Keyboards DIGI_DesktopSynth Hersteller_Kodamo
Test
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23.06.2021

Kodamo EssenceFM MKII Test

Digitaler Desktop-Synthesizer

Ultimative Frequenzmodulation mit 300 Stimmen und Touchscreen-Interface

Es ist ein sehr erfreulicher Trend, dass sich aufgrund der guten Verfügbarkeit und einfachen Programmierbarkeit von Embedded-Prozessoren immer mehr kleinere Firmen und Einzelentwickler erfolgreich daran wagen, komplette Synthesizer-Konzepte im Alleingang zur Marktreife zu bringen. Denn faktisch ist der Bau eines Digital-Synthesizers in den letzten Jahren immer einfacher geworden: im Grunde gilt es hier lediglich ein funktionales (dabei nicht selten auch innovatives) Hardware-Design zu entwerfen, eine funktionierende Hardware-Plattform zusammen zu stellen (wobei die Kern-Aufgaben Betriebssystem, Interface, DSP-Processing und I/O-Verwaltung ja bereits in der Entwicklungsumgebung des Embedded-Prozessors vorhanden sind), ein brauchbares GUI zu programmieren und – natürlich – die eigentliche, Algorithmen-basierte Synthese-Engine zu entwickeln. Wobei die elementaren Algorithmen zur Klangerzeugung und Effektierung im Grunde auch alle frei verfügbar sind. Entsprechend sprießen von ASM's Hydrasynth, über den Argon8 und Cobalt8 von Modal Electronics, bis hin zum ELZ_1 von Sonicware immer mehr frische Synthesizer-Konzepte aus der Synthesizer-Landschaft, die nicht selten ziemlich mutige, neue Ansätze verfolgen. In dieser Entwicklung ist auch der hier getestete EssenceFM MKII der französischen Firma Kodamo zu sehen, der auf einer ARM-Prozessor-Architektur basiert.

Details

Überblick

Mit einer dieser schlank programmierbaren ARM-Multicore-CPUs, wie sie beispielsweise auch beim Waldorf Kyra zum Einsatz kommen, ist der EssenceFM MKII in der Lage, nicht weniger als 300 Stimmen zu erzeugen, von denen 128 in einem Patch gelayert werden können und denen jeweils sechs Operatoren zur Verfügung stehen. Und mehr noch: Das virtuelle Verschalten eigener Operatoren ist nämlich genauso möglich, wie das einfache Zeichnen von Benutzer-Schwingungsformen und LFOs am Touchscreen. Dazu kommen noch flexible 6-Punkt Hüllkurven mit Loop-Punkten, acht Modulationsrouten mit 139 Quellen und 224 Zielen und ein 128-Event Step-Sequenzer. Das alles wird klanglich abgerundet durch ein Multimode-Resonanzfilter und zwei 32-Bit DSP-Effekte. Das alles findet in einem ergonomischen Gehäuse Platz, das wahlweise als Desktop- oder Rack-Gerät montiert werden kann und neben einem Kopfhörerausgang acht physische Einzelausgänge beherbergt.

Die hier zum Test antretende MKII ist eine sehr organische und logische Weiterentwicklung der ersten Version, bei der das grundsätzliche Konzept nicht verändert wurde. Es sind vielmehr viele kleine Hard- und Software-seitig Detailverbesserungen, die zur MKII geführt haben. Hier mal in Stichpunkten einige der wesentlichen Verbesserungen der MKII:

  • Verstärkte Aluminium Seitenteile
  • Abnehmbare Rack-Schienen
  • Dickere Frontplatte
  • Höherer Ausgangspegel
  • 495 Patches (MKI: 399)
  • 686 Voices (MKI: 521)

Dass aber der Kern der Synthese unangetastet geblieben ist, zeigt sich schon daran, dass MKI und II in Bezug auf die Klangprogramme vollständig kompatibel sind und auch die eigentliche DSP-Hardware, die im Inneren werkelt, unverändert ist.

Auspacken

Der EssenceFM MKII wird mit in einem rechteckigen Karton geliefert, in dem er – eingewickelt in Schaumstoff-Folie – seine Reise verbracht hat. Er wird begleitet von einem Netzteil, einem sehr gut geschriebenen englischsprachigen Handbuch und zwei Rack-Ohren samt Schrauben.

Erster Eindruck

Das Testgerät erreicht mich mit bereits montierten Desktop-Ohren. Damit lässt sich der EssenceFM MKII arbeitsgerecht auf dem Arbeitsplatz platzieren. Montiert man diese ab, kann man den Synth auch mit der Rückseite flach auf den Tisch legen. Montiert man die mitgelieferten Rack-Ohren, lässt sich der drei Höheneinheiten hohe Synth auch im 19-Zoll-Rack verstauen – idealerweise ganz oben, denn sonst verdeckt man sich mit einem darüber liegenden Gerät den Zugang zu den Anschlüssen.

Ohnehin ist der EssenceFM MKII ein – wie ich finde – so vorzeigbares und ergonomisches Gerät, dass man es sicherlich prominent in Griffweite platzieren und nicht zwischen irgendwelchen alten, unansehnlichen Expandern verstecken möchte. Das Design ist ebenso seriös wie technizistisch: Mit seinen großen, industriell anmutenden Tastern, dem fast die Hälfte der Frontplatte einnehmenden Display und den insgesamt acht Potentiometern würde der französische FM-Synthesizer nämlich auch als Messinstrument in irgendeinem Teilchenbeschleuniger, einer Raketensteuereinheit im Unterseeboot oder als Autopilot-Modul im Cockpit eines Linienjets nicht unangenehm auffallen.

Alle Taster sind hintergrundbeleuchtet und die Modus-Taster flankieren zusätzliche LEDs, die signalisieren, in welchem Betriebszustand man sich gerade befindet (Performance, Patch, Voice, Global), so dass der Kodamo EssenceFM MKII – in Verbindung mit dem kontraststarken 7-inch Display - auch im Dunkeln bedienbar ist. Apropos Display: Dieses bietet eine Refresh-Rate von 60 Hz und wirkt damit angenehm ruhig. Zudem ist es Multi-Touch-fähig und glänzt durch eine sehr gute Responsivität, wie ich im Weiteren noch ausführen werde. Unter den Modus-Tastern sitzt der zentrale Power-Taster in etwas bedenklicher Nähe zum Global-Taster. Mir ist es während des Tests nicht passiert, dass ich hier aus Versehen hin greife, aber ich halte es für vorstellbar, dass es dem einen oder anderen Anwender im Eifer des Sounddesign-Gefechts mal passieren könnte.

Anschlüsse

Schon beim Blick auf die Frontseite freut man sich über den Kopfhörerausgang samt separater Lautstärkeregelung (der Main Output hat ein eigenes Poti darüber) und die USB-Buchse für den schnellen Datenaustausch aber auch den flinken Anschluss eines Controller-Keyboards. Noch erfreulicher ist dann der Blick auf die Rückseite, wo ganze vier Stereo-Ausgänge (acht Mono-Out) zur analogen Herausgabe von Klängen bereitstehen (symmetrisch). Digital dagegen sind dann die USB- und Ethernet-Buchse, die beide MIDI-Daten senden und empfangen können und das vollständige Trio aus MIDI-In, Out und Thru. Den Abschluss nach rechts bildet dann eine Buchse für die 12 Volt-Stromversorgung.

Klang-Organisation

Der Aufbau der Klangerzeugung ist schnell erklärt: Kleinste Einheit ist eine Voice, die sich im Entsprechenden Modus (Voice) editieren lässt und ein vollständiger Klang aus maximal sechs frei verschaltbaren Operatoren bildet, von denen jeder für sich mit einer der 48 möglichen Elementarwellenformen bestückt werden kann. Wer bei Elementarwellenformen an die analogen Klassiker Sinus, Sägezahn, Pulswelle und Rauschen denkt, kennt den EssenceFM MKII noch nicht. Denn die Wellenformen lassen sich bei ihm in einer separaten Editor-Ansicht nach Herzenslust modifizieren. Das Arsenal an Transformationsmöglichkeiten reicht vom simplen Malen mit dem Finger, über Lautstärkenanpassung, Spiegelungen, Ergänzung von harmonischen Vielfachen, Glättung und Phasendrehung, bis zum Entfernen von Gleichspannung und Kreuzblenden. Sogar der Import von Wellendurchläufen ist möglich. Da sich hier bereits die beiden Effekteinheiten applizieren lassen, dürfte der Voice-Modus für viele Anwender bereits ausreichend sein, um eindrucksvolle Einzelklänge zu kreieren.

Möchte man ein bisschen dicker auftragen, splitten, layern oder intern sequenzieren, fasst man bis zu 16 Voices in einem Patch zusammen. Geht es ans klassische, multitimbrale MIDI-Sequencing mit verschiedenen Sounds, die auf verschiedene MIDI-Kanäle reagieren, kommt der Perfomance-Modus ins Spiel, wo verschiedene Patches auf die MIDI-Kanäle geroutet werden. Hierbei werden Effekt-Programm-Einstellungen, die auf Patch-Eben vorgenommen wurden ignoriert und die beiden Effekt-Einheiten stehen – im Effekt-Anteil regelbar - allen Kanälen zur Verfügung.

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