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18.05.2021

Elektron Overbridge richtig verwenden Workshop

DAW-Integration für Digitone & Co.

Von der Hardware in die Software und zurück

Die schwedischen Synthbauer bei Elektron sind schon lange dafür bekannt, das Beste aus der Welt der analogen Hardware mit moderner digitaler Technologie zu verbinden. Nach leider (sehr) langen Anlaufschwierigkeiten stellt das DAW-Plug-In Overbridge 2.0 des Unternehmens mittlerweile den bisher revolutionärsten Schritt in dieser Entwicklung dar. Mit ihm werden die Sounds der Synthesizer, Sampler und Analog-Grooveboxen aus dem Hause Elektron in vollwertige VST- bzw. AU-Plug-Ins in Ableton, Cubase und Co. eingespeist. Und damit nicht genug, denn die Plug-Ins eröffnen zudem neue Blinkwinkel auf die Arbeit mit der Hardware: Ein symbiotisches Verhältnis mit enormem Potenzial, das wir dir heute ein wenig näherbringen wollen.

Quick Facts: Elektron Overbridge?

Was ist Overbridge?

Overbridge heißt Elektrons Schnittstelle zwischen der hauseigenen Hardware und den digitalen Audio-Workstations. Overbridge ist in die aktuellsten Firmware-Versionen einer Vielzahl von Elektron-Produkten integriert: Digitakt, Digitone, Digitone Keys, Analog Rytm MKI und MKII, Analog Four MKI und MKIIAnalog Heat MKI und MKII sowie Analog Keys, alle diese Geräte sind mit der genialen Softwarelösung kompatibel. Overbridge ist ein kostenlos erhältliches Plug-In, das man von der Elektron Support-Seite herunterladen kann.

Die Software ist derzeit (Stand: April 2021) auf PCs mit dem jüngsten Service-Pack von Windows 10 oder Macs mit macOS 10.12 bis 10.15 kompatibel. Aktuell läuft Overbridge leider noch nicht mit Apple Logic Pro X 10.6 und macOS 11 Big Sur. Zumindest für das letztere System gibt es jedoch eine Beta-Version, die man bei Bedarf hier findet. Support für die jüngste Version von Apples Musiksoftware ist ebenfalls in Planung.

Einrichten von Overbridge und erster Überblick

Die Einrichtung von Overbridge geschieht auf zwei Ebenen. Zuerst muss auf dem Elektron-Gerät – oder mehreren, falls vorhanden – die USB-Übertragungsoption „Overbridge“ aktiviert werden. Beim Elektron Digitone beispielsweise findest du sie im Menü „Settings“ unter „System“ > „USB Config“. Wenn das Gerät dann via USB an deinen Computer angeschlossen wird, ist es für die Nutzung mit dem Overbridge-Plug-In bereit.

Auf dem Rechner wiederum wird neben dem Plug-In selbst noch die Overbridge Engine benötigt. Sie wird als separates Programm beim oben beschriebenen Installationsprogramm auf deinem Rechner platziert. Starte die Overbridge Engine am besten immer, bevor du die DAW anwirfst, denn sie zeigt dir im Voraus an, ob ein Elektron-Gerät für Overbridge erkannt wurde und für die Nutzung bereit ist. Manchmal verschluckt sich die Software nämlich nach dem Hochfahren des PCs oder Macs und du musst das Gerät neu koppeln – bis am Ende im Aktivitätsfeld der Engine neben dem Produktnamen „idle“ steht. Erst wenn „idle“ gelesen werden kann, erwartet der Synth ruhig und gelassen deine DAW-Befehle.

Overbridge in der DAW starten

Startest du anschließend die DAW, finden sich die Overbridge Plug-Ins von Elektron in der Liste deiner VST- oder AU-Plug-Ins; falls nicht, musst du die Plug-In-Ordner der Audiosoftware einmal neu scannen. Das Unternehmen hat für all seine Geräte spezifische Versionen entwickelt. Willst du also in der Software mit deinem Digitone arbeiten, musst du das gleichnamige Plug-In in eine MIDI-Spur von Ableton, Cubase oder eine andere DAW deiner Wahl laden.

Das Plug-In-Fenster bietet Zugriff auf alle Funktionen des jeweiligen Geräts. Ein kurzer Überblick zum Einstieg: In der Leiste ganz oben stellst du die Fenstergröße ein, wählst Gerät und Clock-Optionen aus, schaltest zwischen Kit Editor (Sounddesign) und Sound Browser (Preset- bzw. Sample-Bibliothek) um und mehr. Darunter sind die Sound-Parameter angeordnet. Oben rechts in diesem Bereich kannst du die einzelnen Tracks der Geräte mit Sounds bestücken. Hast du dich einmal grundlegend orientiert, kann es losgehen.

Overbridge-Geräte als „Softsynth“ nutzen

Jetzt kannst du deine Elektron-Hardware im Prinzip wie Software-Synthesizer nutzen. Es ist möglich, MIDI-Sequenzen in der DAW zu programmieren und dein Digitone oder Analog Four spielt sie ab. Auch das Erstellen von Drumpattern für Digitakt oder Analog Four ist drin. Baue diese Patterns oder Melodien einfach wie gewohnt in der jeweiligen MIDI-Spur und die Geräte spielen sie nach einem Druck auf den Play-Button – in der Software oder am Gerät – ab. Arbeite dabei idealerweise mit mehreren Instanzen der Plug-Ins und unterschiedlichen MIDI-Kanälen, denn die einzelnen Tracks der Elektron-Geräte lassen sich auf diese Weise parallel ansteuern.

Die angeschlossenen Geräte folgen dabei dem Master-Tempo deiner DAW, die für Live-Einsätze natürlich trotzdem noch ein wenig Latenz kompensieren muss, wenn die Hardware parallel zu Software-Sounds laufen sollen. Ableton Live – als die DAW, mit der wir in diesem Workshop arbeiten – bietet dafür die einfach einzustellende Delay-Option unter den Spuren und gibt im Plug-In-Fenster der Geräte-Zeile an, wie viel Latenz kompensiert werden muss.

Flexible Automationen erstellen

Aber damit nicht genug: Die Parameter der Sound-Engines, die du über das Overbridge-Plug-In am Synthesizer oder Sampler einstellen kannst, sind automatisierbar. Wähle also beispielsweise in der DAW im Automationsbereich den Filter der Hi-Hat-Spur deines Analog Rytm aus und animiere ihn für lebendigere Drum-Sounds. In Ableton Live lassen sich für solche Zwecke auch Steuerungsvorlagen erstellen, sodass du bei jedem Neustart deiner Projekte direkt die wichtigsten Parameter automatisieren kannst.

Parallel ist es weiterhin möglich, die abgespielten Sounds und Samples mit der Hardware zu bearbeiten – vollständige Integration eben. Heißt: Wenn du beispielsweise am Digitone die FM-Parameter umstellst, wird dies in der Software nahtlos visuell angezeigt. Und über die „Total Recall“-Funktion in der Menüleiste stellt sich der Zustand des Plug-Ins auf dem Synth wieder her, sobald du ein gespeichertes Projekt erneut öffnest – selbst wenn du in der Zwischenzeit auf dem Elektron-Gerät ein anderes Projekt am Laufen hattest. Probier das einfach mal selbst: Einfach im Overbridge-Plug-In ein paar Parameter verändern, die Session abspeichern und an der Hardware andere Sounds einstellen. Startest du dann das DAW-Projekt wieder und klickst in dem Plug-In oben auf „Total Recall“ ist alles wie vorher.

Sounddesign mit Overbridge

Nun zu einem weiteren großen Vorteil von Overbridge: Natürlich macht es mit den vielen haptischen Tasten und Drehreglern Spaß, Sounds an der Hardware selbst zu erstellen. Aber wenn es ein ganz spezieller Klang für einen Part im DAW-Song sein soll, kann es schwierig sein, die richtigen Funktionen dafür zu finden. Sie sind bei Elektron oft in Untermenüs oder Listen versteckt und auf den kleinen Hardware-Displays manchmal schwierig zu entziffern.

In einem solchen Fall ist Overbridge eine echte Befreiung. Die Plug-Ins fächern die unterschiedlichen Funktionen in ein übersichtliches, farblich strukturiertes Interface auf, das insbesondere Minimalisten ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Die Designsprache der Geräte wird dabei in großen Teilen übertragen, sodass du dich problemlos zurechtfinden dürftest.

FM-Synthese für Fortgeschrittene

Wir arbeiten am liebsten mit dem Digitone in Overbridge. Dessen FM-Engine bietet viele versteckte Optionen für dynamische Patches: LFOs, Detuning, einen Bandpassfilter und einiges mehr. All diese Features sind im Plug-In direkt verfügbar, während sie am Synthesizer selbst oft in Sub-Menüs vergraben werden mussten. Animationen visualisieren beim Anpassen der Hüllkurven und Filter die erzeugten Veränderungen, sodass du besser verstehst, was vor sich geht. Um das alles im Detail zu verstehen, geht natürlich nichts über ein wiederholtes Üben, denn die Feinheiten des Sounddesigns kann man lernen. Wer lieber Presets nutzen will, kann im Falle des Digitone ebenfalls leicht auf die Soundvorlagen auf der +DRIVE zugreifen. Klicke dafür im jeweiligen Plug-In oben rechts auf „Sound Browser“.

Die genannten Gestaltungsvorteile gelten ebenso für die anderen Klangerzeuger, vor allem im Hinblick auf den Analog Four, welcher der zweite ‚reine‘ Synth im Elektron-Lineup ist. Bei Samplern wie dem Digitakt oder dem Analog Rytm erleichtert Overbridge vor allem den Zugriff auf die einzelnen Samples im „Sound Browser“. Eine Liste zeigt dann die auf dem jeweiligen Sampler verfügbaren Sounds an und lässt sie dich schnell und einfach den verfügbaren Spuren bzw. Pads zuweisen.

Natürlich stehen dabei auch die Filter für Kicks, Snares und mehr zu Verfügung. Doch sei gewarnt: Der Upload neuer Samples auf die Geräte funktioniert nicht via Overbridge. Dafür benötigst du nach wie vor die Elektron Transfer-Software

Mixing und Multitrack-Recording

Wenn es dann ans Musizieren geht, bieten unterschiedlich aufgebaute Mixing-Sektionen in den Overbridge-Plug-Ins einen guten Überblick über alles, was auf den Elektron-Geräten durch MIDI- oder interne Sequenzer vor sich geht. Sie findest du im Kit Editor, in den Reitern für die Sound-Zuweisung (beim Digitone heißt der Abschnitt etwa „FX/Master“). Wiederum hast du dort schnellen Zugriff auf die Track-Lautstärken, die vorhandenen Master-Effekte und weitere globale Einstellungen. 

Track-Inhalte in einzelne Audiospuren aufnehmen

Mit Overbridge kannst du abschließend die einzelnen Sounds deiner Synths und Sampler separat aufnehmen – der dritte und letzte große Vorteil der Software-Lösung, den wir hier anreißen wollen. Denn Digitone und Co. sind auch Audio-Interfaces, die via USB die Sounds im Mix oder einzeln ausgeben können.

Rohaufnahmen einzelner Spuren erstellen

In Ableton Live etwa geht das somit mögliche Multitrack-Recording wie folgt vonstatten: Auf mindestens einem MIDI-Track musst du zunächst, wie oben erklärt, das Overbridge-Plug-In legen. Dann benötigst du noch so viele Audiotracks, wie du Sounds aus dem jeweiligen Gerät separat und ohne Effektbearbeitung durch die Geräte aufnehmen willst. In diesen Audiotracks wählst du dann das Elektron-Gerät als Klangquelle aus.

Wie bei Audiointerfaces stehen dann darunter Kanaloptionen zur Auswahl. Beim Digitone sind das etwa Track 1 bis 4, die Master-Spur (vor oder nach den Effekten) sowie der Sound an den Stereo-Eingangsbuchsen. So kannst du Kompositionen am Gerät in unterschiedliche Spuren der DAW aufnehmen, was eine flexiblere Nachbearbeitung mit VST-Effekten und ein dynamischeres Mastering ermöglicht. 

Overbridge in Aktion

Im folgenden Video siehst und hörst du, wie die verschiedenen Sounddesign- und Mixing-Funktionen im Kontext funktionieren. Dafür wurde auf dem Digitone ein kleiner Demo-Track mit vier Spuren erstellt, die alle gemeinsam durch die Master-Effekte des Synths laufen und via Overbridge in Ableton Live aufgenommen wurden. Der Sound stammt direkt vom Digitone via USB.

Während der kurzen Performance, die abseits des Bildschirms am Elektron Digitone stattfindet, werden Spuren gemutet und wieder aktiviert sowie weitere Sound-Parameter live manipuliert. Alle Aktionen werden parallel innerhalb des Overbridge Plug-Ins dargestellt.

Visualisierung der Interaktion zwischen Elektron Digitone Hardware und Overbridge in Ableton Live (Video: Lukas Hermann)

Zum Schluss

Natürlich sind die drei Funktionen – Softsynth-Einsatz, Sounddesign am Rechner und Multitrack-Recording – einzeln betrachtet nur der Overbridge-Beginn. Die Software bietet gerade durch ihre Kombination noch weitere Optionen, die wir hier nur kurz angerissen haben. So ist es etwa möglich, über sie die Geräte als MIDI-Hardwaresequenzer für zusätzliche Spuren der DAW zu verwenden oder Signale einer Elektron-Maschine via Overbridge-Plug-Ins in eine andere, etwa den Analog Heat, zu senden. Für solche komplexeren Setups lohnt es sich auf Dauer, eine DAW-Vorlage für „Elektron-Produktionen“ zu erstellen, um die virtuelle Verkabelung nicht jedes Mal aufs Neue einrichten zu müssen.

Woran man denken sollte: Bei mehreren Elektron-Geräten ist Overbridge für den ein oder anderen leider preislich nicht ganz umsonst. Denn du brauchst bei zu wenigen USB-Ports am Rechner einen USB-Hub mit genug Power für die gesamten Interface-Features der Synths und Sampler. Mit dem Elektron Overhub gibt es einen mit sieben Anschlüssen direkt vom Hersteller, der allerdings mit einem Straßenpreis von 59 Euro nicht ganz billig ist. Doch dafür läuft dann immer alles wie geschmiert – und Overbridge wird (endlich) das, was es für Elektron schon vor fünf Jahren sein sollte: Magisch.

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