Test
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17.09.2013

Analogue Solutions Leipzig-S Test

Monophoner Analogsynthesizer mit Stepsequencer

Ecken und Kanten

Mit dem Leipzig-S schickt die kleine britische Firma Analogue Solutions einen weiteren Kandidaten auf dem derzeit boomenden Analogmarkt ins Rennen. Fast scheint es, als sei die Zeit nie günstiger, sein Equipment um einen monophonen Synthesizer zu ergänzen. Jedes Jahr ergeben sich neue Optionen in Form flammneuer Instrumente, und diese dürfen sich messen mit dem florierenden Klassiker-Gebrauchtmarkt, auf dem global gehandelt wird.

Analogue Solutions versprechen schon in ihrem Namen die Lösung unseres quälenden Anschaffungsproblems. Ich nehme nicht an, dass der doch ganz friedlich anmutende „Leipzig-S“ nach der Völkerschlacht von 1813 benannt ist, aber vielleicht verbirgt sich ja tatsächlich unter seiner unscheinbaren Oberfläche ein analoges Biest...

Details

Wer sich mit analogen Klangerzeugern befasst, dürfte über kurz oder lang auf die Firma Analogue Solutions stoßen, die nicht nur Rackmodule wie den Leipzig-S herstellt, sondern auch im Bereich halbmodularer und modularer Komponenten aktiv ist. So haben sich die Engländer über die Jahre einen respektablen Ruf erworben. Ein Blick auf die Website hingegen ist eine optisch eher erschütternde Erfahrung. Die Seite scheint bei den technischen Möglichkeiten aus der Internet-Steinzeit stehen geblieben zu sein und wirkt wie der bei nächtlichem Kaffee eilig ins Digitale übertragene Zettelkasten eines Nerds, der sich mit Optischem nicht lange aufhält. Dieses Detail ist nicht nur erwähnenswert, weil die Seite nicht gerade ein schönes (oder angemessenes) Schaufenster für die Produkte ist, sondern auch, weil sich diese dürftige digitale Visitenkarte bisweilen mit verbesserungswürdiger Dokumentation von Produkten (siehe Test des Telemark-K) oder auch qualitativ problematischer Ausführung der Geräte verbindet zu einer nicht ganz sauber erscheinenden Weste des Herstellers beim Stichwort Premiumqualität.

Äußerlichkeiten

Zunächst einmal aber macht der Leipzig-S einen soliden und äußerst aufgeräumten Eindruck. Der schwarze Metallkasten ist auf fünf Höheneinheiten im Rack zu Hause, lässt sich aufgrund seiner angeschrägten Stellfläche aber auch gut als Desktop-Gerät verwenden. Die großen Potis versprühen ein angenehmes Analog-Flair und sind vor allem in so großzügigen Abständen auf der Oberfläche verteilt, dass die Bedienung leicht von der Hand geht. Lediglich die vier Kippschalter (MIDI on/off für Env1, Env2; Umschalten zwischen Noise und Sequencer-Sound und Accent beim Sequencer) erfordern etwas Fingerspitzengefühl. Beim Sequencer hat Analogue Solutions gummierte, kleinere Knöpfe verwendet, deren Haptik deutlich weniger Freude macht. Das ist schade, vor allem, weil gerade hier sehr detailliertes Einstellen gefordert ist.

Für die Rückseite des Leipzig-S wäre die Beschreibung „aufgeräumt“ eine beachtliche Untertreibung. Es finden sich eine Buchse für das externe Netzteil, MIDI In und Thru, ein Audioausgang und zwei Eingänge (Ext 1 und 2), alle als 6,3 mm Klinke. Überrascht hat mich dabei, dass es statt einiger anderer Anschlussmöglichkeiten, die man vielleicht erwartet hätte (beispielsweise CV/Gate) gleich zwei Eingänge für externe Signale gibt. Dies erklärt sich dadurch, dass Ext 2, wie von anderen Synths bekannt, über den Mixer in den Signalweg eingebracht werden kann, während Ext 1 als Sync-Quelle für VCO 2 oder den Sequencer fungiert. Die Beschriftungen sind auf der Unterseite einer Aussparung angebracht, was bei Rackmontage gut lesbar ist, bei Desktopbetrieb aber bedeutet, dass man das Gerät zum Entziffern komplett umdrehen muss. Nicht optimal gelöst.

Klangerzeugung

Die oberen vier Fünftel der Bedienoberfläche gehören ganz dem Synthesizer, der nach dem altbekannten Prinzip der subtraktiven Klangsynthese funktioniert. Entsprechend findet man neben zwei Oszillatoren mit Sägezahn- und Rechteckschwingungsformen auch eine Mix-Sektion, ein resonanzfähiges 4-Pol-Filter, einen LFO zur Modulation sowie eine Envelope. Allerdings erhebt sich der Leipzig-S über die Minimalausstattung seiner Zunft durch die Zugabe von zwei Suboszillatoren (die allerdings nicht gleichzeitig nutzbar sind), einer zweiten Hüllkurve sowie einiger ausgefuchster Modulationsmöglichkeiten. So lässt sich die Pulsbreite des Rechtecks beider Oszillatoren entweder durch den LFO oder durch Envelope 2 (die Bedienungsanleitung behauptet Envelope 1) modulieren, manuell kann diese nur für Oszillator 1 eingestellt werden. Beim Filter folgt die Cutoff-Frequenz wahlweise Envelope 1 oder 2. Und die Modulationsmatrix, welche mittig im Bedienfeld angeordnet ist, bietet eine größere Zahl weiterer Optionen für die Modulation der VCOs und des Filters. Darunter sind alte Bekannte, wie die Beinflussung der VCO-Frequenzen durch die Dreieck- oder Rechteckschwingungen des LFOs, aber auch kuriosere Möglichkeiten, wie die Modulation von VCO 1 durch die Rechteckschwingung von VCO 2 oder die Einflussnahme eines MIDI-Controllers auf VCO 2 oder das Filter. Dieser Reichtum an Möglichkeiten zählt sicher zu den Besonderheiten und Stärken des Leipzig-S.

Ebenfalls beachtenswert sind die möglichen Sync-Einstellungen für Oszillator 2. Dieser schmiegt sich nämlich nicht nur auf Befehl an VCO 1 (Rechteck) an, sondern auch an das Rechteck des LFOs oder ein externes Signal, das über Ext 1 angeschlossen wird. Damit lässt sich im Bereich von krassen Effektsounds einiges anstellen.

Sequencer

Analoge Sequencer – oder digitale Versionen mit analogem Feel wie Doepfers Dark Time – erleben im Zuge der analogen Renaissance ebenfalls eine Art „zweiten Frühling“. Somit geht die Aufmerksamkeit beim Betrachten des Leipzig-S unweigerlich auch in Richtung des unteren Fünftels, welches der eingebaute Sequencer in Anspruch nimmt. Acht Steps mit jeweils einem Poti und einer Lauf-LED sind im Angebot. Die Steuerspannung der Steps kann stufenlos regelbar an VCO 1, VCO 2 oder das Filter geschickt werden. Außerdem kann der Sequencer wahlweise Envelope 1, 2 oder beide triggern. Geradezu opulent fallen die Sync-Optionen für die Geschwindigkeit des Sequenzers aus, der nicht nur im Gleichschritt mit dem LFO oder einer MIDI-Clock laufen kann, sondern auch mit ungewöhnlicheren Quellen anbändelt. Einige davon, wie beispielsweise VCO 2, wirken beinahe absurd, wenn man sich den Sequencer lediglich vorstellt als einen streng rhythmisierten Melodienerzeuger. Sie gewinnen aber deutlich an Reiz, sobald man den Sequencer als Modulationsquelle oder sogar als Klangquelle begreift – exotische Seiten, die der Leipzig-S hier offenbart und denen wir uns im Praxisteil widmen werden.

MIDI

Ein kurzes Wort zum Thema MIDI: Da der Leipzig-S bedauerlicherweise auf CV/Gate-Eingänge verzichtet, ist MIDI das einzige Mittel zur Kommunikation mit anderen Synthesizern oder einer DAW. Glücklicherweise ist die Implementierung bei diesem vollanalogen Instrument wirklich gelungen und vielseitig. So gibt es zum Beispiel einen Wunderknopf, den man gedrückt hält und der Leipzig dann eine Art "listen to MIDI" vollführt. Spielt man bei gedrücktem Knopf einen Ton auf einer MIDI-Tastatur, stellt sich der Synth auf den MIDI-Kanal ein, auf dem die Note gesendet wird. Betätigt man statt einer Taste einen Drehregler oder Fader, übernimmt der Leipzig-S nicht nur dessen MIDI-Kanal, sondern auch die Controller-Nummer. Danach lassen sich dann beispielsweise die Frequenz von VCO 2 oder das Filter über diesen Controller beeinflussen. Einfach und genial! Aber auch Ungehorsam gegenüber MIDI kann man dem Leipzig-S beibringen. So lassen sich VCO 2 und beide Envelopes von der Kontrolle durch einkommende MIDI-Befehle – also Note on/off – entkoppeln, was wiederum eine Menge neuer Option eröffnet. Dass die Entwickler darauf verzichtet haben, im Leipzig-S CV/Gate Ausgänge zu verbauen, ist aus meiner Sicht nicht ganz nachvollziehbar. Vermutlich wäre das technisch ein relativ kurzer Weg gewesen und hätte den Nutzen des Sequencers in einem analogen Setup extrem erhöht. Sehr schade.

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