Test
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30.09.2013

Physis Piano H1 Test

Digitalpiano

Futurismus in der Luxusklasse

Mit dem Physis Piano H1 möchte sich der italienische Hersteller Viscount einen Platz in der obersten Liga der Digitalpianos sichern. Ein Blick auf den Preis und die Ausstattung offenbart, dass dieses Instrument höchsten Ansprüchen gerecht werden soll. Unter der Haube steckt eine Klangerzeugung, die nicht auf Samples, sondern auf Physical Modeling basiert. Was man damit alles anstellen kann, haben wir getestet.

Das Bedienkonzept des Physis Piano wirkt ebenso futuristisch wie ungewöhnlich, denn auf der gläsernen Oberfläche finden sich weder Taster noch Potis oder Fader. Das lässt vermuten, dass sich unter dem schwarzen Glas ein Interface verbirgt, das dem eines Smartphones oder Tablets ähnelt. Doch soviel vorweg: Dafür liegen Cupertino und Rimini vielleicht doch zu weit auseinander.

Details

Konzept

Wer ein Digitalpiano im Wert von 4.000,- Euro erwirbt, der meint es wirklich ernst. Also hat sich der traditionsreiche Instrumentenbauer Viscount mit ebensolcher Ernsthaftigkeit der Entwicklung des Physis Pianos gewidmet. Laut Hersteller hat man mit Hilfe von drei renommierten italienischen Universitäten sowie etlichen Ingenieuren und Musikern sieben Jahre darauf verwendet, die komplexen physikalischen Eigenschaften akustischer und elektromechanischer (Tasten-) Instrumente zu analysieren und mittels mathematischer Algorithmen zu reproduzieren. Bezeichnet wird dieses Verfahren als Physical Modeling, woraus sich logischer Weise auch der Name Physis Piano ableitet. Das unterscheidet das Physis H1 und auch den kleineren Bruder H2 von fast allen anderen gängigen Digitalpianos, deren Klangerzeugung bis heute größtenteils samplebasiert ist. Eine Ausnahme bildet Rolands V-Piano, das bereits vor vier Jahren auf den Markt kam und ein vergleichbares Konzept verfolgt. Das CP1 von Yamaha verbindet Physical Modeling mit Sampletechnologie.

Während ein Sample in seiner Beschaffenheit unveränderlich ist, setzt das Physical Modeling woanders an: Die Sounds werden nicht mit Hilfe vorher aufgenommener Einzeltöne (Samples) erzeugt, sondern in Echtzeit errechnet. Unter der Haube des Physis Pianos werkeln zu diesem Zweck sechs Dual Core Prozessoren, die das Schwingungsverhalten von Flügeln, E-Pianos oder Mallet-Instrumenten als eine Verkettung von unzähligen miteinander verknüpften Formeln begreifen und daraus den Klang in seinem gesamten Detailreichtum generieren – und zwar mit bis zu 24 Billionen Berechnungen pro Sekunde. Das hat mehrere Vorteile: Die Klangerzeugung verzichtet vollständig auf Loops oder Velocity-Switches und soll dadurch natürlicher wirken. Außerdem sind die unvermeidbaren Artefakte, die sich z.B. aus dem Zusammenspiel von mitschwingenden Klaviersaiten, der Mechanik und dem Resonanzboden ergeben, authentischer zu reproduzieren. Und nicht zuletzt kann der Benutzer sich sein Wunschinstrument bauen, indem er alle Komponenten selbst auswählt. Der Flügel soll etwas kleiner sein? Die Hämmer etwas weicher, die Saiten etwas straffer, die Dämpfer etwas größer? Mit dem Physis Piano ist dies alles frei konfigurierbar.

Äußeres und Anschlüsse

Das schlanke Gehäuse ist aus gebürstetem Aluminium gefertigt, lediglich die Seitenteile sind aus Kunststoff und die Unterseite aus Holz. Die bereits erwähnte gläserne Oberfläche erstreckt sich nahezu über die gesamte Breite und wird von zwei silbernen Alu-Schienen umrahmt, roter Samt markiert den Übergang zur Holztastatur. Das alles wirkt sehr edel und schnörkellos. Mit 27kg bringt das Piano ein stattliches Gewicht auf die Waage – dankenswerter Weise hat man in die Seitenteile Griffmulden eingelassen, die das Handling erleichtern. Mit zwei verschiedenen, optional erhältlichen Ständern kann das Physis Piano H1 Wohnzimmer-tauglich gemacht werden.

Vorn links lassen sich ein Kopfhörer und ein USB-Stick einstecken, zahlreiche weitere Anschlüsse finden sich auf der Rückseite: je ein symmetrisches und ein unsymmetrisches Ausgangspaar (XLR und Klinke), massenhaft Pedal-Eingänge (zwei Control-Pedals, Sustain, Sostenuto, Soft), USB to Host, Digital-Out, MIDI-Trio, ein elfpoliger Anschluss für die optional erhältliche Triple-Pedaleinheit und die Buchse für den Netzstecker neben dem Power-Knopf (dem einzigen vorhandenen Schalter am gesamten Gehäuse). Bemängeln könnte man lediglich das Fehlen eines Audioeingangs.

Multi-Touch-Panel und Tastatur

Nach dem Einschalten braucht das H1 über 70 Sekunden, bis es betriebsbereit ist. Das ist eine lange Zeit, die einem nach einem Stromausfall auf der Bühne auch mal wie eine halbe Ewigkeit vorkommen kann. Darüber täuscht auch nicht der kleine Pinguin hinweg, der im Display erscheint, während das Betriebssystem hochfährt. Praktischerweise gibt es aber eine Standby-Funktion, die das Instrument mit seinem 2GB großen Flash-Speicher in Sekundenschnelle einschläfert und wieder zum Leben erweckt.

Wenn das Physis Piano einsatzbereit ist, erscheinen unter der gläsernen Oberfläche in leuchtendem Weiß und Blau so genannte Sensortasten und das 4,7“-Farbdisplay. Das sieht schick aus, dennoch erscheint es mir zunächst gewöhnungsbedürftig, auf dem Glas herumzuwischen, um die Lautstärke einzustellen. Instinktiv vermisse ich bereits ein Poti oder einen Fader, komme mir bei dem Gedanken aber seltsam altmodisch vor.

Ich berühre das schwarz schimmernde Display und stelle etwas enttäuscht fest, dass es sich hierbei gar nicht um einen Touchscreen handelt. Die detailgetreue Darstellung eines Konzertflügels offenbart zwar Liebe zur grafischen Gestaltung, Interaktion lässt das Display aber leider nur mittels der seitlich angeordneten Sensortasten F1-F4 zu. Auch die restlichen Bedienelemente haben mit einem Tablet allenfalls die Glasfläche gemein. Ästhetisch erinnern mich die übersichtlich angeordneten Zugriffsmöglichkeiten eher an eine Bang&Olufsen-Anlage. So modern und stylish das alles wirken mag, der praktische Nutzen dieses Multi-Touch-Panels will sich mir nicht so recht erschließen. Den Zusatz „Multi“ könnte man von mir aus jedenfalls schon mal streichen.

Die leuchtenden Etiketten sind schnell erklärt: Ganz links befindet sich das Feld für die Lautstärke, bestehend aus zehn Segmenten. Daneben liegen die sechs Sensortasten für die Instrumentenkategorien Piano, E-Piano, Mallet, Keyboard, Ensemble und Bass/Git, gefolgt vom Button „Memory“. In der Mitte prangt das bereits beschriebene Display mit den Feldern F1 und F2 links bzw. F3 und F4 rechts davon. Weiterhin finden sich ein virtueller Fader, die Buttons Enter und Exit, vier Cursortasten sowie direkter Zugriff auf Effect, Reverb, EQ, Mixer, Sound Edit, Function, Song/Demo und View. Den Abschluss ganz rechts bildet der oben erwähnte Taster für den Stand-By-Modus.

Die blau-weiße Farbgebung kann man übrigens ebenso verändern wie fast alle anderen Parameter des Instruments. Die View-Funktion führt den Benutzer zu einem Menü, bei der man die Farben der Sensortasten und des Displays auswählen und abspeichern kann. Es gibt auch Presets mit Namen wie „Lady“ (einige Funktionen werden ausgeblendet und alle Taster schimmern lila) oder „Nature“ (Displayhintergrund und Taster leuchten grün). Bei Bedarf kann man sogar die Beleuchtung der Taster und des Displays einzeln oder vollständig ausblenden, was z.B. auf einer Theaterbühne wünschenswert ist, wenn jede Lichtquelle stören würde und man nichts umschalten muss. Man hat sich jedenfalls viel Mühe bei der optischen Konfigurierbarkeit gegeben, damit sich jeder Anwender sein Physis Piano Multi-Touch-Panel farblich individuell gestalten kann.

Durchaus klassisch wirken die 88 hölzernen Tasten, die vollkommen zu Recht die Bezeichnung „Ivory Feel“ tragen: Die raue Oberfläche vermittelt die Haptik von Elfenbein und ist angenehm griffig. Ich fange an zu spielen und bin augenblicklich begeistert von der Hammermechanik. Diese Tastatur lässt sich akkurat und dynamisch präzise spielen, repetiert flink und gleichmäßig und gehört zweifellos zu den besten Klaviaturen, die ich bisher bei einem Digitalpiano gefunden habe. Es handelt sich um die TP/40wood Mechanik von Fatar, die unter anderem auch beim ebenfalls neuen Studiologic Numa Concert verbaut ist. Sicherlich stellt jeder Pianist andere Ansprüche an eine Tastatur, und auch in diesem Fall sind die Geschmäcker verschieden. Für meinen Geschmack ist das H1 in seiner Spielbarkeit über jeden Zweifel erhaben. Zusätzlich zu den fünf verfügbaren voreingestellten Dynamikkurven (von Light Plus bis Hard Plus) gibt es auch vier Velocity-Kurven, die man individuell personalisieren und abspeichern kann.

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