Hersteller_Pioneer
Test
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06.06.2012

PRAXIS

Die gesamte linke Außenflanke ist den Beat-FX zuteilgeworden, die im Gegensatz zu ihren Kollegen traditionell nur auf einem Kanal, einer Crossfader-Seite, dem Mike oder Master wirken. Die Sounds lassen sich über Cue auf dem Kopfhörer vorhören, bevor sie auf das Partyvolk losgelassen werden. Super, das gefällt. Mit im Gepäck sind Delay, Echo, Up-Echo (neu) Spiral, Reverb, Trans, Filter, Flanger, Phaser, Robot, Slip Roll, Roll, Reverse Roll und die Effektschleife. Der Drehregler TIME steuert das manuelle Timing in Millisekunden. DEPTH ist für das Verhältnis zwischen Original- und Effekt-Signal verantwortlich. Darunter liegt, wie üblich bei Pioneer, der große gelbe Taster zum Einschalten des Arsenals. Auf dem Punktmatrix-Display lassen sich relevante Daten und Parameter gut ablesen, beginnend mit dem Namen, der Senke, dem aktuellen Tempo und dem Effektattribut. Zwei Beat-Tasten schalten durch vordefinierte Modulations-Intervalle, die auf Basis des BPM-Werts agieren. Dieser kann der DJ von dem zugewiesenen Kanal ableiten oder mit geschicktem Tippen auf den TAP-Button selbst generieren. Neu ist auch die FX-Boost-Funktion. Sie wirkt sich auf Echo Up und Reverb aus. Steht der Level/Depth-Regler auf 12-Uhr, ist der Effekt voll hochgefahren. Dreht man weiter, wird der Echo Up um ein Pitch Up ergänzt und Reverb um einen High-Pass-Filter. Audiobeispiele findet ihr nachfolgend. Ferner haben wir für euch Funktionsweise und Timing der Roll-FX festgehalten und natürlich wollen wir euch auch das neu hinzugekommene Up-Echo nicht vorenthalten. Viele Deejays stehen bekanntlich auf Filter, daher haben wir das integrierte Color-Filter der Beat-FX-Variante gegenübergestellt. Und wenn ich doch schon dabei bin, gibt’s natürlich auch gleich noch Delay-, Spiral-, Reverb-, Robot-, Flanger- und Phaser-Hörproben.

Sound und Workflow
Die USB-Soundkarte arbeitet mit maximal 96 kHz bei 24 Bit, der D/A-Wandler des Masters mit 32-Bit, ebenso tut es der interne DSP. Pioneers Clubmixer überzeugt mit einem brillanten, kräftigen Sound. Angefangen von den druckvollen Master- und Booth-Ausgängen über die guten Phono-Vorverstärker hin zum leistungsstarken und transparenten Kopfhörerausgang. Mit einem Headroom von 19 dB ist der Mischer zudem ziemlich übersteuerungsfest. Ob man nun im EQ- oder im Isolator-Modus arbeitet, die Equalizer greifen musikalisch ins Klangeschehen ein, wobei es naturgemäß beim Kill auf den letzten Metern etwas herzhafter zur Sache geht. Was mir jedoch nicht in den Kopf will: Warum um alles in der Welt gibt es keine 3,5-Millimeter-Buchse als Anschlussmöglichkeit für einen zweiten Kopfhörer? Die haben doch mittlerweile viele Konkurrenten im Gepäck und sie zahlt sich doch gerade auch dann aus, wenn man als DJ-Team arbeitet.

Davon abgesehen macht es richtig Spaß mit dem DJM-850 zu arbeiten, denn er ist in seiner Gesamtheit übersichtlich und logisch aufgebaut. Der Akteur profitiert von viel Raum auf der Oberfläche. Alle Funktionen sind klar definiert und gut ablesbar beschriftet, wodurch eine Fehlbedienung quasi ausgeschlossen ist. Das Display gibt sich nahezu unabhängig vom Blickwinkel kontraststark. Die langen LED-Ketten am Kanal verschaffen dem DJ einen optimalen Überblick, egal ob er mit externen Zuspielern oder Software-Decks arbeitet. 

Die Audioqualität der Effektprogramme ist sehr hoch und das Bedienkonzept ist auch hier sehr ausgereift, was letztlich auch an der geringen, dafür einsteigerfreundlichen Anzahl steuerbarer Attribute liegt. Selbst wenn man unvorbereitet auf einen DJM-850 trifft, kann man mit dem FX-Arsenal nicht wirklich viel falsch machen, da sich die Arbeitsschritte, Funktionen und Parameter fast selbst erklären. Wer beide FX-Sektionen simultan abfeuert, kommt nach Adam Riese auf 104 Kombinationsmöglichkeiten (Color-FX (4) x Beatswitch (2) x Beat-FXs (13)). Da lässt sich was mit anstellen. Zudem ist ja auch noch die Einbindung externer Effektgeräte möglich.

Externe Sequenzer, Drum-Machines und Grooveboxen lassen sich über die MIDI-Clock des DJM-850 zu laufenden Tracks synchronisieren, was für weitere Flexibilität im Arbeitsalltag sorgt. Ich habe zur Probe Native-Instruments Maschine im Standalone-Mode geladen und den DJM als Taktgeber deklariert. Die MIDI-Out-Buchse des Mixers wurde zu diesem Zweck mit dem MIDI-Input der Berliner-Groovebox verbunden, diese als Slave deklariert und auf den Mixerkanal drei unter Verwendung des mixerinternen Audiointerface geschickt. Den BPM-Wert habe ich aus dem ersten Kanal bezogen, wo ein Traktor-Deck lief. Das klappte prima. 

Digital-DJ-Software
Der Pioneer DJM-850 ist Traktor Scratch-zertifiziert und kann daher ohne Dongle-Interface mit der Berliner-Software zusammenarbeiten, aber auch so ziemlich jede andere DJ-Software ins Spiel bringen und diese, wenn sie über einen MIDI-Learn-Modus verfügt, anlernen und per Mixeroberfläche fernbedienen. Wer also eine Neuanschaffung plant, mit Traktor spielen will und auf die Netzwerkbuchse verzichten kann, spart satte 400 Euro zum Nexus ein, wenngleich ja unter Umständen noch das Traktor Scratch Pro 2 Software/Timecode-Kit bei NI zu erwerben wäre (vormals Certified Crossgrade). Doch selbst hier lässt sich aktuell noch ein Batzen Kohle sparen, denn vormals noch mit 299 Euro angesetzt, kostet das Paket aus Software-Vollversion und Steuermedien heuer gerade mal 99 Euro. Ich finde, das ist ein beachtlich günstiges Crossgrade.

Der erste Versuch, Timecodes einzubinden, ging schief, was daran lag, dass ich zunächst von TSP 2.212 auf TSP 2.213 updaten musste. Nach knapp 300 MB Download und einem neuen Versions-Verzeichnis für Stripes, Transienten, Settings und Co. ging’s weiter. Eine Verwendung des Setup-Wizards, wie beim DJM-T1 ist so nicht möglich. Bevor es dann ans Eingemachte gehen kann, gilt es, den DJM-850 als Audiogerät auszuwählen und die gewünschte Samplerate und den Puffer einzustellen. Dann sind die Audioroutings für In- und Outputs vorzunehmen, wobei zu beachten ist, dass auch im Pioneer-Softwarepanel die richtigen Einstellungen für den Timecode-Betrieb vorzunehmen sind. In der Mixer-Software werden die Eingänge für jeden Kanal angezeigt, wobei verbundene digitale Kanäle mit einem blauen Pfeil gekennzeichnet sind. Analoge Kanäle (Line- oder Phono) repräsentiert ein grauer Pfeil. Sind alle Einstellungen korrekt vorgenommen, lässt sich mit maximal vier Timecodes (2x TT und 2x CD aber auch 4x CD) bei niedrigen Verzögerungszeiten stabil arbeiten. Klar ist natürlich: Wo mancher Turntablist bereits bei drei Millisekunden Latenz die Nase rümpft, reichen manchem Controller-User, der keinen Wert auf zeitkritische Remix-Action legt, auch Werte über fünf und mehr Millisekunden für seine Performance aus.

Auf dem MacBook (spätes 2009er Modell) taktet der DJM von Haus aus bei 512 Samples ein, was einer gesamten Latenz von 12,2 ms (10,7 Processing/1,5 Output) entspricht. Scratcher legen ja zurecht immer viel Wert auf ein möglichste verzögerungsfreies Handling, das dem analogen Vinyl nahekommt, daher fahre ich gleich mal auf 128 Samples runter (2,7 Processing/1,5 Output) wobei ein stabiler, störfreier Betrieb gegeben war. Diese Werte sind jedoch von der Leistungsfähigkeit des Systems und der Hardware abhängig, sodass die Ergebnisse unter anderen Bedingungen abweichen können. Löblich zu erwähnen: Im Prüfstand kann ich den Mixer auch bei laufender Traktor-Wiedergabe aus- und einschalten und nach wenigen Sekunden heißt es erneut: Let the Music play. Wer keinen Wert auf Steuermedien legt, sondern stattdessen MIDI-Controller wie den Xone:1D, Xone:K2 oder Native Instruments Kontrol-X1 oder Kontrol-F1 einsetzen will, kann dies natürlich genauso gut bewerkstelligen. Auch sind Kombinationen zwischen Scratch-, MIDI- und Remix-Decks sowie analogem Equipment möglich.

Positiv festzuhalten ist ferner, dass fast die komplette Mixeroberfläche MIDI-Signale senden kann. Im MIDI-Modus, der mit einem Tastendruck auf MIDI/On einzuschalten ist, sendet der DJM-850 über 80 vollständig zuweisbare Kommandos, obendrein auch als One-Shot-Impuls(!). Die einzelnen Baugruppen und ihre Befehle sind nachzulesen im Appendix des Handbuchs. In meinen Augen wäre dies ein richtiges Killerfeature, wenn die analogen und die MIDI-Funktionen im MIDI-Modus, gern auch Baugruppenselektiv, ab- und zugeschaltet werden könnten. Ist jedoch nicht der Fall, also wir bei jeder Regler-Bewegung - zum Beispiel EQ - der MIDI-Befehl ausgeführt und in diesem Fall auch der analoge EQ bedient. Für Traktors Soft-FX kaum denkbar - hier wäre eine extra Zeile dedizierte MIDI-Controller (wie beim TSP zertifizierten Denon-X1600 für 999 Euro) wünschenswert, doch für den Einsatz der Berliner Klangverbieger-Artillerie wäre ein X1/1D-Controller vielleicht eh die bessere, weil deutlich umfangreichere und flexiblere Wahl. Außerdem sind die Effekt-Sektionen am Mischpult selbst ja ziemlich gut ausgestattet. Ferner bietet sich der DJM auf diesem Weg zum Dirigieren von Ableton-Live an, allerdings auch hier mit den gleichen Voraussetzungen/Restriktionen. In einem zukünftigen Upgrade würde ich es gern sehen, könnte man eine Mixsession mitsamt Tracks und Regler-Tweaks so aufzuzeichnen, wie es bei TheBridge zwischen Serato Scratch Live und ausgewählten Rane-Mixern der Fall ist. Das sähe ich auch für die DJM-Pulte – wie auch immer Partnerschaften und Softwares am Ende gestaltet sind.

Apropos Recording
Die Mixsession lässt sich über den Record-Out mit einem Minidisk- oder SD-Recorder abgreifen. Als besonderes Bonbon lässt sich aber auch der Ausgangs-Signalpfad über Pioneers Routing-Software konfigurieren und aufzeichnen. Hier können Multitrack-Recordings auf maximal vier Stereo-Playouts mit verschiedene Einstellungen angelegt werden, die von separaten Post CH Fader-Aufnahmen über einzelne Crossfader-Seiten bis hin zum kompletten Record-Out reichen. Top. Für künftige Gerätetypen würde ich mir dennoch einen integrierten SD-Recorder wünschen, wo man im Club angekommen einfach eine Karte `reinschiebt und auf diese aufzeichnet. Die könnte man dann der frohlockendsten, beatgesteuertsten Person auf dem Dancefloor nach dem Set einfach in die Hand drücken – oder dem Brautpaar als Geschenk überlassen, nachdem man die Hochzeitsmusikalien und Reden auf den Wechselspeicher gebannt hat. Nur gemafreies Material und Eigenproduktionen - versteht sich von selbst.

Für den Bar- oder Clubbetreiber ist der DJM eine interessante Investition, denn so ist er ist für viele Eventualitäten gewappnet. Traktor, VDJ oder Mixvibes-Nutzer sparen beim DJ-Wechsel viel Verkabelungs-Aufwand ein (Serato Scratch Live ausgenommen), der ansonsten auf Dauer natürlich auch zulasten des Equipments (Buchsen, Kabel) geht. Die Treiberdateien für den Kandidaten stehen kostenlos auf Pioneers-Webpage parat. Einmal aufgespielt heißt es für die angereisten Protagonisten nur noch Laptop an den oben verbauten USB-Port anstöpseln, Signalwege einstellen und loslegen. MCs und Moderatoren stöpseln ihr Mike ein und können auf Talkover und FX zugreifen. Kommt ein DJ mit Platten oder CDs zum Set, braucht dieser nur die Schalter in die richtige Stellung bringen und kann dem Publikum einheizen. Flexibilität pur. Das geht sogar im fliegenden Wechsel, jedoch nicht zwischen Laptop-DJs untereinander, weil lediglich ein USB-Port Typ-B verbaut ist und nicht wie zum Beispiel beim Rane 62 derer zwei. Es kann also nicht schaden, eine Mix-CD für einen solchen Fall zur Hand zu haben. Im Übrigen sind die internen Bauteile der Fader des DJM-850 laut Pioneer so positioniert, dass ihnen durch verschüttete Getränke keine Schäden drohen. Da freut sich der Clubbetreiber.

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