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Test
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12.06.2021

Showsync Videosync Test

VJing & Streaming mit Ableton Live

Videos wie Audio manipulieren – und mehr!

Wer Videoclips in Ableton Live importieren will, wird meist enttäuscht. In die Session View können Videos gar nicht importiert werden, im Arrangement View schon, allerdings kann man die Warping-Möglichkeiten nicht nutzen. Videosync von Showsync setzt genau hier an.

Als Max4live-Device macht das Tool die DAW zur Videoclip-Plattform. Wer mehr für die Bühne möchte, sich im VJing probieren oder sein Livestreaming interessanter machen will, der sollte sich Videosync genauer ansehen.

Details & Praxis

Audio und Video in einer DAW zusammenzubringen, ist oft nur mit Einschränkungen möglich. Allein einen Videoclip temposynchron zu einem Song abspielen zu lassen ist bis heute erstaunlich fehlerbehaftet. Aber langsam zeigen sich hier erste Entwicklungen. Wer den Workflow in Lichtgeschwindigkeit in Ableton Live mit Audioimport und -verarbeitung in Sekunden, Automationen, Racks und einfachem Routing kennt und liebt, der wird nach einigen Minuten staunend vor Videosync sitzen. Denn damit ist genau das möglich, nur eben mit Videomaterial.

Bevor es in die Tiefe geht, sei auf zwei Einschränkungen hingewiesen. Videosync ist eine Mischung aus Programm und Max4Live-Device. Das Programm muss zum Rendern der Effekte immer im Hintergrund laufen. Und diese Software gibt es zum jetzigen Zeitpunkt nur für macOS. Eine Windows-Version will der Hersteller auf Anfrage nicht ausschließen, hält sich aber bedeckt, was konkrete Ansagen betrifft. Einschränkung Nummer zwei ist Max4Live. Einige Funktionen von Videosync können in der Standard- und Intro-Version von Ableton Live auch ohne die Programmierumgebung genutzt werden, andere nicht. Was genau mit welcher Version von Ableton Live möglich ist, hat der Hersteller hier aufgelistet. 

Ableton killed the video star – Der Workflow mit Videosync  

MP4-Video in Ableton ziehen, Clip in der Session View starten und Effekte drauf – ganz einfach wie bei Audioclips. Die Sichtbarkeit eines Videos steuert ihr über den Lautstärke-Fader. Auch können Videoclips mit Lives Warping-Algorithmus dem Projekt-Tempo angepasst werden. Sobald ihr einen Clip doppelklickt, ist dessen Audiospur ganz normal unten im Editor von Live zu sehen. Dort setzt ihr den Startmarker und auch alle weiteren. 

Eins der Highlights von Videosync, das mir kurz den Mund offenstehen ließ: Videos mit Warp Markern! Ihr setzt Marker im Editor, auch wenn nur eine stille Audiospur beim Video dabei ist, und verschiebt diese. Dann verändert sich entsprechend die Abspielgeschwindigkeit im Verlauf des Videos. Und sie passt sich dem Projekttempo an. Klar, in Videoschnittprogrammen wie Apple Final Cut Pro oder Adobe Premiere Pro ist das auch möglich. Aber so einfach, so zugänglich und in den Workflow von Live eingebunden, habe ich es noch nicht erlebt.

Videos überblenden und mit den Blend-Modes layern

Für Videospielereien genügt eigentlich schon die kleine Intro-Version von Videosync. Allein was man mit gezielt gesetzten Markern in einem gewarpten Clip und mit Lautstärke-Automationen, die die Clipbilder ein- und ausfaden, bereits erzeugen kann, ist eindrucksvoll. Nicht zu vergessen die neue Comping-Funktion: Auch für Videoclips. Wenn Clips in mehreren Spuren gleichzeitig abgespielt werden, werden diese übereinandergeschichtet angezeigt. Durch Automationen der Lautstärke (und damit Sichtbarkeit jedes Clips) könnt ihr hier schon tolle Video-Collagen erzeugen.


In der großen Version kann die Sichtbarkeit der Clips mit dem „Properties“-Werkzeug verändert werden. 28 verschiedene Blend-Modi stehen zur Verfügung, die bestimmen, wie das Bild eines Clips im Verhältnis zu den anderen ausgespielt wird. Spielt ihr mehrere Clips an derselben Stelle im Arrangement oder in derselben Zeile in der Session View ab, so werden sie standardmäßig im „Additiv“-Modus übereinandergeschichtet und gleichzeitig angezeigt. 

Videoclips in Videosync layern

Die anderen 27 Modi haben teilweise sehr großen Einfluss darauf, wie zwei oder mehr Videos gleichzeitig zu sehen sind. Da werden ganz ähnlich wie in sehr bekannten Bildbearbeitungsprogrammen per „Subtract“, „Mask“ oder „Average“ die Farben der Videoclips gemischt. Allein das kann schon sehr psychedelische Resultate erzeugen. Auch sehr nützlich: Im „Properties“-Tool kann das Audiosignal eines Videoclips deaktiviert werden. Intro-User können das Audiosignal im Clip Gain leise drehen. 

Nutzt ihr den „Alpha“-Modus, seht ihr deutlich, in welcher Hierarchie Clips von Videosync angeordnet werden. Je weiter rechts ein Clip in der Session View steht, desto sichtbarer ist er. Im Arrangement View gilt das für die untere Position. Diese Anordnung hat, wenn ihr mit den verschiedenen Blend-Modi experimentiert, enorme Auswirkungen auf das Endresultat. Ob jetzt die erste Spur im „Additiv“-Modus, die zweite im „Subtract“-Modus und die dritte im „Mask“-Modus ist oder umgekehrt, kann zu sehr unterschiedlichen Bildmischungen führen. 

Effekte und Instrumente in Videosync

12 Effekte sind als Max4Live-Devices in der großen Version dabei. Da gibt es simple Effekte wie „BrightnessContrast“, „HueSaturation“, „Mirror“ oder „Pixelate“, die Farben und Auflösung des Videos verändern – pro Spur. Auf der anderen Seite stehen „Wavvy“, „BloomBlur“, „Keyer“, „Displacement“ und „Feedback“. Diese verfremden und zerstören das Bewegtbild oft bis zur Unkenntlichkeit. Was aber schon den kleinsten Effekt von Videosync so mächtig macht, ist die Modularität von Live. LFO auf „BrightnessContrast“ für einen Instant-Strobo-Effekt? Den Dronenflug über den Ferienort im sanften Rhythmus eines Dubstep-Beats verpixeln? Mit dem „Envelope Follower“ kein Problem.

Auf der Instrumentenseite gibt es „External In“, „Simpler“ und „Squares“. Bei ersterem gibt es die Wahl zwischen „Track“, „Syphon“ und „Device“. „Track“ routet das Videosignal einer anderen Spur auf die Instrumentenspur. Praktisch, wenn man einen Clip nicht auf zwei Spuren legen, aber mit verschiedenen Effekten gleichzeitig verändern möchte. „Syphon“ ist ein Open-Source-Protokoll, das den Austausch von Bild- und Videosignalen zwischen verschiedenen Programmen auf dem Mac erlaubt. So könnt ihr andere „Syphon“-fähige Software wie den Character Animator von Adobe oder die Video-Mapping-App Madmapper in Ableton Live einbinden.

Webcam und Smartphone-Kamera in Ableton Live 

„Device“ macht aus Ableton Live dann endgültig ein Performance Tool. Hier könnt ihr angeschlossene Webcams und Kameras einbinden, mit Effekten belegen und automatisieren. Alles synchron zum Songtempo oder sogar dem Tempo der Musik folgend, wenn ihr den neuen Tempo Follower nutzt. 

„Simpler“ erlaubt das Laden und Abspielen von Videoclips. Diese könnt ihr dann durch MIDI-Noten triggern wie im normalen Audio-Simpler. „Squares“ ist auch ein rein visuelles Instrument, hat aber als einziges mit euren Videoclips nichts zu tun. Spielt ihr die Note C3, so taucht oben links im Videobild ein weißes Rechteck auf. C#3 erzeugt eines rechts daneben, D3 dann darunter eines und D#3 eines rechts unten. Die Anzahl und Größe der Rechtecke, wie schnell sie ein- und ausblenden und ob sie einfach auftauchen oder von klein nach groß wachsen, könnt ihr in „Squares“ einstellen. 

Routing und Export mit Videosync 

Clips in Gruppen, Effekte auf den Returnspuren – mit Videosync ist das Vermischen und (aha!) live verändern von Videoclips so einfach wie mit Audiomaterial. Habt ihr eine Gruppe an Clips, die über- und nacheinander laufen, und möchtet diesen zusammen einen weiteren Effekt verpassen, dann gruppiert die Spuren. Schon wird das gebündelte Bild angezeigt. Wie Reverb oder Delay könnt ihr Videoeffekte auf Ableton Lives Return-Spuren legen und dann über die Send-Regler der einzelnen Spuren anteilig dazu fahren. 

Auf der anderen Seite des Routings steht die Frage des Ausspielens. Soll das Signal direkt ausgeben werden, muss ein Beamer oder zweiter Bildschirm an den Mac angeschlossen werden. Auf diesen zieht ihr dann das Videosync-Ausgabefenster und maximiert es. Wenn ihr die Videosync-Bilder aufzeichnen wollt, geht das nicht über das Export-Menü in Ableton Live. Da die Bilder über die Videosync-App gerendert werden, muss die Aufzeichnung auch hier passieren. Dazu braucht ihr die kostenlose App „Syphon Recorder“.  

Installation und Demo

Die Installation von Videosync beginnt mit dem Download der Software. Nachdem ihr das Programm in den Programmordner von macOS kopiert habt, startet ihr die App, danach erst Ableton Live. Die App leitet euch beim ersten Start durch die weitere Installation. Zum einen kopiert Videosync alle Effekte und Instrumente als Max4Live-Devices in eure User Library. Zum anderen muss dann noch in den Einstellungen in Ableton Live ein Skript von Showsync, dem Hersteller von Videosync, als Bedienoberfläche ausgewählt werden. Erst dann kann die Software auch mit Live kommunizieren. (siehe Bild 2)

 

Neugierigen können Videosync als Demo auf der Herstellerseite herunterladen. Solange ihr die Software nicht freischaltet, wird in der Videoausgabe immer ein Wasserzeichen zu sehen sein. Showsync bietet das Tool in zwei Versionen an: Videosync Intro und Videosync.

In der kleinen Version fehlen die Effekte, die Möglichkeit einzelne Videosignale aus Lives Returnspuren separat zu routen, einige Überblendungsmodi und „Networked Playback“. Diese Option erlaubt den Einsatz eines zweiten Rechners nur für die Berechnung der Videoeffekte. Was genau mit welcher Live-Version möglich ist, hat der Hersteller hier aufgelistet. 

Codecs und Container

Ableton Live akzeptiert von Haus aus nur MOV Dateien. Mit Videosync sind nun auch MP4-Dateien möglich. MP4 und MOV sind sogenannte Container. Wie Filmmaterial verarbeitet und gerendert wird, bestimmt der Codec. Eine MP4-Datei kann also Material im H.264-Codec enthalten oder im PJEPG-Codec. Live kann diese Codecs von Haus aus verarbeiten, beide benötigen aber einiges an Rechenleistung bei der Wiedergabe. Videosync ermöglicht dazu die Wiedergabe von Filmdateien, die mit dem neuen HAP-Codec verarbeitet wurden. Bestehende Videodateien können mit der Freeware AVF Batch Exporter umgewandelt werden.

Der Vorteil: Weniger Ruckeln bei der Wiedergabe, weniger Belastung des Rechners. Im Test liefen auf einem neuen M1 Mac Mini und einem Macbook Pro von 2016 alle Videos in Videosync erheblich flüssiger, die Framerate blieb auch beim Ausspielen auf einen externen Monitor stabil. Der Nachteil: Die Dateigröße. Zum Test hatte ich eine der MP4-Dateien in eine MOV-Datei mit HAP-Codec umgewandelt. Aus einer Datei mit 8 MB wurde eine mit 288 MB. Man braucht also sehr viel Speicherplatz. Zweiter Nachteil: Technisch gesehen können MOV-Dateien monetan nur in der Session View und im Videosync Simpler abgespielt werden, in der Arrangement View leider (noch) nicht. 

Fazit

Egal, ob Effekte für Livestreams, Video-Collagen für Musikvideos oder VJing und Performance-Kunst – Videosync in Ableton Live ist eine echte Revolution. Selbst kleine Bands und Artists können mit der Software mühelos Visuals für ihre Shows erzeugen, auch im Livestreaming eröffnet Videosync vollkommen neue Möglichkeiten.

Bei aller Begeisterung muss ich der Software allerdings noch einige Kinderkrankheiten attestieren. So hakte die Videowiedergabe beim Einsatz von Warp Markern und Geschwindigkeitsveränderungen immer wieder. Den HAP-Codec im Handbuch anzupreisen, dann aber nicht im Arrangement zuzulassen, ist schwer nachvollziehbar. Und dringend – ganz dringend – muss eine Windows-Version her. 

Aber schon jetzt ist Videosync eine echte Entdeckung. Man möchte Ableton fast raten, die Firma aufzukaufen und die Video-Features nativ einzubauen. 

  • Pro
  • Videoclips in Ableton unkompliziert verarbeiten
  • Geschwindigkeitsveränderungen mit Warping erzeugen
  • Videoclips mischen, morphen und layeren sehr einfach
  • Videoclips können wie Samples getriggert werden
  • kreative Effekte
  • Videoclips auch in der Session View
  • sogar Kameras können zugeschaltet und mit Effekten belegt werden
  • Contra
  • (keine Windows-Version)
  • Features
  • Max4Life-Device-Suite zur Verarbeitung von Videoclips in Ableton Live
  • Videoclips in der Session View abspielen
  • Videoclips wie Audioclips warpen, editieren und mixen
  • Einbindung an Syphon Protocoll: Signale anderer Apps können eingespeist werden
  • 17 Video-Plugins:
  • 3 Instrumente: External In, Simpler, Squares
  • 2 Utilities: Properties, Status,
  • 12 Effekte: Bloomblur, BrightnessContrast, ColorControl, Crop, Displacement, Feedback, HueSaturation, Keyer, Mirror, Pixelate, Transform, Wavvy
  • Container-Format: MP4, MOV
  • Codecs: PJEPG, H.264, HAP
  • Systemvoraussetzungen
  • Ableton Live ab 10.1.13, Mac: ab MacOS 10.13 , Intel CPU or Apple M1 (native support)
  • Preis
  • Videosync Intro 79 EUR (Straßenpreis 12.06.2021)
  • Videosync 199 EUR (Straßenpreis 12.06.2021)

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