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Positive Grid Bias Distortion Twin Test

Das Positive Grid Bias Distortion Twin Pedal nimmt für sich in Anspruch, auch als abgespeckte Version des Bias Distortion ebenso wie dieser die Sounds einer Vielzahl klassischer Verzerrerpedale liefern zu können. Was Mitte der 90er Jahre in eher bescheidener Art und Weise mit den ersten Modeling-Gitarrenverstärkern seinen Anfang nahm, ist mittlerweile klanglich kaum noch von glaskolbenbetriebenen Gitarrenamps zu unterscheiden.

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Dank leistungsstärkerer und billigerer Chips sind mittlerweile viele Hersteller dem Trend in Richtung Digitalisierung gefolgt. Darunter auch das US-amerikanische Unternehmen Positive Grid, das sich vom Geheimtipp zu einer der angesagtesten Digitalschmieden weltweit gemausert hat. Neben volldigitalen Gitarren- und Bassverstärkern bietet der Hersteller auch eine Reihe programmierbarer Bodenpedale mit Editoranbindung. Gut, so etwas gibt es auch von anderen Marken, aber kaum eine bietet dem User derart komplexe Eingriffsmöglichkeiten in die individuelle Soundgestaltung.

Details

Konzept

Im Gegensatz zu analogen Verzerrern werden hier die Sounds nicht von den verbauten Komponenten selber erzeugt, sondern entstehen mithilfe von Algorithmen und Datenstrukturen. Im Prinzip hat man es hier also mit einem auf Verzerrersounds spezialisierten Minicomputer in Pedalform zu tun. Sorgen über eine minderwertige AD/DA-Wandler bzw. eine schlechte Dynamik braucht man sich dabei übrigens nicht zu machen. Die Klangqualität ist absolut top und über jeden Zweifel erhaben. Das Pedal bietet zwar grobe Eingriffsmöglichkeiten, aber für die individuelle Klanggestaltung ist das Editieren mit der kostenlosen Software am Rechner (ein individueller Code liegt jedem Gerät bei) unumgänglich.

Fotostrecke: 3 Bilder Der Bias Distortion Twin kommt im schwarzen Stahlblechgehäuse, dessen Bedienfeld gold unterlegt ist.
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Aufbau

Der Bias Distortion Twin kommt in einem superstabilen Stahlblechgehäuse und ist laut Hersteller für den gnadenlosen Live-Einsatz konzipiert. Im Gegensatz zum großen Bruder lässt sich hier nur ein Verzerrermodell aktivieren. Deshalb findet man hier auch nur zwei anstelle von vier Fußtastern. Während man mit dem linken Fußtaster den Verzerrer schaltet, aktiviert der rechte Taster bei Bedarf den integrierten Booster, der sich entweder separat oder vor bzw. hinter die Zerrereinheit routen lässt. Will man ein anderes Verzerrermodell anwählen, kann man das entweder mit dem Preset-Drehstufenschalter direkt am Pedal vornehmen oder mittels USB-Kabel über den Rechner bzw. per Bluetooth mit iPhone oder iPad. Die Regler auf der Pedaloberfläche kennt man auch von gut bestückten Overdrive-Pedalen. Hierzu zählen Gain, Level, Tone und Blend. Blend hat eine besondere Funktion, denn hier wird das Mischungsverhältnis des Tone-Shaping-Moduls in der Ausgangsstufe eingestellt und die Intensität des Boosters mit dem entsprechenden Poti stufenlos geregelt. Ein dreistufiger Kippschalter wählt zwischen Trebleboost, Cleanboost und Fatboost.

Fotostrecke: 3 Bilder Insgesamt sechs Regler stehen zur Klangbearbeitung auf der Oberseite zur Verfügung.
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Die Anschlüsse

An der Stirnseite finden sich alle Anschlussmöglichkeiten des Pedals. Im Gegensatz zum großen Bruder fehlen hier die beiden MIDI IN- und THRU Buchsen, wodurch sich das Pedal bei weitem nicht so gut in ein komplexes Setup einbinden lässt. Die einzige Hardwareverbindung zur digitalen Außenwelt ist also die Mini-USB-Buchse, über die sich das Gerät mit dem Rechner verbinden lässt. Dabei werden allerdings nur Parametereinstellungen übertragen. Als Audiointerface kann das Pedal nicht verwendet werden. Über dem USB-Anschluss befindet sich der Bluetooth/Wireless-Button samt LED-Statusanzeige. Die Stromversorgung wird vom beiliegenden 9V-DC-Netzteil gesichert, denn Batteriebetrieb ist nicht vorgesehen und würde wegen des hohen Stromverbrauchs von 270 mA auch keinen großen Sinn ergeben. Neben Ein- und Ausgangsbuchse wartet noch ein dritter Anschluss auf ein Expressionpedal.

Fotostrecke: 3 Bilder An der Stirnseite des Pedals finden sich alle verfügbaren Anschlussmöglichkeiten,…
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Die Software

Bevor man das Pedal benutzt, sollte man mittels beiliegendem Code zuerst einmal die wirklich sehr gut gemachte Software herunterladen. Ohne geht es im Grunde auch gar nicht, denn nur mithilfe des Editors ist es überhaupt möglich, das Pedal mit regelmäßigen Updates zu versorgen, Sounds zu programmieren und ins Pedal zu laden. Die Software liegt sowohl als Plugin als auch als Standalone-Version auf der Homepage des Herstellers zum Download bereit. Neben einer PC- und einer Mac-Version gibt es außerdem eine fürs iPad – in diesem Fall wird das Gerät via Bluetooth gesteuert. Insgesamt kann man sehr tief in die Programmierung eingreifen, dennoch sind die Eingriffsmöglichkeiten stark vereinfacht. Hier wünschte ich mir so etwas wie eine Pro-Version, bei der sich die virtuellen Widerstände und Kondensatoren tauschen lassen.

Die Software besteht aus insgesamt sieben Ebenen: Custom Panel, EQ, Clipping Stage, Output Stage, Power Module, EQ (2) und Pedal Match. Bis auf Custom Panel, Clipping Stage und Output Stage lassen sich alle anderen Ebenen aus der Signalkette herausnehmen. Die Position der beiden EQs kann außerdem verschoben werden.

Fotostrecke: 2 Bilder Alle Ebenen aktiv
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Die erste Ebene dient nur der optischen Darstellung und hat keinen Einfluss auf den Sound des Pedals. Also gehen wir direkt zur Equalizer-Einheit. Hier stehen insgesamt drei unterschiedliche Modelle zur Verfügung. Da wäre zuerst einmal der grafische EQ mit acht Frequenzbändern, mit dem man sich als Gitarrist zuerst einmal am wohlsten fühlt. Zur Auswahl stehen 60 Hz, 120 Hz, 250 Hz, 500 Hz, 1 kHz, 2 kHz, 4 kHz und 8 KHz. Eine etwas andere Art und Weise, die Frequenzen zu verbiegen bietet der Studio-EQ, dessen Frequenzspektrum aber nur bis 6 KHz reicht. Obwohl der Frequenzgang von Gitarrenlautsprechern limitiert ist und ab etwa 5 KHz rapide abfällt, spielt der Obertonbereich bis hin zu 16 KHz gerade bei verzerrten Sounds eine wichtige Rolle. Der Grund sind die feinen Obertöne, die eine offen und vielschichtigen Verzerrung erst ermöglichen. Deshalb ist hier mein Favorit der Parametric-EQ, mit dem sich Frequenzen von 20 Hz bis 22 kHz bearbeiten lassen.

Fotostrecke: 3 Bilder Grafischer EQ mit acht Frequenzbändern
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Der nächste im Bunde ist die Clipping Stage, die man auch als erste Zerrstufe bezeichnen könnte. Hier lassen sich neben sehr vielen Parametern auch die virtuellen Transistoren/Dioden/Röhren verändern. Dazu gehören Germanium, Silizium, JFET, Mosfet und Röhre.

Clipping Stage
Clipping Stage

Die Clipping-Stage interagiert mit der Output-Stage, die als zweite Zerrstufe fungiert und nahezu ähnliche Parameter besitzt. Alleine mit diesen beiden Bratstufen kann man sich locker einen ganzen Nachmittag lang beschäftigen, weil sie sich gegenseitig beeinflussen. Im Gegensatz zur Clipping-Stage hat man hier noch den Tone-Shape-Bereich, der aus einem Dreiband-EQ, einem Tone-Poti sowie einem Output- und Mixregler besteht.

Clipping Stage 2
Clipping Stage 2

Wenn man mit dem Editieren der beiden Bratstufen fertig ist, kann man mit dem Power-Modul die Dynamik manipulieren. Das Ganze erinnert an einen ausgefuchsten Kompressor, dessen Wirkungsweise sich durch simulierte Batterien bzw. Spannungen weiter beeinflussen lässt. Zur Auswahl stehen 6, 9, 12 oder 18 Volt.

Power Module
Power Module

Als Joker bietet die Software noch einen intelligenten Equalizer, der auf den Namen “Pedal Match” hört. Das Ganze erinnert an den Match-EQ von Logic Audio. Hier werden die Frequenzkurven von Original und Kopie nacheinander analysiert und miteinander verglichen. Anschließend wird der Frequenzgang der digitalen Kopie so weit verändert, bis er mit dem Originalsound identisch ist.

Pedal Match - intelligenter Equalizer
Pedal Match – intelligenter Equalizer
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