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Test
10
26.11.2015

Praxis

Reaktor Blocks in der Praxis

Öffnet man die Library im Browser auf der linken Seite, so findet man nun neben den beiden Ebenen Core und Primary eine weitere Kategorie namens Reaktor Blocks. Hier sind die 30 mitgelieferten Blocks in acht Unterordnern sortiert:

  • Bento Box: Hier findet man neun Basis-Synthesizer-Module. Ein VCO (Schwingungsform stufenlos überblendbar von Sinus über Dreieck und Sägezahn nach Rechteck), ein 4-Kanal-Mixer, ein Filter (Tiefpass / Hochpass / Bandpass), ein VCA, ein LFO (sechs Schwingungsformen) und eine ADSR-Envelope bilden die Grundlagen. Hinzu kommen ein 8-Step-Sequencer, ein S&H-Modul und ein Control Voltage Processor.
  • Boutique: Drei Module auf Basis klassischer Synthesizer. OSC BANK ist sozusagen ein Fünffach-Oszillator, der verschiedene Schwingungsformen in verschiedenen Oktaven bereitstellen kann. Damit kann man zum Beispiel orgelähnliche Obertonschichtungen generieren. Der MULTIWAVE OSC kann vier Schwingungsformen mischen und das DUAL SKF FILTER basiert auf einem Sallen-Key-Filter mit einem 6-dB-Hochpass und einem 12-dB-Tiefpass in Reihe – der MS-20 lässt grüßen.
  • Digilog: zwei Helfermodule. Der CLOCK DIVIDER stellt sechs einstellbare Unterteilungen eines Gate-Signals bereit. Der QUANTIZER macht aus einem beliebigen Signal eine stufige Folge einstellbarer Noten, die man dann einem Pitch-Input zuführen kann.
  • Driver ist eine Kombination aus Filter und Distortion.
  • Modern enthält zwei nicht ganz alltägliche Module mit einem modernen Anstrich: das modulierbare Kammfilter COMB und das Tiefpassfilter PAUL.
  • Monark bietet drei Blocks auf Basis der Reaktor-eigenen Minimoog-Emulation Monark. Enthalten sind ein VCO, ein Filter (neben dem Minimoog-Filter bietet es noch zwei weitere Tiefpass-Charakteristiken und einen Bandpass) und die typische Minimoog-Envelope („Contour“) mit drei Reglern und schaltbarem Release.
  • Rounds enthält das Delay und den Reverb aus dem Rounds Synthesizer aus Komplete 10.
  • UTIL enthält acht Helferlein wie Noten-Input (mit Glide, Legato, Notenpriorität und Outputs für Pitch, Gate, Note, Pitchbend, Velocity, Modulationsrad und Aftertouch), Clock, Trigger-Input (kann sechs unabhängige, von MIDI-Noten ausgelöste Trigger-Signale liefern), einen 4-fach-CV-Mixer und drei Audio-Mixer (Level mono, stereo und 4-Kanal-Mixer). Den Abschluss bildet das Scope, das eine visuelle Darstellung von Signalen ermöglicht.

Damit sind die Patch-Möglichkeiten schon in der Grundausstattung sehr vielseitig. Um eine neue modulare Kreation zu starten ruft man am besten das Ensemble Blocks new auf, das Audio Inputs und Outputs und die drei Hilfsmodule NOTE IN, CLOCK und LEVEL enthält, also eine Art leeres Rack, in dem ein MIDI-to-CV-Modul und ein Regler für die Gesamtlautstärke schon eingebaut sind. Nun kann man Blocks aus dem Browser in das Rack ziehen und beliebig neben- und untereinander anordnen. In der Praxis fand ich es sinnvoller, die Blocks nicht ins Rack (Panel), sondern in den Strukturbereich zu ziehen und dort gleich sinnvoll zu platzieren. Das Ganze muss ja auch noch verkabelt werden und das wird schnell unübersichtlich, wenn die Blocks in der Strukturansicht alle übereinander liegen.

Öffnet man die Strukturansicht und wirft einen Blick auf die Blocks (die hier übrigens als grafische Miniaturen der Panel-Ansichten umgesetzt sind, was die Übersicht erhöht), so fallen sofort die vielseitigen Verbindungsmöglichkeiten auf. Alle Blocks sind recht üppig mit Modulations-Inputs und -Outputs ausgestattet. Fast immer gibt es zwei separate Modulationseingänge (A/B), die natürlich gleichzeitig belegt werden können. Das macht Lust auf allerhand Experimente, zumal ja auch ein CV Mixer und ein CV Processor zur Verfügung stehen.

Als erstes nehme ich mir vor, einen einfachen Synthie zu basteln: ein Oszillator sowie je ein Filter und ein VCA mit Envelope. Ich entscheide mich für den Multiosc aus der Boutique-Abteilung und das Monark-Filter und füge den VCA aus der Bento Box hinzu. Ebenfalls aus der Bento Box nehme ich zwei ADSR-Envelopes. Alle Blocks ziehe ich aus dem Browser in die Strukturansicht und platziere sie so, dass sie nicht übereinander liegen. Gleichzeitig werden die Blocks dem Rack hinzugefügt, wo ich sie nach Belieben umsortieren kann um eine möglichst logische Oberfläche zu erhalten.

Wenn das Ensemble komplexer wird und mehrere Blocks gleichen Typs enthält, ist man übrigens gut beraten, alles sofort eindeutig zu benennen. Zum Beispiel sollte eine mit dem Filter verbundene Hüllkurve auch so heißen, damit man nicht den Überblick verliert. Das ist in Reaktor auch jenseits der Blocks generell eine gute Idee, bei einem komplexen Konstrukt kann es sonst schnell ziemlich unübersichtlich werden.

Hören kann man bisher natürlich noch nichts, denn die einzelnen Blocks sind noch nicht miteinander verbunden. Also zurück in die Strukturansicht und Strippen ziehen. Zuerst der Audio-Signalfluss: Der Ausgang des Oszillators geht zum Eingang des Filters, von dort geht’s weiter in den VCA und von dort zum Level-Regler, der im leeren Template schon vorbereitet und mit dem Output verbunden ist. Dabei muss ich den Mono-Ausgang des VCA mit beiden Eingängen (L/R) des Level-Blocks verbinden, damit man auf beiden Seiten etwas hört. 

Wenn ich nun auf dem Panel das Level des VCA aufdrehe, kann ich meinen Oszillator schon hören. Spielbar ist das aber noch nicht, denn es fehlen noch alle Steuerungsverbindungen. Als erstes verbinde ich den Pitch-Ausgang des vorbereiteten NOTE IN Blocks mit dem Pitch-Eingang des Oszillators. Nun kann ich immerhin schon die Tonhöhe mit meinem MIDI-Keyboard steuern. Weiter geht’s mit dem Gate, also der Information, wann eine Taste gedrückt ist und ein Ton klingen soll. Keyboard Gate triggert normalerweise die Hüllkurven, also patche ich den Gate Output des NOTE IN Blocks auf die Gate Inputs meiner beiden Hüllkurven (wie immer in Reaktor kann bei den Blocks ein Ausgang auf mehrere Eingänge verteilt werden, aber nicht andersherum). Den Output der Amp Envelope verbinde ich mit dem Eingang Mod A des VCA. Damit die Hüllkurve den Amp auch wirklich beeinflusst, muss ich noch auf dem Panel im VCA Block die Modulation A auswählen und mit dem dann erscheinenden Slider ganz aufdrehen. Ab jetzt kann ich den neuen Synth auf dem Keyboard spielen.

Die Filter-Hüllkurve wird mit dem Eingang Mod A des Filters verbunden und lässt sich hier nun durch einen Klick auf A nicht nur dem Cutoff, sondern gleich fünf Parametern des Filters in unabhängig voneinander regelbaren Intensitäten positiv oder negativ zuweisen. Wie ich schon schrieb: Die Modulationsmöglichkeiten sind definitiv eine Stärke der Blocks.

Damit ist mein Minimal-Synthie erstmal fertig und ich kann ein bisschen daran herumschrauben:

Wie wär's mit einem Step Sequencer, damit man beim Schrauben die Hände frei hat und nicht immer alles selbst spielen muss? Gesagt, getan: Ich kappe die Pitch- und Gate-Verbindungen vom NOTE IN Block und füge einen SEQ-8 aus der Bento Box hinzu. Dessen Pitch- und Gate-Outputs verbinde ich nun statt des NOTE IN Blocks mit den entsprechenden Eingängen des Oszillators und der Envelopes. Damit der Sequencer sein Clock-Signal bekommt, muss noch der Gate Output des Clock Blocks mit dem Gate Input des SEQ-8 verbunden werden. Und schon kann es losgehen. Der SEQ-8 entpuppt sich als ein praktischer, kleiner Sequencer, der mit den meisten wichtigen Funktionen ausgestattet ist. Er hat eine pro Step aktivierbare Glide-Funktion und kann Velocity-Werte ausgeben. Das Pattern kann vorwärts, rückwärts oder abwechselnd vorwärts und rückwärts durchlaufen werden. Beim Sequencer (aber auch bei allen anderen Blocks) ist es übrigens sehr praktisch, dass man nicht nur für das gesamte Ensemble, sondern auch für einzelne Blocks Presets (Snapshots) speichern kann. 

Wenn ich nun den Velocity-Output des Sequencers mit dem Eingang Mod B des Filters verbinde, kann ich über die pro Step einstellbaren Velocity-Werte eine separate Filter Cutoff Sequence erzeugen:

Indem ich den Pitch Output des NOTE IN Blocks mit dem Pitch Input des Sequencers verbinde und dort die Option TRACK aktiviere, kann ich Sequenzen über die Tastatur transponieren:

Etwas Hall vielleicht? Ich packe einen Rounds Reverb zwischen VCA und Output. Auch die Effekte lassen sich übrigens in fast allen Parametern von beliebigen Modulationsquellen steuern, zum Beispiel per Sequencer.

So geht es immer weiter und es entstehen immer komplexere Gebilde. Reaktor war schon immer ein Programm, in dem man sich (mit dem nötigen Interesse ausgestattet) vorzüglich verlieren konnte, und die Blocks tragen mit ihrer einfachen Bedienung nun noch einmal stark dazu bei. 

Das Allerwichtigste kam bisher aber sträflich zu kurz und konnte auf unserem kleinen Beispiel-Synthie auch nur in Ansätzen deutlich werden: Es klingt hervorragend. Schon bisher gab es an Reaktors klanglichen Qualitäten kaum etwas auszusetzen, aber das hier ist wirklich ziemlich weit vorn. Im Handumdrehen hat man fett klingende Synthesizer zusammengesteckt und der gute Sound steigert den Schraubspaß enorm. Mir persönlich gefallen die Monark-Blocks mit am besten, weil sie einfach „Eier“ haben, aber auch die anderen Oszillatoren, Filter und Effekte wissen den Ohren zu schmeicheln.

Im Player-Browser findet man eine Reihe vorgefertigter Ensembles, also fertige Synthesizer, die gut illustrieren, was mit den Blocks alles geht. Die klangliche Vielfalt und Qualität sind ohne zu übertreiben beeindruckend. Hier also noch ein paar Beispiele für Werkssounds der Reaktor Blocks:

Abgesehen vom Sound ist es vielleicht der größte Vorteil der Blocks, dass sie Reaktor zugänglicher machen und auch Einsteiger einladen, sich mit der Erstellung neuer Klangerzeuger zu befassen. Auch Hardware-Modularsysteme erleben derzeit einen Höhenflug. Ganz im Sinne der Zeit rücken Native Instruments mit den Blocks die Bastler-Qualitäten des auf vielen Computern zu Unrecht zum Preset Player degradierten Reaktors wieder ins Blickfeld. Ein intuitiver Selbstläufer ist die Arbeit mit der Software nach wie vor nicht, wie man schon an den insgesamt 642 Seiten starken Handbüchern sieht, die Reaktor 6 als PDFs beiliegen. Es handelt sich um ein sehr mächtiges Werkzeug zur Gestaltung von Synthesizern und Effekten, und das geht nun mal nicht ohne eine gewisse Komplexität. Mit den Blocks steht nun aber eine neue Ebene zur Verfügung, die das modulare Konzept vereinfacht und greifbarer macht.

Wenn es an Reaktor Blocks überhaupt etwas auszusetzen gibt, dann dies: In der Panel-Ansicht, also bei ausgeblendetem Strukturbereich, fehlt eine Möglichkeit sich schnell einen Überblick über die interne Verkabelung zu verschaffen, geschweige denn mal eben etwas „umzustecken“. Bei einem analogen Modularsystem oder auch bei einem virtuellen mit Patchkabel-Darstellung sieht das Panel vielleicht etwas unaufgeräumter aus, aber man kann die Verkabelung direkt nachvollziehen, das Patchen „on the fly“ gehört zum Konzept. Reaktor ist hingegen nach wie vor eher darauf ausgelegt, dass man ein Ensemble erstellt, speichert und dann während des Spielens nicht mehr strukturell verändert. Wenn man ein Ensemble öffnet und nicht mehr so genau im Kopf hat, wie die Blocks miteinander verbunden sind, hilft es nur den Edit-Mode zu öffnen und sich in der Strukturansicht ein Bild der Lage zu machen. Da die Strukturebene auch in Reaktor 6 noch ganz schön chaotisch aussehen kann und vor allem bei komplexen Konstrukten kaum sofort zu überblicken ist, ist das ein bisschen unpraktisch, besonders in einer Performance-Situation. Roland hat beim SYSTEM-100 Plug-Out Synthesizer kürzlich vorgemacht, wie man es besser machen kann: Dort kann man per Knopfdruck ein Overlay aktivieren, das mit farbcodierten Pfeilen sofort Auskunft darüber gibt, welche Audio- und Modulationssignale von wo nach wo führen. So etwas würde ich mir für das nächste Update wünschen.

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