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Test
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25.11.2019

Spitfire Audio BBC Symphony Orchestra Test

Orchester-Library

Ein ganzes Orchester in einem Instrument

Spitfire Audio definiert sich selbst als Soundmanufaktur für Filmkomponisten. Und das trifft es so ziemlich auf den Punkt, denn Spitfire liefert dem bedürftigen Komponisten alles, was im Film so verlangt wird: Synthies, Tasten, Gitarren, Hybrides und natürlich Orchesterfeuer ohne Ende. Der neuste Streich auf diesem Gebiet ist das BBC Symphony Orchestra, was insofern bemerkenswert ist, als dass es sich dabei um ein echtes, bestehendes Orchester handelt und nicht etwa um Sessionmusiker, die ausschließlich zum Zwecke der Library-Aufnahme zusammengebucht worden sind. Ob dieser Umstand hörbar wird, was das All-in-one-Instrument alles kann und wie es klingt, das haben wir für euch geprüft.

 

Details & Praxis

Download und Installation

Der Download erfolgt über das Spitfire-Portal und dauert: Wir reden von 560 GB und Spitfires Server sind nicht die schnellsten. Wenn man damit aber einmal durch ist, hat man es auch gleich geschafft. Das Instrument installiert sich von selbst und wird sofort unter den Softwareinstrumenten der DAW eures Vertrauens gelistet. 

Instrumente, GUI und Presets

Das Instrument öffnet sich in einem wirklich großen GUI. Sehr erfreulich, denn so erschließt sich alles auf einen Blick, schon allein, weil es gar nicht so viele grafische Informationen gibt. Ich wünschte, Spitfire würde das immer so machen, denn deren Kontaktinstrumente sind stets erzürnend klein. Die wichtigsten Dinge sind logischerweise am auffälligsten, so wie etwa der dicke Knopf in der oberen GUI-Hälfte, der zum Steuern von Expression und Dynamics gedacht ist, oder die grafisch ansprechend dargestellten Artikulationen. Über den Artikulationen befinden sich etwas kleiner drei Icons für die drei Abteilungen des GUI: Technique (also Artikulationen), Signale und FX. Das ist ein angenehm schlankes Programm. Alle anderen Komponenten, wie z. B. Round Robin Verhalten, Tune, Pan, Memory etc., sind eher unauffällig an den Rändern des GUI untergebracht, aber immer noch groß genug, um nicht suchen zu müssen.

Ich lade nacheinander ein paar Instrumente. Der Browser ist gut sortiert, erst die Instrumentengruppen, dann die Instrumente. Leider stellt sich heraus, dass das Ladeverhalten der BBC ziemlich lahm ist. Zum Setup: Ich lade von einer externen Festplatte mit Thunderbolt-Anschluss. Alle Instrumente für die Audiobeispiele zu laden (11,5 GB), dauert satte 25 Minuten! Wenn ihr vorhabt, größere Projekte mit dem BBC Orchestra zu starten, könnt ihr euch also während des Hochfahrens locker noch mit Einsteins Theorien befassen oder mit eurer Oma telefonieren. Aber das Warten lohnt, denn ist das Projekt endlich hochgefahren, kommt ein spektakulärer Sound aus den Boxen – was bei bis zu 20 Signalen natürlich auch ein bisschen abzusehen ist. Außerdem könnt ihr vor dem nächsten Sichern auch alle Artikulationen, die ihr nicht braucht, im Preset-Editor „entladen“ und das Preset erst im Anschluss sichern. Dann dauerts beim nächsten Mal nicht ganz so lange. Die Artikulationen an sich bleiben durchweg bei den üblichen Standards, teilweise auch bei weniger. So gibt es z. B. im Holz keinerlei Sforzati oder Fortepianos – was schade ist, da sich diese Techniken nicht gut programmieren lassen. Aber gut, irgendwas ist ja immer und dafür haben wir schließlich ein ganzes Orchester.

Signale

Das Signalangebot ist kurz gesagt krass. Bis zu 20 Signale stehen zur Verfügung. Darunter befinden sich selbstverständlich die üblichen Vertreter wie z. B. Close, Tree, Ambience und Stereo – aber auch andere Kollegen: Close Widepan (extra weites Stereofeld), Sides, Balcony, alle ungenutzten Mikrofone jeder Instrumentengruppe, Atmos Front & Rear (Stereo-Submixe). Räumlich wird bei der BBC also alles abgedeckt und das Problem der Tiefenstaffelung lässt sich auch für den Laien einfach in den Griff kriegen. Wer nicht mit 20 Mikrofonen hantieren möchte, kann den Advanced-Modus aber auch abschalten und das Wet/Dry-Verhältnis per Fader regeln. Egal welchen Weg man wählt, klanglich ist alles erstklassig.

FX

Die Effekte, von denen es nicht allzu viele gibt, sind instrumentengebunden, lassen sich also nicht beliebig zuordnen. So fällt z. B. Vibrato beim Staccato weg, was ja auch Sinn macht. Dafür gibt es dort Tightness, ein Werkzeug zum Einstellen des Sample-Startpunkts. Im Legato-Patch der Oboe verhält es sich logischerweise umgekehrt. Fehlen noch die Effekte Release und Variation. Release versteht sich von selbst und bezieht sich hier auf lange Artikulationen. Manche Techniken, z. B. Multitongue, bieten den Effekt Variation. Der Name ist Programm: Geboten werden Variationen des jeweiligen Sounds. Alles in allem sind die FX also Werkzeuge zur Feinjustierung der Samples. Um Effekte im eigentlichen Sinne geht es hier also nicht, denn alles bleibt immer noch dem Realismus verpflichtet.

Fazit

Spitfire Audios BBC Symphony Orchestra ist eine echte Hausnummer. Klanglich erstklassig und mikrofon- und raumtechnisch beispiellos bietet es orchestrale Standards in einem kompakten Format. Es wäre ein Traum, wenn Spitfire vom selben Orchester immer wieder neue Packs mit weiteren Artikulationen und anderen Feinheiten wie z. B. Streicher-Divisi herausbringen würde, dann hätte man irgendwann ein sehr umfangreiches Orchester mit unfassbaren räumlichen Gestaltungsmöglichkeiten. Momentan ist es eher ein Basispaket, aber ein sehr gutes. Der Preis von 999 Euro ist natürlich eine Ansage, aber man darf nicht vergessen, dass man hier quasi vier Libraries in einer bekommt. Und 250 Euro für eine gute Percussion-, Streicher-, Blech-, Holzbläser-Library ist nicht zu hoch gegriffen. Plus die Tatsache, dass hier alles mit exakt demselben Setup aufgenommen wurde, man also ein wirklich homogenes Klangbild bekommt.

  • PRO
  • Erstklassiger Klang
  • Klares GUI-Design
  • Orchestrales Basiskomplettpaket
  • Keine unnötigen Spielereien
  • Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
  • CONTRA
  • Nichts
  • FEATURES
  • 565GB Content (über 1 Million Samples)
  • 418 Techniken
  • 55 Presets
  • Bis zu 20 Mikrofonsignale
  • Alle wichtigen Orchesterinstrumente dabei
  • Schlanke, funktionale FX
  • Systemanforderungen
  • Mac OS X 10.10 oder später
  • Minimum: 2.8 GHz i5 (quad-core), 8 GB RAM
  • Empfoholen: 2.8 GHz i7 (six-core), 16 GB RAM
  • Windows 7, Windows 8, oder Windows 10 (letztes Service Pack, 64 Bit)
  • Minimum: Intel Core 2.8 GHz i5 (quad-core) oder AMD Ryzen 5
  • Empfohlen: Intel 2.8 GHzi7 (six-core) oder AMD R7 2700
  • Preis
  • 999 € (Straßenpreis 19.11.19)

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