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Lexicon PCM Native Reverb Test

Details

Die Vorgeschichte

Ende der 90er Jahre zeichnete sich in den Tonstudios der Übergang von Hardware-Einzelkomponenten wie Bandmaschine, Mischpult und Effektgerät zu Software-Komponenten im Rechner ab. Auch Lexicon hatte die Zeichen der Zeit erkannt und zwei Antworten parat: Fast zur gleichen Zeit brachte man das LexiVerb-Plug-In für Pro Tools TDM und ein eigenes Harddisk-Recording-System namens Core 32 auf den Markt. Eines der Alleinstellungsmerkmale des Core-32-Systems sollte der mitgelieferte Lexicon-Hall sein, der Ressourcen-schonend auf speziellen DSPs der Hardware berechnet wurde. Wie sich dieser Anspruch mit dem Pro-Tools-Plug-In vertrug, war eine der Schwierigkeiten,  mit denen sich das Marketing herumschlagen musste. Aber: Das Core-32-System hatte eine Reihe ganz anderer Kompatibilitätsprobleme und war mit dem Abgang von Windows 98 SE und Mac OS 9 selbst dem Untergang geweiht.

In den letzten zehn Jahren gab es immer wieder mehr oder weniger halbherzige Versuche, sich den guten alten Markennamen zu nutze zu machen. Manche Produkte trugen dabei jedoch eher dazu bei, den guten Markennamen in Misskredit zu bringen.

Das Lexicon PCM96
Das Lexicon PCM96

Vor gut drei Jahren horchte ich dann erstmals wieder bei einem Lexicon-Produkt auf, und zwar beim PCM-96. Dies ist ein Effektgerät, das sich über eine Firewire-Schnittstelle mit einem Mac verbinden lässt. Dabei werden zwar die Effekte in der Lexicon-Hardware berechnet, aber die Steuerung aller Einstellungen wird über ein mitgeliefertes Plug-In im Sequencer vorgenommen. Immerhin ist das PCM-96 damit das einzige mir bekannte Gerät, das die Stärken von Hard- und Software in einer Lösung zu verbinden versucht.

Das Plug-In-Bundle

Das PCM Native Reverb Bundle begründet in der Lexicon-Tradition so etwas wie eine neue Ära. Vor allen Dingen Liebhaber der Hallgeräte hatten über die Jahre den Mythos aufgebaut, dass die berühmt berüchtigten Lexichips, die den Nachhall in der Hardware berechneten, den Unterschied ausmachen würden. Bei den Lexichips handelt es sich um digitale Signalprozessoren (DSPs), wie sie zum Beispiel von Firmen wie Motorola und Analog Devices hergestellt werden. DSPs sind im Unterschied zu Computer-CPUs mit relativ wenig Rechenleistung ausgestattet. Eine Taktrate von 150 oder 200 MHz ist hier normal. Aber: Sie sind auf wenige Aufgaben optimiert und erledigen diese sehr schnell. Lange Zeit galt daher, dass ein Windows-PC oder Mac diese konzentrierte Leistung nicht schnell genug erbringen könne.

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Offensichtlich haben sich die Zeiten geändert, denn ein Lexicon-Entwickler hat in einem Internet-Forum den Mythos der Spezial-DSPs selbst entzaubert: „Die CPUs aktueller Computer sind so schnell und der Zugriff auf den Speicher ist so unmittelbar, dass zahlreiche Plug-In-Instanzen des PCM Native Reverb ohne hohe CPU-Last möglich sind. Und dabei müssen wir in der Qualität keinerlei Kompromisse eingehen.“ Im weiteren Verlauf seiner Äußerungen bestätigte er, dass die Algorithmen des PCM Native Reverb mit denen der Hardware PCM 96 identisch seien. Klangliche Unterschiede seien unwahrscheinlich, wenn der Native-Reverb-Benutzer eine ordentliche Audio-Hardware verwenden würde. Das Geheimnis guten Halls liege in den Algorithmen. Lexicon-Hall in höchster Qualität ist mittlerweile also mit jedem halbwegs aktuellen Mac oder Windows PC möglich.

Diese Aussage ist wenig überraschend, wenn man sich verdeutlicht, dass sich ein Lexicon 480 L mit der Rechenleistung zufrieden geben musste, die Mitte der 80er Jahre zur Verfügung stand. Und das war an heutigen Maßstäben gemessen nicht besonders viel.

Im ersten Moment bin ich darüber gestolpert, dass es sich um ein Plug-In-Bundle handelt. Das Lexicon PCM Native Reverb besteht aus sieben Plug-Ins, je eines pro Algorithmus. Alle haben jedoch die gleiche Oberfläche, die vor allen Dingen von neun Fadern in der unteren Hälfte dominiert wird. In der Standard-Ansicht „Soft Row“ werden die wichtigsten Parameter des jeweiligen Algorithmus angezeigt, aber selbstverständlich ist es möglich, noch tiefer in die Programmierung einzugreifen. Ein Klick auf den Button „Edit“ unter den Fadern zeigt mehrere Karteireiter-ähnliche Felder, die Algorithmen-spezifische Parameter auf die Fader legen. Im Vergleich zu älterer PCM-Hardware fällt die Parametrisierung viel übersichtlicher aus. Ich erinnere mich noch gut an das alte PCM-90, dessen Baumdiagramm Lexicon zur Darstellung der Parameterstruktur mithilfe ausklappbarer Seiten im Handbuch realisierte. Ein Albtraum…

Im oberen Bereich aller Plug-In-Fenster gibt es je einen Equalizer für die Early Reflections und den Nachhall sowie eine Echtzeit-Anzeige für den Verlauf der Nachhallkurve und des Frequenzspektrums in verschiedenen Ansichten. Dieses Display lässt sich auch abschalten, etwa um  Rechenleistung zu sparen. Dazu ein Beispiel: Auf meinem betagten Pro-Tools-G5-Rechner beanspruchte eine Lexicon-Instanz nur die Hälfte an Rechenpower, wenn die Echtzeit-Anzeige ausgeschaltet und das Plug-In-Fenster geschlossen war. Ebenfalls im oberen Bereich findet die Auswahl der Kategorie und der Presets statt. Durch die Kategorie-Vorwahl bleibt die Preset-Anzahl übersichtlich.

In der Fader-Belegung „Soft Row“ werden typischerweise Parameter wie Pre-Delay, Raumgröße und Nachhallzeit mit anderen Algorithmus-spezifischen Einstellmöglichkeiten dargestellt. Die Belegung lässt sich im Edit-Modus ändern und als User-Preset speichern. So hat man jederzeit Zugriff auf die eigene Parameter-Auswahl. Neben dem Button „Edit“ gibt es noch „Compare“ zum Vergleich des Presets mit den eigenen Modifikationen und „Store“ zum Speichern eigener Kreationen.

Im Edit-Modus lassen sich zum Beispiel die Parameter für die Schnellzugriffsebene „Soft Row“ zuordnen.
Im Edit-Modus lassen sich zum Beispiel die Parameter für die Schnellzugriffsebene „Soft Row“ zuordnen.

Die glorreichen Sieben

Lexicon hat für jeden Algorithmus ein eigenes Plug-In spendiert. Im Einzelnen handelt es sich um: Chamber, Concert Hall, Hall, Plate, Random Hall, Room und Vintage Plate. Jeder hat seine individuellen Stärken.

Der Chamber-Algorithmus bildet kleine Räume mit vielen Reflexionen nach, wie sie zum Beispiel früher in Studios als so genannte Hallkammern (Echo Chambers) existierten. Die drei verschiedenen Hallen (Hall, Concert Hall, Random Hall) bilden den räumlichen Klang einer Konzerthalle nach. „Hall“ ist dabei sehr realistisch, während die beiden anderen immer etwas übernatürlich und larger than life klingen. Der dichte, fette Ausklang von Random Hall eignet sich sehr gut für dicke Streicher-Arrangements oder andere Gruppen klassischer Instrumente.

Der Room-Algorithmus ist das klassische Werkzeug, um einzelnen Instrumenten oder einem kompletten Mix eine Basis-Räumlichkeit zu vermitteln. Die klassische Nachhallfahne kreiert man in der Regel mit den anderen Algorithmen. Für die drei Kategorien Small, Medium und Large gibt es jeweils zahlreiche verschiedene Early-Reflection-Muster, die den Raumklang prägen.

Plate-Algorithmen werden bevorzugt für Drums und Percussion sowie Vocals eingesetzt. Sie haben in der Regel einen hellen, leicht metallischen Klang und erzeugen die typische Hallfahne, die aber keinen wirklichen Raum definiert. Lexicon bietet zwei Varianten, wobei Vintage Plate paradoxerweise die neuere ist.

Für jeden Algorithmus gibt es eine Plug-In-Instanz. Das Lexicon-Bundle kommt also mit sieben Plug-Ins daher.
Für jeden Algorithmus gibt es eine Plug-In-Instanz. Das Lexicon-Bundle kommt also mit sieben Plug-Ins daher.
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