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Mixing #8 – Reverb

Räume blind erkennen

Wir Menschen haben ein ausgeklügeltes Ortungssystem, das auch Distanzen erkennen kann. Um per Hörsinn eine Position auszumachen, wird vor allem analysiert, wann und in welchem Muster nach dem Direktschall von der Schallquelle die Ersten Reflexionen („ER“) eintreffen, also die Rückwürfe von Wänden, Decke und Boden, die unser Ohr auf Umwegen und dadurch eben etwas später erreichen. Unser Gehör untersucht Einfallsrichtung, Zeitdifferenz, Höhendämpfung und einiges mehr, um sich ein möglichst genaues Bild machen zu können. Und natürlich hat ein echter, wie auch ein virtueller Raum mit vielen reflektiven Flächen, anders klingende Erste Reflexionen. 

Abstand halten

In einem Hallgerät oder Hall-Plug-in kann man meist auf diese Reflexionen Einfluss nehmen und sei es nur durch die Wahl des Grundalgorithmus („Tiled Drum Room“ oder „Concert Hall“). Der wichtigste Parameter ist sicher der zeitliche Abstand zwischen dem Direktsignal und der ersten eintreffenden Reflexion, oft „ER Gap“ oder „Pre Delay“ genannt. Weil durch versetzte Signale eine Klangfärbung entstehen kann, wie bereits in der Folge „Delay“ dargestellt, sollte man ein Auge auf diese Verzögerung haben – besonders bei Vocals, deren Sprachverständlichkeit leiden kann. Oft ist es angebracht, diese Verzögerung lang genug einzustellen.

Es muss nicht alles echt sein

Die Dauer des Nachhalls ist bei echten Räumen von mehreren Parametern abhängig. Es ist nicht so, dass ein großer Raum unbedingt eine lange Fahne haben muss. Groß wirkt er alleine durch die spezifischen Reflexionen. Der Vorteil an künstlichem Hall ist, dass man nicht auf die Naturgesetze angewiesen ist und „unmögliche“ Räume kreieren kann. Ein aufgrund der Early Reflections groß wirkender Raum würde mit seine zweisekündigen Nachhallfahne den Mix verwässern? Kein Problem, dann wird die Nachhallzeit RT60 einfach auf 0,5 Sekunden gestellt oder sogar im Level ganz heruntergefahren! 

Audio Samples
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trocken warmer, mittlerer Raum reflektiver, großer Raum Pre-Delay 0 ms Pre-Delay 120 ms Hallprogramm ER und Tail Hallprogramm nur ER Hallprogramm nur Tail

Nur Fahne, keine ER?

Zu viel Rauminformation kann störend sein, vor allem wenn es mehrere unterschiedliche Räume sind. In einem solchen Fall sind Spring, Plate oder natürliche Räume mit heruntergeregelten ER genau richtig: Hier fehlt die Positionsinformation. Die eigentliche Nachhallfahne dient als „Schmiermittel“, verdichtet den Mix und verbindet Signale miteinander. Es ist oft sinnvoll, Instrumente in einen gemeinsamen Raum zu setzen (mit Aux Send, siehe Delay-Tutorial!). Gerne bekommt die Snaredrum noch einen extra Reverb. Probiert dafür unbedingt mal Hallplatten und Gated Reverb aus!

Audio Samples
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hohe Density sehr geringe Density ohne Bass Roll-Off Plattenhall Federhall Shimmer Warm

Dicht oder nicht?

Für die Hallfahne gibt es neben der mittleren Nachhallzeit RT60 auch weitere Parameter, die man kontrollieren kann. Density beschreibt die Dichte dieser Fahne. Prinzipiell ist diese bei natürlichen großen Räumen geringer, weil der Schall von einer Reflexionsfläche zur nächsten einen weiteren Weg zurücklegt. Es sind aber auch andere Umstände dafür verantwortlich, beispielsweise die Diffusion. Eine hohe Dichte ist nicht immer die beste Lösung. Sie nimmt einem Mix gerne etwas Luftigkeit und Transparenz.

Bass? Braucht kein Mensch.

Seid vorsichtig mit tieffrequentem Reverb. Was bei einer Kirchenorgel angenehm wabert, kann einer modernen Mischung das Fundament aufweichen. Oft gibt es ein Bass Roll-Off oder ein Bass Multiply, welches auf „x 0,5“ oder „x 0,1“ gestellt werden kann, um den Hall in den tiefen Freuenzen schlank zu halten. In den Höhen ist es ähnlich: Weist euer Effekt keine Einflussmöglichkeiten auf, greift zum EQ und senkt die Höhen ab oder hebt sie an – beides kann seinen Reiz haben. Stimmen beispielsweise können an Verständlichkeit hinzugewinnen, wenn die Höhen zurückgenommen werden. Andererseits kann man ihnen einen edlen Klang verleihen, mit „schimmernden” S- und T-Lauten.
    In den absoluten Anfangstagen von bonedo habe ich mal einen Test eines Hallgeräts mit einem „virtuellen Rundgang“ als Audio-Hörspiel gemacht – dort kann man schön die Wirkung unterschiedlicher Räume erkennen. Hier geht’s zum Testbericht. 

An Gewöhnung gewöhnt man sich…

Natürlich ist das Verhältnis von Direktsignal zum Reverb enorm wichtig und wird auf dem „Lehrbuchweg“ mit Aux-Send- und Aux-Return-Level eingestellt oder aber per Dry/Wet-Regler. Ich versichere euch, dass ihr einen Schreck bekommt, wieviel Hall ihr auf manche Signale gepackt habt, wenn ihr nach einer längeren Hörpause überprüfen wollt, was ihr da mit dem Reverb veranstaltet habt. Der Grund: Unser Gehör benötigt Rauminformation, um ein Signal orten und einordnen zu können, kann sich danach aber auf das Direktsignal fokussieren. Das hat zur Folge, dass uns der Hallanteil nach einiger Zeit immer weniger auffällt und wir es ausblenden. Der Wet-Anteil nutzt sich also quasi ab! Ein beliebter Fehler ist es, immer wieder Hall nachzubuttern, bis es irgendwann viel zu viel ist. Deswegen: Immer wieder pausieren, etwas anderes gegenhören oder zwischenzeitlich andere Arbeiten erledigen!

Hall mischen lernen: Das dauert!

Der Umgang mit Reverb in einem Mix ist insgesamt nicht einfach. Auch gibt es eine riesige Zahl an unterschiedlichen Geräten und Plug-Ins mit sehr verschiedenen Konzepten. Es kann also kein simples Kochrezept geben. Viel hängt davon ab, was Mikrofone schon an Raumklang eingefangen haben, welche Genre das Musikstück hat, welches Tempo der Song hat, welches Instrument wie wirken soll und einiges mehr. Mal sind fast trockene Produktionen genau das, was man braucht, mal ist das Reverb eines der Hauptmerkmale in einem Song – die Bandbreite ist irrsinnig groß. Achtet mal beim Musikhören darauf, wie unterschiedlich Reverb eingesetzt wird und welche Aufgaben es in der Mischung erfüllt! Ein Tipp noch: Hört öfters mal mit Kopfhörern ab, um die Einflüsse eurer Abhörsituation zu minimieren!

Hier geht es zur Serien-Startseite

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von Nick Mavridis

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