangbild noch luftiger gestalten und das Orchester sehr breit abbilden. Für diesen Zweck nehme ich Eigenbau-Mikrofone, die ich speziell für die Aufnahme von Diffusschall entwickelt habe. Dabei handelt es sich um Grenzflächenmikrofone, deren Kondensatorkapsel so in einen Reflektor eingebaut ist, dass die Kapsel bündig mit der Reflektor-Oberfläche abschließt. Da der Schall an der Grenzfläche reflektiert wird, entsteht dort eine Druckverdopplung und der aufgenommene Raumklang klingt sehr voll und voluminös. Im vierten Hörbeispiel hört ihr eine Mischung aus Haupt-, Stütz- und Raummikrofonen. Mehr über meine Selbstbau-Grenzflächenmikrofone Ederhof EA7 erfahrt ihr auf meiner Website.

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