Test
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17.11.2011

PRAXIS

Der Accelerator ist einer dieser Synthesizer, auf die sich ein Keyboardtester besonders freut! Aber er ist auch ein Instrument, dem man von vornherein besonderen Respekt zollt. Ihm eilt halt ein gewisser (guter) Ruf voraus. Nun steht er hier in meinem Studio, wirkt edel, fühlt sich robust an, sein Design ist schick und unaufdringlich. Dies ist kein sich selbst erklärendes Instrument, vermute ich, gleich werde ich das Handbuch Seite für Seite lesen müssen. Das Handbuch immerhin ist nicht gerade dünn, aber in Deutsch verfasst. Auch als PDF kann man es bei www.radikaltechnologies.com herunterladen. Glücklicherweise finde ich darin eine zwanzigseitige Einführung, die in Kurzform erklärt, was hier an Features geboten wird und wie man sich auf diesem Instrument zurechtfindet. Das erleichtert dem Neuling den Einstieg. So fühle ich mich schnell bereit, erste Manöver mit meinem Testkandidaten zu probieren.

Die zentralen Bearbeitungswerkzeuge sind das mittig angeordnete Display und die X/Y Matrix im linken Bereich der Oberfläche. Mit ihnen erreicht man alle Parameter der Klangerzeugung. Die 46 Taster und 16 Endlosdrehregler sind gut verarbeitet, die Drehregler haben einen angenehmen Widerstand und beinhalten auch eine Druckfunktion. Loben möchte ich die Tastatur, die angenehm spielbar ist, hochwertig und stabil wirkt (Access Virus User werden sie wohl wiedererkennen, es ist nämlich dasselbe Fatar-Modell. Meiner Meinung nach die beste Synthesizertastatur, die es gibt). Gleiches gilt für Pitch- und Modulation-Wheel.

Nicht so luxuriös finde ich allerdings die Anzahl der Stimmen, denn derer gibt es (ohne DSP-Expansions) nur acht. Ein Virus TI bringt es hier theoretisch auf über 80, und selbst der wesentlich preiswertere Waldorf Blofeld hat immerhin 24. Auch der nur zweifache Multimode ist nicht gerade üppig. Natürlich frisst die aufwendige Tonerzeugung des Accelerators mehr DSP als der vergleichsweise einfache Blofeld, aber gerade in Anbetracht der Möglichkeit, bis zu zehn Splitzonen zu erstellen, ist die geringe Stimmenzahl sehr schade. Demnach können nur zwei dieser Zonen mit internen Sounds belegt werden. Man wird also um die DSP-Expansions nicht wirklich herumkommen.

Wer Sounds bearbeiten oder neu basteln möchte, der muss viel im Display herumnavigieren, oder gewünschte Parameter auf der Matrix anwählen und mit den dortigen acht Drehreglern editieren. Das hat seine Vor- und Nachteile. Vorteil: Mehr Platz und Übersicht auf dem Gerät - und wahrscheinlich auch einen günstigerer Preis, weil man so ja viele Armaturen einspart. Aber die Nachteile sind auch offensichtlich: Es ist alles etwas fummelig, eine ruhige Hand und ein präzises Auge sind erforderlich, um hier zügig zum Ziel zu kommen. Besonders, wenn es mal hektischer zugeht und man nicht ganz genau aufpasst, verstellt man schnell den einen oder anderen Parameter, der eigentlich nicht gemeint war. Klar, Übung macht den Meister, aber jedes Bedienkonzept hat auch seine Grenzen.

Wer sich bei Synthesizern der Marken Access, Waldorf, Nord, Dave Smith und Novation schon mal über die umständliche Programmanwahl mittels Up-/Down-Buttons oder Jog-Wheel geärgert hat, den werden die zwölf Programmwahltaster des Accelerators freuen. Hiermit erreicht man den gewünschten Sound wesentlich schneller als bei den soeben genannten Kollegen.

Alle Sounds können mit Kategorie-Verknüpfung abgelegt werden. Das erleichtert ein späteres Wiederfinden. Auch ein für den Live-Betrieb gemachtes Feature namens "Song Chain" soll hier genannt werden. Mit ihm kann man gemäß der Reihenfolge einer Setlist die Sounds für sein Konzert zurechtlegen, inklusive des Umschaltens von Betriebsmodi oder auch angeschlossener MIDI-Peripherie.

Hier ein paar Presets und selbst gebastelte Sounds:

Die Effektsektion des Accelerators ist zwar nicht üppig, aber sie kann sich sehen lassen!  Für den Fall, dass man im Layer- oder Splitmode zwei mit FX angereicherte Sounds gleichzeitig spielen will, gibt es einen zweiten, unabhängigen FX-Bus. Und sogar noch einen heimlichen dritten und vierten. Letztere werden aber genutzt, um das Abreißen von Klängen beim Umschalten zu vermeiden. Wem das zu wenig ist, der könnte mal über die oben erwähnten DSP-Expansions nachdenken. In der hier getesteten Grundversion findet man unter „FX“ folgende Module. Ihre Anordnung ist unveränderbar.

Distortion/Saturation

Modulation Stereo-Delay

Phaser

Leslie

Chorus

Reverb

EQ für die Summe der FX-Kette

Die Effekte haben mir alle gut bis sehr gut gefallen. Das Modulation-Delay bietet komplexe Echos und erzeugt sofort eine Räumlichkeit, der Phaser bietet alle wichtigen Klangparameter und arbeitet im besten Daft-Punk-Sinne cool und wohlklingend. Auch Distortion/Saturation ist gelungen. Die Verzerrung ist oft ja ein Manko in der digitalen FX-Landschaft. Wenn man möchte, kann dieser Effekt ein saftiges bis krachiges Mittenbrett servieren oder sich wie eine Gitarrenamp-Simulation verhalten. Geht man damit sanfter zu Werke, kann Distortion/Saturation die Sounds des Accelerators angenehm anrauen. Ein vielseitiges Filter ist hier gleich integriert, was sehr nützlich ist! Leider gibt es nur einen Verzerrungs-Modus. Anders klingende Overdrive-Effekte oder auch Bitcrusher werden nicht angeboten. Der Effekt „Leslie“ reicht nicht ganz an andere mir bekannte Simulationen des beliebten Orgel-Verstärkers mit den rotierenden Lautsprechern heran. Ein gut klingender Effekt ist es aber dennoch, wenn man ihn mehr als räumliches, dynamisch einsetzbares Tremolo versteht.

Die Hüllkurven des Accelerators kann man zweifellos als knackig bezeichnen. Perkussives gelingt sehr gut mit diesem Synthesizer. Auch der dreibandige Master-EQ am Ende des Signalflusses ist ein Werkzeug, das ich sehr schätze. So kann man die Filtersektion allein zum Klangformen nutzen und ungewollte Frequenz-Kollateralschäden am Ende mit dem EQ beseitigen. Und auch die Tatsache, dass der Rauschgenerator mit einem eigenen Filter ausgestattet ist, erfreut das Sounddesigner-Herz!

Mit zwei Step-Sequenzern und einem Arpeggiator stehen zwei vielseitige Werkzeuge zu Erschaffung von typisch elektronischen Patterns, lebendigen Sounds und komplexen Klanglandschaften bereit. Sie arbeiten beide polyphon. Der Arpeggiator kann programmiert und auch während des laufenden Betriebs nach Herzenslust editiert werden. Die zwei Step-Sequenzer mit 32 Schritten bieten jeweils vier Sequenzen: eine zum Triggern von Noten (polyphon) und drei für sämtliche Parameter der Klangerzeugung. Besonders gut gefallen mir dabei die Möglichkeiten, einzelne Sequenzen per Tastatur transponieren zu können oder aber auch, dass man Sequenzermotive abspeichern bzw. laden kann. Ab einer DSP-Erweiterungskarte erhält man acht Sequenzer und acht Arpeggiatoren.

Ein beliebtes Feature bei Live-Musikern ist „Voice Remain“: Das Abreißen von ausklingenden Tönen beim Umschalten gibt es hier nicht. Auch dass man beim Benennen oder Umbenennen von Programmen die Keyboardtastatur zur Eingabe benutzen kann, finde ich super! Über den Tasten sind zu diesem Zwecke Buchstaben, Zahlen und Zeichen aufgedruckt. Und auch einige Funktionen des Sequenzers lassen sich mit der Tastatur steuern. Der 3D-Neigungssensor ist ein nettes Gimmick, mit dem man sicherlich den einen oder anderen Zuschauer beeindrucken kann, sofern dieser denn überhaupt versteht, dass da gerade eine ungewöhnliche Modulationsquelle eingesetzt wird. Auf Dauer nimmt man dann wohl doch aber eher das Modulationsrad. Nicht zuletzt beansprucht das Herumschaukeln des neun Kilo schweren Synthesizers die Arm- und Rückenmuskulatur auch mehr, als man vermutet. "Randomize" ist eine Funktion, mit der man Zufallsklänge hervorruft. Mit ihr lassen sich klangliche Überraschungen "würfeln", die Modulationsquelle "Glück" ist jedoch nicht weiter beeinflussbar. Dem Hersteller liegt dieses Feature anscheinend sehr am Herzen, ich finde es ziemlich unspektakulär. Sicherlich auch eine Geschmacksfrage.

Zum Abschluss noch ein Beispiel, wie man den Audioeingang des Accelerators nutzen kann. Hier anliegende externe Signale (mono oder stereo) können durch den FX-Bus des aktuell geladenen Programms geleitet werden. Der Audio-Eingang ist auch an die niedrigen Pegel einer E-Gitarre oder eines dynamischen Mikrofons anpassbar. Im folgenden Beispiel ist zunächst ein trockenes Gitarrensignal zu hören, danach dann mit verschiedenen Effektkombinationen.

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