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02.05.2020

Tutorial: Klingen wie die Hip Hop Profis

Workshop: Woher bekommen Drake und Co ihre individuellen Trap-Samples?

Modernes Hip-Hop-Sounddesign für Einsteiger

Trap dominiert schon seit einiger Zeit den aktuellen Hip-Hop. Neben den spezifischen Drums und den scheppernden 808-Bässen ist in den Trap-Beats aber besonders das Sample wichtig. Dieses melodische Element des Beats nennt man zwar noch immer so, auch wenn der Name eigentlich schon länger gar nicht mehr wirklich zutrifft.

Denn nur noch in seltenen Fällen wird wirklich die Aufnahme eines anderen Künstlers in den eigenen Beat eingebaut, schon um nicht gegen das Urheberrecht zu verstoßen. Meistens hingegen wird selbst ein kurzer Loop eingespielt und dann so verändert, dass dieser sich nur so anhört, als ob er von einer Platte oder einem anderen Tonträger gesampelt wurde.

Und genau hierin liegt die Möglichkeit, seinen eigenen Hip-Hop-Sound zu entwickeln. Denn Drums und Bass sind im Trap oft ähnlich, aber durch deine eigenen Samples kannst du dich klanglich von anderen Hip-Hop-Produzenten abheben. Deshalb schauen wir uns jetzt verschiedene Möglichkeiten an, wie du eigene „Samples“ produzieren kannst, die kein anderer hat.

Details & Praxis

Auf Presets verzichten

Punkt Nummer eins ist offensichtlich, aber sehr effektiv. Lass die Finger, so gut es geht, von Presets! Natürlich spart man damit unter Umständen sehr viel Zeit – und in gewissen Situationen nutzt jeder Presets – aber du solltest darauf achten, dass man das nicht sofort mitbekommt. Soll heißen, dass du auf der Suche nach einem Pad-Sound, der die Hook nur ein bisschen andicken soll und deshalb nur sehr leise im Mix zu hören sein wird, natürlich auf einen Standardsound zurückgreifen kannst, den wahrscheinlich auch jeder andere Hip-Hop-Produzent haben und nutzen wird.

Bei den Hauptelementen deiner Produktion solltest du hingegen die Finger davon lassen, oder zumindest vom „Startpunkt Preset“ aus Veränderungen an den Einstellungen vornehmen, sodass ein neuer Sound entsteht. Auch, wenn du dich nicht so besonders mit den ganzen Controls eines Synthesizers auskennst, spiele einfach an allen Knöpfen und Reglern herum. Sieh es einfach als Übung des Synthesizer-Programming an. Und du wirst erstaunt sein, wie oft du per Zufall wirklich gute Sounds kreierst, die dann eben kein anderer Produzent hat. 

Verfremdung der Samples durch Effekte

Und das bringt uns direkt zum zweiten Tipp. Gewöhne dir unbedingt an, alles durch Effekte zu verfremden. Du kannst deinem Sound bekannterweise die Höhen nehmen, in dem du einfach einen High-Cut setzt. Oder du nutzt einen drastischeren Effekt, von Distortion bis hin zum Multi-Effekt. Damit kannst du aus Standardklängen ganz leicht völlig individuelle Sounds kreieren. 

Besonders im aktuellen Hip-Hop ist aber Lo-Fi allgegenwärtig, das heißt, die Qualität des Soundmaterials wird absichtlich verschlechtert und es werden Artefakte hinzugefügt. Das klingt dann wesentlich interessanter, denn dadurch bekommt das Signal Charakter. Dafür findet man spezifische Lo-Fi-Plugins, der Klassiker im Hip-Hop ist definitiv RC-20 von XLN Audio. Aber es gibt auch viele Freeware-Alternativen

Nehmen wir als Beispiel diesen Piano-Loop, den ich mit Upright Piano von 99Sounds eingespielt habe.

Das gesampelte Klavier klingt schon interessant, aber das geht noch besser. Dazu hole ich mir Hilfe von Tape Cassette von Caelum Audio.

Jetzt ist das Klavier durch die Tape-Emulation leicht verzerrt und wirkt noch älter. Dieser Effekt wird jetzt noch gesteigert, in dem wir mit Vinyl von iZotope noch ein bisschen Plattenknistern und Vinylklang hinzufügen.

Einen ähnlichen Effekt erziele ich mit deForm von Red Sounds. Mit diesem Multi-FX klingt der Klavier-Loop nicht nur älter, deForm fügt auch einen interessanten Hall hinzu.

Höre dir jetzt noch einmal den cleanen Loop an, dann wird er dir im Vergleich ziemlich langweilig vorkommen. Du solltest deine Samples also unbedingt mit solchen Effekten aufwerten und ihnen damit Charakter verleihen. Weitere Tipps dazu findest du in unserem ausführlichen Lo-Fi-Tutorial.  

Pitch-Shifting von Audiospuren

Auch mit einfachem Audio-Pitch-Shifting lässt sich Interesse und Charakter erzeugen. Diese Technik ist über die Grenzen des Hip-Hops hinaus bekannt. So hat Christian Henson, der Mitbegründer der Sample-Schmiede Spitfire Audio bereits ein sehr aufschlussreiches Video zu diesem Thema auf seinem eigenen YouTube-Kanal veröffentlicht.

Nun zur Praxis. Zuerst spiele ich mit einem VST-Instrument wieder ein Piano-Loop ein, denn „akustische“ Instrumente sprechen besonders gut auf diese Technik an. Anschließend bounce ich diese Spur, so erhalten wir ein Abbild in Audioform. Nun werden beide Spuren unterschiedlich bearbeitet. Ich öffne das MIDI-Event und transponiere alle Töne einfach eine Oktave tiefer. Das Ergebnis klingt so:

Nun wird auch die Audiospur eine Oktave tiefer gepitcht, dafür nutze ich die Elastique-Pro-Formant-Engine, die zur Standardausstattung von Studio One gehört und einfach über den Inspektor aktiviert werden kann. Und siehe da, uns erwartet ein völlig anderer Klang.

Erstaunlich, wie unterschiedlich die beiden Ergebnisse ausfallen. Die MIDI-Spur ist transponiert vorhersehbar und eher langweilig, denn die programmierten Töne werden einfach  tiefer abgespielt. Das Audioergebnis dagegen klingt wie durch die Mangel gedreht. Es ist voller Artefakte, hat mehr Höhen und das Signal wandert jetzt sogar von links nach rechts. Im Vergleich klingt es einfach viel interessanter. Und das nur, weil wir es vor der Transposition zuerst in Audio umgewandelt haben.    

Abgefahrene Sounds durch Granular-Synthese

Granular-Synthese ist inzwischen überall anzutreffen. Diese besondere Form der Klangerzeugung wird nicht nur in Delays verwendet, auch Sampler und Synthesizer bieten diese Möglichkeit inzwischen. Die beiden folgenden Videos zeigen eindrucksvoll, was klanglich alles mit der Hilfe der Granular-Engine von Omnisphere möglich ist.

Unsere Empfehlungen

Unglaublich, was man alles aus einem Audio-Sample machen kann. Der entstandene Sound hat in beiden Fällen nicht mehr das Geringste mit dem Original zu tun. Durch die Verbindung aus individuellem User-Audio und den vielen Einstellungen im Plugin hast du unendliche Möglichkeiten, einzigartige Klänge und Sounds für deine Beats zu erzeugen, die definitiv kein anderer Producer hat. Es gibt aber auch Effekte, die diese Technologie nutzten, zum Beispiel Portal von Output.

Reverse-Effekte nutzen

Eine Produktionstechnik, die es im Hip-Hop zwar schon eine Weile gibt, die aber inzwischen eher selten eingesetzt wird, ist das Umkehren von Audiomaterial. Dadurch wird der Clip rückwärts abgespielt und es lassen sich wirklich interessante Samples erzeugen. Ich zeige dir, wie das geht. Zuerst erstelle ich wieder einen Loop mit einem VST-Instrument. 

Wie du hörst und siehst, beinhaltet unser Loop eine Akkordstruktur. Damit diese später in genau dieser Reihenfolge erhalten bleibt, muss ich die einzelnen Takte nun trennen und ihre Reihenfolge umstellen. Der erste Akkord im Loop muss also an die letzte Position usw. Im Anschluss mache ich davon dann einen Audio-Mixdown.

Jetzt fehlt nur noch ein Arbeitsschritt. Wir drehen den Audio-Loop jetzt noch um. In jeder DAW geht das auf ganz unterschiedliche Art, in Studio One braucht es dazu nur einen Klick auf das Event mit der rechten Maustaste. Im Audiomenü finde ich die Option „Audio umkehren“. Das Ergebnis klingt dann so: 

Wie du hörst, ist unsere ursprüngliche Akkordstruktur nun wieder vorhanden, nur dass alles rückwärts abgespielt wird. Du kannst diese Version auch zum Original dazu mischen, auch das klingt sehr interessant. 

Shaperbox – die Büchse der Pandora

Viele Produzenten kennen Shaperbox von Cableguys als sehr wandelbares Multi-FX-Tool, mit dem man die verschiedensten Effekte erzeugen kann. Und genau das ist es natürlich auch. Aber nur die wenigstens wissen, dass damit auch sehr viele Trap-Samples gemacht werden. Denn besonders das Time-Modul erinnert in seiner Funktionsweise an Gross Beat von FL Studio. Und das ist die DAW, die aus gutem Grund von besonders vielen Hip-Hop-Produzenten genutzt wird.

Zuerst bauen wir wieder einen Loop, der dieses Mal aus mehreren Elementen besteht.

Dann erstellen wir einen Bus für alle Spuren und laden in diesen Bus Shaperbox, der gleiche Effekt wirkt sich so also auf alle im Bus enthaltenen Spuren aus. Im Anschluss wählen wir das Time-Modul und nehmen in der Kategorie „Pitch“ das vierte Preset von Links. Aber wie schon bei unserem Rückwärtstipp, müssen wir auch hier zuerst Veränderungen am Loop vornehmen. Denn durch das von uns gewählte Preset, wird das Sample eine Oktave tiefer und halb so schnell abgespielt. Um das zu kompensieren, transponiere ich alle Elemente unseres Loops also eine Oktave höher und verdopple das Tempo des Arrangements. Jetzt kann Shaperbox an die Arbeit gehen und der dadurch entstehende Effekt ist wirklich äußerst interessant. 

Das Sample wird auch tiefer abgespielt, aber es passiert eben noch viel mehr dabei. Es werden bestimmte Teile des Samples ausgelassen. Dadurch entstehen klangliche und strukturelle Artefakte, die unser Sample einzigartig machen. Ich kann über den Mix-Regler sogar das unbearbeitete Signal dazu mischen, dann bekommt unser Sample noch mehr Atmosphäre und Charakter.

Das schöne dabei ist, dass man nicht wirklich vorhersagen kann, wie der Shaperbox-Effekt genau ausfallen wird. Das macht die Sache nicht nur spannend, denn vor allem entstehen so individuelle Samples, die unmöglich zu replizieren sind. Und genau so bauen die Produzenten der Hip-Hop-Stars wie Drake, Travis Scott, Migos oder Roddy Ricch ihre Samples. Viel Spaß beim Nachbauen!

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