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17.06.2009

Details

Oszillatoren
Die beiden Synthesizereinheiten Model-101 und Model-102 verfügen jeweils über einen Oszillator mit Dreieck, Sägezahn, symmetrischem Rechteck und variabler Pulswelle. Damals normal, aber in der digitalen Welt von heute ungewöhnlich: die Oszillatoren haben keine Oktav-Wahlschalter, sondern lassen sich kontinuierlich über fast den gesamten Hörbereich durchstimmen. Das klingt zunächst unpraktisch, ist aber, dank des im Model-101 eingebauten Stimmton-Oszillators und der guten Regler, sogar live kein Problem. Auch wenn jede Komponente des Systems für sich einsetzbar ist, lohnt es sich, beide Synthkomponenten zu haben: Denn das Model-101 kann den Oszillator des 102 mit Hard- oder Soft-Sync zum Sägen bringen. Und dort, wo das Model-101 einen Rauschgenerator hat, glänzt das Model-102 mit einem Ringmodulator. Im Verbund eröffnen sich so noch mehr klangliche Möglichkeiten.

Filtersektion und VCA
Beide Klangerzeugungseinheiten haben je ein 24dB/Oct Tiefpassfilter und ein nicht modulierbares 6dB/Oct Hochpassfilter. Das Filter klingt wunderschön rund und satt. Und das ist auch kein Wunder, denn es ist technisch eher mit einem Moog-Filter oder der TB-303 verwandt, als mit den typischen 4-Pol Filtern der späteren Roland Modulsysteme oder der SH-Serie. Mit voll aufgedrehter Resonanz erzeugt das VCF einen wunderbar klaren Sinus; dabei verliert der Gesamtsound dank einer eingebauten Pegelanpassung nicht an Druck. Das VCA kann flexibel von LFO, Hüllkurve und Dauerpegel gesteuert werden.

 

(Audiobeispiele im Player oben rechts)

Hüllkurven & Modulationen
Beide Einheiten haben je einen LFO und eine ADSR-Hüllkurve. Die maximalen Hüllkurven-Zeiten sind für den heutigen Geschmack etwas lang, mit den kürzesten Zeiten zeigt das System 100 allerdings noch so manchem modernen Synthesizer, was eine Harke ist. Das Model-101 hat zudem eine "Autoglide"-Funktion - eine simple fest eingestellte Decay-Hüllkurve, mit welcher der VCO an jede neu angeschlagene Note von unten herangleitet. Ein ganz besonderes Schmuckstück ist die Sample&Hold-Sektion des Model-102. Ein eigener Clockgenerator pickt aus den Kurvenformen des LFOs oder aus einem externen Signal Kontrollspannungswerte heraus; der erzeugten Spannungs-Abfolge kann man mit dem "Lag"-Regler ein Portamento hinzufügen. Einziges Manko: man kann den Sample&Hold-Takt nicht von außen triggern. Ein eigenes Portamento gibt es übrigens auch für die Keyboard-Spannung.

Model-103: Der Mischer
Der Mischer kommt in einem für heutige Verhältnisse sehr großen Gehäuse daher. Er bietet vier Mono-Eingänge für Mikrofon- oder Line-Signale (letzere high- oder low-schaltbar). Pro Kanal gibt es einen Effektsend-Regler, der jeweils zwischen dem internen Federhall und einem externen Effekt umschaltbar ist. Das Signal kann über ein Panpot nach links oder rechts verteilt werden. Sowohl der Federhall als auch der externe Effekt haben einen Return-Pegelregler, der externe Effekt noch ein Panpot. Schließlich gibt es noch einen Summenregler, einen Regler für die Monitorlautstärke und zwei sehr cool hintergrundbeleuchtete Zeigerinstrumente für die Aussteuerung des Stereobusses.

Der Mixer klingt nicht völlig neutral, sondern wärmt die Signale angenehm. Ich habe ihn nicht durchgemessen, aber vermutlich nimmt er es mit der Linearität oberhalb von 10kHz nicht so genau. Die wahre Geheimwaffe dieses kleinen Mischers ist aber der Federhall. Er ist schlicht eine Wucht. Mancher kennt ihn schon aus dem Roland Space Echo, doch hier im System 100 Mischer kann man ihn toll anfahren; auch wenn er manchmal leicht brummt - er macht Legatosounds wunderbar sahning und perkussive Klänge bekommen ein wohlig-altmodisches Flair. Ein zweiter Pluspunkt ist der eingebaute Verstärker. Das ist nicht nur irgendein Kopfhörerverstärker: dieser hier ist laut - und zwar richtig LAUT. Zu Hause kann man damit die Nachbarn ärgern und ganz nebenbei kann man den Verstärker zur Aufbereitung von Mikrosignalen missbrauchen, um diese dann im Ringmodulator durch die Mangel zu drehen, oder damit die Filterfrequenz zu steuern. Vergleicht man das Model-103 mit irgendeinem der üblichen verdächtigen Mixer à la Yamaha MX oder Behringer Xenyx, so bekommt man dort natürlich deutlich mehr Features auf weniger Platz und vermutlich auch für deutlich weniger Geld (dazu später); aber ich gestehe, der warme Sound des System 100 Mischers hat's mir angetan!

Model-109: Die Lautsprecher

Hier muss ich kurz auch die Lautsprecher 109 erwähnen. Es sind einfache 8" Lautsprecher in einem vergleichsweise kleinen Gehäuse. Klanglich sind sie das mechanische Pendant zum Mixer: Der Frequenzgang ist sicher nicht der beste, aber was rauskommt klingt rund, kraftvoll und gefällt.  Die Lautsprecher waren übrigens in Europa offiziell nicht einzeln erhältlich und werden auch heute defacto nie gesondert angeboten. Extrem selten ist übrigens auch ein spezielles Tischgestell, das exklusiv für das System 100 gebaut wurde.

 

Model-104: Der Sequenzer

Einen nicht unbedeutenden Anteil am Ruhm des System 100 hat der Sequencer 104. Peter Forrest nennt ihn in seinem „A-Z of Analogue Synthesizers“ nicht zu Unrecht das Juwel in der Krone. Betrachtet man ihn oberflächlich, so scheint er eher simpel strukturiert: zwei Reihen aus 12 Reglern werden entweder parallel oder nacheinander durchlaufen. Man kann die maximale Anzahl der Schritte einstellen, das Tempo und die Gate-Länge. Und natürlich gibt es Taster für Start, Stop, Continue und für Einzelschritte. Man vermisst sogar die sonst mittlerweile üblichen Gate-Schalter pro Schritt.Wenn man aber genauer hinsieht, dann wird klar, was den englischen Synth-Guru begeistert. Die Zahl der Schritte kann jeden beliebigen Wert zwischen 1 und 24 annehmen und jede Funktion, außer der Gate-Länge, lässt sich per Spannung oder Trigger kontrollieren. Der ausgegebene Bereich der Regler wiederum kann zwischen 2,5 Volt, 5 Volt und 10 Volt umgeschaltet werden. Nimmt man die 10 Volt und setzt die Regler entweder auf Maximum oder Minimum, dann hat man die zuvor vermisste Gate-Zuschaltung pro Schritt. Und regelt man dieses Quasi-Gatesignal auf unterschiedliche Level, dann reagieren die Hüllkurven plötzlich dynamisch darauf (allerdings nur noch als AR-Hüllkurve - die Decay/Sustain-Schaltung kann nichts mit der schwächeren Gate anfangen; siehe unten). Gibt man den Keyboard-Trigger auf den Einzelschritteingang und steuert mit der so abgespielten Sequenz den Filter an, dann bekommt man eine programmierbare, aber nach Sample und Hold klingende Filterbewegung. Steuert man mit einer der beiden Reglerreihen die Geschwindigkeit, lassen sich unterschiedliche Notenlängen einstellen (Martyn Ware benutzt dies für die Beatprogrammierung von "Beeing Boiled"). Ziemlich klasse sind dabei die sogenannten "ratchet-sounds": die so klingen wie ein Kugel, die  - auf den Boden fallen gelassen - immer kleinere, aber schneller werdende Sprünge macht.  Komplexe Hüllkurve gefällig? Sequenzer auf "One-Time" stellen, Temporegler hochdrehen, Keyboard-Trigger in den Start-Eingang geben, fertig. Programmierbarer Quasi-Random gesucht? Gleiche Einstellung aber Sequenzer auf "Repeat" setzen, den Start über einen frei laufenden LFO triggern...

Aber halt! An dieser Stelle droht der Redakteur mir die virtuelle Feder aus der Hand zu reißen, denn ich würde in meiner Begeisterung endlos weiterfaseln. Dieser Sequencer ist der Hammer!

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