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Feature
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27.04.2017

Vintage Synth: Moog Micromoog

Analoger Vintage-Monosynthesizer

Klassischer Moog-Sound zum erschwinglichen Preis?

Der Moog mit nur einem Oszillator: 1975 versuchte der amerikanische Hersteller mit dem Micromoog einen preisgünstigen und besonders portablen Synthesizer anzubieten. Da musste natürlich gespart werden, nicht nur bei der Oszillatoranzahl. Deshalb wirkt die Haptik des Micromoog längst nicht so wertig wie beim großen Bruder Minimoog – er ist dafür aber auch heute noch relativ bezahlbar. Lohnt sich dieser Spar-Moog also – und liefert er den legendären Sound?

Der Micromoog ist längst nicht so verbreitet wie der vier Jahre später erschienene und erheblich erfolgreichere Moog Prodigy. Aber auch wenn er im Vergleich einen Oszillator weniger hat, so bietet er mehr Möglichkeiten zur Soundgestaltung: Der Modulationsbereich verfügt standardmäßig über Oszillator-Filtermodulation und das Filter lässt sich im „Tone“-Modus als durchstimmbarer Sinustongenerator betreiben. Dazu kommt noch ein Suboszillator – fette Sounds also auch kein Problem. Bei den Anschlüssen war Moog mit CV, S-TRIG, Filter CV und Audio In ebenfalls deutlich spendabler als beim Prodigy. Kurz nach dem Micromoog brachte Moog übrigens mit dem Multimoog noch einen großen Bruder auf den Markt: Weitgehend identisch, aber mit zwei Oszillatoren und einer Dreieinhalb-Oktaven-Tastatur mit Aftertouch.

DETAILS

Bei den Knöpfen kommt ein wenig Moog-Feeling auf – ansonsten sieht der Synthesizer aber weder nach Minimoog, noch nach Prodigy aus. Statt brauner Holzoptik gibt es hier folienbeklebte Spanplattenseiten mit Alukante, Formplastiktopteil. Auch der Ribbon Controller statt eines Pitch Wheels lässt ihn untypisch aussehen. Die Tastatur ist leider wie bei vielen anderen Synthesizern aus jener Zeit keine Sternstunde. Bei meinem Exemplar zeigt der berüchtigte Pratt-Read-Mechanismus die typischen Ermüdungserscheinungen: Unterschiedlich hochstehende Tasten, ein klackeriges Spielgefühl und gern mal Doppeltrigger, die diesem Tastaturmechanismus geschuldet sind. Auch die Potis sind längst nicht so solide wie beim Minimoog, sie fühlen sich leicht wobbelig an. Die (eigentlich sehr massiven) Schalter für Modulation Source und Modulation Routing sind dafür bekannt, aus anderen Gründen wackelig zu sein: Das zweiteilige Metallgehäuse bricht an den Nieten auseinander und dann wackelt der Knopf, funktioniert aber trotzdem noch. Diese Heavy-Duty-Knöpfe gibt es leider nicht mehr, aber einmal mit der Heißklebepistole kleben – und alles ist wieder bombenfest. Hardware-Qualität wie etwa beim Roland SH-2 oder Korg MS20. Warum er nach all dem Gejammer trotzdem interessant ist? Immer schön der Reihe nach!

Oszillator und Noise

Links oben beginnt das Panel mit dem Oszillatorbereich. „Octave“ stellt die Fußlage in einem Bereich von 32’ - 2’ ein, zusätzlich gibt es einen „Wide“ Bereich, der über den zweiten Regler „Frequency“ geregelt wird. „Waveshape“ blendet die Wellenform stufenlos von Sägezahn über Rechteck bis Puls über. Das lässt sich in der Modulationssektion auch modulieren, sahnige Pulsbreitenmodulation ist also garantiert! „Doubling“ ermöglicht das stufenlose Zumischen eines Suboszillators eine oder zwei Oktaven tiefer. Er liefert ausschließlich eine Rechteckwelle. Rechts daneben liegt ein Pegelregler für „Noise“, mit dem sich rosa Rauschen hinzufügen lässt.

Im Folgenden drei Klangbeispiele: Erstmal ein manueller Waveshape-Sweep durch den Oscillator, dann mit 2 Oktaven Sub dazugemischt und zuletzt eine über die Modmatrix gesteuerte PW-Modulation. 

Filtersektion und Envelope

Hier wurde nicht gespart: Das resonanzfähige 24dB Moog Filter bringt den klassischen Sound und ist über den rückseitigen Audioeingang erfreulicher Weise auch von außen nutzbar. „Cutoff“ regelt die Filterfrequenz, „Emphasis“ die Resonanz und „Contour Amount“ wie stark sich die Filterhüllkurve positiv oder negativ auf das Filter auswirkt.

Der Bereich „Filter Contour“ beherbergt besagte Hüllkurve, allerdings vereinfacht: Statt A-D-S-R gibt es hier nur „Attack“ und „Release“. In der Reihe darunter erlaubt ein „Filter Sustain“ Schieberegler zusätzlich die Einstellung einer kurzen oder langen Haltezeit. Auch das Ausklingverhalten ist über den „Release“-Schalter zwischen kurz oder nachklingend für Filter und VCA gemeinsam schaltbar. Natürlich ist diese Parametrisierung einschränkend, aber es ist erstaunlich, wie viel damit doch machbar ist. Nur beim Einstellen perkussiver Sounds, wo man zwischen Filter und Amplifier sehr fein justieren möchte, fehlen mir separate Decay- und Sustain-Parameter. Am Ende des Artikels findet ihr übrigens ein paar Percussionsounds als Samples zum Download (als „Micromoog Drum Beat“ im Audioplayer zu hören).

Dafür bietet der Synth zwei Extra-Features in der Filtersektion: „Filter Mod by OSC“ in zwei Stufen („Weak“ und „Strong“) sowie drei „Filter Modes“: Hier lässt sich das Filter zwischen „Normal“, „Full“ und „Tone“ einstellen. In der ersten Einstellung ist die „Emphasis“ bereits bis in die Resonanz regelbar, das Filter klingt im Höhenbereich aber noch sehr offen. Im „Full“-Modus klingt es etwas kompakter, im „Tone“-Modus zwitschert das Filter immer: Es wird zu einem Sinusgenerator mit einem Bereich von 50 Hz bis 5 kHz. Beide Features ermöglichen mit wenigen Handgriffen extreme Klangveränderungen. Laut Anleitung ist das Filter ein 24dB LowPass-Design. In der Stellung „Normal“ ändert sich die Cutoff-Frequenz um 50% (0.5 Volt) pro Oktave, im „Full“ Mode dann um 100%.

Im Audioplayer ein paar Beispiele: Zuerst ein Sweep mit Resonanz in den Stufen Normal/Full/Tone. Da hört man recht gut, dass „Normal“ offener als „Full“ klingt, und „Tone“ immer oszilliert. Danach hört ihr diese drei Filtermodi jeweils einmal mit 100, mit 50 und mit 0 Prozent „Emphasis“. Sie dünnt den Klang bei höheren Einstellungen deutlich aus. Als letztes ein Beispiel für die Filtermodulation: Der Sound hat einen Filterenvelope, durch das Schalten von Off auf Weak und und Strong könnt ihr hören, wie unterschiedlich die Filtermodi den Synth klingen lassen.

Loudness Contour: Der VCA-Envelope

Man kennt es von anderen Synthesizern als Amplifier oder VCA. Hier heißt es „Loudness Contour“ (bei einigen frühen Micromoogs übrigens „Articulator“). Auch hier gibt es wieder nur zwei Regler für „Attack“ und „Release“. In der zweiten Zeile kommen als weitere Einstellmöglichkeiten ein „Loudness Sustain“ (lang oder kurz) und „Bypass“ (VCA Loudness Contour Envelope an/aus) hinzu. Der „Release“ Schalter ganz links in der zweiten Reihe des Bedienpanels wirkt sich wie oben erwähnt sowohl auf Filter als auch VCA aus.

Modulation, Glide und Volume

Unterhalb des Oszillators findet sich die Modulations-Sektion. Mit „Rate“ wird die Frequenz des LFOs eingestellt, mit „Source“ die Quelle des Modulationssignals. Neben Rechteck- oder Dreieckwelle des LFOs lassen sich hier Bend, Noise, Sample & Hold Auto oder Sample & Hold durchs Keyboard getriggert wählen. „Routing“ ermöglicht das Routen der Modulation auf Osc, Osc & Filter, nur Filter oder auf die Waveshape. Mit letzterem lässt sich bei gewählter Rechteckwelle sahnige Pulsbreitenmodulation erzeugen. Der Vollständigkeit halber seien auch die beiden letzten Knöpfe „Glide“ und „Volume“ erwähnt.

Spielhilfen: Pitch Ribbon und Modwheel

So ein Ribbon Controller für Pitch Bend war 1975 bestimmt der letzte Schrei – zum Glück hat man das Modwheel wenigstens nicht auch noch ersetzt. Man liest im Netz über Probleme mit dem Ribbon, bei meinem Micromoog tut er aber, was er soll. Mit dem Komfort und der Genauigkeit eines Rades kann dieser Exot aber nicht konkurrieren. Der Kippschalter im Foto ist eine nachträgliche Modifikation, die es erlaubt zwischen externer CV und interner Tastatur umzuschalten.

Anschlüsse: Die Rückseite des Micromoog

Klinkenbuchsen für Audioausgänge in LO (-10 dB) und HI (+12 dB), S-TRIG In und Out, OSC/Keyboard In und Out, Filter und Audio Inputs ermöglichen problemlos eine Integration in CV/GATE-Systeme via Converter, die sich auf S-TRIG verstehen. Ungewöhnlich ist die von Moog gewählte Steuerspannung von 0.95 Volt pro Oktave – nicht 1 Volt wie sonst meistens üblich. Da muss man bei der Wahl des Interfaces aufpassen, dass der Parameter einstellbar ist. Mein Kenton Pro 2000 Interface kann das. Außerdem gibt es eine „Modulation“-Buchse im Sonderformat, die den Anschluss eines Schalters oder Pedals ermöglicht. In der ausführlichen, im Netz verfügbaren Bedienungsanleitung gibt es extra einen Abschnitt mit der Steckerbelegung für alle Anschlüsse – man könnte sich da also sicher etwas basteln. Abschließend gibt es noch den „Access Power“ Port, der für die Speisung von Moog Zubehör gedacht war und 15 Volt DC liefert.

Praxis

Der Micromoog präsentiert sich in der Praxis von zwei widersprüchlichen Seiten: Einerseits die ziemlich klapprige Hardware, der man den Rotstift anmerkt, und andererseits eine gute Benutzerführung mit überraschend vielen Möglichkeiten – und tollen Sounds. Da kommen die meisten alten Japaner mit einem Oszillator meiner Meinung nach nicht ganz mit. Das Schrauben bringt sofort Spaß: Mit Modulationsmatrix, Filtermodi und OSC FilterMod lassen sich von klassisch bis experimentell viele Sounds realisieren. Er hat einen guten Grundsound, ist allerdings durchaus „rauschiger“, was natürlich auch mit dem Alter meines Exemplars zu tun haben kann.

Etwas einschränkend sind die Hüllkurven. Immerhin stehen aber getrennte Envelopes für Filter und Amplifier zur Verfügung. Das ist flexibler als bei anderen Ein-Oszillator-Synths wie z.B. dem Korg MS10, Roland SH-09 oder SH-101. Aber leider gibt es nur Attack- und Release-Parameter – Decay und Sustain haben keine eigenen Regler. Die Sustain-Phase lässt sich immerhin zwischen kurz und lang umschalten (auch wieder getrennt für Filter und Amplifier), und das Ausklingen der Release-Phase ist ebenfalls zwischen kurz und langsam umschaltbar. Sehr gut ist allerdings, dass die Envelopes sehr „knackig“ und schnell sind mit einem Regelbereich von 1 Millisekunde – 10 Sekunden.

Auch die Modulationsmöglichkeiten müssen sich nicht verstecken und gehen über die eines Moog Prodigy hinaus. Der hat zwar zwei Oszillatoren, aber weder Oszillator FM noch eine Modulationsmatrix. Beim Micromoog kann man dagegen sechs Quellen (Bend, Noise, Rechteck LFO, Dreieck LFO, S&H Auto, S&H Keyboard) auf vier Ziele (OSC, OSC&Filter, Filter, Waveshape) routen. Die Intensität wird dann über das Modulationsrad gesteuert.

Oszillator-Filtermodulation ist ein weiteres Feature, das man nicht überall findet, und mit seinen beiden Stufen „Weak“ und „Strong“ viele Soundmöglichkeiten eröffnet. Die Idee mit den drei Filtermodes (Norm, Full und Tone) finde ich klasse: So lässt sich mit einem Handgriff zwischen cleanem Filter oder Oszillation schalten, ohne die Cutoff-Frequenzen zu ändern.

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Die Einbindung in MIDI-Systeme lässt sich über CV-Konverter (Doepfer, Kenton, etc.) realisieren – allerdings benötigt der Micromoog nicht die üblichen 1V/Okt. Spannung, sondern 0,95 Volt pro Oktave! Das CV-Interface muss also über solche Einstellmöglichkeiten verfügen. Dennoch musste ich bei meinem die Scale noch nachjustieren, die Oktave war etwas zu weit gespreizt. Dann war es für meine Zwecke aber relativ OK. Ganz praktisch: In der Anleitung wird sogar die Kalibrierung erläutert, die sich ohne Geräteöffnung mit Schraubenzieher und Stimmgerät relativ problemlos vornehmen lässt.

Werkspresets

In der ausgezeichneten Originalbedienungsanleitung, die auch jede Menge Hintergrundwissen vermittelt, gibt es natürlich auch Preset-Charts: Die habe ich für euch mal „zusammengeschraubt“. Der diskrete Charm der 70er ist deutlich zu hören. Aber bis auf das Preset „Electric Guitar“ oder den „Jet“ sind die anderen doch noch einsetzbar. Als letztes Beispiel ein Sound, bei dem das Filter quasi als zweiter Oszillator eingesetzt wird:

Fazit

Ich mag den Micromoog: In einigen Aspekten ist er flexibler als ein Prodigy, mit Soundmöglichkeiten, die andere klassische Ein-Oszillator-Synths wie Roland SH-09 oder Korg MS10 vor Neid erblassen lassen. Trotz des nur einen Oszillators, bringt der Synthesizer echten Moogsound. Ich habe Meinungen im Netz gelesen, dass der Micromoog (ohne Mod) keinen „echten Bass“ bringen soll – im A/B Vergleich zum Moog Prodigy kann ich das aber nicht bestätigen. Die ausgefuchste Filtersektion und die Modulationsabteilung mit Sample&Hold erlauben sogar experimentelle und unerwartete Klänge abseits der Standards.

Auch alle notwendigen Eingänge sind als Standard ohne Modifikation bereits vorhanden (CV, S-TRIG, Filter Mod, Audio In), was die Integration über einen CV/MIDI-Konverter sofort ermöglicht. Aber: Der Hauptschwachpunkt des Micromoog ist für mich die Hardware und die schlecht spielbare Tastatur. Diese Pratt-Reed Keyboardmechanismen sind klapperig, die Tasten stehen beispielsweise unterschiedlich hoch (durch abgenutzte Prellgummis unterhalb der Tasten). Wie beispielsweise auch beim Prophet 5 kann man das zwar überarbeiten, aber ein Spielgefühl wie bei japanischen Synthesizern wird es nie geben. Da ich das Instrument von außen ansteuere, stört mich das nicht. Da stört eher die 0,95 Volt pro Oktave Steuerspannung, die Integration etwas fummelig macht – und man sollte nicht erwarten, dass die Stimmung über den ganzen Tastaturbereich so genau wie bei den Japanern ist. Dafür bekommt man einen Synth mit eigenem Soundcharakter.

Wenn ihr also einen problemlosen kleinen Allzweck-Synth sucht, ist der Micromoog meiner Meinung nach nicht so ideal. Dann lieber einen Moog Prodigy oder einen Japaner. Falls ihr aber auf der Suche nach etwas Ungewöhnlichem seid, ist er absolut das Richtige! Allerdings nur, solange er im Preis noch unter 1.000 Euro liegt – die klapperige Qualität der Hardware rechtfertigt nicht mehr.

  • PRO
  • flexible Filtersektion mit 3 Filtermodi und OSC Filter-Mod
  • schnelle Hüllkurven
  • flexible Modulationsmöglichkeiten
  • alle Anschlüsse standardmäßig, um den Synth in einem CV/GATE System zu betreiben
  • Audioeingang für die Filtersektion
  • guter Grundcharakter des Sounds
  • CONTRA
  • Hardware recht klapperig
  • Envelopes vereinfacht auf zwei Parameter
  • ungewöhnliche Steuerspannung
  • Stimmung nicht so stabil wie z.B. bei Roland SH-2/09
  • relativ „noisy“

Moog Micromoog Percussion Samples

Hier könnt ihr euch die Percussion-Samples aus den Soundbeispielen herunterladen.

  • FEATURES
  • Erscheinungsjahr: 1975
  • Klangerzeugung: analog, subtraktiv
  • Tastatur: 32 Tasten, J-Tag keine Anschlagdynamik
  • Polyphonie: 1 Stimme
  • Oszillatoren: 1 VCO mit Suboszillator (1 oder 2 Oktaven)
  • Fußlagen: 32‘, 16‘, 8‘, 4‘, 2‘, Wide
  • Schwingungsformen: Sägezahn, Rechteck, Puls mit Waveshape-Modulation
  • Rauschgenerator: Pink Noise
  • Filter: Tiefpass 24dB/Okt. (Range: 1 Hz – 40 kHz)
  • Tone Mode für Filter: Filter wird reiner Sinusgenerator (Range: 50 Hz – 5 kHz)
  • Envelopes: 2x AR (1 ms – 10 sec), Release lang/kurz, Sustain lang/kurz
  • Modulationsquellen: Bend, Noise, Rechteck, Sägezahn, S&H Auto, S&H KBD
  • Modulationsziele: OSC, QSC & Filter, Waveshape
  • Wheel Mod
  • Anschlüsse: Lo/Hi Audio Out, S-Trigger Out, Kbd. Out, Filter Input, Oscillator Input (Scaling: 0.95 Volt/Oct), S-Trig Input, Accessory Power, Audio Input (schleift Audio durch), Modulation Input/Output

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