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22.11.2017

Workshop: Verzerrung von Gesangsspuren

Vocals: Von sanfter Sättigung bis Distortion

Ich glaub, ich hab 'ne Zerrung!

Die Bandbreite verzerrungsartiger Effekte ist groß und die Übergänge von cremiger Sättigung über crispen Overdrive bis hin zum aggressiven Distortion-Effekt sind fließend. Absichtliche, plakative Verzerrungen von Gesang sind meines Wissens (ohne tiefgreifende Recherche) seit den frühen 90ern auch in Mainstream-Produktionen zu finden, wobei dieser Effekt seltener während des gesamten Songs auf der Gesangsspur präsent ist, sondern eher partiell zur Auflockerung des Vocal-Arrangements eingesetzt wird.

Vocal-Verzerrung: Wie macht man's?

An dem Umstand, dass Engineers und Tontechniker meistens sehr darum bemüht sind, Spuren während der Aufnahme und des Mixes nicht zu verzerren, sieht man, dass es sich beim Erzeugen dieses Effekts nicht um Hexenwerk handelt. Dennoch gibt es ein paar grundlegende Dinge, die beim kreativen Einsatz hilfreich sein können. Eine Verzerrung, die beispielsweise durch die Übersteuerung eines Verstärkers hervorgerufen wird, fügt dem Quellsignal neue Obertöne hinzu. Hier gilt die Faustregel, dass bei Röhren geradzahlig Harmonische erzeugt werden, welche in vielen Fällen als angenehmer und weniger aggressiv empfunden werden als die ungradzahligen Obertöne, welche bei der Übersteuerung von Transistorschaltungen erzeugt werden. Weiterhin ist die Intensität der Übersteuerung ein sensibler Parameter zur Formung des Klangs, der es häufig ermöglicht einem einzigen Verstärker/Verzerrer diverse Klangfarben von kompressionsartiger Sättigung bis hin zu brachialer Distortion zu entlocken. Ein simpler Weg zur Verzerrung von Gesang wäre die gezielte, manuelle Übersteuerung des Mikrofonvorverstärkers während der Aufnahme. Doch zum einen erzielt man hierdurch, je nach Mischpult oder Preamp, unterschiedlich brauchbare Ergebnisse, zum anderen hat man auf ein auf diese Art aufgenommenes Audiofile nur noch begrenzte Möglichkeiten der Klangformung. Falls der Sänger während der Aufnahme deutlich lauter singt als erwartet (oder beim Take zuvor), kann dies drastische Auswirkungen auf den Sound und auch die Sprachverständlichkeit haben. Vor diesem Hintergrund ist es praktikabler, ein separates Tool zur Verzerrung zu verwenden, das man auf einer vom cleanen Mikrofonsignal getrennten Spur aufnimmt oder erst im Mix benutzt. Welche Tools gibt es?

Drive me crazy!

Theoretisch eignen sich zur An- und Verzerrung sämtliche analoge Studioprozessoren, deren Übersteuerung feinfühlig genug regelbar ist, um den Sound zielgerichtet zu formen, dennoch haben sich auch abseits des riesigen Marktsegments der E-Gitarren-Verzerrer/-Amps (und Emulationen) einige Distortion-Spezialisten etabliert, die für den Einsatz auf sämtlichen Instrumentengattungen konzipiert wurden und sich somit auch bestens zur Bearbeitung von Stimmen eignen. Populäre Hardwaregeräte dieser Art sind der Thermionic Culture Vulture, der Vertigo Sound VSM-2 sowie der noch ziemlich frische Analog Heat von Elektron aus Schweden. Weiterhin gibt es von TC-Helicon die „Tretmine“ VoiceTone X1 Megaphone & Distortion speziell für Vocals. Falls euch weitere hierzu geeignete Hardware bekannt ist, könnt ihr das gerne in den Kommentaren für interessierte Leser ergänzen!

Vermutlich wird aber auch diese Effektgattung mittlerweile von Plugins und emulierter Hardware dominiert. Alle mir bekannten DAWs haben eigene Amp-Emulationen, teilweise inklusive vorgefertigter Vocal-Presets, mit an Bord und das weitere Angebot von Drittherstellern ist riesig, doch auch hier gibt es neben populären Emulationen echter Geräte auch Neuschöpfungen, die man schon fast als Klassiker bezeichnen kann, wie etwa den Decapitator von Soundtoys.

Eine weitere, lustige Neuschöpfung ist die diabolische Wurst des Plugins Sausage Fattener von Dada Life. Weil's so schön ist, habe ich ein kleines Video vorbereitet. Man beachte die grimmige Mimik bei der (automatisierten) Erhöhung des für die Verzerrung zuständigen „Fatness“-Reglers:

Weitere Hörbeispiele

Im folgenden hört ihr das kleine Arrangement aus dem Video mit unterschiedlichen Plugins auf den Rap Vocals, zunächst jedoch mit cleanen Vocals:

Im folgenden Audiobeispiel fällt besonders beim zweiten Rapper die mit der Verzerrung verbundene Kompression auf. Der vorher kaum wahrzunehmende Raumanteil tritt deutlich hervor, was häufig ein stilbildendes Artefakt ist.

Auch Bandmaschinen-Emulationen können zur Verzerrung zweckentfremdet werden, hier die Abbey-Road-J37-Emulation von Waves:

Einer geht noch! Jetzt hört ihr den Clip-Distortion-Effekt von Apple Logic, der ebenfalls solide abliefert, ohne dass Logic-User ihr Konto zusätzlich belasten müssen.

Die folgenden Hörbeispiele präsentieren eine andere Stilistik. Hier soll der Gesang lediglich „leicht angefahren“ werden, um einen etwas prägnanteren und präsenteren Gesangssound zu erschaffen. In einer „echten“ Produktion würde ich, zumindest während derart puristischer Backing-Passagen, vielleicht etwas subtiler eingreifen. Als Vorführobjekt eignet es sich aber hoffentlich ganz gut.

Durch Acts wie Scooter ist das Megafon so populär geworden, dass auch das Militär, Polizei und andere Behörden darauf aufmerksam geworden sind und solche Geräte einsetzen. Spaß beiseite: Im folgenden Audiobeispiel habe ich mit dem Vertigo-VSM-3-Plugin von Brainworx versucht, ein typisches Szenario nachzustellen: 

Digitale Verzerrung

Neben den Formen der analogen Verzerrung und der digitalen Emulation hiervon, erfreuen sich auch digitale Verzerrer in Form von Bitcrushern hoher Beliebtheit. Diese erzeugen durch Übersteuerung, Bit-Reduktion und Reduzierung der Samplerate ebenfalls Obertöne und Artefakte, die sich kreativ einsetzen lassen. Im folgenden Hörbeispiel erzeugt ein dezent beigemischter Bitcrusher einen leichten „Kick“ der Transienten und verschafft so den Vocals eine etwas höhere Präsenz im lebhaften Backing.

Praxistipps

In den bisher gehörten Audiobeispielen war ich darum bemüht, einen stiltypischen Effekt zu präsentieren, unter dem die Sprachverständlichkeit nicht zu sehr leidet. Die Herausforderung hierbei ist das richtige Maß zu finden, was in einigen Fällen spontan gar nicht so leicht gelingt. Ein effektiver Weg, zügig zum Ziel zu gelangen, ist der parallele Einsatz des ausgewählten Verzerrer-Tools und bei Plugins mit Wet-/Dry-Regler gelangt man meist problemlos zum gewünschten Ergebnis. Alternativ kann man Spurenkopien oder sogar Auxwege verwenden, um das Signal für den Verzerrer abzuzweigen.

Filter sind ein weiteres wichtiges Hilfsmittel zur Klangformung und Sprachverständlichkeit, welche teilweise bereits in verschiedenen Plugins/Hardwaregeräten vorhanden sind. Falls das nicht der Fall ist, kann man separate Effekte verwenden. Der Einsatz sowohl vor als auch hinter dem Verzerrer kann sinnvoll sein. Ein Hochpass vor der Distortion kann beispielsweise unerwünschtes Dröhnen/Mulmen unterbinden, wogegen ein Tiefpass hinter der Verzerrung zu intensive Obertöne nach Belieben abmildert.

Macht das Verwenden von Distortion während der Aufnahme Sinn?

Ein ganz klares Jein! Für das Verwenden sprechen ähnliche Argumente, die beispielsweise beim Recording von E-Gitarren ausschlaggebend sind. Würde man in einer rockigen Produktion die Gitarre während der Aufnahme nur clean aufnehmen und hören (pläng … schreddel, schreddel …flirrr), könnte weder der Gitarrist, noch der Produzent beurteilen, ob die aufgenommene Spur gut oder schlecht ist. Ähnliches gilt, wenn der verzerrte Stimmensound besonders wichtig für die Stilistik oder die Dramaturgie eines Songs ist. Der stilechte Sound während der Aufnahme erleichtert die Beurteilung und kann den Sänger, der ohne Distortion möglicherweise total uncool klingt, zu einer ausdrucksvolleren Performance animieren.

Was unter anderem gegen die Aufnahme des verzerrten Signals spricht, sieht man in der oberen Abbildung. Eine hohe Verzerrung verändert natürlich ebenfalls die grafische Darstellung der Wellenform, was eine punktgenaue Editierung sehr erschwert. Das hört sich jetzt vielleicht unwichtig an, ist es aber nicht! Ein tightes Timing ist das A und O von, sagen wir mal, 90 Prozent aller professionellen Musikproduktionen. Weiterhin können Hintergrundgeräusche, Atmer, Schmatzer und so weiter den timingrelevanten Startpunkt einer Silbe optisch und auch akustisch maskieren sowie die Sprachverständlichkeit negativ beeinflussen.

Somit gibt es zwei Lösungen dieser potenziellen Probleme: Die gleichzeitige Aufnahme von cleanem und bearbeitetem Signal, wofür es ja nach verwendetem Recording-Setup unterschiedliche Wege gibt, oder aber die ausschließliche Aufnahme des sauberen Signals mit dem Verzerrer im Abhörweg. Sehr elegant wird dieser Workflow von Universal Audios Apollo-Interfaces gelöst, welche wahlweise die Aufnahme als auch das Monitoring ohne spürbare Latenz ermöglichen. Hierzu ein kleines Video:

Wie im Video versprochen findet ihr unter diesem Link den Testbericht des Thermionic Culture Vulture in seiner Hardwarevariante.

Falls euch weitere, noch nicht behandelte Teilbereiche des Themas Vocal-Production interessieren, könnt ihr es uns gerne in den Kommentaren mitteilen!

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