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Feature
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28.02.2018

Interview und Gear-Chat: Massimo Buonanno

Grooves für Gregor Meyle und Seven

Der umtriebige Schweizer Drummer im Gespräch

Während sich viele Drummer auf Social Media Plattformen tummeln und dort regelmäßig selbstgedrehte Videos hochladen oder Workshops geben, befinden sich Trommler wie Massimo Buonanno scheinbar unter dem Radar. Dabei gilt er als einer der besten Schlagzeuger der Schweiz und ist seit einigen Jahren als festes Bandmitglied von Gregor Meyle und Seven unterwegs. Besonders beeindruckend ist es, mit welcher Eleganz er die unterschiedlichen Musikstile der beiden Künstler mit seinem facettenreichen Drumming bedient. Nach Gregor Meyles Teilnahme an der erfolgreichen „Sing meinen Song“ TV-Show entstand eine regelrechte Konzertlawine mit hunderten Shows pro Jahr im gesamten deutschsprachigen Raum und für Massimo eine unglaublich arbeitsintensive Zeit.

Nebenbei betreibt er eine Produktionsfirma und ein Studio, in dem er als Sessiondrummer Tracks einspielt, mit Künstlern Songs schreibt oder ganze Alben produziert. So wirkte er bei Stars wie Johannes Oerding, Laith Al Deen oder Alain Clark mit und hatte in der Vergangenheit sogar mit John Mayer im Studio die Ehre. Wir trafen ihn beim Tourstop von Seven in Berlin und sprachen über seinen Werdegang, seine Zeit in Amerika und den derzeitigen Alltag auf Tour und im Studio.

Hallo Massimo, erzähl mal ein bisschen von dir. Wie hat das mit der Musik bei dir begonnen?

Ich bin in einem kleinen Dorf auf dem Land in der Nähe von Konstanz am Bodensee aufgewachsen.Vielleicht lässt mein Name vermuten, dass ich aus dem italienischsprachigen Teil der Schweiz stamme, aber ich komme nicht aus dem Tessin. Mein Vater ist aber aus Süditalien. Ich habe in Italien mit Anfang Zwanzig eine Zeit lang oft gespielt, aber nie dort gelebt. Da ich erst im Alter von 14 Jahren mit meiner Familie von einer Wohnung in ein Haus zog, durfte ich im Vergleich zu vielen anderen Trommlern erst recht spät anfangen zu spielen. Vorher war das wegen der Nachbarn einfach nicht möglich. Glücklicherweise hatte ich damals einen wirklich tollen ersten Lehrer, der viel gespielt hat und auch international unterwegs war. Mein zweiter Lehrer war dann direkt Orlando Ribar, einer der Top-Drummer in der Schweiz. Eigentlich ungewöhnlich dafür, dass wir auf dem Land gelebt haben, wo ja ansonsten eher Musikverein und klassischer Musikschulunterricht angesagt war. Ich musste zwar immer einen ordentlichen Weg zum Unterricht auf mich nehmen, aber ich war einfach so infiziert. Ich finde es immer komisch, wenn Leute darüber jammern, dass sie zu ihrem Lehrer eine Stunde fahren müssen. Das ist ja praktisch nichts. Im Alter von 15 bis 18 habe ich dann bestimmt acht Stunden am Tag geübt, sodass ich in der Zeit viel gelernt und den eigentlich späten Start am Instrument durch fokussiertes Üben aufgeholt habe. Später gab es dann Schlagzeugwettbewerbe in der Schweiz, die ich viermal hintereinander gewonnen habe, und schließlich habe ich ein Stipendium für das Drummers Collective in New York bekommen. Für mich war eigentlich immer klar, dass ich ans Berklee College of Music gehen wollte, weil Vinnie da war. Er war immer das größte Idol. Ich bin dann trotzdem nach New York gegangen, habe aber noch ein paar Jahre gewartet. Als ich mit 16 das Stipendium bekam, war ich noch nie vorher in einem Flugzeug gewesen, konnte kein Englisch, und ich wusste, dass man erst mit 21 in die Clubs kommt, um Konzerte zu sehen. In der Zwischenzeit habe ich eine Berufslehre angefangen, wieder abgebrochen und nur noch Musik gemacht. Glücklicherweise hatte ich auch damals schon viel im Studio zu tun und war auch konsequent auf Tour, sodass ich erst ein paar Jahre später mit 21 nach New York gegangen bin. Nachdem ich wieder zurück war, habe ich anderthalb Jahre weiter geübt und Vorspiele gemacht und bin dann nach Berklee gegangen.

Hat dir das Collective in New York was gebracht, oder würdest du rückblickend sagen, dass es eher um die Übezeit geht, die man investiert?

Damals war es unglaublich motivierend und viel Input, wenn man vom Land kommt und das erste Mal in New York ist. Viele junge Drummer fragen mich heute nach dem Collective oder Berklee, und ich wünschte, ich hätte damals jemanden gehabt, den ich um Rat hätte fragen können. Ich habe in der Zeit viele Leute kennengelernt, zu denen ich auch heute noch Kontakt habe. Damals war ich allerdings musikalisch noch nicht so sehr gefestigt, um zu wissen, wo ich eigentlich am Drumset hin will. Grundsätzlich muss man sagen, dass sich alleine innerhalb der letzten fünf Jahre so viel getan hat und man so viele Sachen online auschecken kann, dass man nicht unbedingt dahin muss. Heute finde ich es sinnvoll, vorher schon richtig viel zu machen und dann dorthin zu gehen. Man ist dann viel fokussierter und kann beispielsweise bei Latin richtig in die Tiefe gehen. Immerhin sitzen da ja echte Experten. Das Ganze kostet ja auch wahnsinnig viel Geld. Ich war viereinhalb Jahre da und hatte glücklicherweise ein volles Stipendium. Ein ganzes Schuljahr hätte damals normalerweise 48.000 Dollar gekostet, und das waren nur die Kosten für das College. Heute ist es noch teurer. Das ist irgendwie eine absurde Maschinerie, aber es ist schon toll, wen man da alles kennenlernt. Irgendwann saß ich mit John Mayer im Studio, der drei Tage mit Sängern vor Ort produziert hat, und durfte die Drums einspielen.

Hast du zwischenzeitlich überlegt, ganz nach Amerika zu gehen?

Ja, ich wollte eigentlich nach Los Angeles ziehen. Ich habe damals durch die Berklee-Kontakte ein bisschen Nashville ausgecheckt, aber immer nur Country war dann auch nicht mein Ding. Erst später hat mich das mehr interessiert. Aber was will ich bitte als Schweizer ausgerechnet in Nashville? (lacht) Ungefähr zur selben Zeit ist dann Gregor Meyle durch „Sing meinen Song“ einem breiten Publikum bekannt geworden. Den hatte ich vorher bei der Seat Music Session in der Schweiz kennengelernt. Gleichzeitig hat mich Seven in seine Band geholt. Damit ging sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz für mich so viel, dass ich hier geblieben bin. Alleine mit Gregor haben wir dann 150 Konzerte im Jahr gespielt. Gleichzeitig entwickelte sich bei mir auch noch die Studiokarriere in der Schweiz. Natürlich hätte ich immer noch Bock, nach LA zu gehen, aber momentan gibt es keinen wirklichen Grund für mich zu gehen.

Klingt nach sehr viel Arbeit. Wie schaffst du das alles?

Puh, keine Ahnung. Das ist echt ein großes Thema. Ich kann es mittlerweile ein bisschen besser händeln als noch vor ein paar Jahren, aber grundsätzlich vermisse ich es, im Studio oder am Instrument völlig frei und kreativ Sachen auszuchecken. Dafür fehlt eben einfach die Zeit. Zwischendurch nutze ich die Zeit, um an der Gitarre weiterzukommen, aber ich möchte auch am Drumset mal wieder in die Tiefe gehen. Ich weiß allerdings gerade auch nicht, wohin die Reise geht. Vielleicht bin ich in ein paar Jahren auch mehr Produzent und damit öfter an einem Ort. Ich möchte ja auch nicht immer von den Künstlern und deren Tourneeplänen abhängig sein. Irgendwann findet ja auch ein Generationswechsel in Livebands statt, darauf muss man vorbereitet sein. Ich hatte aber schon immer das Interesse, nicht nur Drummer einer Liveband zu sein, sondern kreativ zu arbeiten.

Nimmst du denn alle Jobs an?

Den Ruf habe ich wohl zumindest. (lacht) Aber das kommt sicherlich aus meiner Zeit in Amerika. Da steht sowas überhaupt nicht zur Debatte. Ein amerikanischer Musiker kommt von einer großen Tour und spielt am Tag darauf bei einer Hochzeit. Das ist einfach so. Es muss nur musikalisch immer gut sein und Spaß machen. Von denen würde jeder bei Helene Fischer spielen, weil es ein großer Act ist. In Deutschland wird da viel drüber nachgedacht, weil es Schlager ist. Ich produziere gerne, spiele gerne im Studio, und wenn ich von einer Tour komme und Bock habe, spiele ich auch in einer Bar. Ich finde das nicht verwerflich. Ich habe einfach Bock zu spielen. Sicherlich fällt es manchen auch schwer, mich zu definieren, immerhin spiele ich bei Seven ganz anders als bei Gregor Meyle. Beide Stilistiken reizen mich aber sehr. Ich habe mit Rock und Punk angefangen, bin dann über Jazz und Fusion irgendwann bei Folk und Popmusik gelandet, und die Summe der Einflüsse macht mich aus.

In der Schweiz betreibst du auch dein Studio. Was hat es damit auf sich?

Zusammen mit Cyrill Camenzind bin ich in den Powerplay Studios. Cyrill ist Gitarrist und war immer schon Studiomusiker. Irgendwann hat er das Studiomanagement übernommen. Wir arbeiten schon seit einiger Zeit zusammen, und es machte einfach Sinn, dort in Verbindung mit unserer Produktionsfirma Lucky Tiger Records zu arbeiten. Das Studio wurde 1983 gebaut und war mit den Pilot Studios in München und dem Hansa in Berlin eines der angesagtesten Studios im deutschsprachigen Raum. Das Haus ist eine Villa am See mit zwei großen Aufnahmeräumen, sowie weiteren kleinen Studios und einer Wohnung mit Küche und Lounge. Das Studio B mit der Neve Konsole ist unser Hauptstudio, in dem auch mein ganzes Equipment steht. Da ich auch selber produziere, spiele ich gar nicht mehr so viele typische Studiojobs. Die sind ja sowieso rar, also habe ich mir irgendwann einfach meine eigenen gemacht und viel geschrieben und produziert, so wie bei der aktuellen Seven Platte zum Beispiel.

An welchem Instrument schreibst du Songs?

Ich bin ein unfassbar schlechter Keyboarder und sicherlich auch kein begnadeter Gitarrist, aber an Gitarre, Bass und Vocals kann ich viel festhalten. Bei der Seven Produktion hat er mit mir und Rosanne, der Keyboarderin der Liveband, zusammengearbeitet. Ich habe dann als Engineer, Produzent und Instrumentalist mitgewirkt. Alles, was in den Demos zu schlecht war, haben dann weitere Musiker eingespielt.

Was spielst du heute für ein Setup bei Seven?

Live spiele ich ein Gretsch Brooklyn mit 10, 12, 14 und 16 Zoll Toms in Verbindung mit einer 22er Bassdrum, und dazu ein relativ breites Paiste Setup. Bei Gregor Meyle sieht das Setup ganz anders aus. Da spiele ich die Neuauflage von Gretschs Broadkaster Serie in klassischen Größen. Die Drums stimme ich da tief, wodurch sie sehr warm und voll klingen. Zuhause habe ich ein super altes WFL Ludwig Set mit fest genieteten Resonanzfellen, das sehr an das Rolling Bomber Set von Jay Bellerose erinnert. Ich liebe es, darauf zu spielen, da kommt man auf ganz andere Ideen.

Wie geht es 2018 für Dich weiter?

Abgesehen von der Studioarbeit und den Gigs mit Seven und Gregor Meyle produziere ich gerade mit dem Roseanne Dimalanta Trio, bestehend aus Roseanne, Raymond McKinley und mir ein Album, das dieses Jahr veröffentlicht wird und mit dem wir auch Konzerte spielen werden. Roseanne hat früher als „RAD“ zusammen mit David Garibaldi gespielt, und Raymond hat unter anderem mit Prince, Earth, Wind & Fire und George Duke zusammengearbeitet. Zur Zeit ist er der Musical Director und Bassist von Sheila E. Das ist wirklich eine Ehre, mit den beiden Musik zu machen.

Vielen Dank für's Gespräch!

Massimos Equipment:

  • Seven Setup:
  • Gretsch Brooklyn Series in Silver Sparkle
  • 22“ x 18“ Bassdrum
  • 10“ x 7“, 12“ x 8“ Toms,
  • 14“ x 14“, 16“ x 14“ Floortoms
  • Snares:
  • 14“ x 6,5“ Chrome Over Brass Snaredrum
  • 14“ x 5,5“ Solid Spun Brass Snaredrum
  • Becken: Paiste
  • 15" 602 Medium Hi Hat
  • 17", 18“, 19“ Masters Dark Crashes
  • 21" Masters Medium Ride
  • 16" PSTX Swiss Crash
  • 10" PSTX Swiss Splash
  • Hardware: Drum Workshop
  • Felle: Remo
  • Snare: Black Suede Ambassador
  • Toms: Back Ebony Emperor
  • Bassdrum: Powerstroke 3
  • Roland Electronics SPD-SX Pad & Trigger
  • Gregor Meyle Setup:
  • Gretsch Broadkaster in Antik Pearl
  • 22“ x 14“ Bassdrum
  • 12“ x 8“ Tom
  • 16“ x 14“ Floortom
  • 14“ x 6,5“ Bell Brass Snaredrum
  • Becken:
  • 16 " 602 Medium Hi Hat
  • 20" Traditional Thin Crash
  • 22" Traditional Thin Ride
  • 18" Masters Dark Crash
  • Hardware: Drum Workshop
  • Felle: Remo
  • Snare und Toms Coated Ambassador
  • Bassdrum: Powerstroke 3
  • Sticks: Vic Firth Tommy Igoe Sticks
  • Skygel Damper
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