Test
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09.12.2019

Drawmer 1974 Test

Equalizer im Retrodesign

Ganz im Stile der Klassiker

Auf der Musikmesse 2019 stellte Drawmer den vollparametrischen Equalizer Drawmer 1974 vor. Der kommt im klassischen Drawmer-Design daher, als wäre er ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert. Das ist er natürlich nicht.

Details & Praxis

Der 1974 bietet Vintage-Funktionalität im Retrolook

Mit dem Konzept, einen klassischen Equalizer im Stil der siebziger Jahre anzubieten, betritt man nicht gerade Neuland. Die analoge Studiotechnik aus der guten alten Zeit genießt ja einen so guten Ruf, dass es kaum einen Hersteller gibt, der nicht etwas Ähnliches im Angebot hat. Allerdings kann Drawmer für sich reklamieren, sich im Design nicht auf Klassiker anderer Hersteller zu beziehen, sondern auf Klassiker aus eigener Fertigung. Rein optisch holt man sich also mit den abgerundeten weißen Rechteck-Outlines auf schwarzem Grund und den gelben Dreiecken unter den Potis den heimeligen Flair vergangener Zeiten ins Rack. Auffallend ist jedoch zunächst etwas anderes: Das Gewicht, oder vielmehr das Fehlen von Gewicht, lässt schon beim Auspacken keinen Zweifel daran, dass es sich keineswegs um Vintagetechnik handelt. Doch zunächst zum äußeren Anschein.

Links fängt es mit einem Input-Regler an, der mit 15 dB Pegelanhebung/Absenkung das erste Glied in der Signalkette bildet. Alle Potis sind gerastert und fassen sich gut an. Es geht schön übersichtlich weiter mit dem Regler für den Low-Cut von 10 bis 225 Hz, danach folgt das erste Band. Das kann als Peak mit fester Flankensteilheit oder als Kuhschwanzfilter mit den 6, 9 und 12 dB pro Oktave geschaltet werden und deckt einen erfreulich großen Bereich zwischen 35 und 700 Hz ab. Daneben befinden sich dann die beiden Mittenbänder, die sich wie alle Bänder des 1974 um 12 dB anheben oder absenken lassen. Auch hier sind die Regelbereiche sehr groß und überschneiden sich stark mit den benachbarten Sektionen, was es ermöglicht, mit verschiedenen Filtergüten im selben Frequenzbereich zu arbeiten. Der liegt beim unteren Mittenband zwischen 55 Hz und 2,1 kHz und beim oberen zwischen 400 Hz und 14 kHz, die Filtergüte ist zwischen 0,33 und 3,3 Oktaven einstellbar. Rechts davon liegt ein Höhenband, das als Kuhschwanz mit entweder 6 oder 12 dB pro Oktave arbeitet und ein Tiefpassfilter mit wählbarem Arbeitspunkt von 4 bis 32 kHz. Ganz rechts liegt eine LED zur Anzeige von Übersteuerung und der Bypassschalter.

Dass es keine getrennten Regler für links und rechts gibt, hat den unbestreitbaren Vorteil, dass man sich lästiges Herumgefummel spart, wenn es gilt, eine Stereosumme links und rechts identisch zu bearbeiten, zum Beispiel im Mixbus. Allerdings wird das Gerät dadurch für MS-Mastering unbrauchbar, weil es da ja genau auf die unterschiedliche Bearbeitung von Mitte und Seite ankommt. Ich kann also das Statement des Herstellers, dass das Fehlen getrennter Regler für links und rechts das Gerät besonders für Stereosignale prädestiniert, nur teilweise zustimmen.

Auf der Rückseite befindet sich nur das allernötigste, nämlich die Anschlüsse für Audio und Strom und der Powerschalter. Das ganze Teil macht einen soliden und hochwertig verarbeiteten Eindruck, der nur ein bisschen getrübt wird, wenn man das Stromkabel auf der Rückseite einsteckt und dabei die Buchse spürbar nach innen nachgibt.

Technisch betrachtet ist der Drawmer 1974 nicht vintage

Auf der Website von Drawmer findet sich unter ein paar Fotos und einer Beschreibung des EQs ein putzige Geschichte über die Vorteile analoger Technik, die den Vergleich zwischen einem echten Van Gogh und dessen Nachdruck bemüht, um daraus zu schließen, dass analoge Technik generell besser klinge als ihr digitaler Abklatsch. Unfreiwillig verrät der Hersteller damit, dass man sich offenbar nicht an Profis richtet, denn die werden sich wohl kaum von solch einfachen Allegorien beeindrucken lassen. Grundsätzlich geht es beim Match Analog vs. Digital so oder so komplizierter zu. Ganz unbestreitbar gibt es analoge Technik, die mit digitalen Mitteln nicht zu erreichen ist, aber es kommt schon sehr darauf an, wie gut diese Technik ist. Dass der Webauftritt darum nicht so viel Aufhebens macht und lieber den Eindruck erwecken möchte, jegliche Analogtechnik sei sowieso schon besser als alle Plugins, mag seine Gründe haben. Auf jeden Fall passt zu dieser Darstellung, dass der 1974 zwar analog ist, aber in keiner Weise retro – das geringe Gewicht ließ es bereits ahnen. Wirft man einen Blick hinein, ist nichts von all dem zu sehen, was normalerweise den Ruf genießt, eine analoge Schaltung zu einer guten analogen Schaltung zu machen. Keine diskreten Schaltkreise, keine Übertrager, sondern moderne Standardchips, so weit das Auge reicht. Nun, das muss nichts heißen. Ich habe schon andere komplett IC-basierte Geräte gesehen, die durchaus einen schönen Klang hatten. Zeit also, die Ohren zu Wort kommen zu lassen.

Und wie klingt's?

Der Klang des Equalizers ist tatsächlich nicht ganz so modern wie die verwendete Technik. Schon beim ersten Herumprobieren werden Erinnerungen an Zeiten wach, in denen Klangbearbeitung mit analogen Pulten und analogem Outboard Alltag war. Wer nun glaubt, dass damals nur total hochwertige, warm ohrenschmeichelnde Wohlklangwunder gebaut wurden, täuscht sich allerdings. Die Palette reichte schon immer von völlig unbrauchbarem Quatsch über solide Arbeitspferde hin zu wundervollen High-End-Schätzchen. Um es vorweg zu nehmen: Der 1974 ist meines Erachtens im mittleren Segment zuhause. Grundsätzlich erinnern mich seine klanglichen Eigenschaften an die EQs aus Mittelklassepulten oder semiprofessionellem Outboard der Siebziger und Achtziger. Gerade tiefe Frequenzen wirken bei Anhebung etwas eng, Phasenartefakte sind gerade bei den Kuhschwanzfiltern deutlich hörbar und die hohen Bereiche klirren vernehmbar, was zwar einen positiven Eindruck von Präsenz und Dichte erzeugt, leider aber auf Kosten der Transparenz. Bei schmalbandigen Absenkungen leidet die Greifbarkeit des Ausgangsmaterials spürbar, sodass ich am ehesten Gefallen daran finden konnte, Mitten breitbandig anzuheben. Das sorgt durch die subjektive Verengung, die es mit mit sich bringt, manchmal für eine Aufdringlichkeit, die ganz schick ist.

Auf Drums zum Beispiel klingt eine breite Anhebung bei 3 kHz recht ansprechend. Das wirkt ein bisschen kratzbürstig, gerade das kann aber in bestimmten Situationen hilfreich sein. Transienten werden eher etwas abgemildert. Ein Klirrfaktor legt sich wie ein Film auf das ganze Signal, sorgt zwar nicht gerade für eine Öffnung des Klangbildes, bewirkt aber eine eindrucksvolle Verdichtung im angehobenen Frequenzbereich. Schlagzeug kann auch durchaus von einer Höhenanhebung mit 6dB-Kuhschwanz profitieren, das klingt zwar nicht spektakulär, aber auf jeden Fall besser als die 12dB-Kurve. Bei 12 dB Flankensteilheit wirken sich die Phasenverschiebungsartefakte derart negativ aus, dass vom restlichen Klangbild nicht viel stehen bleibt. Das gilt auch für Anhebungen mit 12dB-Shelf im Bassbereich, eine Bassgitarre etwa verliert sehr viel Charakter, klingt dann zwar irgendwie fett, aber nachgerade atonal. Es ist ein bisschen, als würde sich das Instrument die Nase zu halten.

Auch bei Instrumenten im mittleren Spektrum stellt sich heraus, dass die Mittenbänder des EQs seine Stärke sind. Der Versuch, ein Piano im unteren Bereich wärmer zu bekommen, endet mit einem Totalverlust der Tonalität des Instruments. Eine Anhebung des Kernbereiches dagegen klingt zwar etwas blechern und ein wenig eng, kann aber nützlich sein.

Dieser Höreindruck setzt sich bei der Bearbeitung von Vocals fort. Eine Substanzanhebung bei etwa 200 Hz, gepaart mit Präsenzbetonung bei etwa 10 kHz funktioniert wie gewohnt, allerdings bleibt die erwünschte subjektive Vergrößerung der Stimme aus. Präsenz lässt sich so dennoch erreichen, wenn es nicht stört, dass die Höhen etwas asthmatisch anmuten. Seine beste Figur macht der 1974 in der Disziplin Telefonstimme, da greifen dann Verdichtung und blecherner Charakter sinnvoll ineinander. Ganz ohne Einschränkung in allen Lebenslagen brauchbar sind übrigens Low-Cut und High-Cut, die klingen unauffällig.

Die Bedienung des Gerätes macht einen flüssigen Eindruck, die Bedienelemente sind sinnvoll angeordnet und alle Potis lassen sich ohne Probleme erreichen, was erstaunlicherweise keine Selbstverständlichkeit ist. Ein bisschen knobeln muss man, wenn es darum geht, den Charakter des Tiefenbandes einzustellen, da kommt es auf die Kombination zweier Knöpfchen an (beide drin ist Peak, beide draußen 6 dB, linker Knopf drin und rechter draußen 9 dB, rechter drin und linker draußen 12 dB). Zum Glück ist eine Anleitung direkt auf das Panel aufgedruckt. Sehr angenehm finde ich, dass die Druckknöpfe mit LEDs ausgestattet sind, die den Status anzeigen. Die Rasterung der Potis ist erst einmal willkommen, wenn es um Total Recall geht, gerade bei der Verwendung von schmalbandigen Filterkurven kann es aber auch lästig sein, dass sich Frequenzen nur in relativ großen Schritten ansteuern lassen. Offenbar möchte Drawmer dem Gerät gerne einen Mastering-Grade-Nimbus spendieren, was allerdings schon aufgrund der fehlenden MS-Tauglichkeit schwierig ist.

Fazit

Der vollparametrische Equalizer Drawmer 1974 hält insofern, was er verspricht, als dass er die Siebzigerjahre ins Rack holt. Anders allerdings als der Hersteller gerne suggerieren möchte, klang in den Siebzigern nicht alles immer super. Das lässt sich auch über das hier vorgestellte Exemplar analoger Technik sagen. Meines Erachtens ist der EQ durchaus brauchbar für Anhebungen im mittleren Frequenzbereich, in anderen Disziplinen macht er für meine Ohren eher eine schlechte Figur. Das mag Geschmackssache sein und wird sicherlich von anderen Tontechnikern ganz anders gesehen werden, fest steht für mich aber, dass der 1974 nicht in allen Bereichen klanglich vollauf überzeugt. Die haptische und technische Qualität macht indes einen sehr guten Eindruck. Das Einsatzgebiet scheint mir eher begrenzt, so wäre das Gerät für zwei Monoeinzelspuren im Mix eine klare Fehlbesetzung, weil sich nur beide Kanäle gleich einstellen lassen. Pultsumme und Bus kommen in Frage, wobei mir persönlich nicht ganz geläufig ist, wie oft diese Einsatzfelder heutzutage überhaupt auftreten. Fürs professionelle Mastering disqualifiziert sich der EQ weitgehend, weil mit einer gleichen Einstellung für beide Kanäle kein MS-Mastering möglich ist. Als Insert im Aufnahmeweg mag er theoretisch einen guten Platz finden, allerdings würde ich nur in Einzelfällen dazu raten, die Phasenverschiebungen, die so ein EQ erzeugt, gleich mit aufzunehmen. Der Preis ist für die Qualität, die geboten wird, sicherlich mehr als gerechtfertigt. Allerdings stellt sich für Kaufinteressenten die Frage, ob sich nicht Geld sparen ließe, wenn man ein gleichwertiges Vintage-Exemplar anschafft, das mit ein bisschen Glück für einen Bruchteil der Summe zu haben ist, oder, ja doch, auch ein Plugin. Das könnte, auch wenn Drawmer darauf besteht, das Gegenteil sei der Fall, je nach Anforderung einen durchaus vergleichbaren Dienst tun.

  • Pro
  • gute Verarbeitung
  • analoger Sound
  • Contra
  • Kanäle nicht getrennt regelbar
  • Features und Spezifikationen
  • analoger Stereo-Equalizer mit synchroner Regelung beider Kanäle
  • Hochpassfilter: 10–225 Hz
  • Tiefenband (Kuhschwanz oder Glockenkurve): 35–700 Hz (±12 dB)
  • 2 Mittenbänder: 55 Hz–2,1 kHz und 400 Hz–14 kHz von 0,33 bis 3,3 Oktaven (±12 dB)
  • Höhenband (Kuhschwanz): 1,2–20 kHZ (±12 dB)
  • Tiefpassfilter: 4–32 kHz
  • Hardware-Bypass
  • symmetrischer Signalweg
  • Preis: € 999,– (Straßenpreis am 5.12.2019)

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