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05.01.2020

Wie DJs und Livemusiker doch noch Freunde werden können

Einige manchmal unausgesprochene Unstimmigkeiten schweben zwischen Musikern und Discjockeys. Jeder vertritt seinen eigenen Standpunkt, macht sich auch gerne mal über den anderen lustig.

Warum fällt es denjenigen, die doch eigentlich alle die Musik als Lebens- oder Arbeitsmittelpunkt haben, eigentlich schwer, sich einfach zu akzeptieren. Warum begegnet man sich nicht mit Respekt und gegenseitiger Anerkennung auf Augenhöhe?

1. Training = Training?

Musiker üben und trainieren Jahre und Jahrzehnte, bis das Publikum sie wirklich hören und sehen will. Zugegeben, da ist sehr, sehr viel Spaß mit an Bord. Aber zugleich bedeutet das mühevolle, schweißtreibende und bisweilen auch schmerzhafte Arbeit an sich selbst. Auf der anderen Seite gibt es DJs, die erst nach etlichen Jahren kommerzielle Erfolge schreiben und auch die Event- oder Hochzeits-DJs müssen sich erstmal durchbeißen. Für allesamt ein steiniger Weg, den sie erst mal gegangen sein müssen. Diese Tatsache sollte sie vereinen.

Kein Grund, die andere Abteilung nicht wertzuschätzen. Beide haben ihre ganz eigenständige Bedeutung und Berechtigung. Der Metzger beneidet ja auch nicht den Schlachter. Die können wunderbar mit- und nebeneinander leben. Die Kunden kaufen bei beiden ein. Und was sollen die Kunden mit einer Wurstscheibe ohne Brötchen darunter? Wie schön könnte es sein, wenn auch Mucker und DJs endlich begriffen, dass sie ihren Kunden - dem Publikum - völlig unterschiedliche „Waren“ liefern.

2. Die emotionale Komponente

Musiker stehen zu ihrer sympathischen Profilneurose und wollen im Mittelpunkt stehen, beklatscht und bestaunt werden. Wie das Alpha-Tier, das sich vor Kraft strotzend auf den Brustkorb hämmert. Andernfalls würden sie sich das anstrengende Stage-Leben wohl kaum antun. Das Können auf dem Instrument vom treibenden Drum-Groove über rasante Gitarrensoli bis zum treffsicheren Gesang sorgt für Bewunderung beim Publikum. Warum aber scheibt man sich diese Attribute nur auf die eigene Fahne? Kein Mensch würde – oder könnte - ernsthaft behaupten, die Touren und Gigs der Top-DJs oder der handwerklichen Mainstreamer seien weniger kräftezehrend oder bewunderungswürdig.

Während die Event-DJs unablässig in das Publikum hineinfühlen, auf Mimik und Körperhaltung der Gäste achten und den Abend als Entertainer neben der gekonnten Musikzusammenstellung mit treffsicheren Moderationen auflockern, sind die Elektronik-Freaks mit außergewöhnlichen Mixes neue Trends stehen auch – siehe Eröffnung der olympischen Spiele in Athen 2004 oder im Maracanã 2016 – nahezu alleine vor Zigtausenden von Menschen. Unter dem Strich steht: Ihr zieht alle an einem Strang, egal auf welchem Niveau, egal in welcher Größenordnung. Das gemeinsame Ziel ist und bleibt es, das Publikum zu erreichen. Allesamt macht ihr mit treffsicherem Gefühl für musikalisch stimmige Zusammenhänge oder Kontraste und großer Individualität etwas Einzigartiges. Wenn dabei wie nebenher noch eine Karriere herauskommst – umso angenehmer.

3. Futterneid ist sinnlos

Unbezwingbar hält sich das Gerücht, die DJs aus der Dienstleistungsabteilung würden höhere Abendgagen kassieren als der handelsübliche Hochzeitsmucker. Grundsätzlich mag das stimmen. In der realen Kalkulation ist das ein absoluter Trugschluss. Während die Band sich im Normalfall die Gage teilt, trägt sie auch die Ausgaben gemeinsam. Der DJ ist eine One-Man-Show und die Konkurrenz schläft ganz sicher nicht. Die Hörgewohnheiten und die Sound- und Showerwartungen der Gäste werden immer höher. Zwangsläufig muss er das Equipment immer auf dem aktuellsten Stand der Technik halten. Außerdem legt er häufiger als Bands in denselben Locations auf und muss schon aus Marketinggründen immer mal wieder etwas Neues und Überraschendes bieten. Wohlgemerkt, wir reden hier vom DJ, der seinen Job wirklich ernst nimmt. Die Kosten trägt er ganz alleine. Wer denn auch sonst. Rechnet man das mit spitzem Bleistift gegeneinander, sind die Gagen eigentlich identisch. Kein Grund also, dem anderen die Butter auf dem Brot nicht zu gönnen. Verbleibt neben dem Blick auf die Mainstream-DJs und die Club- oder Showbands noch der Vergleich auf anderem Niveau: Elektronik-Künstler des DJing und die absoluten Top-Stars der Livemusiker.

Obwohl, vielleicht stellt sich eher die Frage, weshalb da irgendwas in den vergleichenden Kontext gestellt werden soll. Bringt das was? Ich glaube nicht. Was ist schöner, eine Libelle oder ein Schmetterling? In beiden Fraktionen finden sich echte Künstler, Menschen mit außergewöhnlicher Kreativität und extremem Können. Fakt bleibt doch eines: Wer auf diesem Niveau abliefert, spielt in der obersten Liga und ist in Sachen Verdienst kaum noch mess- oder vergleichbar. Ein Hit – egal ob vom Instrument, mit der Stimme oder aus dem DJ-Mix - hat mit Stundenlohn und ähnlichen Gagengrundlagen nichts mehr zu tun. Über den Verkaufserfolg der Kunstwerke entscheiden der Markt und das Publikum. Und ob man als DJ oder Mucker den Topseller landet, ist doch völlig irrelevant. Jeder hat seinen eigenen Weg zum Ziel.

4. Der Zeitfaktor zwischen Bühne, DJ-Pult und Alltag

Der Mann am Mainstream-Plattenteller will die Menge treffsicher bedienen. Nicht gelangweilt und zufällig passend, sondern mit dem Gefühl für den richtigen Augenblick und der dramaturgisch perfekt passenden Musik. Das verlangt nach immenser Vorbereitung und zwingt dazu, permanent über die neuesten Charts und Trends informiert zu sein. Sogar über Titel, die bei ihm persönlich für Brechreiz sorgen. Da kann er sich drehen und wenden, wie er will. Die Dinger müssen kommen. Feuert er die nicht ab, verpufft die Veranstaltung und er kann förmlich dabei zusehen, wie der Kalender immer größere Lücken reißt. Publikum verzeiht nicht.

Könnt ihr euch vorstellen, wie nervig das sein kann, wenn man Musik nicht hören darf, sondern hören muss? Auf der Kehrseite der Medaille steht das Programm der Band in groben Zügen irgendwann einfach fest. Never change a winning song. Will man Neues aufnehmen, dann nicht aus Zwang. Einfach so, weil’s Spaß macht. Das will sagen: Auch hier gibt es wieder vollkommen differente Herangehensweisen. Und jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen. Das Fazit kann nur heißen, dass für beide Lager die Musik, die Kreativität und die Menschenmenge im Mittelpunkt stehen. Das ist ein Lebensgefühl! Das sollte verbinden und keinesfalls für Konfrontation sorgen.

5. DJs nehmen Musikern Termine weg?

Ein selbsterfüllender Slogan, so man ihn glauben wollte. Letztlich aber blanker Unsinn: „DJs nehmen den Musikern die Termine“. Zunächst bespielen die Discjockeys aus dem handelsüblichen Party-Bereich genau die Veranstaltungen, bei denen Livemusik nicht angesagt ist oder eine komplette Band einfach nicht ins Budget passt. Die Veranstalter – sei das gewerblich oder privat – wissen, was sie brauchen und wollen. Eine Band hat als Dauerberieselung in einer Großraum-Disco ebenso wenig verloren, wie ein DJ beim Unplugged-Wohnzimmerkonzert.

Die Essenz spiegelt sich bei allen im Terminkalender. Spielst du, was die Crowd hören will, wirst du gebucht. Andernfalls eben nicht. Und zwischen Elektronik-Zauberei und musikalischen Top-Acts – beispielsweise auf Festivals – stellt sich diese Frage schon mal überhaupt gar nicht. Wäre jemals irgendwer auf den kuriosen Gedanken gekommen, die unterschiedlichen Bereiche in der bildenden Kunst wie Malerei oder Bildhauerei gegeneinander aufzuwiegeln? Macht keinen Sinn. Echte Kunst wird erst durch die vielfältigen Facetten wirklich rund. Oder um es mit Purple Schulz und Clemens Bittlinger zu sagen: Wir wollen aufstehn, aufeinander zugehn, voneinander lernen, miteinander umzugehn.

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