Test
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21.08.2018

Praxis

Prinzipbedingte Nachteile

Nun, in der Wahrnehmung der Welt ist es wohl „typisch deutsch“, wenn zunächst einmal nach Negativem gesucht wird und bei der Benennung kein Blatt vor den Mund genommen wird. Aber alles halb so wild: Klar, das Golden Age Project R1 ST ist ein riesengroßes Mikrofon. Das bedeutet, dass ein enorm stabiler Mikrofonständer zum Einsatz kommen muss. Insbesondere dann, wenn das Stereomikrofon geneigt oder sogar bodenparallel eingesetzt werden soll, dann ist es doch etwas anderes, als wenn man zwei Beyerdynamic M130 aufbaut. Max, der die Schlagzeugaufnahmen zum GAP R1 ST beigesteuert hat, war vom Sound zwar begeistert, fühlte sich mit diesem Riesending über dem Kopf aber nur bedingt wohl. Ich habe Triad-Orbit-Stative benutzt und mich erst getraut sie zu tilten, als ich die Füße mit den Sandsäcken aus dem Zubehör beschwert hatte.

Ein One-Point-Stereosystem zu haben, ist wirklich praktisch: aufbauen und aufnehmen. Will ich mit meinen Coles 4038 Blumlein- oder MS-Aufnahmen machen, muss ich die Bändchenmikros erst in ihre Halterung fummeln, die übrigens alleine schon fast die Hälfte eines GAP R1 ST kostet!

Blumlein: Die beiden Bändchenmotoren zu je 45 Grad aus der Stereomitte positionieren, MS: Ein Bändchenelement zeigt auf die gewünschte Mitte, das andere 90 Grad zur linken Seite („Engineersicht“, nicht „Musikersicht“). Fertig ist der Kuchen.

Praktisch ist das allemal. Allerdings bin ich beispielsweise am Drumset durchaus ein Freund von Spaced-Stereo-Mikrofonierung. Auch ein „Mikrofonteil“ des Riesenzäpfchens als Vocal-, das andere als Cabinet- oder Saxofonmikro zu benutzen, das geht nicht. Schließlich sind die beiden Elemente baulich miteinander verbunden. 

Was auch nicht möglich ist, ist ein Verdrehen der beiden Kapseln gegeneinander. Zwar ist Blumlein-Stereo mit den beiden 90-Grad-Achten ein wirklich tolles Stereosystem mit klaren klanglichen Vorzügen, aber de facto ist es ja auch nur ein XY-Prinzip, eben mit Achten und eben mit festgelegtem, seit- und rücksymmetrischem Öffnungswinkel von 90 Grad. Diesen Winkel verkleinern oder vergrößern? Das geht nicht. Wenn das Stereobild also zu groß oder zu klein wird, hilft nur ein Verändern der Schallquelle (durch Umsetzen von Musikern beispielsweise) oder aber eine Änderung der Entfernung. Dadurch ändern sich Diffusschallanteile in der Aufnahme und die Gestaltung des Bassbereichs durch den bei Achterbändchen alles andere als unerheblichen Nahbesprechungseffekt. Und ein Credo bei Blumleinmikrofonierung lautet: Geh nah ran! Und wer mal an einem Schlagzeug mit Druckgradienten zu nah an Becken dran war, der weiß, wie unschön das klingen kann…

Zu den Vorteilen: Klangeigenschaften!

Mit gebührendem Abstand, den man für ein gutes Einschätzen eines Bändchenmikrofons immer zu Beginn einhalten sollte, klingt das R1 ST sehr klar und detailliert. Ein wenig Bändchen-Schmelz auf den Höhen, etwas zurückhaltende Schärfe, ein warmer, wohliger, aber natürlich nicht sonderlich straffer Bass machen klar: Ja, dies hier ist eindeutig ein Bändchen. Es wirkt insgesamt zurückhaltender und unaufgeregter als beispielsweise ein Rode NTR, gleichzeitig weniger „bigger than life“, staubig und feinkörnig wie etwa das sagenumwobene Coles 4038 (welches allerdings selten die erste Wahl als Gesangsmikrofon ist). In jedem Fall bin ich geneigt, ein Adjektiv zu bemühen, dessen Erklärung der technischen Bedeutung jeden schnell ins Schwitzen bringen kann: „musikalisch“. Ist mir aber egal: Ich finde, dass das GAP außerordentlich musikalisch klingt. Seine eben beschriebenen Klangeigenschaften tun vielen Instrumenten und besonders Stimmen gut. Im Nahbereich verschwindet die Detailliertheit etwas, zu mächtig wird der Bass durch den Nahbesprechungseffekt. Aber wenn man an die Arbeit mit Ribbons gewohnt ist, hat man gelernt, die Positionierung an Proximity-Effekt und Anteil rückseitiger Reflexionen einschätzen zu können. Das GAP R1 ST ist übrigens mäßig poppunempfindlich, ein Poppschutz bei Stimmen, Bassdrum, Blech und anderen Luftstöße erzeugenden Schallquellen also unabdingbar. Ein AEA R88 macht diesen Job deutlich besser, was sicherlich dem aufwendigeren Korbaufbau zu verdanken ist. 

Sterobild super

Es sollte nicht verwundern, dass eine echte Acht das stabilste aller Polar Patterns liefert. Auch aus 45 Grad auf ein Element besprochen, klingt dieses fast wie bei axialer Besprechung – nur eben mit weniger Pegel. Und hier liegt auch einer der Vorteile des Stereoprinzips von Alan Blumlein: Da es so gut wie keine Frequenzabhängigkeit gibt und die Phasenlage – wenn man den durchaus erhablichen Wegunterschied vom unteren zum oberen Element mal außer Acht lässt – bei One-Point-Stereo keine negativen Einflüsse haben kann, ist auch die Ortbarkeit von Signalen hervorragend. Natürlich gilt das auch für das R1 ST. Die Tiefenstaffelung, ein manchmal als Blumlein- (und erst recht MS-)Problemkind angesehen, gelingt dem Stereobändchen von Golden Age Project aber den Umständen entsprechend gut. Ganz toll übrigens, das muss mir aufgrund wenig vorzeigbarer spielerischer Fähigkeiten aber einfach so geglaubt werden, ist das R1 ST an einer Stahlsaitengitarre. 

Beste Freunde: Drumkit und R1 ST

Über dem Drumkit macht das Golden Age Project R1 ST eine hervorragende Figur. Max, der für uns schon einige Mikrofone am Drumset getestet hat, gefällt ganz gut, dass der „Bändchen-Muff“ wie etwa der eines Coles 4038, in weitaus geringeren Dosen auftritt und freut sich sehr an der Transientenwiedergabe. Wirklich toll klingt das R1 ST als „Front of Kit“-Mikro. Das ist ja auch eine beliebte Position für ein One-Point-Stereomikrofon, aber auch für Monomikrofonierungen. Als Monomikrofon verwendet, ist der Unterschied zum etwa gleich teuren Shinybox 46 MX (mit Cinemag-Übertrager) sehr gering, wie Max feststellt. Und wie man hier nachhören kann: 

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