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21.09.2018

Warum MIDI nicht ausgedient hat

MIDI: Industriestandard seit 1983

MIDI verbindet in der Musikwelt seit 36 Jahren

Totgesagte leben länger und für wen trifft das nicht mehr zu als für das Musical Instrument Digital Interface, kurz MIDI genannt. Seit 1983 gibt es den Industriestandard und seither hat sich viel getan, weshalb MIDI teilweise ganz schön alt aussieht. Und was gibt es nicht alles zu jammern über MIDI: Es ist zu langsam, es löst nicht hoch genug auf, eine serielle Schnittstelle ist nicht zeitgemäß, es ist kompliziert, das Timing ist ungenügend ... und ja, das stimmt alles, zumindest zum Teil. Aber dennoch hält MIDI alle Mitbewerber – allen voran das an der University of Berkeley entwickelte OSC, das von den meisten DAWs verstanden – immer noch in Schach und es gibt so gut wie keine Hard- oder Software, die ohne MIDI auskommt.

MIDI Quick Facts

Wofür steht MIDI?

  • Das Kürzel MIDI steht für ‚Musical Instrument Digital Interface‘

Wozu dient MIDI?

  • MIDI ist die "Digitale Schnittstelle zwischen elektronischen Musikinstrumenten und Computern", eine Sprache, die es Computern, Musikinstrumenten und damit ausgetatteter Hardware erlaubt, miteinander zu kommunizieren. Das sogenannte MIDI-Protokoll beinhaltet das Interface, die Sprache, in der die MIDI-Daten übertragen werden sowie die Verbindungen, die für die Kommunikation zwischen der angeschlossenen Hardware benötigt werden.

Wer hat MIDI erfunden?

  • MIDI wurde in den frühen 1980er Jahren entwickelt, um eine Kommunikation zwischen Hardware im Musikbereich zu ermöglichen und zu standardisieren. Ikutaro Kakehashi, der Gründer von Roland, unterbreitete den anderen großen Herstellern, darunter Oberheim, Dave Smith Instruments und Moog im Jahr 1980 die Idee, eine Standardsprache für Musikinstrumente zu entwickeln. Danach verbrachten die großen Musikinstrumentenhersteller Zeit, an MIDI zu arbeiten, es zu modifizieren und zu perfektionieren. Seit 1983 ist MIDI Industriestandard in der Musikinstrumentenwelt.

MIDI und Geschwindigkeit

Welche Nachteile hat MIDI?

Unbestritten ist die Langsamkeit von MIDI über die alten DIN-Kabel, die durch ihre optische Entkopplung technisch eigentlich noch immer die beste Lösung darstellen. Eine Baud Rate von 31.250 bedeutet in der Realität, dass gerade einmal 1.000 MIDI CC Befehle pro Sekunde gesendet und empfangen werden können, bei SysEx Befehlen noch viel weniger. Das hört sich ja vielleicht erst mal viel an, denn niemand kann 1.000 Töne in der Sekunde spielen. Aber man spielt ja nicht nur auf der Tastatur, sondern dreht auch an den Knöpfen und Rädern, und da kommt dann schon viel Information zusammen. Fakt ist also, dass man bei MIDI tatsächlich immer schauen muss, dass man den Bus nicht überlastet.

Aber einige andere der genannten Nachteile stimmen so gar nicht: Die oft genannte 7-bit Auflösung in 128 Schritten ist schon immer ein Mythos gewesen, denn MIDI kann auch in 14-bit auflösen, und das ist mehr als genug. Das Pitch-Wheel macht das schon ganz automatisch, aber wer sich einmal die MIDI CC Nummern genau anschaut, wird sehen, dass es ganz ähnlich, wie bei Oszillatoren, eine Coarse und Fine Tuning Einstellung gibt: MIDI CC 1 ist Modulation Wheel Coarse, also grob, und MIDI CC 33 ist Modulation Wheel Fine, also die Feineinstellung. Das gleiche bei MIDI CC 2, Breath Control Coarse, das bei MIDI CC 34 als Breath Control Fine wieder auftaucht. Tatsächlich ist der ganze Bereich von MIDI CC 0-31 für die Grobeinstellung und MIDI CC 32-63 für die Feineinstellung vorgesehen. Leider gibt es nur wenige Controller die das Umsetzen, aber wer einen modernen Moog Synthesizer sein eigen kennt, hat einen 14-bit MIDI-Controller, mit dem man zum Beispiel den Software-Synthesizer „U-He Diva“ hervorragend spielen kann.

In solche Tiefen dringen die meisten erst gar nicht ein, denn MIDI kann zwar einerseits sehr viel und kann deshalb auch sehr kompliziert sein, andererseits klappt es aber meistens doch ganz einfach dadurch, dass man ein Kabel zieht und die Verbindung ist hergestellt. MIDI ist also andererseits ganz einfach und wer ein Kabel stecken kann und vielleicht noch im Handbuch geschaut hat, wie die MIDI Learn Funktion funktioniert, der kommt mit MIDI doch schon mal von vorne herein ziemlich weit.

Tatsache ist auch, dass MIDI in den Anfangstagen noch eine ganze Menge Probleme hatte: Viele Geräte haben das Protokoll nicht richtig oder nur zum Teil umgesetzt, und so gab es doch schon oft Frustration. Wer damals öfter über SysEx seine Daten gespeichert hat, erinnert sich, dass man immer ein kleines Vater Unser gebetet hat, dass auch alles funktioniert. Überhaupt war der Fokus ein ganz anderer, wie man am Soundstandard MIDI GM (General MIDI) sehen kann. Aber von der Vergewaltigung der Musik durch MIDI-Files und dazu gehörigem schlechten Sound, wollen wir nicht reden.

MIDI und Synchronisation

Wie haben sich die Synchronisationsmöglichkeiten weiter entwickelt?

Auch die ursprüngliche Implementierung der Synchronisation durch die MIDI Clock (MC) schuf und schafft viele Probleme, aber auch hier wurde durch den MIDI Time Code (MTC) erheblich nachgebessert. Überhaupt wurde an allen Ecken und Enden nachgebessert und erweitert: War die Übertragung ursprünglich auf die bekannten 5-Pol DIN Kabel beschränkt – die übrigens den Vorteil haben, dass sie optisch entkoppelt sind und so Brummschleifen verhindern – gibt es heute MIDI über USB, LAN, WLAN, Bluetooth, Internet und was alles man zur Datenübertragung verwenden kann und das Tolle ist: Das ist alles abwärtskompatibel. Über den Chrome Browser einem DX7 Mark I SysEx Daten zu schicken ist also gar kein Problem! Und überhaupt kann man gespannt sein, was sich auf dem Feld noch so alles tut, auf dieser Webseite sind ein paar Beispiele zusammen gestellt.

Neue Technologien im MIDI-Bereich

Hat sich MIDI im Laufe der Zeit weiter entwickelt?

Mit neuer Technologie wurden auch viele andere Probleme beseitigt. Ein 5-Pol MIDI Kabel darf maximal 15 Meter lang sein, mit MIDI über IP und der Verwendung von LAN- Kabeln ist das natürlich Geschichte. Und auch die langsame Datenübertragung ist zum Beispiel bei Verwendung von USB-Kabeln kein Problem mehr, wie man in den Spezifikationen dazu nachlesen kann.

Nach den Anfangsproblemen, die jede neue Technik so mit sich bringt, ist MIDI also schon seit vielen Jahren eine stabile Angelegenheit, die für einfache Dinge leicht zu bedienen ist, die aber auch mächtige Werkzeuge bietet, für diejenigen, die sich mit Dingen wie Status Bytes, MIDI Modes und RPN, NRPN, LSB und MSB auseinandersetzen wollen. Aber meistens werden ja schon die Dinge die es seit 1983 gibt nicht alle implementiert, so zum Beispiel das Sostenuto Pedal (MIDI CC 66) oder die MIDI Release Velocity.

MIDI-Controller für mehr Kontrolle

Welche Rolle spielen MIDI-Controller?

So richtig wieder erweckt ist MIDI erst wieder in letzten Jahren und hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass die Entwicklung neuer Controller heute einfach billiger ist als früher. MIDI-Controller wurden schon immer gebaut, und als Anfang der 1980er Jahre sowohl Robert Moog als auch Donald Buchla pleite waren, haben sie beide MIDI-Controller gebaut. Aber diese Geräte waren immer ziemlich teuer und blieben wie heute, das Haken Continuum Fingerboard, oder die Eigenlabs Eigenharp immer einer zahlungskräftigen Klientel vorbehalten.

Erst in den letzten Jahren ist es zum Beispiel Keith McMillen gelungen, expressiv spielbare MIDI-Controller abseits der üblichen, und in ihrer Gleichheit tristen, MIDI-Keyboards zu entwickeln, die nicht das Budget sprengen und die auch nicht eine jahrelange Einübung in ein völlig neues Instrument verlangen. Genauso Roli, die mit dem Seaboard Grand erst mal ein richtig teures Flaggschiff ins Rennen geschickt haben und jetzt mit den Seaboard Rise und Seaboard Blocks kleine und leistbare, aber ungemein expressive Controller entwickelt haben. Und das sind erst die Geräte, die man in den Läden kaufen kann.

Wer sich bei Kickstarter umschaut, der bekommt monatlich neue Ideen für MIDI-Controller vorgelegt, von denen einige wirklich schön sind. Wer sich dafür interessiert, der kann sich ja mal bei folgenden Kickstarterprojekten umschauen:

Auch die vielfältig einsetzbaren Controller von Joué sind sehr interessant. Und mit der Veröffentlichung des neuen MPE Standards (MIDI Polyphonic Expression) wird es da noch viel mehr geben, denn das MIDI Protokoll ist tief genug um noch einiges aufzubohren. 

Aber auch in Verbindung mit der modularen Welt, die ja vielleicht für die größten Entwicklungssprünge in der Synthesizerwelt gesorgt hat, gibt es wirklich schöne Sachen wie den Expressive E Controller, der eine hohe Spielbarkeit mit einem angenehmen Spielgefühl vereint, und dabei sowohl MIDI als auch CV ausgeben kann.

Weiterer Einsatz von MIDI

Wo wird MIDI noch eingesetzt?

Bis jetzt haben wir nur über Hardware gesprochen, wie sieht es denn mit selbstprogrammierten MIDI-Controllern aus? Na klar, auch Arduino und Konsorten haben schon lange MIDI entdeckt und „Controllerism“ und selbst gelötete MIDI-Controller sind ganz vorne dabei, wenn man ein individuelles Setup haben will. Und nicht zu vergessen, das iPad, für das man inzwischen unzählige MIDI-Programme kaufen kann. Der Yamaha DX7 oder der Oberheim Matrix-1000 lassen sich schwer programmieren? Keine Sorge, inzwischen gibt es für beide und noch viele weitere Instrumente Apps, die das ermöglichen. Und wer es individuell mag, der kann mit MIDI-Designer und noch viel mehr mit Lemur von Liine die unglaublichsten Dinge veranstalten.

MIDI 2.0 wird kommen

Im Januar 2019 wurde von der MMA (MIDI Manufacturer's Association, USA) und der AMEI (Association of Music Electronics Industry, Japan) während der NAMM 2019 in Anaheim/Kalifornien bekanntgegeben, dass die bisherige „MIDI Capability Inquiry“ (MIDI-CI) final verabschiedet wurde. Dieser Fakt ermöglicht nicht nur Einblicke, sondern detaillierten Aufschluss in die Fähigkeiten des zukünftigen MIDI-Standards 2.0, der so einiges mehr kann als der Bisherige. Es wird allerdings noch etwas dauern, bis der neue MIDI-Standard richtig Fuß fast, denn es sind noch keine entsprechenden Geräte auf dem Markt, was sich aber in 2019 ändern soll.

Wichtigste Neuerungen des MIDI-Standards 2.0

  • Die Auflösung von Spielhilfen wie Controllern wird mit MIDI 2.0 auf meist 32 Bit vergrößert.
  • Notenspezifische Artikulationen in hoher Auflösung.
  • Anzahl der Kanäle erweitert: MIDI 2.0 bietet 256 MIDI Channels.
  • MIDI 2.0 ist bidirektional.
  • Geräte können Profile, Eigenschaften und dergleichen automatisch austauschen.
  • MIDI 2.0 ist voll kompatibel zum alten Standard MIDI 1.0, was die Verwendung älteren Equipment immer noch möglich macht

Schlusswort

Kaum zu glauben, aber wahr: MIDI ist nicht tot, MIDI lebt und ist lebendiger als je zuvor, und das nicht nur an den Rändern: Allein in 2018 gab es mit MPE, CI und Klinkenkabel schon drei Erweiterungen des offiziellen Protokolls und damit Respekt vor Dave Smith und Roland, die vor über 36 Jahren offenbar vieles richtig gemacht haben.

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