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12.10.2018

Die Gitarre im Reggae

Reggae - Geschichte, Instrumente und Spieltechniken

Spricht man von Reggae, Ska oder Dub, dann geht es auch um Jamaika, eine Insel mit gerade einmal drei Millionen Einwohnern. Um so erstaunlicher, dass so viele Strömungen, die auch heute noch weltweit Anklang finden und die Charts prägen, von diesem kleinen Fleckchen in der Karibik stammen.

Und beim wichtigsten Vertreter, dem Reggae, handelt es sich um eine Musikrichtung, die ein komplettes Lebensgefühl vermittelt und durch Künstler wie Eric Clapton, Jimmy Page, Keith Richards, The Police, UB40, Madness oder The Clash auch den Einzug in die amerikanische und europäische Pop- und Rocktradition fand.

Wie es dazu kam und was diesen Stil so besonders macht, soll hier unser Thema sein. Und deshalb ist es wichtig, den Weg zu kennen, den die Musik des kleinen karibischen Eilands gegangen ist, bevor sie schließlich im Reggae mündete.

Die Gitarre im Reggae - Quick Facts

Woher stammt der Reggae?
Beim Reggae handelt es sich um eine relativ junge Musikrichtung, die sich auf der Karibikinsel Jamaika seit Ende der 30er Jahre aus diversen Vorformen entwickelte. Der bekannteste Protagonist des Reggae war Bob Marley.

Was sind die typischen Eigenschaften des Reggae?
Die Texte des ursprünglichen Reggae sind oft sozialkritisch und beziehen sich auf die afrikanischen Wurzeln der Jamaikaner, gesungen in Patois, eine kreolische Variante des Englischen.
Die Musik lebt vor allem von den Offbeats, also der Betonung der sonst meist unbetonten zweiten und vierten Zählzeit des 4/4 Taktes.

Welche Instrumente braucht man für Reggae?
Eine Reggae-Band besteht normalerweise aus dem Standard-Instrumentarium einer modernen Band, also Bass, einer oder mehreren E-Gitarren, Keyboards und Drums, wobei der Bass mit seinen typischen Läufen eine prägende Rolle spielt. Größere Bands verfügen häufig über einen Background-Chor und eine Bläser-Sektion.

Brauche ich für Reggae eine bestimmte Gitarre?
Nein. Zwar gelten Singlecoil-Gitarren wie Strat oder Tele als prädestiniert für den Reggae, aber auch nahezu jede andere E-Gitarre ist in der Lage, den authentischen Ton zu liefern.

Was muss man als Gitarrist beim Reggae können?
Wer Reggae auf der Gitarre spielt, der sollte rhythmussicher sein und sich in den Groove einfühlen können. Die Greifhand sollte in der Lage sein, beim Akzentuieren der kurzen, prägnanten Anschläge, auch Chucks oder Chops genannt, mitzuarbeiten. Wie das funktioniert, beschreibt unser Workshop.

Brauche ich für Reggae bestimmte Effekte?
Der Gitarrensound im Reggae wird nicht durch einen bestimmten Effekt geprägt. Sehr gerne und häufig eingesetzt wird das Wah-Pedal, gefolgt von Phaser und Echo. Ansonsten gilt: Erlaubt ist, was gefällt und zum Stil passt.

Die Geschichte des Reggae

Die meisten musikalischen Innovationen sind auf die Jahre 1937/38 zurückzudatieren, als Jamaika von ständigen Unruhen erschüttert wurde, die mit der Forderung nach Unabhängigkeit von Großbritannien zusammenhingen. Es kam zu Streiks der Zuckerbauern und schon vorher hatte sich die Rastafari-Bewegung gegründet, die den äthiopischen Kaiser Haile Selassi I. aufgrund seiner angeblichen direkten Abstammung von König David als eine Art jesusgleichen, wiedergekehrten Messias ansah. Aus Protest über ihre Kolonialherrscher trugen die Rastas die Dreadlock-Haartracht, die entfernt an die Frisuren der Mau-Mau-Freiheitskämpfer auf Kenia oder die der indischen Sadhus erinnert. Letztere waren wohl auch dafür verantwortlich, dass der Genuss von Curry, aber auch von Ganja, also Cannabis, auf Jamaika populär wurde. Generell ist im Rastafari-Kult ein starker Einfluss der indischen Kultur auszumachen.

Der Mento, die erste jamaikanische Musikform

Die erste eigene Musikrichtung entstand zu diesem Zeitpunkt und war eine Mischung aus folkloristischen Tänzen und Musik, die von außerhalb Jamaikas importiert wurde, wie z.B. dem Calypso aus Trinidad und weiteren afrikanischen Einflüssen. Dieser erste Stil, Mento genannt, wurde mit der typischen Besetzung aus Banjo, Handtrommel, Gitarre und Rumbabox gespielt, verlor jedoch gegen Ende des 2. Weltkrieges an Bedeutung, als der Sound amerikanischer Big Bands nach Jamaika schwappte.

Berühmte Künstler dieser Bewegung waren z.B. Count Lasher oder Laurel Aitken

Das Soundsystem, die jamaikanische Disco

Soundsystems waren quasi transportable Discos, die amerikanischen R&B zum Besten gaben, bestehend aus unzähligen Speakern. Der namenhafteste "Operator" dieser Systeme war damals Tom "The Great" Sebastian, dessen Kollege Count Machuki über die gespielten Songs "chattete" und damit quasi die Vorform des Raps erfand. Generell begannen einige Sänger die Stücke mit Sprechgesang über aktuelle Themen zu erweitern, was man heute noch als "toasting" kennt. Bekannte Soundsystem-Operators waren z.B. Prince Buster, Duke Reid oder Clement Seymour "Coxsone" Dodd.

Der Ska

Coxsone Dodd empfand die rock- und vor allem Blues-beeinflussten Platten aus den Staaten ab einem gewissen Zeitpunkt als zu eintönig und wollte etwas Neues erschaffen, was zwar auch schwarze Wurzeln trägt, aber etwas genuin Jamaikanisches darstellt. Darauf gründete er seine eigene Band mit dem Gitarristen Ernest Ranglin, der z.B. auch das Arrangement von "My Boy Lollipop" schrieb. Das Resultat war eine Musik mit Shuffle-Boogie-Rhythmus, die durch eine starke Betonung der Offbeats auffiel. Der Ska war geboren, wobei es ursprünglich eigentlich das Bestreben der Musiker war, den Sound der 50er Jahre Westernfilme zu imitieren. Der Name Ska geht dabei lautmalerisch auf den Sound der kurzen Offbeat-Gitarren zurück. Der erste große Hit war "Silky", der gleichzeitig zum Soundtrack der 1962 gewonnenen Unabhängigkeit von Jamaika wurde. Im Kreis um Coxsone und sein Label "Studio One" entstanden auch erste Zusammenarbeiten mit Jacky Mitoo oder auch Robert Nesta (Bob) Marley. Letztendlich begann ab diesem Zeitpunkt ein Ska-Siegeszug, der zwar seine Höhen und Tiefen hatte, aber nie an Aktualität verloren hat.

Die Tanzform des Ska wurde übrigens "Skanking" genannt, ein Wort, das in einigen Reggae-Songs noch zu finden ist. Bereits der Ska stellte die erste Verbindung zu Europa her, vornehmlich Großbritannien, da viele Jungendliche, insbesondere die "Mods", großen Gefallen an dieser Musik fanden und das englische Plattenlabel "Bluebeat" zur Verbreitung der Richtung beitrug.

Berühmte Ska-Künstler waren die Skatalites, Laurel Aitken, Prince Buster oder Desmond Dekker

Rocksteady - die Weiterentwicklung des Ska

Ab 1966 kam es zu leichten rhythmischen Abwandlungen des Ska. Die Bassline wurde etwas offener gestaltet, bestand aus kürzeren Pattern und wurde markanter. Häufig fand auch eine gemutete Bassdopplung mit der E-Gitarre statt. Auch das Tempo wurde reduziert, Gerüchten zufolge aufgrund des heißen Sommers 1966, der schnelle Tanzbewegungen unmöglich machte und aufgrund der aufkommenden Aggression der "Rude Boys" (jamaikanische Jugendliche, die einen speziellen Kleidungsstil mit weißen Hemden und Hüten trugen und vorwiegend dem Arbeitermilieu entstammten). Wahrscheinlicher ist jedoch, dass man versuchte, dem Ska eine langsamere Musikrichtung entgegenzusetzen Die Heptones gelten zu den bekanntesten Vokal-Formationen des Genres, sowie Prince Buster, The Ethiopians oder Derrick Morgan mit dem ersten Rocksteady Hit "Tougher than tough"

Der Reggae

1968 wurde von den "Maytals" die Single "Do the Reggay" releast, die als erster Titel, den Namen "Reggae" in sich trägt. Woher der Name rührt, ist bis heute unklar. Manche führen ihn auf das Wort "ragged" (zerfetzt) andere auf das Wort "streggae" (Slang Wort für Prostituierte) zurück, wohingegen Bob Marley die Ableitung des Wortes "rex" (=König) darinnen sieht.

Anfang der siebziger Jahre wurde der Einfluss der Rastafari-Religion wieder größer und auch aufgrund innerer sozialer Konflikte bekamen politische Themen und die Kritik am Westen mehr Bedeutung, die sich in Symbolbegriffen wie "Babylon" für die Ausbeutung durch die Weltmächte äußert. Die zusätzliche Verherrlichung des Marihuana-Konsums schien ebenfalls in den weltumspannenden Zeitgeist zu passen. 1973 wurde mit Bob (Robert Nesta) Marley und seinem erstem Album "Catch a fire" auch ein Künstler gefunden, der dieses Image des rebellischen, kritischen Künstlers auch gut verkörperte. Sein Look, seine Texte und natürlich seine außergewöhnlichen Musikalität ließen ihn zur Ikone des Genres aufsteigen, er verkaufte sich gut und es gelang ihm sogar, den internationalen Rockmarkt zu erobern. Durch die jamaikanisch-englische Plattenfirma um Chris Blackwell, Island Records, bekam schnell die ganze Welt Wind von der neuen Musik, die ab den 70ern als "Roots Reggae" gefeiert wurde. Auch wenn direkt auf Jamaika andere Künstler wie z.B. Jimmy Cliff, The Gladiators, Lee Scratch Perry, The Abyssinians, Black Uhuru, Burning Spear u.v.m. ähnliche Aufmerksam bekamen wie Marley, gilt er international als die primäre Symbolfigur des Reggae.

Stilistisch zeigte sich Reggae wesentlich offener, aber auch rauer als die Vorgängerstile. Neue Instrumentalparts wurden von Musikern wie Jackie Mitoo am Keyboard, Peter Tosh oder Bunny Livingston etabliert, und die Bandbreite der Tempi gestaltetet sich wesentlich flexibler als im Rocksteady. Vor allem im Roots-Reggae war der Einfluss von bluesigeren Gitarrenparts und der Einsatz von Effekten wesentlich weiter verbreitet. Auch rhythmisch erhielten die Gitarren im Gegensatz zur Akzentuierung der +-Zählzeit des Rocksteady oder Ska eher eine 2 und 4 Betonung, schreibt man beide Stilrichtungen in common time auf.

Der Dub

Unter Dub versteht man zum einen instrumentale B-Saiten von jamaikanischen Single-Auskoppelungen, aber auch eine Produktionsweise bzw. Remix-Technik, bei der die Soundvariationen primär in der Postproduktion entstehen. Ursprünglich geht der Name auf das Wort "to double" zurück, da in den 50er Jahren sogenannte "Dubplates", also Kopien von Sound-System-Schallplatten erstellt wurden. Die Aufnahme wurde gerne mit Effekten belegt und einzelne Spuren des Originalrecordings werden ein- oder ausgeblendet, wobei es primär um die Reduktion des Originalmaterials geht.

Wichtige Vertreter sind Lee Scratch Perry oder Mad Professor.

Ab hier geht der Weg über zig Stilvariationen und Vermischung mit Hip-Hop von Dancehall über Ragga bis hin zu europäischen Stilen wie British Ska und New Wave, die alle das musikalische Erscheinungsbild ab den 70er Jahren geprägt haben.

Die Reggae-Gitarristen

Viele Backingbands und deren Musiker stehen allzu oft im Schatten der wesentlich bekannteren Künstler und erhalten selten die verdiente Beachtung, drum seien an dieser Stelle einige Gitarristen genannt, ohne die der Reggae vermutlich anders klingen würde und die zum Recherchieren einladen sollen:

Ernest Ranglin, Earl "Chinna" Smith, Lynn Taitt, Peter Tosh, Al Anderson, Junior Marvin, Lynford "Hux" Brown, Eric Frater, Stephen "Cat" Coore und viele mehr.

Der Reggae-Workshop

1. Stilelemente und Begriffe

Kommen wir nun zu den ganz typischen Ausdrücken, Stilelementen und Grooves, die den Reggae charakterisieren.
Zur Notation sei gesagt, dass die Meinungen darüber auseinandergehen, ob Reggae in Half- oder Commontime notiert wird, sprich, ob die klassischen Reggae Offbeats die + Zählzeiten oder die 2 und 4 Zählzeiten markieren. Reggae kann übrigens sowohl in binärer als auch in geshuffelter Form stattfinden!

a) Riddim

Unter "Riddims" versteht man unter anderem beliebte Reggae-Titel, die im Stile der modernen Kontrafaktur als Basis für neue Songs benutzt werden. Hier werden über die Harmonien und das Backing eines bereits existierenden Songs neue Gesangslinien oder Texte geschrieben, ähnlich wie das mit der Blues- oder Rhythm-Changes-Form stattfindet. Bekannte Riddims sind z.B. African Beat, Crystal Woman, Real Rock, Punanny und viele andere.
Routinierte Reggae-Backingmusiker verfügen dabei über ein enormes Repertoire und können viele dieser Riddims auf Zuruf spielen.

b) Drums

Einzelinstrumentale Bausteine dieser Gattung sind zum einen typische Schlagzeuggrooves, wie z.B. der "One Drop", bei dem die Bassdrum und die Snare auf 2 und 4 gespielt werden und manchmal die Achtel auf der HiHat leise aufgefüllt werden:

Ein weiterer, sehr verbreiteter Groove ist der "Stepper" oder "Straight Four". Dabei spielt die Bassdrum die Viertel durch und die Snare spielt die 2 und 4:

Alternativ gibt es auch die "Rockers"-Grooves, die einem Rock-Backbeat sehr ähneln, die Bass-Drum auf 1 und evtl. auch 3 und die Snare auf der 2 besitzen. Häufig findet man diese Grooves in Rub-a-dub-Styles.

Typische Ska-Rhythmen klingen folgendermaßen:

c) Keyboard

Auch das Keyboard übernimmt, ähnlich der Gitarre, die Offbeats, meist mit einem Orgel- oder Pianosound, füllt aber gelegentlich die 16tel Offbeats auch mit einem Orgelsound auf, der meist im unteren Register mit Vibrato gespielt wird, und für die sogenannten "Bubbles" verantwortlich zeichnet.

2. Equipment

Auch wenn man heutzutage Reggae-Musiker mit allen erdenklichen Gitarrenmodellen sieht, so herrschte in der Anfangszeit des Roots-Reggae doch eine starke Dominanz von Fender Telecaster- und Stratocaster-Modellen, aber auch Gibson Les Pauls (auch mit P90 Pickups) und SGs. Gerade der knackige Sound der Telecaster scheint den Offbeats eine besondere Durchsetzungsfähigkeit zu verleihen.

An Amps findet man Modelle, die primär auch bei hohen Lautstärken clean bleiben konnten, wie z.B. den Roland Jazz Chorus, den Fender Twin, aber auch den Vox AC30.

Auf den Einsatz von Effekten gehe ich in Punkt 5 noch genauer ein, aber so viel sei gesagt: Mit einem Wah-Wah, Phaser, einem tap-baren Delay und evtl. einem Overdrive-Pedal seid ihr für alles gewappnet.

3. Offbeats: Chucks und Chops

Das typischste Gitarren-Stilelement sind sicherlich die Offbeats, die einen ganz bestimmten Sound haben sollten. Meistens finden Akkorde in Form von Dur- oder Molldreiklängen statt, die, je nach musikalischem Kontext, entweder als volle Barréakkorde oder aber als verkürzte Akkorde auf den höchsten vier Saiten gespielt werden.

Hier findet ihr die gängigen Voicings in verkürzter Form auf den höchsten drei Saiten in Dur und Moll:

Und auf einem mittleren Saitenset in Dur und Moll:

Selbstverständlich könnt ihr die Voicings auch kombinieren und vier oder mehr Saiten benutzen. Nun zu ein paar Begleitrhythmen. Auch wenn oft kolportiert wird, dass im Reggae alles "laid back" sein soll, so mag das auf die Bassline vielleicht zutreffen, allerdings nicht auf die Gitarren-Offs, denn hier gilt es ziemlich stark, knackig "on the beat" zu spielen!

Gestaltet die Offbeats sehr kurz - manchmal reicht es sogar aus, den Akkord nur ganz leicht herunterzudrücken, sodass er zwar erkennbar ist, aber nahezu gemutet klingt. Versucht die Dauer des Akkordes sowohl mit der Anschlagshand als auch vor allem durch die Greifhand zu definieren, die ihr nach dem Attack sofort wieder hochhebt und locker auf dem Akkord liegen lasst. Probiert auch aus, ob ihr mit einem Downstroke oder Upstroke eher zum gewünschten Ergebnis kommt. Ich persönlich spiele bei Roots-Reggaegrooves bevorzugt Downstrokes.

Versucht, die schweren Zählzeiten sehr deutlich zu empfinden und begreift euren Offbeat als einen vorgezogenen Downbeat. Wenn ihr wollt, könnt ihr die Downbeats sogar in Form von Ghost-Notes gedämpft mit anschlagen, um zu Beginn eine höhere rhythmische Stabilität zu erhalten.

Mein Anspieltipp für Offbeats ist die Studioversion von Bob Marleys "Stir it up", bei der ihr die Rhythmusgitarre mal vollkommen isoliert hört und einen guten Eindruck vom Gitarrensound bekommt.

Hier ein Standardgroove mit einfachen Offbeats:

Aus den Achtel-Offbeats können natürlich auch gedoppelte Offbeats werden, wenn man zwei 16tel daraus macht:

Auch sehr beliebt ist eine Mischung aus beiden Möglichkeiten, diesmal über einen Stepper:

Beim Ska oder Rocksteady findet prinzipiell die gleiche Rhythmik statt, nur dass diesmal alles in Common-Time, sprich doppelter Geschwindigkeit stattfinden muss und wir uns anschlagstechnisch etwas anderes einfallen lassen müssen. In diesem Fall würde ich die Offbeats mit Upstrokes spielen und die Downbeats als ganz kurze Ghostnote mit anschlagen, d.h., "fühlt" die Downbeats, aber spielt die Offbeats!

4. Gedoppelte Basslines

Der Bass spielt beim Reggae eine sehr tragende Rolle und über die Bassline wird letztendlich der Riddim identifiziert. Erst als nächste Instanz treten die Harmonien in Funktion.

Daher macht es auch Sinn, als Gitarrist nicht nur Offbeats zu spielen, sondern auch gelegentlich die Bassline zu doppeln. Hat man zwei Gitarristen in der Band, so kann man die Parts auch aufteilen: Einer übernimmt die Bassline, ein anderer die "Chucks". Spieltechnisch werden diese Parts oft abgedämpft gespielt, aber dennoch hart angeschlagen.

Hier findet ihr eine gedoppelte Bassline im Shuffle-Groove:

Oder hier eine straighte Durvariante über einem Stepper:

5. Sounds und Effekte

Reggae bietet für uns Gitarristen auch ein breites Feld, in dem wir uns mit bestimmten Effekten austoben können.

a) Wah Wah

Sehr gerne kommt z.B. das Wah-Pedal zum Einsatz, mit dem sowohl die Offbeats als auch Melodieparts und Soli garniert werden können, wie man es z.B. bei Bob Marley gut hören kann. Auch Auto-Wahs bzw. Envelope-Filter können sehr authentische Sounds generieren.
Benutzt ihr ein Wah-Pedal, so versucht zum Offbeat hin aufzumachen und das Pedal zwischen den Attacks zu schließen:

Bei gedoppelten Offbeats könnt ihr die zweite, evtl. auch die vierte 16tel in der Heel-Downposition spielen und die +Zählzeit in der Toe-Down-Position spielen, damit imitiert ihr im Prinzip die Keyboard-Bubble-Figur.

Hier ein Beispiel über einen Rockers/Rub-dub-Groove:

b) Phaser

Auch Phasersounds können sehr geschmackvoll wirken, wie man z.B. auf dem Soundtrack von "Prisoners in the Street" von Third World (z.B. der Song "Street Fighting") oder auch bei Bands wie Israel Vibration hören kann. Insbesondere der Sound des MXR Script Phasers kann den typischen Sound sehr gut reproduzieren.

c) Delay

Die Dub-Richtung bereicherte die Reggaeszenen nicht nur mit neuen Remixes, sondern auch mit dem Unterlegen diverser Effekte.

Ein Sound, der mit Dub ganz besonders assoziiert wird, ist ein triolisch bzw. punktiert getimtes Delay, das vorzugsweise von einem Bandecho (Tape-Delay) stammt. Zu diesem Zweck empfehle ich euch ein Delay-Pedal mit Tap-Funktion, in das ihr das Tempo per Fuß eingeben könnt. Außerdem sollte es über die Möglichkeit verfügen, das Echo weiterklingen zu lassen, nachdem ihr den Effekt ausgeschaltet habt. Diese Funktion wird normalerweise als Spillover oder Trails bezeichnet.

Nun könnt ihr Offbeats spielen und dann ab und zu das Delay aktivieren, das dann über eure weiterlaufenden Offbeats klingt. Dieser Trick funktioniert am Besten, wenn man den Folgeakkord, den man ver-"dubben" will, vorzieht und gleichzeitig das Delay an- und zur nächsten 1 wieder ausschaltet.

Ebenfalls sehr wirkungsvoll ist es, in bestimmten "Dub"-Parts einfach ein paar Sounds und Flächen zu schaffen und die Offbeats wegzulassen. Hier habt ihr vollkommen freie Hand und könnt euch alle obigen Effekte zuhilfe nehmen, ganz wie ihr wollt.

d) Overdrive Gitarren

In frühen Reggae-Aufnahmen ist der Gebrauch von Verzerrern und sogar das Spielen von Gitarrensoli kaum vorhanden. Durch Bob Marley und seinen Gitarristen Peter Tosh kamen jedoch auch viele bluesige Einflüsse der britischen Rocker wie den Rolling Stones in das Reggae-Genre. Frühe Reggae-Soli hatten eher "Fill"- Charakter und wurden mit Wah und einem leichten Overdrive-Ton gespielt.

Mittlerweile findet man bei Bands wie Morgan Heritage oder Steel Pulse sehr viele rockige Elemente.

6. Typische Breaks im Reggae

Spielt man in einer Reggae-Band, so muss man natürlich auch die ganzen "Kommandos" der Frontsänger verstehen, die das Arrangement des Songs mit seinen bestimmten Breaks quasi dirigieren. Hier sind einige davon, auf die man live immer vorbereitet sein sollte.

a) "Pull up", "Rewind"

Dieses Kommando kommt aus den Dancehalls und soll das Zurückdrehen der Schallplatte und den Neubeginn des Songs markieren. Meistens ist der Ablauf so, dass der Song begonnen wird und nach ein paar Takten der Sänger "Pull up" ruft. Die Musiker imitieren nun den Sound, den eine gegen den Uhrzeigersinn gedrehte Platte machen würde, und beginnen den Song nach z.B. einem kurzen Drum- oder Timbales-Fill von vorne.

b) "Riddim", "Dubwise", "Drop the Bass", "Drum and Bass"

Mit diesen Aufrufen signalisiert der Sänger, dass entweder nur Bass und Drums (Dubwise, Drop the Bass, Drum and Bass) spielen sollen, oder eben nur Keys und Gitarre (Riddim). Auch diese Sounds entstammen der Dub-Remix-Kultur, wo man mithilfe der Fader live einzelne Spuren hinein- oder herausnehmen konnte.

c) Mix

"Mix" bezeichnet eine Reihe von Break-Möglichkeiten, die von der kompletten Band unisono gespielt werden sollte und häufig der Intensivierung und Steigerung des Songs dienen. Der Gesang, bzw. das "Toasting", läuft über die Mix-Breaks natürlich weiter.

Zum einen gibt es den am weitesten verbreiteten "Dancehall"-Mix, der im Prinzip eine halbe Clave ist:

Alternativ gibt es den sogenannten "Old School Mix":

Damit sind wir am Ende unseres jamaikanischen Klassenausflugs gelandet, aber eine wichtige Anmerkung sei noch gemacht: Ganz egal, wie stark man die Elemente eines Genres theoretisch erklären und analysieren kann, die Stilechtheit wird in erster Linie über das "Feel" und den Sound definiert und damit auch über diverse Feinheiten, die nicht im Notenbild oder Text wiedergegeben werden können. Aus diesem Grund kann kein Workshop das Studieren und Anhören der alten Aufnahmen ersetzen und man sollte sich erst dann zufriedengeben, wenn man das Gefühl hat, den Sound auch auf einer tieferen Ebene verstanden zu haben. In diesem Sinne wünsche ich euch gutes Gelingen!

Vielen Dank auch an Matthias Falkenau und Jahcoustix für weiterführende Informationen!

Hier findet ihr noch ein paar Anspieltipps:

Internationale Künstler:

  • Bob Marley
  • Peter Tosh
  • Jimmy Cliff
  • The Gladiators
  • Burning Spear
  • Steel Pulse
  • Lee Perry
  • Alpha Blondy
  • Groundation

Deutsche Reggae-Artists:

  • Gentleman
  • Seed
  • Jahcoustix
  • Mellow Mark
  • Martin Jondo
  • Jamaram
  • Sebastian Sturm
  • Patrice

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