Sontronics Sonora Test

Praxis
Beim Anschließen wird deutlich, dass der Sonora im Grunde so klein gar nicht ist, denn schließlich gibt es mit dem Netzteil eine weitere schwarze Kiste, die irgendwo untergebracht sein will. Sobald er im Rack zwischen anderen Geräten eingesetzt wird, ärgert man sich über die Position des Netzschalters: Die Rückseite ist nicht wirklich angenehm zu erreichen, zudem sitzt er mittig. Das Kabel zwischen PSU und Sonora ist definitiv lang genug für alle Einsatzzwecke. Will man das Netzteil etwa auf dem Rackboden dezent verschwinden lassen, kommt man leider um einen früheren Netzschalter an einer erreichbaren Stelle nicht herum. Das sind dann in der Summe ganze drei Schalter! Geräte im Studio nur global an- und auszuschalten, ist eine Unsitte, die Strom verbraucht, dadurch Geld kostet, die Umwelt belastet, dem Gerät auf Dauer nicht sonderlich zuträglich ist und nicht zuletzt die Temperatur in der Regie steigen lässt. Oft möchte man einfach nur an der DAW sitzen und mischen, wozu sollen dann also die Mikrofonvorverstärker laufen müssen, nur weil sie im Rack über einem benutzten Kompressor hängen? Also, liebe Hersteller: Baut doch bitte endlich alle die Netzschalter vorne in eure Geräte ein! Häufiger aus Versehen ausgeschaltet werden sie dadurch auch nicht: Das passiert eher, wenn man beim Verkabeln im dunklen Rack auf einer Rückseite mit dem Kabel versehentlich den dort liegenden Power-Schalter trifft oder ein auf dem Tisch liegendes Gerät beim Verschieben unglücklich erwischt. Einen guten Eindruck hinterlassen zumindest die Größe und die Robustheit des Netzteils. Es gibt genug Hersteller, die einen Sonora mit Allerwelts-Netzteilen ausgestattet hätten. “Guter Strom” ist eine Grundlage für ein ordentlich arbeitendes Audiogerät.

Nach dem flotten Anschließen des Sonoras tat sich nichts. Kaputt? Kabel und Mikro getauscht – immer noch Stille (allerdings auch auffällig rauscharm). Eine Minute später musste ich in mich hineingrinsen, denn es zeigte sich, dass das “flott” beim Anschließen keine gute Idee war. Die Kanalsortierung auf der Frontplatte ist identisch mit den Ausgängen auf der Rückseite, also links Kanal Eins, rechts Kanal Zwei. Verkabelt man ein solches Gerät während man von oben darauf blickt, erscheinen die Ausgänge also überkreuzt. Das kann verwirren, aber da kann der Sonora ja nichts für. Wo allerdings seine Erdenker etwas dafür können, ist, dass man die Stellung der Potis nur unter penibler Berücksichtigung von Beleuchtungs- und Betrachtungswinkel erkennt. Das geht besser!

Um den Umgang des Sonoras mit Mikrofonsignalen zu testen, habe ich zu Beginn eine weibliche Stimme mit einem mir sehr gut bekannten Mikrofon aufgezeichnet. Ohne irgend etwas gegenzuhören, hatte ich sofort den Eindruck, es hier mit einem erwachsenen Gerät zu tun zu haben. Es gab im Signal nichts, was mich gestört hätte. Natürlich: Wenn sofort etwas negativ auffällt, ist das wirklich ein ganz schlechtes Zeichen. Aber auch nach 20 Minuten gab es keine Überhöhung, keinen Einbruch, keine dynamische Unzulänglichkeit, keine verwaschenen Impulse – nichts. Hut ab! Dieser Mic-Pre arbeitet also wirklich “klinisch-steril”. Das Signal kann für den Mixdown mit dem Equalizer einfach bearbeitet werden, um etwa Präsenzen zu verändern oder Formanten zu verstecken beziehungsweise zu supporten. Es ist sonst keine Seltenheit, dass erst einmal die Unzulänglichkeiten des Mikrofons oder des Vorverstärkers ausgemerzt werden müssen. Auch bezüglich des Rauschens spielt der Sontronics eindeutig in der Oberklasse, die Angaben über die harmonischen Verzerrungen  kann ich nach dem Hören ungemessen unterschreiben.  Auch sehr gut: Der Klang und die Qualität der Verstärkung bleiben über den kompletten Gain-Bereich so gut wie identisch, auch das Pad arbeitet unmerklich.

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Mikro: C414, Amp: Sonora Mikro: C414, Amp: Sonora Mikro: C414, Amp: LA-610 Mikro: Orpheus, Amp: Sonora

Nach einiger Zeit des Arbeitens mit diesem Gerät fällt mir dann aber doch auf, dass das verstärkte Signal nicht ganz “tot” klingt: Irgendetwas erinnert an die große, britische Tradition. Man hat den Eindruck, ein Kind der beiden großen Analogmischpult-Hersteller Neve und SSL vor sich zu haben: Das berühmte “Shining” der Neves macht sich ganz sanft und dezent irgendwo ganz weit hinten bemerkbar. Allerdings wirken die Höhen spitzer und das Signal transparenter, wie man es von SSL-Pulten kennt. Das ist durchaus angenehm, aber von wirklicher Färbung möchte ich hier nicht sprechen. Der beim Renovieren obligatorische Schluck Bier im Eimer mit weißer Wandfarbe macht die Zimmerwände ja schließlich auch nicht gelb. Dies wird vor allem dann deutlich, wenn man ein ordentlich klangveränderndes Gerät im Vergleich hört. Der Röhrenschimmer des beliebten Putnam-Vorverstärkerdesigns “610” zeigt im Vergleich deutlich, wie clean der Sonora arbeitet. Die Wertung darüber muss jeder selbst vornehmen, denn eine Färbung kann erwünscht und genau das Richtige für eine Produktion sein, oder aber total unpassend und störend. Möchte man sehr klare Signale bekommen oder färben die Mikrofone schon stark genug (Das Testfile mit dem Bändchenmikrofon Sontronics Omega macht den Unterschied deutlich!), kann man über die Anschaffung des Sonoras durchaus nachdenken, denn in dieser Preisklasse sind derartige Eigenschaften rar.

Damit die Ähnlichkeit der beiden eineiigen Kanalzwillinge untersucht werden kann, habe ich die wunderschöne Akustikgitarre des Gitarristen in Stereo mikrofoniert.

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Blumlein, Amp: Sonora

Zum Einsatz gekommen sind zwei Bändchenmikrofone aus dem gleichen Hause wie der Sonora, die im Blumlein-Verfahren im Nahbereich des Instruments auf Höhe zwischen Steg und Loch positioniert waren. Wer “Blumlein” nicht kennt: Das ist ein intensitätsstereofones Koinzidenz-Aufnahmeverfahren mit zwei um jeweils 45° zur Hauptrichtung (und dadurch 90° zueinander) versetzten Achten, das vor allem gerne im Nahbereich von Instrumenten verwendet wird. Im Klangbeispiel ist die Solo-Gitarre spiegelverkehrt zur Rhythmus-Gitarre abgebildet. Es zeigt sich, dass das Kanal-Matching auch für Stereo-Aufzeichnungen ausreichend ist. Es gab keine auditiv wahrnehmbaren Unterschiede, wie es sie manchmal bei anderen Geräten zu beobachten gibt. Oftmals ist ein Kanal etwas höhenärmer, rauscht stärker, verstärkt auffallend stärker oder schwächer oder reagiert dynamisch unterschiedlich. In der Praxis sind es jedoch häufig die verwendeten Mikrofone, die durch schlechtes (oder kein!) Matching das (Stereo-)Bild trüben.

Bisher klang im wörtlichen Sinne ja alles ganz ordentlich. Wenn ein Mikrofonvorverstärker auch D.I.-Funktionen übernehmen kann, ist ja nichts naheliegender, als einmal eine Gitarre einzustöpseln. Gesagt, getan: Das Signal klingt unaufdringlich und fehlerfrei.

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D.I. Sonora D.I. Avalon D.I. LA-610

Was aber dann im Test passiert ist, ist einer dieser Momente, die man nie vergisst: Ich stecke das Gitarren-Signal zur Gegenüberstellung in ein anderes Gerät, den Avalon U5. Was? Wo ist der Fehler? Kann das sein? Es ist, als habe da jemand gerade die Tür aufgemacht, als sei die Sonne nach einem langen, nuklearen Winter wieder durch die Wolkendecke gebrochen. Um den Pathos vollständig auszureizen: Es ist wie eine Geburt. Das erste Mal Licht, Luft und Wirklichkeit. Da kann ja was nicht stimmen, denke ich und interviewe den Gitarristen, ob er nicht seine Pickups umgeschaltet oder sein Tone-Poti bewegt hat. Er schüttelt den Kopf und wir wechseln erneut. Die “Tone”-Funktion des Avalons ist ausgeschaltet. Selbst bei identischen Line-Kabeln und dem gleichen A/D-Wandlerkanal ergibt sich das gleiche Bild. Es ist unfassbar: Die Unterschiede sind wirklich gravierend, der Sonora liefert im Vergleich zum Avalon nur geringen Pegel in den Höhen, klingt lustlos, langweilig, versteckt, eindimensional und einfach leise. Nun gut, der Avalon U5 ist ein auf Symmetrierung spezialisiertes Gerät und wird für seine exorbitante Klangqualität nicht grundlos verehrt. Außerdem kostet der U5 als einkanalige D.I.-Version etwa so viel wie die zweikanalige Mic-Pre-/D.I.-Kombination Sonora. Es sind also tatsächlich ungleiche Waffen, mit denen hier gekämpft wird, dennoch sind die Unterschiede monströs. Der Universal Audio LA-610 darf auch zeigen, was er mit dem Gitarrensignal anstellt. Wie für den Röhren-Preamp zu erwarten, klingt auch er etwas dumpfer und belegter als der Avalon, allerdings zeigt auch er im Klangbild deutlich Klasse: Die Höhen sind durch die zurückhaltende Zerrung mit einem matten Funkeln belegt, und das Gerät reagiert weitaus dynamischer auf das Signal, als es der Sonora tut. Es mag sein, dass der Sound dem alter Klassiker entspricht und es heutzutage viele Geräte gibt, die das D.I.-Signal recht höhenreich auslegen, doch entspricht das Signal des Sonora nicht dem heutigen Standard. Die D.I.-Funktion scheint also auch beim Sonora nur eine Dreingabe zu sein, die nur als Notlösung verstanden werden sollte. Um ihr Produkt besser dastehen zu lassen, wären Sontronics gut beraten gewesen, komplett darauf zu verzichten.

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