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Test
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09.04.2019

Praxis

Grundlegende Bedienvorgänge wie Einschalten, Lautstärke-Regeln oder Klangauswahl gehen ohne ein Blick in das Handbuch von der Hand. Die Navigation im Matrixdisplay wirkt zwar ein bisschen altbacken, funktioniert aber grundsätzlich gut. Nicht so ideal ist die optische Orientierung, die besonders bei dunklem Umgebungslicht etwas mühsam ist, was mehrere Gründe hat: Zum einen ist die Beschriftung recht kontrastarm, zudem sind die Taster zur Klang- und Effekt-Auswahl optisch nicht zu unterschieden, darüber hinaus ist die Oberfläche der Bediensektion mit einer stark reflektierenden Hochglanz-Beschichtung versehen und schlussendlich überstrahlt - auch bei stark herunter geregelter Displaybeleuchtung - die Anzeige die Beschriftung. Das ist insofern schade, da diese Baugruppe in allen GEWA-Digitalpianos identisch ist und man diesen Bereich leicht durch Anwendungs-Tests im Vorfeld hätte optimieren können. 

Hat man sich mit der Navigation einmal vertraut gemacht, finden sich hier unzählige Stellschrauben, um das Instrument an die eigenen Bedürfnisse anzupassen: Allen voran natürlich ein Equalizer, der hier auf den Namen „Brillianz“ hört und verschiedene Presets zwischen „Mellow, Flat und Boost“ bietet und mit dem sich der Klang des Instruments sanft anpassen lässt. Ebenfalls im Zugriff: Die Stimmung (u. a. Pythagoreische, reine Stimmung, Werckmeister Stimmung), maximale Lautstärke der Kopfhörer-Ausgänge (damit Schüler sich nicht die Ohren überlasten). Auch einstellbar: Die Anschlagsempfindlichkeit (Fünf Stufen, von medium bis hart) und das simulierte Resonanzverhalten der Saiten (Sympathetic Resonanz). 

Ebenfalls über die Bedieneinheit im Zugriff: Der MIDI-Player und Recorder. Hierüber können MIDI-Songs aufgenommen und wiedergegeben werden. Vier Songs mit jeweils zwei Spuren kann das UP360G im internen Speicher halten. Flankierend steht ein Metronom bereit, das mit einer Vielzahl an Taktmaßen und einigen Basis Drum-Rhythmen (z. B. Rock, Swing, Blues, Pop … ) ausgestattet ist. Die Bedienung des Records ist nicht ganz trivial: So gilt es unter anderem zu verstehen, dass eine Aufnahme die Vorherige nicht automatisch löscht, sondern man den alten Song zunächst im Menü aus dem Speicher entfernen muss.

Irritierend ist auch, dass das Betätigen des „Record“-Taster automatisch ins Record-Menü führt, wobei die Aufnahme im Hintergrund bereits automatisch startet. Ein klassischer Einzähler mit visueller Unterstützung steht folglich ganz oben auf meiner Update-Wunschliste. Bei der Wiedergabe von MIDI-Songs kommt zusätzlich der integrierte GM-Synthesizer zum Einsatz. Schlussendlich ist auch das Splitten (Dual-Sound) und Layern der Tastatur möglich.

Hier einige Beispiele der GM-Klangerzeugung, angesteuert durch MIDI-Songs:

Spielgefühl

Die Tastatur stammt aus der Fertigung von „Fatar“ und arbeitet erwartungsgemäß ohne Fehl und Tadel. Verbaut wird hier die TP40/GH mit vier gewichteten Zonen und den sogenannten „Ivory Feel“-Tasten, deren Kunststoff-Oberflächen nicht blank poliert, sondern leicht angeraut sind. So gefertigt, vermitteln sie den etwas ‚tönernen‘ Grip echtem Elfenbeins. Das gelingt grundsätzlich gut und die Finger finden auf den Tasten viel „Halt“, um die Kraft ausdrucksvoll zu übertragen. Das komplexe taktile Feedback einer Hammermechanik ist das natürlich nicht, dennoch ermöglicht die Tastatur ein nuancenreiches Spiel mit viel Kontrolle. Die Dynamik wird über drei Kontaktpunkte abgegriffen, die nach Vorgabe von GEWA gefertigt werden und wodurch die elektronische Nachkalibrierung einzelner Tasten erst möglich wird.

Konnektivität

Die Verbindung über DIN- und USB-MIDI mit einem Computer funktioniert auf Anhieb. Erfreulich ist dabei, dass auch ein großes Laptop samt Maus auf dem Instrument Platz findet, wenn man den Notenhalter schließt. Verbindet man einen USB-fähigen Zuspieler, verwandelt sich das UP360G in einen USB-Lautsprecher und man kann darüber Musik hören oder Stücke begleiten, denn die Klangerzeugung bleibt auch bei aktiviertem USB eingeschaltet. Spätestens hier sollte man mal einen Blick in die Anleitung geworfen haben, denn sonst erfährt man nicht, dass die Standard-Bluetooth-Pin ab Werk auf „4392“ eingestellt ist. Vermisst habe ich allerdings eine einfache USB-Audio Verbindung, um Audio direkt in einem angeschlossenen Rechner aufzuzeichnen und von dort wiedergeben zu können.

Klang

Bei Digitalpianos gilt es zunächst einmal zwischen dem reinen Klang der Klangerzeugung und dem Sound, den die integrierten Lautsprecher (in Verbindung mit der Gehäuseresonanz) liefern, zu unterscheiden. Beim GEWA UP360G ist der Unterschied relativ deutlich: Während der Sound über den Kopfhörer sehr direkt und ausgewogen ist, wird es klanglich über die integrierten Lautsprecher deutlich diffuser. Diese präsentieren das Klangbild mit einer gewissen „Bauchigkeit“ in den Mitten, was aus deren Konstruktion und der internen Abstimmung resultiert.

Hören wir den Pianoklang zunächst einmal im Vergleich mit meinem persönlichen Favoriten, dem „Hans Zimmer Piano“ von Spitfire Audio (hier stand ebenfalls ein Steinway Modell D als „Klangspender“ bereit):

Grundsätzlich wurde der Klang des gesampelten D 274-Flügels, der als Grundlage des „Grand Piano“-Sounds dient, erstklassig eingefangen. Das Instrument klingt voll und melodiös, mit sehr deutlich definierten - im Bereich der eingestrichenen Oktave - fast schon impulsiven Transienten. Allein das „C4“ scheint dem ausführenden Tontechniker (oder Pianisten) stellenweise nicht behagt zu haben, so hat sich im Forte-Fortissimo- und Mezzo-Anschlag ein winziges Schnarren im rechten Kanal versteckt, das beim genauen Hinhören erkennbar wird. Auf Nachfrage beim Hersteller konnten wir erfahren, dass dieses Phänomen mit der aktuellen Soundbank 4.03 behoben wurde und ein Update in den kommenden Wochen zur Verfügung steht. 

Das Update kann nach Veröffentlichung unter dieser Webseite heruntergeladen werden. Die eigentliche Installation des Updates erfolgt auf einfache Weise über einen am Digitalpiano gesteckten USB-Stick. Die genauen Bedienschritte für den Update-Vorgang werden in der Download-Datei beschrieben.

Auffällig ist auch, dass ab „G5“ ein deutlicher Sprung in der Saitenresonanz hörbar ist. Auf Nachfrage erklärt der Hersteller, es hier mit den realen Gegebenheiten des gesampelten Steinway-Flügels zu tun zu haben, bei dem ab dieser Taste keine Dämpfer mehr auf den Saiten liegen. Da dieser Effekt beim „Hans Zimmer“-Piano nicht hörbar ist, geht der Punkt für Authentizität an dieser Stelle an GEWA.

Klanglich etwas intimer geht es dann beim „Mellow Grand“ zu, das besonders im Diskant ein bisschen diskreter, dabei aber auch präziser klingt. Unter den insgesamt sechs verschiedenen Samples sollte sich in jedem Fall eine Variation finden, die dem persönlichen Spielgefühl entspricht.

An weiteren, ergänzenden Klängen, stehen fünf Klanggruppen bereit, die ein solides Spektrum an E-Pianos, Streichern, Chören, Orgeln, Bässen, Gitarren und anderen Klängen liefern. Diese Sounds möchte ich aber klanglich eher in einem qualitativen Mittelfeld einordnen: Sie erfüllen ihren Zweck, bleiben aber in Bezug auf den Klangcharakter eher generisch. Das ist für den Einsatz in Schul- oder Kirchenensembles durchaus in Ordnung, wobei man für Studioproduktionen eher nach markanteren Sounds Ausschau hält. Alle Klänge können durch die integrierte DSP-Effekteinheit aufgewertet werden. Diese hat fünf Hall- und fünf Modulationseffekte im Repertoire, wobei der Hall in den Parametern ‚Anteil‘ und ‚Zeit‘ regelbar ist.

Klang Lautsprecher

Der schöne Grundklang der Samples wird durch das integrierte Lautsprecher-System leider nicht in vollem Umfang transportiert, was insbesondere daran liegt, dass die verbauten 2 x 20 Watt Lautsprecher nach unten abstrahlen und damit viele Höhen „im Teppich“ landen. Denn es tönt bereits hier schon sehr mittenlastig, wie ein direkter Vergleich mit einem Waldorf „Zarenbourg“ zeigt, bei dem die Höhen direkt in Richtung Ohr abstrahlen.

Zugegeben: Beim Letztgenannten kommt auch ein Zweiwegsystem zum Einsatz (das GEWA UP360G arbeitet dagegen mit einem Breitband-Lautsprecher). Aber auch beim Vergleich mit einem Konkurrenzprodukt, bei dem die Lautsprecher oben angebracht sind, wird der leichte Höhenvorteil deutlich, der durch den Direktschall entsteht:

Mit den integrierten Klangparametern - besonders dem Equalizer lässt sich hier allerdings noch nachjustieren, so dass sich - je nach örtlichen Gegebenheiten (viel/wenig Raumabsorbtion) - eine befriedigende Klangreproduktion herstellen lässt.

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