Hersteller_Korg ANL_Synth
Test
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10.05.2013

Praxis

Sound

Die Übereinstimmung der Oberflächen und Signalwege von Original und mini ist eindrucksvoll bewiesen. Und auch im Inneren scheint Korg ganze Arbeit geleistet zu haben. Laut Hersteller wurde für die Filter der legendäre „Chip 35“ verwendet, der dem MS-20 seinen individuellen, rauen Sound gibt. Doch das nur nebenbei. Entscheidend ist schließlich, was hinten raus kommt. Im folgenden Soundbeispiel hört man zunächst das Filter des mini, dann das des Originals. 

Das hört sich für mich nach erfolgreicher Mimikry an. Die Filter des MS-20 mini haben den gleichen, aggressiven Sound, der das Vorbild so unverwechselbar macht. Und auch der Rest der Klangerzeugung ist dem Original zum Verwechseln ähnlich. Allerdings gibt es einen gewissen Unterschied beim Rauschverhalten, wie im nächsten Klangbeispiel zu hören ist. Bei anderen Filtereinstellungen relativiert sich der Effekt jedoch und stört in der Praxis nicht weiter. 

Davon einmal abgesehen, ist der Sound tatsächlich der gleiche analoge, brachiale, faszinierende Sound, der den Korg MS-20 berühmt gemacht hat. Die Ähnlichkeit – oder besser Übereinstimmung – ist frappierend. Hier eine kleine Auswahl an Möglichkeiten: 

Experimentier-Möglichkeiten und Patchfeld

Ein Grund für die große Beliebtheit des MS-20 ist sicherlich sein übersichtlicher Aufbau bei gleichzeitig sehr vielseitigen Möglichkeiten. Nicht umsonst erinnert sein Design an einen Elektronik-Experimentierkasten. Das Prinzip der subtraktiven Synthese lässt sich hier besonders gut erkennen und nachvollziehen. Zunächst wird das Ausgangsmaterial bei den Oszillatoren ausgewählt, dann durch die Filter gejagt, auf Wunsch per Hüllkurve oder MG moduliert und mit Portamento abgeschmeckt. Bereits diese Grundausstattung hält Stoff für unzählige Experimente bereit. Zum Beispiel kann der EG1 auf die Frequenz der Oszillatoren angewendet werden, während EG2 die Hüllkurve der Filter steuert. Außerdem lassen sich die Cutoff-Frequenzen des Highpass- und Lowpass-Filters getrennt regeln und modulieren. Beide Filter können in die Selbstoszillation gefahren werden – und dann ist da ja auch noch der Ringmodulator von Oszillator2. Man merkt schon: Die Möglichkeiten, abgefahrene Klänge zu erzeugen, sind zahlreich – und das Patchfeld wurde bisher noch gar nicht angefasst.

Letzteres besteht beim MS-20 mini passenderweise aus Miniklinken-Anschlüssen, ist ansonsten aber ebenfalls zu 100% mit dem Original identisch. Die Patchkabel liegen dem Instrument bei. Hier lassen sich die einzelnen Module des MS-20 teilweise neu miteinander kombinieren und verschalten. Außerdem können weitere „Effekte“ oder externe Sounds in den Signalweg des Synthesizers eingespeist werden. Mod-Wheel und Momentary-Switch sowie Sample & Hold halten per Patchkabel als neue Modulationsquellen her. Weißes und rosa Rauschen können hinzugefügt, und der Modulation-Generator bietet per Steckverbindung in Ergänzung zum vorverkabelten Dreieck zusätzlich noch eine Rechteckschwingung. Außerdem lassen sich externe Signale einspeisen, um sie mit den internen Sounds zu mischen oder die charakterstarken Filter des MS-20 mini zu nutzen. 

Richtig abgefahren wird es beim „External Signal Prozessor“, der es erlaubt, mit einer externen Quelle, wie etwa einer Gitarre oder einem Drumbeat, den Synthesizer zu steuern. Das anliegende Signal kann dann beispielsweise die Tonhöhe oder das Filterverhalten beeinflussen. Durch dieses Feature war der MS-20 seinerzeit nicht nur bei Keyboardern, sondern zum Beispiel auch bei Gitarristen beliebt. Um eine Gitarre anzuschließen, benötigt man beim mini wegen der Miniklinkenbuchsen allerdings einen Adapter.

Im Patchfeld liegen auch die Anschlüsse für eine externe Steuerung via CV. Dank des MIDI-Anschlusses dürfte die Notwendigkeit dafür zwar auf ein Minimum reduziert sein. Allerdings verbaut Korg in einigen aktuellen Instrumenten wie dem Monotribe, dem KingKORG und der neuen volca-Serie wieder CV/Gate-Interfaces, die mit dem des MS-20 mini kompatibel sind. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass auch der MS-20 mini mit dem V/Hz-Schema und nicht mit der sonst verbreiteteren V/Oct-Spannung arbeitet.

Da der mini auch einen CV-Ausgang besitzt, kann er auch als MIDI-to-CV-Schnittstelle verwendet werden. Hierüber lässt sich dann zum Beispiel ein Monotribe ansteuern oder aber ein Original MS-20. So geschehen im folgenden Soundbeispiel. Der Computer liefert eine Sequenz, der mini liegt im Panorama rechts, das via CV vom mini angesteuerte Original links. Die geballte Kraft von vier Oszillatoren!

Bedienung

Der MS-20 mini lädt wunderbar zum Ausprobieren ein und ist damit immer für eine Soundüberraschung gut. Experimentierfreudige Soundbastler können sich also freuen. Allerdings war es schon beim Original recht schwer, feine Einstellungen der Potis zu bewerkstelligen, da schon kleinste Bewegungen bisweilen große Klangveränderungen hervorrufen. Diese Problematik ist bei den noch kleineren Potis des minis natürlich nicht verschwunden.

Korg hat glücklicherweise darauf verzichtet, den Synthie durch digitale Steuerungstechnik zu "verschlimmbessern". Dieser kompromisslose Ansatz erhält den Charme und den Charakter des Originals und verdient Respekt. Ich will jedoch nicht verhehlen, dass dadurch auch einige Schwachstellen der Analogtechnik übernommen wurden, die im heutigen Umfeld nicht mehr ganz zeitgemäß wirken. Fehlende Preset-Speichermöglichkeiten und das Fehlen einer über Note-On/Note-Off hinausgehenden MIDI-Implementation machen die Reproduktion eines bestimmten Sounds zum Geduldsspiel. Auch die Einstellung der Modulationsgeschwindigkeit auf ein exaktes Tempo ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Durch diese Einschränkungen ist der MS-20 mini wohl eher für's kreative Experimentieren und Arbeiten im Studio prädestiniert als für die Bühne. Für eine mögliche Luxus-Version des MS-20 (so wie Moog sie mit dem Voyager anbietet) würde ich mir erweiterte MIDI-Funktionen, Speicherplätze und vielleicht sogar eine Software-Integration wünschen.

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