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Test
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18.11.2014

Arturia Vox Continental V Test

Orgel Software Instrument

Light my fire!

Die Arturia Vox Continental V emuliert den dünnen, hellen und sägenden Sound der Vox Continental Transistororgel, der die Musik der 60er Jahre geprägt hat und auf vielen Hitsingles dieser Zeit zu hören ist. Keyboarder wie Ray Manzarek von „The Doors“ und Alan Price von „The Animals“ haben das Instrument mit Songs wie „Light My Fire“ und „House Of The Rising Sun“ legendär gemacht. Obwohl die Vox Continental nie ganz aus dem Schatten der Hammond-Orgeln treten konnte, hat sie doch einer Ära ihren klanglichen Stempel aufgedrückt.

Die französische Firma Arturia ist bekannt für ihre Software-Emulationen von Vintage-Instrumenten. Mit der Vox Continental V bietet sie nun diesen legendären Hippiesound der Sixties als handliches Plug-in an. Und Arturia legt noch einen oben drauf: Es werden nämlich gleich zwei Comboorgeln emuliert – die klassische Vox Continental 300 und die Jennings J70, die der Entwickler Tom Jennings nach seinem Ausstieg bei Vox kreierte. Zusätzliche typische Effekte und Verstärkersimulationen vervollständigen das Hippieorgelpaket. Schließlich soll alles auch noch über ein ausgefeiltes MIDI-Mapping bedingungslos live spielbar sein. Das schauen wir uns mal an. Räucherstäbchen – check, Rechner – check, MIDI-Keyboard – check und los geht’s!

Details

Installation

Das Plug-in läuft auf einem PC ab Windows 7 und auf einem Mac ab OS X 10.7 und belegt 2 GB freien Speicherplatz auf der Festplatte. Dazu werden ein RAM-Speicher von 4 GB und eine CPU mit mindestens 2 GHz Taktung empfohlen. Man kann die Software als Download direkt auf der Arturia Website erwerben. Zum Autorisieren benötigt man einen eLicenser. Leider hat während des Tests die Autorisierung über den Soft eLicenser auch nach mehreren Versuchen nicht funktioniert. Hier sollte Arturia noch nachbessern. Über einen Hardware eLicenser lief dann alles zügig und ohne Probleme. Das Plug-in arbeitet in den Formaten VST, VST3, AAX und AU sowie als Standalone-Software.

Benutzeroberfläche

Die Benutzeroberfläche ist einfach und clever gelöst, so dass die Continental V mit nur einem einzigen Bildschirmfenster auskommt. Oben gibt’s die obligatorische Menüleiste mit diversen Buttons zum Laden und Speichern sowie zum Im- und Exportieren von Presets. Daneben sind vier Schaltflächen für die erweiterten Funktionen der Tonerzeugung angeordnet. Ein PANIC-Button dient zur schnellen Beseitigung etwaiger Notenhänger und eine Anzeige gibt Auskunft über die CPU-Auslastung. Die nächsten beiden Schaltflächen sind für den MIDI-Kanal und die Verwaltung der MIDI-Control-Konfiguration zuständig. Die letzte Schaltfläche PREF öffnet das Menü für die globalen Einstellungen des Plug-ins. Hier lassen sich getrennte MIDI-Kanäle für die beiden Manuale und das Pedal sowie die Splitpunkte zwischen UPPER/LOWER und LOWER/BASS einstellen. Ebenso kann man hier die Oktavlage der drei Spielebenen ändern.

Den zentralen Platz auf dem Bildschirm nimmt die virtuelle Orgel ein. Beim Design hat man bei Arturia ganz genau hingeschaut und eins zu eins die Optik einer alten Vox Continental 300 übernommen. Als optisches Gimmick kann man dabei die Farbe des Deckels und des Pedals aus rot oder grau wählen. Zentral über den beiden Manualen mit den typischen 49 invertierten Tasten sind die Zugriegel für eigene Soundkreationen angeordnet. Mit den fünf Kippschaltern links davon wählt man den MIDI-Mode des Plug-ins in Verbindung mit der angeschlossen Tastatur aus. Dabei lassen sich die Spielebenen UPPER, LOWER und BASS entweder einzeln, als Split oder im Multi-Mode anspielen. Links neben dem UPPER Manual gibt es drei Kippschalter und zwei Fader, womit Einstellungen für das Pedalregister, den Hall und den Vibratoeffekt vorgenommen werden. Rechts neben dem unteren Manual befindet sich noch das Percussionsregister mit seinen vier Kippschaltern. „Unter“ der Orgel ist Platz für das Bass- und das Volumepedal, die virtuellen Verstärker der Amp-Simulation sowie für die zusätzlichen Effekte, die man am unteren Rand mit dem Button FX SLOT aufrufen kann.

Tonerzeugung und Normal Mode

Bei der Tonerzeugung der Continental V setzt Arturia auf Physical Modeling. Die zum Einsatz kommende TAE-Technologie (True Analog Emulation) soll dabei die Tonerzeugung und alle anderen Charakteristiken der Orgel akkurat und detailgetreu abbilden. Das Plug-in produziert nicht nur ein digitales Modell der legendären Vox Continental 300, sondern auch ein Abbild der seltenen Jennings J70, die der Vox Erfinder Tom Jennings nach seinem Ausstieg aus der Firma in Eigenregie gebaut hat. Die Orgeln sind sich ähnlich, unterscheiden sich aber leicht im Grundsound. Alle anderen Features der Tonerzeugung gelten für beide Orgeln gleichermaßen.

Als Basis erzeugt eine Vox Orgel zwei Grundschwingungsformen. „Flute“ ist ein hohler und weicher Klang, der flötenähnlich klingt, während „Reed“ eine gefilterte Rechteckschwingung oszilliert. Der Klang ist obertonreicher und klingt schärfer und sägender. Der Tonumfang des Plug-ins geht dabei wie beim Original nicht über den Tastaturbereich der Manuale und des Basspedals hinaus.

Die Schwingungsformen werden mit den Zugriegeln für UPPER, LOWER und BASS in verschiedenen Fußlagen stufenlos gemischt. Wie beim Original gibt es für UPPER und LOWER jeweils zwei schwarze und fünf bzw. vier weiße Zugriegel. Der BASS muss mit zwei schwarzen Drawbars auskommen. Je ein schwarzer Zugriegel regelt den Anteil des Flute-Registers am Gesamtsound und der andere den des Reed-Registers. Die weißen Drawbars sind den unterschiedlichen Fußlagen zugeordnet und sprechen immer beide Grundschwingungsformen gleichzeitig an:

UPPER  16“ 8“ 4“ II (Mix aus 5-1/3, 1-3/5) III Mix aus 2-2/3, 2, 1
LOWER  16“ 8“ 4“ IV (Mix aus 2-2/3, 2, 1-3/5, 1)  

Bei den Mix-Drawbars handelt es sich um Kombinationen höherer Fußlagen. Sie sind für UPPER und LOWER unterschiedlich und fügen der Registrierung die typische Schärfe und Brillanz hinzu. Für den Bass stehen die beiden Fußlagen 8“ und 16“ zur Verfügung, wobei nur eine davon registriert werden kann. Dafür kann man mit dem BASS DECAY Regler die Abklingzeit der Pedaltöne verlängern, was dem Klangverhalten einer gezupften Bassgitarre ähnelt.

Für das obere Manual gibt es ein zusätzliches Perkussionsregister für kurze, perkussive Sounds mit den Fußlagen 8“, 4“ und MIX. Letztere ist eine Kombination aus 5-1/3 und 1-3/5 mit einem scharfen Charakter. Alle Fußlagen können einzeln oder miteinander kombiniert werden. Ein Kippschalter bestimmt die Abklingzeit der Percussion mit SHORT oder LONG.

In der Effektabteilung der Orgel gibt es einen globalen Vibrato-Effekt und einen zuschaltbaren Hall, der in der Intensität regelbar ist. Nicht vergessen wurde auch das für ein authentisches Spiel unentbehrliche Volumepedal, das immer „unter“ der Orgel steht und die Lautstärke der Orgel bestimmt.

Die Tonerzeugung der Vox Continental V ist ihrem Vorbild sehr detailreich und originalgetreu nachempfunden. Doch für Arturia war das nicht genug, und somit haben sie in die Trickkiste der modernen Technologie gegriffen und dem Plug-in weitere Features spendiert, die über die Möglichkeiten des Originals hinausgehen.

Extended Mode

Mit einem Klick auf die Schaltfläche „EXT“ gelangt man in den erweiterten Modus. Dort verändert sich das Erscheinungsbild der Orgel. Es kommen weitere Zugriegel und Kippschalter hinzu. Anstelle der MIX-Drawbars im UPPER- und LOWER-Bereich treten weitere einzelne Fußlagen und vervollständigen die Register zu zwei 8-chörigen Zugriegel-Sets.

UPPER  16“  8“  5-1/3“  4“  2-2/3“  2“  1-3/5“  1“
LOWER  16“  8“  5-1/3“  4“  2-2/3“  2“  1-3/5“  1“

Dazu gesellt sich in allen Spielebenen mit dem S-Register (String-Register) eine dritte Schwingungsform, die es bei einer Original-Vox nicht gibt. Hierbei handelt es sich um eine Dreieckschwingung, die scharf und obertonreich klingt. Damit sind nun streicherähnliche, aber auch aggressive Lead-Sounds möglich. 

In der Percussion wird das MIX-Register durch die Fußlagen 2-2/3“ und 1“ ersetzt und für das Upper Manual kommt ein zuschaltbarer Tremolo-Effekt hinzu.

Die zusätzlichen Features des Extended Modes sind praxistauglich und funktional gewählt. Sie erweitern die Klangpalette um Sounds, wie sie bei einer echten Vox Orgel nicht zu finden sind. Und schaut man der Arturia Orgel mal unter die Haube, entdeckt man sogar noch mehr Möglichkeiten.

Open Mode

Unter dem Deckel der Plug-in Orgel verstecken sich weitere Funktionen, die tiefere Eingriffe in die Soundengine erlauben. Diese erreicht man entweder durch Klicken auf die Schaltfläche „OPEN“ oder durch einen einfachen Klick auf den Deckel.

Zunächst kann man die Effekte VIBRATO und TREMOLO mit je zwei Potis in Tiefe (Depth) und Geschwindigkeit (Rate) justieren. Für den Halleffekt stehen drei verschiedene Halltypen zur Auswahl, die in insgesamt 11 Variationen vorliegen. KING ist ein Federhall mit einem schönen metallischen Charakter, während der volle, bauchige RV1 eine längere Hallfahne besitzt und schön warm klingt. Eine sehr räumliche Stereo-Variante liegt mit dem RV2 vor. Sie erzeugt mit einem dichten, breiten Klangbild einen warmen und weichen Klang.

In der Tuning-Abteilung kann man die Grundstimmung eines jeden Halbtons im Bereich von -50 bis +50 Cent verändern. Dabei entstehen lebendige Schwebungen, mit denen man dem Grundsound einen sauberen oder abgerockten Charakter verleihen kann.

Mit dem Schalter für den ENGINE-MODE wählt man eines der beiden Orgel-Modelle Vox oder Jennings aus. Die Jennings klingt offener und durch eine Betonung der hohen Fußlagen entsteht ein schärferer Klang. Beim Vox-Modell sind eher die mittleren Lagen betont, was einen weicheren Sound zur Folge hat. Der Klangcharakter wirkt hier dichter und gedämpfter.

Zu guter Letzt gibt es noch zwei Parameter, die das virtuelle Alter und den Zustand der Orgel trimmen. BACKGROUND NOISE mischt dem Signal einen Mix aus Rauschen, (Netz-)Brummen und einem leisen Surren der Tonerzeugung bei. Der Parameter KEY CONTACT AGE simuliert hingegen das Alter der Tastenkontakte. Er verstärkt das schmatzende, klickende Geräusch am Tonanfang. Genauso wie der Extended Mode ist auch der Open Mode mit viel Liebe zum Detail gestaltet worden und bietet dem Benutzer die Möglichkeit, dem Plug-in einen persönlichen Charakter zu verleihen. Einen anderen Charakter bekommt der Vox-Sound auch, wenn man das Signal nicht direkt abnimmt, sondern durch einen externen Verstärker jagt.

Amp-Simulation

In den Sixties war es meist unabdingbar, die Instrumente an einen Verstärker anzuschließen, da es keine andere Möglichkeit gab, das Signal zu verstärken. Dies hat natürlich auch den Sound der Instrumente geprägt. Arturia hat der Continental V daher eine Amp-Simulation mit verschiedenen Verstärkermodellen und die Simulation eines Rotorkabinetts spendiert. Aktiviert man die Amp-Simulation, erscheint ein Gitarrenverstärker „unter“ der Orgel, dessen Design an den Vox-Klassiker AC30 erinnert. 

Das Plug-in simuliert insgesamt vier beliebte Verstärkermodelle aus den Sixties. Zur Auswahl stehen ein Fender Deluxe mit einem 12“ Speaker, ein Fender Twin mit zwei 12“ Speakern, ein 4 x 10“ Fender Bassman und ein Marshall Half Stack mit 4 x 12“ Bestückung, interessanterweise aber kein AC30, wie es das Design suggeriert. Die sechs Potis sind bei allen Modellen mit den gleichen Funktionen versehen. Neben dem Volumepoti gibt es einen DRIVE-Regler, der einen schönen, bratenden Zerreffekt produziert. Er kann die Vox in ein richtiges Biest verwandeln, das gitarrenähnliche Leadsounds hervorbringt. Zusätzlich zum Hall der Orgel gibt es hier einen weiteren Reverb-Effekt. Dabei handelt es sich um einen im positiven Sinne scheppernden Federhall mit einem schönen, dichten Vintage-Sound. In der Hallfahne hört man sogar das Schwingen der Feder. Zum Anpassen des Sounds gibt es noch einen einfachen 3-Band-EQ mit Festfrequenzen für Bässe, Mitten und Höhen. Schließlich kann man zur Abnahme des Verstärkersignals noch aus drei verschiedenen Mikrofonen wählen. Das altbewährte Shure SM57 liegt als On Axis und Off Axis Variante vor und klingt sehr rockig. Etwas matter und braver hingegen klingt das Sennheiser MD 421. Bevorzugt man einen klaren Sound, ist das Neumann U87 wohl die beste Wahl. 

Man kann die Vox aber auch durch ein virtuelles Rotorkabinett schicken, dessen Sound man ebenfalls pimpen kann. Neben dem Speed-Switch zur Steuerung der Rotorgeschwindigkeit gibt es jeweils für den Hochton- und den Bassrotor verschiedene Parameter. DEPTH regelt den Anteil und die Tiefe der Schwebungen des Horns, WIDTH vergrößert die Stereobreite des Effekts und SHAPE simuliert die Mikrofonposition. Je höher der Wert, desto eckiger und intensiver wird der Rotor-Effekt. Der LEVEL-Regler steuert nicht nur die Lautstärke, sondern auch das Verhalten des Röhrenverstärkers eines Leslie-Kabinetts. Bei höheren Werten verdichtet sich der Sound und es entsteht ein leichtes, angenehmes Britzeln, so als wenn die Röhren in die Sättigung fahren.

Effekte

Die Keyboarder der 60er Jahre haben den Sound der Vox-Orgel sehr gerne mit Effekten ihrer Gitarrenkollegen veredelt bzw. verfremdet. Auch daran hat man bei Arturia gedacht und der virtuellen Vox sechs Effekte im Stompbox-Design implantiert. Leider kann man davon nur einen Effekt gleichzeitig benutzen, da das Plug-in nur über einen FX-Slot verfügt. Die Soundmöglichkeiten würden sich noch mal erweitern, wenn man hier mehrere Effekte gleichzeitig benutzen könnte. Mit Flanger, Phaser, Chorus, Analog-Delay, Overdrive und Wah-Wah sind die beliebtesten Effekte vertreten. Alle Bodentreter sind mit den typischen Parametern ausgestattet und verhalten sich getreu ihrer analogen Vorbilder. Alles in allem kann die Effektabteilung in Auswahl, Soundvielfalt und Qualität absolut überzeugen. Von subtilen Effekthaschereien bis hin zu spacigen FX-Sounds ist hier vieles geboten, was durchaus auch in modernen Musikproduktionen seinen Platz finden kann.

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