Schrottpresse
Feature
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21.08.2019

Ist Musik nur ein evolutionärer Unfall?

Was dein Lieblingssong mit Käsekuchen gemein hat

Musik ist allgegenwärtig in unserer Welt. Und egal, wie weit man reist, auch am abgelegensten Zipfel unseres Planeten wird man ihr nicht entkommen. Über die Jahrtausende hinweg hat sich Musik in allen Kulturen entwickelt - aber wie kam es dazu? Und weshalb? Welcher Funke war es, der der Menschheit den Genuss der Musik ermöglichte? 

Die sogenannte Biomusikwissenschaft beschäftigt sich genau mit diesen Fragen. Forscher haben unterschiedliche Hypothesen zur Genesis der Musik aufgestellt. Mit Sicherheit kann aber keine dieser bestätigt werden, zumindest solange wir nicht nicht in der Lage sind, durch die Zeit zu reisen. Und bis es soweit ist, erfreuen wir uns an der Kreativität der Wissenschaft.

Die Geburtsstunde der Musik

Um das Wie? zu klären, müssen wir erst einmal das Wann? diskutieren. Denn eine zeitliche Verortung der Entstehung von Musik liefert bereits wichtige kontextuelle Informationen. Beispielsweise zur Entwicklung der Menschheit und dahingehend auch zu möglichen Funktionen der Musik. Diese könnten Ritualen geschuldet sein, der Unterhaltung, der Kommunikation oder auch dem Tanz

Betrachtet man den Kiefer unserer Vorfahren, kann man davon ausgehen, dass unsere Ahnen bereits vor einer Million Jahre dank ihrer Kieferanatomie in der Lage gewesen sein müssen, zu singen. Ob sie das nun aber wirklich taten, kann keiner mit Gewissheit sagen. Da unsere unmittelbaren Verwandten - die Menschenaffen - jedoch anatomisch nicht in der Lage sind, klare Töne zu erzeugen, argumentiert Christoph Drösser in der ZEIT, müssen unsere musikalischen Fähigkeiten also nach jener Zeit entstanden sein, in der sich die Stammeslinien von Mensch und Schimpanse trennten. Als der Mensch bipedal wurde, sich also auf zwei Beinen statt auf allen vieren fortbewegte, musste sich das Gehirn enorm vergrößern, um diese komplexen neuen Bewegungen verarbeiten zu können. Die Paläoanthropologin Leslie Aiello geht davon aus, dass sich im Zuge dieser Veränderungen auch die menschliche Kehle umformte. Zudem förderte das Gehen auf zwei Beinen wohl den menschlichen Rhythmus-Sinn.   

Die berühmte in Slowenien gefundene Knochenflöte wird auf ein Alter von rund 50.000 Jahren geschätzt. Hergestellt wurde sie aus dem Knochen einer heute ausgestorbenen Bärenart. Daniel J. Levitin, Professor an der McGill University in Montreal, nimmt dies zum Anlass für die Behauptung, Musik wäre noch vor der Landwirtschaft entstanden. Weiter statuiert er, es liese sich sogar mit einiger Vorsicht sagen, dass es keine handfesten Beweise dafür gebe, dass die Sprache vor der Musik entstanden wäre und erklärt, physikalische Indizien wiesen auf das genaue Gegenteil hin. Denn Rasseln oder Trommeln wurden wohl wahrscheinlich schon lange vor der Flöte gespielt. Außerdem nutzen Menschen im Jungpaläolithikum wohl die Stalagmiten in den Höhlen, um musikähnliche Geräusche zu erzeugen. Es wird angenommen, dass auch Instrumente aus Materialien wie Holz oder Schilf hergestellt wurden, die jedoch die Jahrtausende nicht überdauern konnten. 

So in etwa muss das Stalagmiten-Konzert unserer Urahnen geklungen haben

Käsekuchen auf die Ohren

Die umstrittenste Hypothese zur Entstehung von Musik stammt sicherlich von Steven Pinker. 1997 schrieb der Harvard-Professor, Musik wäre eine menschliche Erfindung und biologisch unnütz. Ein angenehmes, aber gänzlich entbehrliches Nebenprodukt der Evolution, eine Trittbrettfahrerin des menschlichen Entwicklungsprozesses. Dan Sperber, französischer Anthropologe und Linguist, spricht von einem „entwicklungsgeschichtlichen Schmarotzer“.

Aber was hat das mit Käsekuchen zu tun? Das Erfolgsrezept des beliebten Backwerks liegt in seiner Zusammensetzung aus Fetten und Kohlehydraten. Diese Nährstoffe waren in der evolutiven Entwicklung der Menschheit so wichtig, dass das Gehirn heute noch  ihre Aufnahme mit Glücksgefühlen belohnt. Trotzdem ist Käsekuchen unwichtig für die Evolution, nur ein Folgeprodukt aus entwicklungsbedingten Gelüsten. Genauso verhalte es sich laut Pinker auch mit der Musik. „Auditory cheesecake“ nennt er sie. Sie beute einen oder mehrere Lustkanäle aus, die sich eigentlich vermutlich zur sprachlichen Kommunikation entwickelt hätten. Ein „evolutionärer Unfall“ also und völlig nutzlos. 

Viele Wissenschaftler stimmen jedoch Pinkers kontroverser These nicht zu. Schon Charles Darwin vermutete, die Musik habe eine beträchtliche Rolle in der Evolution gespielt. Diese Mutmaßung wird bis heute weiter verfolgt. 

Survival of the fittest

Charles Darwin gilt als Begründer der Evolutionstheorie und prägte das Schlagwort survival of the fittest („Überleben des am besten Angepassten“). Genauer beschäftigt sich die Theorie mit der Weitergabe von Genen, in denen wichtige Charakteristika verschlüsselt liegen. Obwohl sich die Vertreter einer Art im Grunde ähneln, besitzt doch jedes Individuum unterschiedliche Merkmale. Man spricht dabei von genetischer Variabilität. Durch die Fortpflanzung wird eine Mischung aus diesem genetischen Material an die nächste Generation weitergegeben. Dabei kann es auch zu Mutationen kommen. Das Erfolgsgeheimnis von Genen besteht dabei zum einen durch die erfolgreiche Weitergabe derselben, und zum Anderen aus der erneuten erfolgreichen Reproduktion der Nachfahren. 

Darwin war der Begründer der Evolutionstheorie

Der Rockstar und seine Groupies

Zurück zur Musik: diese soll nämlich, im Darwin’schen Sinne, eine Rolle für die sexuelle Selektion spielen. Und wäre dann, entgegen Pinkers Hypothese, für die Entwicklung der Menschheit gar nicht so unerheblich. In der Abstammung des Menschen schreibt Darwin, er folgere, „dass musikalische Töne und Rhythmus zuerst von den männlichen oder weiblichen Urerzeugern des Menschen erlangt wurden zu dem Zwecke, das andere Geschlecht zu bezaubern.“ Also dient Musik nicht zum Überleben selbst, jedoch dazu, sich und seine Gene attraktiver zu machen. Man sehe sich dazu nur einmal das imposante Rad eines Pfaus an. Geoffrey Miller, Psychologe und Evolutionsbiologe an der University of New Mexico, bemerkt, dass sich Musik als Mittel zur Partnerwerbung entwickelt hätte und nach wie vor gerne von jungen Männern benutzt würde, um Frauen anzuziehen. 

Elvis lies die Frauenherzen höher schlagen

Aber was löst die Musik in uns Menschen aus, um auf ihrer Basis Geschlechtspartner auszuwählen? Auch das kann Miller erklären: laut ihm könnte Musik und der mit ihr in Urzeiten untrennbare Tanz ein Anzeichen für Fitness sein. Denn ein ausdauernder Tänzer bezeugt so in situ seinen guten körperlichen und geistigen Gesundheitszustand. Ebenfalls signalisiert der kompetente Musiker oder Tänzer eine Nahrungs- und Unterkunftssorglosigkeit. Denn nur wer sich in diesbezüglicher Sicherheit wiegt, kann seine Zeit für einen derart völlig unergiebigen Zeitvertreib verplempern.  

Genauso könnte der versierte Musikus aber auch mit Kreativität, Intelligenz oder Sensibilität in Verbindung gebracht werden. Alles Fähigkeiten, die nicht nur beim Musikmachen, sondern auch beim Sammeln und Jagen durchaus hilfreich sein können. Gemeinsam mit seinem Kollegen Martin Haselton fand Miller heraus, dass Frauen wohl den kreativen Partner dem reichen Partner vorziehen würden. Ihre Erklärung dazu: Kreativität ist reine Eigenleistung, während Reichtum nur auf ein wohlhabendes Elternhaus zurückgeführt werden könne.

Beschäftigt man sich mit der Partnerwerbung, liegt auch der Blick in die Tierwelt nicht fern. Der Neurobiologe und Ethologe Peter R. Marler prägte den Begriff phonocoding und beschreibt damit die Fähigkeit des Erzeugens neuer Klangmuster durch Neukombinierung. Dabei argumentiert er, teilten sich Vogelgesänge und menschengemachte Musik allgemeine Eigenschaften, in welchen er einen evolutiven Bezug sieht. Die meisten Wissenschaftler teilen seine Meinung jedoch nicht.

Auch David Huron, Musikwissenschafter an der Ohio State University, sieht in der Balz-Theorie kein stichhaltiges Argument für die Bedeutung der Musik innerhalb der sexuellen Selektion. Er weist auf den in der Tierwelt bestehenden Dimorphismus, also das Auftreten von zwei deutlich verschiedenen Erscheinungsvorkommen bei derselben Art, hin: „Der männliche Pfau schlägt das Rad, nicht seine Frau. Das Vogelmännchen singt, nicht das Weibchen.“ Dieser offenkundige Gegensatz tritt jedoch beim Menschen nicht auf. Darüber hinaus argumentiert Levitin, wäre Musik eine Gemeinschaftsaktivität. In den meisten musikalischen Genres gehe es darum, ein Klangerlebnis zu inszenieren, und nicht darum, den Mitmusiker auszustechen.  

Urzeitliches Teambuildung

Beim gemeinsamen Singen, haben Forscher nämlich herausgefunden, setzt der Körper ein Hormon namens Oxytocin frei. Dies verursacht ein Gefühl der sozialen Bindung, überlebenswichtig für unsere Vorfahren und wesentlich für eine funktionierende Gemeinschaft. Wie Drösser passend anmerkt: „Mit wem ich musiziere, dem schlage ich nicht den Schädel ein.“ Jedoch - wer mit mir musiziert, der hilft mir vielleicht auch, meinem Gegner den Schädel einzuschlagen.

Denn das eben erwähnte Gemeinschaftsgefühl wurde auch gezielt in Kriegssituationen hervorgerufen. Einerseits halfen Trommelschläge beim Koordinieren der Krieger, andererseits erfolgte eine Einschüchterung des Feindes. Der Ethnomusikologe Joseph Jordania geht sogar so weit zu behaupten, dass sich Musik in erster Linie  im Kriegskontext entwickelt hätte. Gesang, Trommeln, rhythmische Körperbewegungen und Körperbemalung - all das sollte zur Einschüchterung des Feindes dienen. Des weiteren spricht er von einer „Kampf-Trance“, also einem veränderten Bewusstseinszustand, in dem der Krieger weniger anfällig für Angst und Schmerz wäre. 

Ein heute noch bekanntes Beispiel für den Einsatz von Musik in Kampfsituationen ist der Haka, den das in Neuseeland ansässige Volk der Maori aufführte, um Kriegsgegner vor der Schlacht einzuschüchtern.  

Zuerst war die Musik

Schon vor der Geburt spielt die Wahrnehmung von Tönen eine Rolle in der Entwicklung des Fötus. Dieser nimmt im Bauch der Mutter einiges an Geräuschen war, vom Blutrauschen über die Verdauung bis hin zu ihrer Stimme. Deswegen sind die Neugeborenen auch sofort in der Lage, die Stimme ihrer Mutter von der anderer Menschen zu unterscheiden. Dean Falk, US-amerikanische Anthropologin, geht davon aus, dass Mütter, die auf Nahrungssuche waren und das Baby deshalb in Hörweite ablegten, ihre Stimme zur Beruhigung einsetzten. Der Anteil von Kortisol, ein Stresshormon, im Speichel von Babys sinkt, wenn sie beruhigendem Gesang ihrer Mutter lauschen. Kein Wunder, dass sich auch kulturübergreifend zahllose Schlaflieder entwickelt haben.  

„Motherese“ oder auch Infant-directed Speech nennen Forscher die Art und Weise, wie vor allem Eltern ganz automatisch mit ihren Babys sprechen.  Die Stimme wird höher, das Sprechen langsamer, die Betonung stärker. Das soll dem Nachwuchs das Verstehen und Erlernen der Sprache erleichtern.

„Musilanguage“ heißt Steven Brown sein Modell zur sprachlich-musikalischen Evolution vor der Trennung in Sprache und Musik. Er spricht von einer evolutionären Entwicklung von einem einfachen, klang- und wortbezogene Elemente beinhaltenden System (1. Abschnitt) hin zu einem komplexeren System, basierend auf einer Kombination dieser Elemente (2. Abschnitt). Hans-Jürgen Schall zitiert in der Neuen Musikzeitung den Musikpsychologen Stefan Koelsch, der betone, dass „Musik und Sprache im Gehirn eng miteinander verknüpft sind und dass das Gehirn oft keinen wesentlichen Unterschied zwischen Sprache und Musik macht.“

Von der engen Verknüpfung von Sprache und Musik ist auch die amerikanische Psychologin Leda Cosmides sowie ihr Mann, der Anthropologe John Tooby, überzeugt. Während der kindlichen Entwicklung habe Musik die Funktion das Gehirn so zu trainieren, dass es unter anderem den Spracherwerb bewerkstelligen kann. Prosodie, Melodie und Rhythmus können vom Kind verarbeitet werden, noch bevor es die Sprache selbst versteht. 

Wie Musik nun letztendlich wirklich entstanden ist, lässt sich also nur schwer bestätigen. Klar ist jedoch, dass die Entwicklung der Musik eng mit der Evolution des Menschen verwoben sein muss. Wie auch immer das vonstatten gegangen ist, heute können wir uns darüber freuen und die Früchte jahrtausendelanger Evolutionsarbeit ernten. 

Weiter geht es hier mit der Geschichte der elektronischen Musik. 

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