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01.04.2021

Kaufberatung Fullrange Cabs für Gitarristen

Fullrange Cabinets für Gitarre - alles was man wissen muss

Die Menge an Modeling-Amps, Profiling-Amps oder Effektgeräte mit Amp-Modeling, die von Gitarristen auf der Bühne eingesetzt werden, hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Und das hat mehrere Gründe. Zum einen hat sich die Qualität der digitalen Klangerzeuger dank leistungsstarker Prozessoren und sehr detailgetreuem Modeling bzw. Profiling erheblich verbessert, wovon vor allem das Reaktionsverhalten der Geräte und damit das Spielgefühl erheblich profitieren.
Zum anderen sind die Gerätschaften sehr kompakt, wartungsfreundlich und in der Regel auch üppig mit Effekten bestückt, sodass man mit kleinem Gepäck unterwegs sein kann und trotzdem ein riesiges Klangarsenal unter den Füßen hat. Amp Modeler kommen in der Regel ohne Lautsprecherbox, die meisten auch ohne Verstärker, und werden direkt an das Mischpult angeschlossen. Möchte man nun unabhängig von Tontechniker und dem jeweiligen Monitorsystem sein, empfiehlt es sich, eine eigene Lautsprecherbox für den Amp Modeler auf der Bühne zu haben. Zum Einsatz kommen dabei in erster Linie sogenannte Fullrange-Cabs, die im Gegensatz zum Standard-Gitarrenlautsprecher ein größeres Frequenzspektrum besitzen, was für viele Einsatzbereiche in Verbindung mit einem Amp Modeler sehr sinnvoll sein kann.

Was ist ein Fullrange Cab?

Ein Fullrange Cab ist eine Lautsprecherbox, die in der Lage ist, die Frequenzen zu übertragen, die mehr oder weniger auch der Bandbreite des menschlichen Gehörs entspricht - daher auch die Bezeichnung "Full Range". Ein normaler Gitarrenlautsprecher, wie man ihn in herkömmlichen Gitarrenverstärker-Combos oder Gitarren-Lautsprecherboxen findet, hat einen Frequenzgang von ca. 75 Hz bis 6 kHz. Beim Fullrange Cab reicht dieser normalerweise von ca. 60 Hz bis 20 kHz, geht also wesentlich weiter nach oben.

Warum braucht man ein Fullrange Cab?

Die Signalkette bei einem "normalen" Gitarre-Amp-Setup sieht so aus, dass man die E-Gitarre in einen Gitarrenverstärker schickt, eventuell mit vorgeschalteten Effekten oder Effekten im Einschleifweg. Von dort geht es an eine Lautsprecherbox, die den Spieler, die Mitmusiker und eventuell auch das Publikum beschallt. Soll dieses Gitarrensignal über eine PA geschickt werden, wird es normalerweise mit einem Mikrofon am Gitarrenlautsprecher abgenommen. Diese komplette Signalkette vom Effekt über Verstärker und Lautsprecherbox in ein Mikrofon ist in einem digitalen Amp Modeler bereits komplett integriert, sodass man lediglich die Gitarre anschließen muss und aus dem Modeler direkt in die PA gehen kann. Das ausgegebene Signal ist schon für die Verwendung mit Fullrange Lautsprechern (PA-System) konzipiert und simuliert eine mikrofonierte Gitarren-Lautsprecherbox. Deshalb macht es auch Sinn, auf der Bühne ein Fullrange Cab zu benutzen, weil der Sound im optimalen Fall dem der PA entspricht und man so mehr Kontrolle darüber hat, was beim Mischpult ankommt. Würde man das Signal über einen Gitarrenlautsprecher schicken, wäre der Sound je nach Speaker anders, denn der hat in der Regel einen großen Einfluss auf das Klanggeschehen. Zudem macht es keinen Sinn, ein Signal mit Lautsprechersimulation noch einmal über einen Gitarrenlautsprecher zu schicken. Ein weiteres Argument für ein Fullrange Cab auf der Bühne ist auch der Einsatz einer Akustikgitarre, die man über die Effekte des Amp Modelers schicken möchte. Man belegt nur einen Kanal im Mischpult, weil E-Gitarre und Akustikgitarre über den Amp Modeler laufen, und man hat auch hier die unabhängige Kontrolle über den Monitorsound. Für Akustikgitarren ist eine Fullrange-Box ein Muss, denn hier werden, anders als bei E-Gitarrensounds, die hohen Frequenzen benötigt. Eine Akustikgitarre klingt über einen E-Gitarrenlautsprecher nicht wirklich gut.

Was bedeutet FRFR?

FRFR ist die Abkürzung für Full Range Flat Response, und damit kommen wir zu einem wichtigen Thema, was die Qualität und Klangwiedergabe von Fullrange Cabs anbelangt. Für eine möglichst authentische Wiedergabe des Gitarrensounds aus einem Amp Modeler ist es wichtig, dass die Lautsprecherbox einen möglichst linearen Frequenzverlauf hat. Das bedeutet im besten Fall, dass jede Frequenz über das gesamte Spektrum gleich laut übertragen wird und kein Bereich lauter ist als ein anderer. Eine besonders charakteristische Kurve ist der berühmte Badewannensound, wie er bei vielen HiFi-Freunden beliebt ist. Dabei werden die Bässe und Höhen etwas kräftiger ausgegeben als die Mitten, sodass die Frequenzkurve grafisch der Form einer Badewanne ähnelt. Eine solche Einstellung ist für den Gitarrenton Gift, denn wir brauchen die Mitten! Und deshalb bezeichnet der Begriff FRFR Fullrange Cabs mit einem flachen und gleichmäßigen Frequenzverlauf (Flat Response), wie er für den Einsatz mit einem Amp Modeler sein sollte. Dieser Begriff ist aber nicht geschützt oder wird mit genormten Messungen geeicht und anschließend mit dem TÜV-Stempel versehen. Hier kocht jeder Hersteller sein eigenes Süppchen und in unseren Tests gab es auch das eine oder andere sogenannte FRFR-Cab, das sich in der Praxis dann aber bei Weitem nicht so linear zeigte, wie es im Datenblatt zu lesen war. Aber generell gilt, dass der Frequenzgang eben und ohne große Ausreißer nach oben oder unten verlaufen sollte.

Welche Unterschiede gibt es bei Fullrange Cabs?

Der erste wichtige Unterschied ist die Frage, ob es sich um eine aktive oder passive Lautsprecherbox handeln soll. Die meistgenutzten Fullrange Cabs sind aktiv, verfügen also über eine eingebaute Endstufe und eignen sich für Amp Modeler ohne integrierte Endstufe. Dazu zählen in erster Linie Floorboards wie Line 6 Helix, Headrush Pedalboard, Boss GT-1000, Fractal Audio, Kemper Profiler Stage, etc. Passive Fullrange-Cabs kommen ohne eingebaute Endstufe und werden entweder an Amp Modelern mit Endstufe betrieben (z.B. Powered Kemper Profiler), oder man benötigt eine zusätzliche Endstufe, die zwischen Amp Modeler und Fullrange Cab geschaltet wird. Das hat naturgemäß den Nachteil, dass man ein weiteres Gerät transportieren muss.

Ein weiterer Unterschied ist die Bestückung der Lautsprecher. Manche Fullrange Cabs sind mit einem Breitband-Lautsprecher bestückt, der den kompletten Frequenzbereich überträgt, andere verfügen über zwei Lautsprecher. Dabei handelt es sich um einen großen Speaker für den Bassbereich und einen kleinen, der die Übertragung der Höhen übernimmt und als Hochtöner bezeichnet wird. Für den Bassbereich sind in der Regel 10" oder 12" Speaker im Einsatz, selten solche mit 15" Durchmesser. Die Platzierung des Hochtöners ist wichtig für den Sound, denn wir Gitarristen sind es gewohnt, dass der Schall quasi in einem Strahl gebündelt aus der Box kommt. Sind Basslautsprecher und Hochtöner zu weit voneinander getrennt, erhält man unter Umständen ein ungleichmäßiges Signal. Für manche anderen Instrumentalisten ist das Haarspalterei, aber wir Gitarristen sind in dieser Beziehung sehr pingelig und viele von uns bevorzugen grundsätzlich koaxiale Speaker-Systeme. Dabei befindet sich der Hochtöner in der Mitte des Basslautsprechers, also auf einer Achse, deshalb die Bezeichnung koaxial. Dieses System liefert den kompletten Frequenzbereich aus einer Quelle. Aber dass ein koaxialer Lautsprecher besser wäre als ein System mit getrenntem Tief- und Hochtöner ist so pauschal nicht zu sagen. Hier hilft nur ausprobieren und den eigenen Geschmack entscheiden lassen, denn jeder Musiker hat andere Hörgewohnheiten.

Welche Leistung sollte ein aktives Fullrange Cab haben?

Das kommt natürlich darauf an, wie laut ihr auf der Bühne spielt ... Die aktiven Fullrange Cabs sind meist mit Class D-Endstufen ausgestattet, die sinnvollerweise eine etwas höhere Leistung haben sollten. Im Gegensatz zu Röhrenamps, die schon mit 30 Watt einen ohrenbetäubenden Schalldruck entwickeln und ihren Sweetspot in der Regel erst bei massiven Lautstärken erreichen, verhalten sich Class D-Endstufen eher neutral und liefern einen ähnlichen Sound über die komplette Bandbreite der Lautstärke. Auch hier ist die Leistungsbezeichnung in Watt nur ein Anhaltspunkt, denn vergleicht man zwei 100-Watt-Endstufen von verschiedenen Herstellern, kann der Unterschied schon beachtlich sein. Generell ist man ab 200 Watt für den Bühneneinsatz mit ausreichend Headroom gut aufgestellt, denn wenn die Mitmusiker beherzter zupacken und PS-starke Amps am Start haben, ist mehr Leistung eine sichere Sache.

Worauf sollte ich beim Kauf eines Fullrange Cabs noch achten?

Stehend oder liegend?

Wenn die Frage zwischen aktiv und passiv geklärt ist, sollte man sich generell Gedanken über die Platzierung der Box machen. Steht sie hinter mir oder ist es eventuell sogar besser, sie als Floor-Monitor vor mir zu platzieren. Letzteres hat den Vorteil, dass ich direkt im Schallkegel stehe und mir den Gitarrensound um die Ohren wehen lasse, während der Rest der Band weniger gestört wird, weil das Signal auf mich fokussiert ist. Wollen die Bandkollegen doch etwas mehr von meinem Gitarrensound mitbekommen, ist die klassische Position hinter dem Gitarristen oder seitlich auf der Bühne sinnvoller. Manche Fullrange Cabs können sowohl aufrecht stehend als auch liegend als Monitorbox genutzt werden. Andere sind ausschließlich für die aufrechte traditionellen Aufstellung konzipiert. Kleiner Tipp am Rande: Es gibt von Fender als Ersatzteil die bekannten Tilt Back Legs, die seitlich montiert werden und mit denen man seinen Amp kippen kann. Die lassen sich auch an eine normale Fullrange-Box montieren, die dann bei Bedarf gekippt werden kann.

Abstrahlwinkel

Ein Aspekt, der für die Aufstellung der Box ebenfalls wichtig ist und schon angesprochen wurde, ist ihr Abstrahlwinkel. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob ihr euch auf der Bühne viel bewegt oder eher an einer Stelle bleibt. Besonders bei Cabs im Floormonitor-Stil ist der Abstrahlwinkel so konzipiert, dass die Person vor dem Monitor das volle Brett abbekommt und es seitlich deutlich dünner wird. Beim Testen einer Box sollte man sich deshalb unbedingt einmal nach links und rechts bewegen und ausprobieren, in welchem Bereich ihr euch noch ausreichend hört.

Equalizer

Hat man am Amp-Modeler keine Klangregelung für das Monitorsignal, sollte man darauf achten, dass zumindest das Fullrange-Cab mit einem EQ für die Feinabstimmung des Bühnensounds ausgestattet ist.

Eingewöhnungszeit

Wenn ihr gewohnt seid, mit Gitarrenlautsprecherboxen auf der Bühne zu spielen, solltet ihr etwas Eingewöhnungszeit für das Spielen mit Fullrange Cabs mitbringen. So seltsam das auch klingen mag: Fullrange Cabs haben mitunter einen weniger scharfen und durchsetzungsstarken Sound als ein Gitarrenlautsprecher, sie klingen abgerundeter und nicht so hart. Spielt man das Fullrange Cab allein, klingt es oft sehr angenehm und rund, im Bandgefüge kann mitunter aber der letzte Biss fehlen, den ein charakteristischer Gitarrenlautsprecher hat und der im Zusammenspiel mit der Band seine Wirkung zeigt. Bevor ihr deshalb ein Fullrange Cab einfach immer lauter aufdreht, solltet ihr mit dem Equalizer am Monitorausgang des Amp Modelers oder am Fullrange Cab eingreifen und Höhen und Mitten dezent aufdrehen und die Bässe eventuell etwas zurücknehmen. Es kann durchaus sein, dass der Sound alleine gespielt dann nicht mehr so edel und abgerundet klingt, sich aber im Bandkontext deutlich besser durchsetzt.

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