Tone Projects Michelangelo Test

Ziemlich beeindruckend für einen Turtle: Hochoffiziell macht sich Tone Projects an die Emulation des Michelangelo Equalizers von Hendyamps. Breite Röhrensättigung in feinster Class-A Technik verspricht der Boutique-Bolide, der nun als fantastisches Plugin mit modernen Processing-Optionen angereichert wurde.

Tone Projects Michelangelo Test

Von Chris Henderson in Texas handgefertigt, wird das Plugin in Copenhagen von Rune Lund-Hermansen gedeichselt. Von der Plugin Alliance gab es ähnliche Vorhaben, der „The Oven“ war mir im Test aber zu esoterisch – das ist hier nicht der Fall!

DETAILS & PRAXIS

Das amerikanische Original

Der Michelangelo von Hendyamps ist ein feiner Hardware-Equalizer, den es von nun an auch als Plugin von Tone Projects zu kaufen gibt. Gemodelt wird dabei ein diskreter Stereo-Equalizer in Class-A-Röhren-Bauweise. 

Tone Projects Michelangelo Test
Unterhalb der Chickenheads können die detaillierten Einstellungen ausgeklappt werden.

Mit drei 12ax7/ECC83-Trioden im Herzen sowie Ein- und Ausgangstransformatoren von Jensen findet man dieser EQ oftmals im Rack von Mastering-Feinschmeckern.

Eine Mono-Variante in Solid-State mit Mosfets hat Hendyamps aber auch im Sortiment. „Build to order“ kommt das Ganze dann handverdrahtet aus Texas, aber das nur am Rande. 

Digitale Extras

Das Plugin kann nicht nur als Triode, sondern auch als Pentode virtuell glühen. So wandelt sich der Fokus der Harmonischen von gerade hin zu ungerade, was man mit smooth und warm oder gar mit bissigem Punch assoziiert.

Auch Zugriff auf die „Kompression der Röhren“ wird direkt gewährt, bei der man es mit bis zu 400% auch schön übertreiben kann.

Tone Projects Michelangelo Help Bubble
Tool-Tipps gibt es ebenfalls, hier geht es um die Tube Compression.

Der EQ legt bereits in absoluter Neutralstellung eine minimale Soft-Clip-Charakteristik an den Tag, die mit dem Drive aber noch deutlich zunimmt.

Den Stereo-Spread gibt es ebenfalls mit „bis zu 400%“, während man den simulierten Crosstalk „für mehr Räumlichkeit“ auch noch auf bis auf 20 dB pumpen kann.

Stereo-Gang 

Anstatt nun nur zu boosten oder zu cutten wie jeder „normale EQ“, bringt der Michelangelo die Bänder nebeneinander. Auf diese Weise interagieren sie miteinander, verzerren vor allem aber auch selbst mit ordentlich Drive, ohne die anderen direkt zu beschmutzen. 

Es überrascht sicherlich nicht das Hendyamps auch gerne Topteile baut und deshalb der Aufbau des EQs stark an ein solches erinnert. Die aktiven EQs der Marshall-Stacks haben auch entsprechend “gezaubert”.

Die Besonderheit diesen speziellen Vier-Band-EQs, der gewiss kein Rüpel sein will und ist, liegt aber letztlich in der musikalischen Betrachtungsweise des Full-Range-Signals. Diese definiert sich über eine äußerst breite Mitte, die wiederum von „tighten“ Enden im Bass und Treble flankiert wird. Frequenzangaben gibt es hier erstmal nicht. Wozu auch, ihr habt ja Ohren.

Einmal frei machen

Die echte Tube-Hardware ist Stereo-linked, weshalb hier ebenfalls nur ein Regler für jeweils L und R zum Einsatz kommt. Der echte Klotz kennt zwar noch änderbare Ausgangsimpedanzen und Input-Trims, doch hat man das im Plugin etwa komfortabler umgesetzt: Dank CALIBRATION ist es hier nun viel einfacher, das Verhältnis von In- zu Output zu manipulieren, sodass der Michelangelo von Clean über Norm bis Hot noch mehr „Analogue Crème“ kredenzt. 

Michelangelo dynamic Bands and Options
Regelbarer Crosstalk, Stereo-Spead sowie die Gewichtung von Transienten/Body und M/S pro Band sind echte Highlights

Das Plugin geht bei Bedarf aber tatsächlich noch ein ganzes Stückchen weiter. Dazu müsst ihr es aufklappen. Jede Menge Details kommen dann zum Vorschein, die es bei der Hardware so natürlich niemals gab. Der EQ wird sogar dynamisch, Baby! Und war mit einer “analogen RMS-basierten” Detektor sowie auch einer weiteren Transformator-Emulation für subtile Verbesserung der Niedrigfrequenzartikulation.

Zweit weitere EQ Bändern unten rechts kommen hinzu. Auf Grund der zusätzlichen und viel flexibleren Low- und High-Cuts hat man sich deshalb wohl auch entschieden auf den Modern/Vintage-Mode des Hendys zu verzichten, der letztlich aber auch nur einen anderen Roll-off aktivierte.

Ich hab’ AGGRESSIONs

Bleiben wir aber vorerst bei den Basics. Der Input-Drive heißt eindeutig AGGRESSION und gibt dem Signal, was er verspricht: mehr Verzerrungen, mehr Crisp, mehr laut – aber eben auch etwas mehr „technischer“ Pegel! 

Die Auto-Gain-Funktion im komplementären TRIM schafft dazu einen guten Ausgleich, wodurch es auch ohne die mutmaßliche Pegelverschiebung mehr an Rotz zu bewundern gibt.

4 Bänder & 4 Shifts

Mit den individuellen Gains für LOW, MID, HIGH und AIR-Band geht es schnurstracks und unverblümt weiter: Die Bänder boosten gutmütig und weich, liefern aber auch keinen übertriebenen Hub. Die Regler sind nichtssagend mit Zahlen von 0 bis 10 beschriftet.

Die „wahre Null“ der Bänder befindet sich dabei in der Mitte bzw. bei der Fünf, falls man sich das fragt. In dem Zusammenhang bemerkenswert ist außerdem die EQ-Scale-Funktion, die relevante Regler nochmal mit -200% bis 200% so multiplizieren kann, dass man drastischer oder eben feiner arbeiten kann und auch Umkehreffekte erzielt. 

Pro Band kommt eine Umschaltung hinzu, besser gesagt: eine leichte Modifikation der Curve per Kippschalter. LOW SHIFT, MID SHIFT, HIGH UND AIR-SHIFT verschieben dabei aber meist nur die unteren Eckfrequenzen ihrer Bänder und ändern teilweise auch ihre Steilheit.

Der LOW-SHIFT verschiebt so den Fokus des Low-Shelf von flachen 150 Hz auf steilere 80 Hz. Mit der FLAT Option im MID-SHIFT bekommt man wiederum noch mehr Tiefmitten zu der ohnehin recht großen Mittenglocke hinzu.

Es ergeben sich auch alternative Formen für das HIGH-Shelf und das ziemlich hochfrequente AIR-Band durch leichte Verschiebungen nach „weiter unten“ hin.

Unity Gain

Abschließend darf und muss die so organisierte Boost-Orgie mit TRIM zurück gekurbelt werden. Den Auto-Gain hatte ich bereits erwähnt, hinzu kommt eine Match-Funktion, die rechts neben dem OUTPUT für das gesamte Plugin reguliert. Es passt den Output für einen möglichst „gleich lauten“ Bypass entsprechend an – alles Details, die Profis lieben. 

TX Customs

Mehr Optionen für die Bänder – also detailliertere Einstellmöglichkeiten für die Trennfrequenz oder gar die Slope – gibt es an dieser Stelle nicht weiter. Das war am Original nicht anders, allerdings konnte man dort Sonderwünsche bei der Bestellaufgabe äußern. 

Vielleicht mehr oder weniger Range? Andere Eckfrequenz? Oder doch lieber Drehschalter? No Problem, Sir! Und wenn wir die Bänder dann schon einmal für ein Plugin moduliert haben, dann können wir ja auch gleich noch den ganzen coolen DSP-Kram hinten dran hängen, oder? 

Tone Projects Michelangelo Test
Mit den erweiterten Funktionselement

Logo. Und Rune von Tone Projects hat dahingehend wirklich tolle Arbeit geleistet, ohne das Konzept zu verzerren. Rückgängig machen, Wiederholen sowie A/B-Preset-Umschaltung gehören dabei aber ebenfalls zum guten Ton dazu. Die vier Qualitätsmodi, von Low-Latency bis Pristina, stehen dem in nichts nach, wobei es auch automatisch die Möglichkeit der höchsten Qualität für Offline-Rendering gibt.

Alle „weitergehenden“ Einstellmöglichkeiten finden sich dann hinter dem SHOW CONTROLS versteckt.

DK Customs

Halleluja! Hier kann man die Bänder nun doch noch in der untersten Eckfrequenz anpassen und den Drive vom Boost losgelöst bzw. einzeln regeln. Außerdem kann das einzelne Band zwischen der Mitte und der Seite gewichten und zwischen den Transienten und dem Body hin- und herschieben. 

Tone Projects Michelangelo Attack und Release

THRESHOLD mit RANGE dienen dann, die Bänder dynamisch zu bearbeiten. Mithilfe von einen weiteren kleinen Menü kann man außerdem ATTACK und RELEASE bestimmen, ja, sogar das Timinig der Transienten ist definierbar.

Bruder, mach mal mit alles, oder was?! Eigentlich könnte es das jetzt gewesen sein, aber weißt du was? Komm’ ein fünftes und sechstes EQ nebst Filter hat hier im Plugin auch noch Platz. Legende! Hören wir uns das Ganze doch

Audio Samples
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funky – main mix funky – dry funky – with dynamic bands 16 track drums – individuel Michelangelo 16 track drums – dry kick – dry kick – Michelangelo oh – dry oh – Michelangelo

Secret VST Sauce

Ich bin kein Freund von Computer-Verzerrungs-Simulationen, aber das hier ist verdammt gut! Man muss nur aufpassen nicht zu übertreiben! Und das gilt besonders für die vielen Versuchungen der ausklappbaren Details: weniger ist mehr, wozu ich das FUNKY Beispiel empfehle wo es einen schnellen Stereo-Mix mit den “reduzierten” Möglichkeiten des Michelangelo hört. Und dann gibt es noch den anderen Mix, der Gebrauch von den “dynamischen” Optionen macht und stärker die Drums komprimiert – Stichwort Snare.

FAZIT – Tone Projects Michelangelo EQ Plugin TEST

Der Michelangelo EQ von Tone Projects macht seinen Namen alle Ehre und lässt einen tolle Farben auf Audio pinseln. Dabei geht er in der Standard-Ansicht vorzüglich unprätentiös zu Sache und lässt die Ohren entscheiden – kein graphischer EQ und auch keine Werte stören den herrlich unakademischen Ansatz dieses Tone-Shapers. Richtig krasse EQings kann man hier nicht machen – und auch extrem verzerren ist nicht drin. Aber, das was er macht, das macht er verdammt gut. Die Sättigungen wirken nicht statisch und auch die Bänder interagieren “ziemlich analog” untereinander. Und dann kann man das Ganze ja noch aufklappen, wobei noch viel mehr Optionen zum Vorschein kommen, die aber allesamt auch nicht unnötig sind oder homeopatisch. Der Ingenieur vermisst ein wenig mehr Solos, aber auch das ist schon okay. Und somit hat der Michelangelo nur ein “Problem” – und das heißt Eigenverantwortung. Denn bei den vielen Möglichkeiten, welche der Michelangelo als Plugin zusätzlich bietet, ist es besonders wichtig, das große Ganze nicht aus den Ohren zu verlieren. Vor allen bei den zusätzlichen “Multiband-Kompressionen” mit den dynamischen Bändern besteht schnell die Gefahr, sich die Ohren sehr flink zu “übersättigen” und darauf hin zu viel reinzudrehen. Die Vielfältigkeit der Klanggestaltung muss dem Grundsound nicht immer gutes beifügen, denn wie so oft neigt man bei Plugins generell dazu mehr als nötig zu tun. Aber dafür kann der Michelangelo ja nichts. Der Preis ist hoch, aber für Profis ist das Plugin auch schnell profitabel.

Features

  • Authentische Emulation des All-Tube Hendyamps Michelangelo EQ
  • Detailliertes Modeling der Röhrenstufen, ihrer Dynamik und Interaktion mit den EQ-Bändern
  • Kontrolle über den natürlichen Kompressionseffekt im Röhrenschaltkreis, Tube-Blend für hardwaregematchten Triode oder “neue” Pentodenkonfiguration
  • 4 interaktive Bänder für breit angelegtes EQ-ing mit harmonische Verzerrungen, 2 zusätzliche Bänder, umschaltbar zwischen schmalen/breiten Glocken sowie High/Low-Cut
  • Drive-Regler für frequenzspezifische Sättigung unabhängig vom Gain, Aggression und Kalibrierungsregler für unterschiedliche Arten Gain-Staging im Röhrenschaltkreis
  • pro Band Transient/Body und Mid/Side Mix sowie dynamisches EQ mit über/unter Schwellwert und einstellbarem Attack/Release
  • Transformator-Emulation für subtile Verbesserung der Niedrigfrequenzartikulation, Stereo-Spread und einstellbare Crosstalk für sauberen bzw. authentisch-analogen Sound
  • Auto-Gain mit Echtzeit- oder messbasiertem Loudness-Ausgleich, EQ Gain Scale-Regler für einfache Anpassung des Gesamt-EQ-Gewinns
  • 4 Qualitätsmodi, Möglichkeit immer höchste Qualität für Offline-Rendering zu verwenden
  • Integriertes Referenzpegelsystem zur automatischen Anpassung des Eingangspegels an geladene Voreinstellungen
  • Native Unterstützung für Intel- und Apple Silicon-Prozessoren
Tone Projects Michelangelo Test
Unser Fazit:
5 / 5
Pro
  • Toller, funky Sound mit kräftigen Zerr-Potential im musikalisch-besten Sinne
  • Feste Bandfrequenzen für einen schnellen Arbeitsablauf, aber frei einstellbar bei Bedarf
  • Aufwendige Schaltungs-Emulation mit vielen Details und effektiven "Stellschrauben"
  • Referenzpegelsystem zur automatischen Anpassung des Eingangspegels sowie Auto-Gain
Contra
  • hoher Preis
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