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25.01.2021

Vocal Sampling

Die eigene Stimme dank Sampling neu entdecken

Vocal Sampling: Ein Praxisworkshop

Spätestens seit dem Aufkommen von Hip-Hop ist das Sampling nicht mehr aus der Popmusik wegzudenken und erweist sich immer wieder als innovatives Mittel im Produktions- und Songwritingkontext. Gerade die menschliche Stimme als Sampling-Quelle eignet sich aufgrund ihrer Individualität fabelhaft, um einem Song einen persönlichen Charakter zu verleihen. Was ihr mit herkömmlichen Samplern alles anstellen könnt, um eure Stimme in einem neuen Kontext zu betrachten, haben wir für euch zusammengefasst.

Quick Facts: Was ist Vocal Sampling?

Beim Sampling wird ein Teil einer (Gesangs-)Aufnahme extrahiert und in einem neuen Kontext verwendet. Die Länge des Samples kann ganze Gesangsphrasen umfassen, oder auch nur aus kurzen Schnipseln bestehen. In der Regel ist ein Vocal-Sample aber meist nicht länger als ein paar Sekunden.

Was brauche ich fürs Sampling?

Die Aufnahme und/oder Weiterverarbeitung von Samples passiert normalerweise in einem Sampler. Hier gibt es diverse Produkte sowohl im Software- als auch im Hardware-Bereich, die auf verschiedenste Bedürfnisse zugeschnitten sind. Geht es euch beispielsweise vorwiegend um das „Abfeuern“ und intuitive Spielen von voreingestellten Samples, bietet sich das Roland SPD-SX an, welches mittlerweile zum Standard für Live-Drummer geworden ist, die Sample-Sounds in ihr Spiel einbinden wollen. Für Sänger/innen bieten sich etwas kompaktere und preiswertere Kandidaten wie etwa die Roland SP-404-Serie oder der AKAI MPX-16 an, die dank internem Mikrofon ein sehr intuitives Sampling ermöglichen. Wird es etwas komplexer und elektronischer, kommen aufwendigere Geräte wie der Elektron Oktatrack mit internem Sequencer und erweiterten Bearbeitungsmöglichkeiten ins Spiel.

Abgesehen von der Hardware hat nahezu jede DAW (Digital Audio Workstation) einen oder mehrere integrierte Sampler, mit denen sich erstaunlich viel erreichen lässt. Die Software Ableton Live beheimatet beispielsweise den Sampler/Simpler, worin sich zuvor in Ableton aufgenommene Sounds unkompliziert bearbeiten und wie ein Synthesizer per MIDI-Controller spielen lassen. Ähnlich arbeiten auch die integrierten Sampler von Logic und Cubase. Durch die direkte Einbindung in eure Musikproduktionssoftware könnt ihr die Sample-Sounds intuitiv in eure Produktion einbauen und der Kreativität freien Lauf lassen. 

Welche Funktionen kann ein Vocal Sample in einer Produktion einnehmen?

Vocal-Samples tauchten vor allem im Hip-Hop in den 80er Jahren vermehrt auf. Rap-Künstler/innen entdeckten die Nutzung von Gesangssamples vorhandener Funk/Soul-Songs als melodiösen Gegenpol zum Sprechgesang. Im folgenden Song „Otis“ der amerikanischen Künstler Jay-Z und Kanye West übernimmt ein Sample des Soul-Sängers Otis Redding den Refrain-Part, welchem der Sprechgesang der beiden Rapper in den Strophen gegenübergestellt wird.

Video: Jay Z ft. Kanye West – Otis

Außer dem deutlichen Gesangs-Part im Refrain hören wir aber auch immer wieder kurze Sample-Schnipsel aus dem gleichen Soul-Song, die dem Hip-Hop-Track einen Old-School-Vibe verpassen. Solche kürzeren Samples wurden ebenfalls verwendet, um als Basis-Hook für einen Song umfunktioniert zu werden, wie ihr hier hören könnt:

Video: Cam‘Ron ft. Juelz Santana – Oh Boy

Seit dem Aufkommen der elektronischen Musik und der entsprechenden Weiterentwicklung der Musikproduktion ist es mittlerweile auch im Popbereich gang und gäbe, mit Vocal Samples zu arbeiten. Die Samples müssen dabei nicht zwangsläufig aus alten Soul-Songs kommen, sondern können beispielsweise auch aus aktuellen, eigenen Aufnahmen der Künstler/innen stammen. Durch unterschiedliches Effekt-Processing (siehe unten) entstehen dann einprägsame Motive, die einem Song völlig neue Facetten oder auch Grundlagen geben können.

Video: Sylvan Esso – Die Young 

Video: Bon Iver – 22 (Over Soon)

Das Vocal-Sampling dient also nicht nur für schnipselige Vocal-Hooks, sondern eignet sich fabelhaft auch als Textur und prägendes Stilmittel für einen Song. Durch fortgeschrittene Techniken und Effekte lassen sich heute Vocal-Samples als Grundlage für verschiedenste Sounds nutzen, die eigentlich nichts mit der menschlichen Stimme zu tun haben. Indem ihr die Stimme als Instrument und Klangquelle begreift, verleiht ihr eurer Musik einen persönlichen Charakter und setzt euch so von anderen Künstler/innen ab. Ein Synth-Pad, welches aus eurer Stimme gebaut wurde, ist beispielsweise eigenständiger als der nächstbeste, bereits oft genutzte Preset-Sound aus dem Synthesizer.

Im Folgenden zeige ich euch ein paar Beispiele, mit welchen simplen Effekten ihr in euren Demos oder (Vor-)Produktionen Vocal-Aufnahmen dazu nutzen könnt, um vocal-basierte Keyboard-Hooks, Übergänge oder auch Flächen zu kreieren. Ich habe hierfür die Software Ableton Live 10 benutzt. Die gezeigten Funktionen lassen sich aber in nahezu jeder herkömmlichen DAW anwenden, die einen Sampler besitzt (zum Beispiel Cubase, Logic etc.).

Mini-Workshop: Vocal Sampling in Ableton

1. Hookline

Die Nutzung als markante Hookline ist wohl die meistverbreitete Nutzung eines Vocal-Samples, was nicht zuletzt auch durch die Hip-Hop-Szene geprägt sein dürfte.

2. Lead Synth

Neben einer Hookline mit klar erkennbaren Silben oder Wörtern lässt sich ein Vocal Sample auch so zuschneiden, dass ihr es wie einen Synthesizer-Sound spielen könnt. So entstehen Lead-Sounds, die mit der Stimme nicht mehr viel zu tun haben, sich aber dennoch von herkömmlichen Synthesizer-Klängen absetzen.

3. Synth Pad

Dank der Loop-Funktion, die in den meisten Samplern integriert ist, lassen sich bestimmte Sample-Bereiche loopen und mit etwas Reverb zu einem texturreichen Pad-Sound verdichten.

4. Reverse

Eine unter Produzent/innen viel genutzte Manipulation von Vocal-Schnipseln ist der Reverse-Effekt. Dabei wird ein bestimmter Sample-Bereich rückwärts abgespielt, was eine Art Sog-Wirkung erzeugt, die sich fantastisch für Übergänge oder Akzente nutzen lässt.

Neben diesen vier Handgriffen hat ein Sampler je nach Ausstattung noch einiges mehr in petto. Ein hilfreicher Grundgedanke ist, eure Stimme nicht nur als Gesangstransporteur, sondern als Instrument und Klangfarbe zu begreifen und sie entsprechend zu verfremden und zu bearbeiten. Der Kreativität sind hierbei wirklich keine Grenzen gesetzt. Viel Spaß beim Herumprobieren!

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