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09.10.2020

Corona-Hygiene für Mikrofone planen und umsetzen

Schutzmöglichkeiten und Mikrofon-Reinigung-/Desinfektion

Virusübertragungen vermeiden

Ein möglicher Übertragungsweg für Viren wie das Covid-19-Coronavirus sind Mikrofone – und Mikrofone gibt es nicht nur auf den momentan nahezu verwaisten Live-Bühnen, sondern auch in diversen Studios, bei EB-Teams und im Homerecording. Besonders Sprechermikros, Gesangsmikrofone, Reportagemikrofone und Lavaliermikros stehen im Fokus vieler Sicherheitsüberlegungen in der Tontechnik. Wir wollen hier Wege und Möglichkeiten aufzeigen, das Corona-Infektionsrisiko deutlich zu verringern. Dazu gehört nicht nur die "virensichere" Reinigung des Mikrofons selbst, sondern ein paar Dinge mehr. 

Achtung:

  • Die hier übermittelte Information ist keine offizielle Vorgabe für Verhalten, Tätigkeiten oder Hilfsmittel, wir können dafür keinerlei Garantie oder Haftung übernehmen.
  • Die Kenntnis über die Eigenschaft des Virus wird stetig größer. Das Wissen um Möglichkeiten von Hygienemaßnahmen und ihren Auswirkungen sind dadurch einem stetigen Wandel unterlegen.

Corona-Infektion über Mikrofone

Nach aktuellem Kenntnisstand übertragt sich das behüllte Corona-Virus, wenn es noch feucht genug in den Körper eines Wirts gelangen kann. Dies geschieht über Tröpfchen, die infizierte Personen ausgesondert haben, sogar winzige, die beim Atmen entstehen. Die Eintrittsmöglichkeiten sind vor allem Mund, Nase und Augen.

Bitte nie vergessen: Symptomfreiheit bedeutet nicht, dass man nicht ansteckend ist! Nicht abschließend bekannt ist, wie lange Viren stark infektiös bleiben, besonders in sehr feinem Nebel in der Luft und auf unterschiedlichen Oberflächen. Bekannt ist in jedem Fall, dass die Viren auch eine zeitlang auf Oberflächen aktiv bleiben können. Wie lange das unter Realbedingungen tatsächlich ist und wie die hoch Gefährlichkeit in Bezug auf Zeitraum und Infektiosität ist, ist nicht genau bekannt. Die größte Gefahr geht nach aktuellem Kenntnisstand von Aerosolen aus, die sich beim Sprechen und Singen im Raum verteilen und eingeatmet werden. Die Ansteckung über Oberflächen wird heute geringer eingeschätzt als zu Anfang der Pandemie. 

(Update 12.10.2020) Achtung: Eine aktuelle Studie legt nah, dass das Virus bei guten Bedingungen bis zu vier Wochen auf manchen Oberflächen überleben und infektiös sein kann! Besonders glatte Oberflächen aus Metall, Glas und manchen Kunststoffen betrifft dies. 

Dennoch liegt hier ein Problem: Mikrofone können Viren für einen gewissen Zeitraum beherbergen und weitergeben. Das gilt besonders für die Teile, mit denen verschiedene Menschen in Berührung kommen können. Zunächst fällt natürlich der Mikrofonkorb ins Auge, den manche Personen beim Sprechen oder Singen ja sogar mit den Lippen berühren. In jedem Fall kann dort Spucke landen, aber auch die ausgeatmete Luft ist feucht und kann an kühleren Materialien kondensieren. Das kann auch weiter innen geschehen, an der verbauten Metallgaze oder dem Schaumstoff im Mikrofon. Es ist denkbar, dass sich Tröpchen bilden, die ihren Weg wieder nach draußen finden und gemeinsam mit dem Virus auf den nächsten Wirt treffen. Natürlich sind auch Windschutze und Poppfilter ganz besonders geeignete Weiterverbreiter von Viren.

Und nicht nur der Korpus eines Handheld-Mikrofons wird angefasst, sondern alle Teile eines jeden Mikrofons. Das gilt auch für Mikrofonstative, Schwanenhälse und Kabel sowie das Zubehör: Personal Monitoring, Kopfhörer, Manuskript-/Notenständer und dergleichen können ebenfalls berührt werden und sind eine potenzielle Übertragungsmöglichkeit.

Generelle Schutzmöglichkeiten im Umgang mit Mikrofonen

Der Mensch und sein Umfeld

Die klassischen Hygienemaßnahmen sollte wirklich jeder verinnerlicht haben. Häufiges, richtiges und ausreichend langes Händewaschen, das Tragen einer Maske, Niesen und Husten in die Armbeuge (mit anschließendem Händewaschen), Abstandhalten und Vorsicht bei Essen und Trinken, die Hände aus dem Gesicht lassen: Das sind Dinge, die wohl jeder kennt und befolgt. Im Laufe des Jahres ist klar geworden, dass regelmäßiges und durchdachtes Lüften ein sehr effektives Tool ist, um die Verbreitung des Virus deutlich zu verringern.

Organisatorische Möglichkeiten der Infektionsvermeidung

Es ist selbst für kleine Betriebe und Homestudios mit kleiner Personenfluktuation sinnvoll, einen spezifischen Hygieneplan aufzustellen. Damit kann geplant werden, wann wo welches Material zum Einsatz kommt. Dadurch sind dann Material-Ruhezeiten planbar, bei die Verwendung dokumentiert wird. Bei manchem Equipment kann es sogar sinnvoll sein, größere Stückzahlen bereitzuhalten: Eine häufige Reinigung kann Lebensdauern verringern, da ist es auf lange Sicht eventuell preiswerter und sicherer, Wechselmaterial anzuschaffen. Das gilt sicher nicht für teure Mikrofone, doch gibt es Austausch-Mikrofonkörbe wie für das Shure SM58 für erstaunlich wenig Geld. Eine derartige Hygieneplanung lässt sich in Unternehmen mit Publikumskontakt sicher auch mit dem Gesundheitsamt abstimmen. In jedem Fall sollte sich jeder vorab ausreichend selbst informieren und mit der Planung beginnen: Die Ämter haben aktuell teilweise eine enorm hohe Auslastung. Immer sinnvoll ist es, alle Daten von Personen zu sammeln, um im Zweifel bei der Verfolgung der Infektionskette Hilfe beisteuern zu können. Und egal wie gut und durchdacht die Planung auch ist: Es gelten immer die offiziellen Vorgaben zum Infektionsschutz.

Bei Abwägungen über die Kosten gesteigerter Hygienemaßnahmen darf man nie finanzielle oder organisatorische Aspekte über gesundheitliche stellen!

Mikrofone und Nutzer passiv schützen

Eine Möglichkeit, ein Mikrofon vor der Kontamination mit Viren zu schützen, ist tatsächlich, eine Plastiktüte über dem Mikrofon zu benutzen. Das funktioniert für Außenaufnahmen in der Berichterstattung ganz ordentlich, ist aber natürlich dort keine Option, wo eine höchstmögliche Klangqualität im Vordergrund steht.

Ein Mikrofon selbst lässt sich im Studio mit Poppschutz und im Außenbereich mit Windschutz oder sogar Windjammer schützen. Nur ist dann natürlich dieses Objekt in der Schusslinie. Hier hilft nur, diese bei jedem Sprecher oder Sänger zu wechseln und anschließend hygienisch aufzubereiten. Ein Poppschutzeinsatz wie der Håkan P110 oder auch einer aus Metall wie der Aspen Pittman PFM+ sind schlicht und einfach in Seifenlauge waschbar und können daraufhin durchtrocknen. Ein herkömmlicher Gewebewindschutz ist meistens mit dem Ring verklebt, hier besteht die Problematik der korrekten Trocknung. Ein Metallpoppschutz kann bezüglich seiner klanglichen Eigenschaften oft etwas weniger überzeugen als ein klassischer, ist aber leichter zu reinigen. Gleichzeitig bietet er aber auch nicht so einen guten Spuckschutz.

Mikrofone aktiv reinigen – Möglichkeiten

Es gibt mehrere Vorgehensweisen, um Materialien von Viren zu befreien oder zumindest deren Anzahl stark zu verringern:

Mechanische Reinigung

Mechanisch kann man dem Virus nicht beikommen.

Chemische Reinigung

Mit chemischen Mitteln lässt sich bei der Verwendung geeigneter Materialien und korrekter, penibler Anwendung die Infektionsgefahr sehr drastisch verringern. Zu den chemischen Mitteln zählen Seifen und Reinigungs- und Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis. Hier ist darauf zu achten, ob die Konzentration hoch genug ist und das Mittel gegen behüllte Viren wirkt.

Es gibt auch spezielle Mikrofonreiniger, die die gleichen Inhaltsstoffe bieten wie Desinfektionsmittel, zum Beispiel den Thomann Microphone Cleaner (Link zum Thomann-Shop).

Thermische Reinigung

Hitze kann organisches Material zerstören, also auch Viren. Es gibt Empfehlungen wie „60 Minuten bei 60 Grad“ oder „90 Minuten bei 75 Grad“, um den Coronaviren den Garaus zu machen. Aktuelle Untersuchungen legen aber nah, dass die Temperatur deutlich höher sein muss. „90 Minuten bei 90 Grad“ – und das ist für Elektroniken und auch die empfindlichen Membranen, viele Dichtungen und sonstige Materialien leider deutlich zu viel.

Optische Reinigung

Eine weitere verlässliche Möglichkeit, Viren abzutöten, ist ein bestimmtes ultraviolettes Licht. Die elektromagnetische Strahlung UV wird weiter in Spektren klassifiziert, und nur die UV-C-Strahlung (Wellenlänge von 100-280 nm) ist in der Lage, zuverlässig Viren und andere Bakterien und Viren zu töten. Das funktioniert recht zuverlässig, wie die Praxis schon vor der Pandemie gezeigt hat. So werden beispielsweise in Wasserwerken UV-Lichtquellen zur Desinfektion verwendet, in den Medien werden aktuell auch Bilder von UV-Robotern gezeigt, die Kliniken desinfizieren und sogar von Hallen, in denen ganze Busse bestrahlt werden. Für Kleinmaterial wie Mikrofone gibt es entsprechende Kisten, in die zu reinigende Gerätschaften hineingelegt werden. Bestrahlung mit UV-C ist für den Menschen aber gefährlich: So warnt das Bundesamt für Strahlungssicherheit, BfS, dass UV-C extrem gefährlich für Augen und Haut ist, besonders auch für das Erbgut.

Nicht vergessen sollte man, dass eine häufige chemische, thermische und optische Behandlung bei vielen Werkstoffen eine frühzeitige Alterung zur Folge hat. Das führt inhaltlich zu einer weiteren Möglichkeit:

„Zeitreinigung“

Man kann es auch „Mikrofonquarantäne“ oder „Teilequarantäne“ nennen: Sieben Tage sind nach heutigem Kenntnisstand absolut ausreichend, um Viren verhungern zu lassen. Es ist sinnvoll, dabei Feuchtigkeit zu entziehen, wie es diese kleinen Silikatpäckchen tun, die so gut wie allen Lieferungen von Elektronik beiliegen.

Bitte beachten: Die Überlebensdauer auf Oberflächen wurde einer Studie nach als zu kurz eingeschätzt. Bitte laufend Informationen aktualisieren und im lieber etwas zu vorsichtig als zu wenig umsichtig handeln!

Mikrofone aktiv reinigen – Vorgehensweise

Achtung:

Die hier beschriebene Vorgehensweise kann immer nur ein Ansatz zum Reinigen sein. Nicht alle Mikrofone vertragen die verschiedenen Reinigungen gleich gut, in den Manuals ist im Regelfall nur das Abwischen mit einem „feuchten Tuch“ empfohlen. Andere Behandlung und vor allem das Öffnen lassen üblicherweise Garantie und Gewährleistung erlöschen. Ein Mikrofon könnte vorzeitig altern, im schlimmsten Fall sogar Schaden nehmen. Bitte also immer auch nach Informationen des Herstellers suchen, diesen im Zweifel kontaktieren und mit Vorsicht und Verstand handeln!

Wer zu seinem spezifischen Mikrofon keine Informationen findet, kann sich an ähnlichen Mikrofontypen orientieren. Doch Vorsicht: Bei Materialien, Dichtungen und dergleichen unterscheidet sich hochwertige oft von preiswerter Ware.


Auch sich selbst muss man schützen! Zum Reinigen gehört also Vorsicht (Finger aus dem Gesicht!), Mundschutz, Handschuhe und Brille sind zumindest nicht verkehrt.

– Überlegen, welche Teile Virenträger sein könnten. Dass noch die innerste Gazeschicht eines mit Poppschutz genutzten Studiomikrofons Viren beheimatet und von dort aus Menschen infiziert, ist recht unwahrscheinlich. Und natürlich auch andere mögliche Übertrager bedenken, die vorhin genannt wurden (Stative etc.).

– Bei manchen Mikrofonen kann man den Korb/Grill abbauen und Schaumstoffe und Gazen entfernen. Beim Shure SM58 etwa ist das ein Leichtes, bei Sennheiser MD421 und ein Beyerdnamic M88 etwa ist der Aufwand enorm (und nervig!). Hier empfiehlt sich bei Reinigung mit Flüssigkeiten, das Mikro über Kopf und mit geringen Mengen zu besprühen, um sicherzustellen, dass nichts an Kapsel oder Elektronik gelangt.

Im Idealfall werden Materialien zunächst mit lauwarmem Seifenwasser gereinigt, dann mit desinfizierenden Mitteln behandelt, viele werden sich jedoch mit einer von den beiden Lösungen zufrieden geben. Seife kann die Hülle des Virus förmlich auseinander reißen und es somit zerstören. Auch hier gilt, dass das nicht innerhalb von Sekunden geschieht. Damit auch wirklich jede Materialecke erreicht werden kann, ist es ratsam, die jeweiligen Bauteile einzeln mehrere Minuten zu schwenken, Zwischenräume von Gittern zu bürsten und Schaumstoffe zu wringen. Um zu verhindern, dass Seifenstücke zurückbleiben, muss feste Seife komplett aufgelöst sein.

Im Prä-Corona-Artikel Mikrofone reinigen wird übrigens ebenfalls gezeigt, wie man Mikrofongrills reinigt.

Wenn es der Hersteller zulässt, kann eine Wärmebehandlung erfolgen, allerdings ist dies in jedem Fall dem Material abträglich, selbst bei einer Stunde im Backofen bei 60 Grad. Manche einzelnen Materialien, Schaumstoffeinsätze, vor allem aber Gitter und andere Metallteile, vertragen Hitze zwar recht gut, lassen sich aber auch anders ausreichend gut reinigen. In solchen Fällen kann auch ein Föhn eingesetzt werden, auch wenn er im Wesentlichen nur die Trocknung beschleunigt.

Steht ein UV-Gerät zur Verfügung, welches in Spektrum und Leistung ausreichend für die Zerstörung von behüllten Viren geeignet ist, können dort Mikrofone behandelt werden. Es ist auch hier sinnvoll, so weit wie möglich auseinander zu bauen und die empfindlichsten und teuersten Teile nicht oder nur nach Absprache mit dem Hersteller zu behandeln. Die eigentliche Bedienung von UV-Boxen ist recht einfach: Das zu reinigende Material wird hineingelegt, die Kiste wird verschlossen und für die gewünschte Zeit betrieben. Wie lang diese ist, hängt vor allem von der Leistung der Lichtquelle ab. Es gibt auch einen speziell für Mikrofone hergestellten UV-Sanitizer, den Micker Pro UVS-01.

Mikrofonhygiene – Checkliste

  • generelle Hygienevorschriften befolgen
  • Planen und Dokumentieren
  • Personen im Umgang mit dem Material instruieren
  • wenn möglich, mehrere Hygienemaßnahmen kombinieren
  • Hygienemaßnahmen nach jedem (!) Personenwechsel durchführen
  • nach Herstellerinformationen zu den spezifischen Eigenschaften suchen
  • Hygienebehandlungen immer ausführlich und gewissenhaft erledigen

Quellen und weitere Informationen:

WHO – Q&A zu Reinigung und Desinfektion von Materialien in Bezug auf das Covid-19-Virus www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/question-and-answers-hub/q-a-detail/q-a-considerations-for-the-cleaning-and-disinfection-of-environmental-surfaces-in-the-context-of-covid-19-in-non-health-care-settings

Bundesinstitut für Risikobewertung – Übertragung über Lebensmittel und Gegenstände www.bfr.bund.de/de/kann_das_neuartige_coronavirus_ueber_lebensmittel_und_gegenstaende_uebertragen_werden_-244062.html

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin – Umgang mit Covid-19 am Arbeitsplatz www.baua.de/DE/Themen/Arbeitsgestaltung-im-Betrieb/Coronavirus/Coronavirus_node.html

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufkllärung – Hygienetipps www.infektionsschutz.de/hygienetipps.html

European Centre for Disease Prevention and Control – Online Microlearning-Kurse, u.a. zu nichtpharamzeutischen Möglichkeiten der Pandemieeindämmung www.ecdc.europa.eu/en/news-events/online-micro-learning-activities-on-COVID-19

Robert-Koch-Institut – (Klinische) Desinfektionsmöglichkeiten und -mittel www.rki.de/DE/Content/Infekt/Krankenhaushygiene/Desinfektionsmittel/Downloads/BGBl_60_2017_Desinfektionsmittelliste.pdf

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