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05.10.2018

Gear-Chat: Deckard’s Dream, der Replikant

Zu Besuch bei der Black Corporation in Tokyo-Shibuya

"Blade Runner" zum Greifen nah ...

„Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet.“ So, oder ähnlich, könnte ich meinen Bericht über „Deckard’s Dream“ beginnen, der modernen Reinkarnation des legendären Yamaha CS-80 Synthesizers, gebaut von einem gebürtigen Russen im Herzen von Tokyo/Shibuya. Wohl mit keinem anderen Werk wird der Klang des altehrwürdigen Yamaha CS-80 Synthesizers so sehr verbunden wie mit Ridley Scott’s legendärem Science-Fiction-Thriller „Blade Runner“ aus dem Jahre 1982.

Noch heute wirkt es futuristisch, wenn Blade Runner Rick Deckard zum Generationen von Musikern inspirierenden Soundtrack von Vangelis, mit seinem Flugauto an den Hochhaustürmen des zukünftigen Los Angeles vorbeicruised, vor riesenhaften LED-Screens mit asiatisch angehauchter Werbung. Und so ist es dann auch immer „mein Blade Runner-Moment“, wenn ich in Tokyo bei Dunkelheit aus dem Bahnhof Shibuya trete und von den riesigen Werbescreens an den Hochhäusern geflashed werde und dann durch die kleinen quirligen Gassen streune. Stets klingt dann ein wenig CS-80 Schmelz in meinem Kopfkino mit.

Es könnte passender nicht sein, dass der Replikant von Yamaha’s größtem Synthi-Schlachtschiff genau hier, im Herzen von Shibuya gefertigt wird.

Hans im Zimmer

Im siebten Stock eines nüchtern-funktionalen Bürohauses begrüßt mich Bob Akber, der supersympathische Business-Manager der Black Corporation, jener Firma, die hinter „Deckard’s Dream“ steht.

Mastermind Roman Filippov ist leider selber gerade nicht da, aber Bob Akber und Ken, der einzige japanische Mitarbeiter der Firma, geben mir eine tiefgreifende Einweisung in Roman’s ersten polyphonen Synthesizer. Seine Sporen hat sich der gebürtige Moskowiter bei Firmen wie Malekko Heavy Industry in Portland/USA und mit seinen eigenen Sputnik Modular Eurorack-Modulen verdient. Nun wollte er mehr, zog nach Tokyo und startete die Black Corporation. Meint Bob schmunzelnd:

„Als Business Manager habe ich ihm von den Namen erst einmal abgeraten: Mit sogenannten Black Corporations verbindet man auch in Japan höchst unseriöse Firmen. Aber er schaute mich nur an und sang zur Melodie des Depeche Mode-Songs „Black Celebration“ einfach: „Black Cor-po-ra-tion“. Und da hatte er mich dann. Denn ein weiterer Grund, warum wir gute Freunde sind ist: wir sind beide große Depeche Mode-Fans. Nur mag Roman lieber die modernen Depeche Mode, während ich die frühen  Alben bevorzuge. Wir streiten uns sehr gern darüber, welche DM-Alben besser sind. Einig sind wir uns aber darin, das es kaum etwas Größeres geben könnte, als wenn Martin Gore einmal zu den Klängen des Deckard’s Dream die Worte „Black Corporation“ nach der Melodie von „Black Celebration“ singen würde.“

Martin Gore ist einer von mehreren, sehr illustren Usern des Deckard’s Dream. Weitere Namen mag Bob nicht preisgeben, aber einer hängt unübersehbar im Büro: Hans Zimmer. Der Oscar-prämierte deutsche Soundtrack-Komponist von Blade Runner 2049 war ein früher Kunde und von Anfang an sehr interessiert an dem Projekt. Im Soundtrack des Blade Runner-Sequels kommt der Deckard’s Dream  zwar noch nicht vor, aber Zimmer wollte Roman während der diesjährigen NAMM-Show unbedingt treffen. Andere Termine kamen dazwischen und so ließ er Roman wenigstens ein signiertes Blade Runner 2049-Kinoposter zukommen, mit der Widmung: „To Roman, for being the true Blade Runner.“ Seitdem hängt das Plakat über dem Schreibtisch der Black Corporation. Gute Vibes sind wichtig. 

Träumen Replikanten?

Deckard’s Dream ist ein achtstimmig-polyphoner 19“-Racksynthesizer mit zwei unabhängigen Synthesizer-Layern per Stimme, der die Soundarchitektur des Yamaha CS-80 penibelst genau nachstellt. Offiziell wirbt die Black Corporation damit natürlich nicht, auf der Website heißt es dann „inspiriert von einem bestimmten Cinematic Sound aus den späten 1970er und frühen 1980er Jahren.“ Aber schon die Farbgebung der Regler, die vielen Parameter für expressive Spielweise und letztendlich der Sound lassen keine Zweifel, welcher Synth für den das vier Höheneinheiten große 19“-Rackgerät das Vorbild ist. Ein Klone ist er laut Bob Akber allerdings nicht:

„Es ist unmöglich, den CS-80 zu klonen, weil Yamaha damals ihre Schaltungen selbst entwickelt haben, man kann die Bauteile nirgends finden. Um den CS-80 neu zu erschaffen, mussten wir quasi bei Null anfangen. Der Deckard’s Dream ist analog nach dem Verhalten des Yamaha CS-80 modelliert, mit der Maßgabe, sowohl den Sound, als auch den polyphonen Aftertouch und die expressive Kontrolle des CS-80  zu erreichen. Mit normalen MIDI-Keyboards geht das nicht. Daher haben wir MPE implementiert, um Controller wie das ROLI KeyboardLinnStrument oder Haken Continuum nutzen zu können. Damit erreichen wir die spielerische Ausdrucksstärke, die den originalen Yamaha CS-80 so einzigartig gemacht hat.“

Dazu steht passenderweise auch ein MPE-fähiges ROLI-Keyboard im Office.

„Wir haben die analogen Schaltungen mit unseren eigenen emuliert. Sie sind nicht identisch. Roman hat sehr viel mit dem Digitalingenieur experimentiert, der die digitale Steuerung und die Firmware programmiert, um so nah wie möglich an das Verhalten des Yamaha-Vorbilds heranzukommen.“

Die Arturia Software-Emulation habe bei der Entwicklung des Deckard’s Dream übrigens keine Rolle gespielt. Aber endlich steht der CS-80 Sound auch als potente Hardware zur Verfügung, zum Anfassen mit beiden Händen statt der Maus.

Farben wie das Original

Deckard’s Dream hat alle relevanten Regler des CS-80 an Bord und empfindet mit seinen farbigen Faderköpfen auch dessen Colour Code nach: Grün für Cutoff und Brillianz, rot für Resonanz, gelb für Release, grau für alle übrigen Hülkurvenfunktionen, schwarz und weiß für sonstige Parameter.  Als Racksynth wiegt er aber bedeutend weniger: fertig verpackt laut Bob circa 4,8 kg, ein Klacks zu den rund 100 Kilo des 40 Jahre alten Vorbilds.

Die Klangerzeugung ist natürlich komplett analog. Dank der digitalen Steuerung weist der Deckard’s Dream allerdings mit drei mal 128 Patches (eine Presetbank und zwei User-Banks) deutlich mehr Speicherplätze auf, als der CS-80 mit seinen 22 Presets und den vier Miniaturreglersätzen für eigene Sounds. Natürlich ist die Firmware updatefähig. Auch ein weiteres Manko des Yamaha-Groß-Synths wurde behoben: Der Deckard’s Dream wird nicht heiß und ist stimmstabil, kann aber auf Wunsch auch detuned werden, um die typischen schwebenden Verstimmungen zu erreichen. Mikrotuning ist ebenfalls möglich. Diskrete Waveshaper reproduzieren die Eigentümlichkeiten der ursprünglichen Wellenformen.

Beim Angleichen des Panelzustands an das ausgewählte Preset stellt der Deckard’s Dream diverse Modi zur Verfügung.

Bob Akber: „In der Entwicklung kamen uns öfter Glück und Zufall zu Hilfe. Wir haben einige Designfehler gemacht, die wir aber mochten und darum behielten. Zum Beispiel das Abholverfahren der Regler beim Preset-Wechsel: Üblicherweise springt der Wert sofort zum aktuellen Wert, was manchmal sehr extrem klingen kann. Oder es gibt den sogenannten Pickup-Mode, wo man mit dem Fader erst über die Preset-Position fahren muss, bevor der Wert übernommen wird. Wir haben auch einen Merge-Mode, wo sich die Werte langsam annähern, was der Spielbarkeit sehr zugute kommt. Und einen Panel-Mode, in dem die Reglerpositionen exakt den Parametern entsprechen, gibt es natürlich auch.“

Keine Gnade für die Bösen

Die Synthesizer-Platinen werden in Picking Factories bestückt und zusammengebaut und vor der Auslieferung nochmals in Shibuya auf Herz und Nieren geprüft, jedes einzelne Gerät. Von Bob persönlich.

Die Regale stehen voller Deckard’s Dreams, die auf Bob’s Absolution warten. Einige haben gelbe Post-Its aufgeklebt, zumeist mit dem entdeckten Fehler. Auf einem Post-It steht auch einfach: „Bob doesn’t trust me!“

Was hat der denn verbrochen?

„Oh, er hat mein Mädchen komisch angeschaut …“ schmunzelt Bob zunächst, erklärt dann aber weiter: „Nein, er macht seltsame Dinge, die ich mir noch nicht erklären kann. Und so lange das nicht der Fall ist, geht diese Unit an keinen Kunden heraus.“

Deckard’s Dream als DIY-Kit und was man wissen sollte

Das Bonedo-Interview mit Bob Abker:

In Form des  DIY-Kis hatte der Deckard’s Dream als erstes für Aufmerksamkeit gesorgt. richtig?

„Die ersten 300 waren DIY-Kits zum Selberzusammenbauen. Jetzt sind wir bei Seriennummer 629, ich habe hier also bisher 329 fertig zusammengebaute Geräte getestet. Wir planen übrigens noch mal eine weitere Lieferung von DIY-Kits.“

Ist der Eigenbau denn auch Laien zu empfehlen oder sollte der Kunde bereits Vorkenntnisse beim Synthbau mitbringen?

„Es ist ein sehr komplexes Gerät, aber die DIY-Community hat Deckard’s Dream begeistert aufgenommen. Das DIY-Kit ist so aufgebaut, dass wahrscheinlich auch ich einen Deckard’s Dream bauen könnte, und ich war früher wirklich kein guter Löter. Es gibt einige selbstorganisierte Build-Groups auf den Social Media Plattformen und wir haben dort Kontakt zu ein paar sehr hilfreichen Mitgliedern.“

Ein Grund für den Erfolg der vielen kleinen Korg-Synthesizer war die Offenheit, mit der die japanische Firma der DIY-und Hacking-Community mögliche Modding-Zugänge anboten. Eröffnet die Black Corporation den Usern auch entsprechende Optionen?

„Die Volcas sind natürlich ideal zum Hacken und Modden geeignet und auch günstig genug, um sie einfach zu ersetzen, falls man mal was kaputt gelötet hat. (lacht) Beim Deckard’s Dream liegt der Fall etwas anders. Unser Hauptfokus war, einen üblicherweise sehr teuren Synth durch das DIY-Konzept einer größeren Gruppe von Leuten verfügbar zu machen. Wer einen fertig gebauten Deckard’s Dream bei uns direkt bestellt, muss bei uns eine Anzahlung von 1.199 US-Dollar hinterlegen, die dann natürlich auf den Gesamtpreis von 3.749 US Dollar angerechnet wird. Wenn der Synth dann fertig zum Versand ist, wird der Restbetrag von 2.550 US-Dollar fällig. Ein DIY-Kit ist dagegen mit 999 US Dollar vergleichsweise günstig. Aber es enthält weder das Gehäuse noch das Front-Panel. Wir hören von Kunden, dass sie alles in allem circa 2.700 US Dollar für ihren kompletten DIY-Deckard’s Dream bezahlt haben. Also, wenn ich einen kaufen wollte, würde ich mich für ein Fully-build Modell entscheiden: Es ist getestet, es ist zuverlässig und wertstabil.“

Was passiert, wenn ein Kunde am anderen Ende der Welt einen Deckard’s Dream erhält, der sich als defekt herausstellt?

„Die größte Sorge, die wir haben ist, dass etwas während des Transports passiert. Der Preis beinhaltet den Versand. Wir versenden alle Synths mit Japan Post und haben damit bisher gute Erfahrungen gemacht. Unser Vertrieb in Europa ist Alex4. Wir senden gerade ein Batch von 30 Einheiten dorthin. Es sollte also die Möglichkeit bestehen, Deckard’s Dream dort auszuchecken.“

- Ende des Interviews -

Auf Nachfrage erfuhr Bonedo von Alex4, dass die Deckard’s Dream Synthesizer noch die CE-Zertifizierung durchlaufen müssen, was noch einige Wochen dauern könnte.

SchneidersLaden in Berlin wird dann die erste Charge erhalten. Der empfohlene Ladenpreis inklusive MWst liegt bei 3.900 Euro. Da beim Direktimport eines Deckard’s Dream beim Zoll noch die Mehrwertsteuer anfällt, ist das derzeit gerade mal rund 60 Euro teurer als die aufwändigere Direktbestellung.

Die wirklich schönen Walnussholzracks auf den Fotos werden bei Lamonddesign in England gefertigt, müssen dort für 300 englische Pfund geordert werden und können natürlich auch andere Racksynths aufnehmen.

Weiß wie Roy Batty’s Haare – die andere Farbe des Deckard’s Dream

Deckard’s Dream gibt es auch in sehr limitierten alternativen Gehäusefarben. Bisher gab es jeweils fünf Modelle in gold, pink und einem wirklich schönen cremeweiß (siehe Fotos), allerdings nur bei Direktbestellung und mit einem stolzen Aufpreis von 600 US-Dollar, reine Fertigungskosten, die die Black Corporation lediglich weitergibt.

Effekte

Bei der Entwicklung des Synthesizers war ursprünglich auch geplant, die Effektsektion des Yamaha CS-80 nachzuempfinden. Roman und Bob waren aber nicht glücklich mit dem Resultat und entschlossen sich, den Synth ohne Effekte in die Welt zu schicken. Demnächst legen sie die Chorus-, Tremolo- und Ringmodulator-Sektion des CS-80 als separates Rackgerät mit einer Höheneinheit nach. Für die richtige Vangelis-Breitseite braucht es das Effektgerät, welches das Mono-Signal des Synthesizers in Breitbild-Stereo umwandelt.  Das Teil kostet fertig gebaut 999 US Dollar und 399 US-Dollar als DIY-Kit und kann natürlich auch mit anderen Synths eingesetzt werden.

Sound

Nun aber zum Wichtigsten: Dem Sound. Black Corporation’s Ken hat exklusiv für Bonedo einige Presets angespielt, während Bob an den Reglern editierte. Die Session wurde direkt aus dem Monoausgang und ohne das optionale Effektgerät in Ableton Live aufgenommen.

Was gleich auffällt: Der Synth klingt satt uns sahnig, Vangelis lässt an allen Ecken grüßen. Die leicht dissonanten Schwingungen tun ihr übriges dazu, dass der Deckard’s Dream hands down sich für alle Musiker empfiehlt, die auf der Suche nach DEM CS-80-Sound sind – und das nötige Kleingeld dafür auf dem Konto haben.

Video: Deckard's Dream Polyphonic Synthesizer Sound Demo (no talking)

Exklusiv für Bonedo spielen Ken und Bob von Black Corporation einige der imposanten Preset Sounds des Deckard’s Dream an. Vangelis lässt schön grüßen. (Video: Mijk van Dijk)

Video: Black Corporation mussten nicht weit reisen, um dieses imposante Teaservideo für ihren Deckard’ Dream Synth zu filmen: Wer mitten in Tokyo-Shibuya residiert, hat Blade Runner Atmosphäre quasi umsonst vor der Haustür. (Video: Vimeo)

Kijimi

Der Kijimi ist das nächste große Projekt der Black Corporation. Roman nimmt sich einen weitgehend unbekannten und bislang sträflich vernachlässigten Synthesizer vor, den RSF Kobol Expander und bringt das interessante halbmodulare Konzept des französischen Monosynths polyphon in die Gegenwart zurück. Der achtstimmig polyphone Racksynth mit zwei VCOs leistet sich allerdings mehr gestalterische Freiheiten, als der Deckard’s Dream, der in den Funktionen weitgehend identisch mit seinem Original sein will. Er kommt mit diskreten SSM2040 Filtern, und hat wie Deckard’s Dream MIDI Polyphonic Expression (MPE), polyphonem Aftertouch, MIDI-USB und einen ähnlichen Soundspeicher an Bord. Wie der Kobol kann aber auch Kijiji durch die Waveformen sweepen und interessante Morphings zwischen den Standardwellenformen des Oszillators erzeugen.

Erste Kijimi-Sounddemos finden sich neben sehr vielen Deckard’s Dream Klangbeispielen auf der Deckard’s Dream Soundcloud Page. Gegen Ende September 2018 sollen die ersten Kijimis pre-build und als DIY-Kits ausgeliefert werden. Und auch der nächste Black Corporation-Synth ist schon angekündigt. Ich sage nur: „Xerxes“ (mehr darf ich nicht sagen …). Aber ihr dürft schon sehr gespannt sein.

Video: Der zweite Streich der Black Corporation ist Kijimi, ein moderne Interpretation des RSF Kobol-Synthesizers, angereichert mit all den Features, die schon Deckard’s Dream so besonders machen: Hohe Qualität, MPE, polyphoner Aftertouch, auch als DIY-Kit erhältlich. (Video: Vimeo)

Was kommt noch?

Spektro Audio erstellt gerade einen Software-Editor, der eine nahtlose Integration des Deckard’s Dream in ein DAW-Umgebung gewährleisten soll. Ob Replikanten wirklich träumen, wird die Zukunft zeigen. Von Deckard’s Dream braucht man nicht nur träumen, man kann ihn auch erwerben – und damit Zukunftsmusik machen.

Links und Zusätzliches zu Deckard's Dream

Deckard’s Dream Sounddemos Bank 1

Deckard’s Dream Factory Presets (November 2017)

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