Test
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24.08.2015

Praxis

Klang

Aber nun zum Wichtigsten überhaupt: dem Sound! Die Erwartungen sind natürlich wie immer gewaltig bei einem Instrument, auf das Dave Smith das Prophet-Label klebt – und dass jetzt auch noch Sequential darauf steht, macht sie nicht eben kleiner. Die großen Namen und das edle Äußere wecken kühne Vorstellungen, welche Klänge man dem Instrument wohl entlocken kann. Bevor wir ins Detail gehen, will ich deshalb die Neugierde stillen und habe für euch im Video ein paar der Werks-Presets angespielt:

Der Prophet-6 ist eines dieser Testgeräte, bei deren Ankunft man alles absagt und sich für einige Tage in einen dunklen Raum einschließt. Der Synthesizer inspiriert sofort und ließ mich lange nicht mehr los, und das ist immer das allerbeste Zeichen für Qualität. Nach den ersten ausgedehnten Sessions war mir klar, dass wir es hier mit einem fabelhaften Synth zu tun haben, der das Prophet-Label und auch den Namen Sequential absolut verdient. Nicht, weil er genauso klänge wie der Prophet-5 (das tut er nämlich nicht, aber dazu gleich mehr), sondern weil er einfach ein rundum gelungenes, inspirierendes Instrument mit einem erhabenen, satten, runden, glücklich machenden Sound ist. Hier noch ein paar Klangbeispiele:

Die Pads, die der Prophet-6 produziert, sind für mich die vollkommene, polyphone Glückseligkeit. Aber auch Unison-Bässe, Effekt-Sounds, Leads oder orgelartige Klänge gehören zum Repertoire und werden vom Prophet mit Bravour abgeliefert.

Hören wir uns kurz die einzelnen Bausteine dieser Klangerzeugung an, die am Ende so viel Schönes durch die Klinkenbuchsen entlässt. Hier hört ihr die drei Schwingungsformen Dreieck, Sägezahn und Rechteck von Oszillator 1 sowie die modulierbare Pulsschwingung:

Ein bisschen schade finde ich, dass die Pulsbreitenmodulation per LFO nur für beide VCOs gleichzeitig möglich ist. Der Prophet-5 hatte hier zwei Taster für VCO 1 und 2. Aber am Ende ist das eine Kleinigkeit – und es gibt ja noch die Polymod-Sektion, über die man die Pulsbreite von VCO1 einzeln modulieren kann.

Hier hört ihr die beiden Filter mit verschiedenen Resonanzeinstellungen. Beide Filter klingen in meinen Ohren sehr gut und tragen mit ihrem kultivierten Verhalten viel zum edlen Sound des Synthesizers bei. Das Hochpassfilter empfinde ich als eine echte Bereicherung. Es erweitert die klangliche Bandbreite natürlich nicht unerheblich, wenn man auch mal untenherum etwas abschneiden kann.  

Das Tiefpassfilter schwingt bei hoher Resonanz selbst, was sich bei der Klanggestaltung kreativ einsetzen lässt. Bei maximalem Keytracking (FULL) kann man dann mit der Cutoff-Frequenz Melodien spielen. Allerdings ist das Tuning nicht ganz exakt, es gibt einen gewissen Oktavversatz.  

Die Abteilung POLY MOD entpuppt sich auch beim Prophet-6 als klangliche Wundertüte mit manchmal unvorhersehbarem, aber meistens schmackhaftem Inhalt. Es gehört zum Wesen dieser Funktion, dass man manchmal nicht so genau absehen kann, was am Ende herauskommen wird, und der Zufall hat wohl schon sehr viele Polymod-Klänge mit gestaltet. Hier beeinflusst sich alles gegenseitig und manchmal passiert etwas anderes, als man vielleicht beabsichtigt hat. POLY MOD ist einerseits eine komplexe Modulations-Allzweckwaffe, die zum Beispiel glockige Sounds und bissige FM-Klänge hervorbringen kann. Andererseits kann man die Sektion auch einfach verwenden, um die Pulsbreite oder die Frequenz von VCO 1 per Hüllkurve zu steuern. Dass nun auch die Schwingungsform-Überblendung für VCO 1 zu den Modulationszielen gehört und die beiden Quellen auch negativ eingesetzt werden können, erweitert die Möglichkeiten nochmals.

Effekte

Die digitalen Effekte sorgen für den klanglichen Feinschliff, und das tun sie sehr überzeugend. Alle Effekte klingen für mein Empfinden wirklich gut und sind eine echte Bereicherung. Die Bedienung ist ebenfalls gut gelöst und durchaus Performance-tauglich. Mit einem Taster wählt man aus, welcher der beiden Effekt-Slots bearbeitet werden soll, und hat dann über vier gerasterte Encoder schnellen Zugriff auf die wichtigsten Parameter. Die vier kleinen LED-Displays in der Effektsektion helfen zusätzlich beim Einstellen. Ganz leicht getrübt wird das Bild vom leichten Rauschen einiger Effekte und von leisen Knackgeräuschen, die bisweilen beim Umschalten und Drehen an den Encodern auftreten. Aber das kann die Freude über diese praxisnahe, gut klingende Effektabteilung nicht wirklich mindern. Auch die analoge Distortion, mit der sich Klänge leicht aufrauen oder drastisch verzerren lassen, hat einen organischen Sound und gefällt mir sehr gut.

Prophet-6 und Prophet-5

Natürlich muss sich der Prophet-6 die Frage gefallen lassen, ob er denn an den legendären Prophet-5 heranreicht. Das blieb auch den in den letzten Jahren erschienenen Prophet 08 und Prophet-12 nicht erspart – schließlich tragen alle diese Instrumente den großen Namen. Der Prophet-6 rückt nun mit seiner Klangerzeugung und dem Prädikat „Sequential“ noch etwas näher an das große Vorbild heran, sodass man versucht sein könnte, ihn daran zu messen, ob er auch genauso klingt wie ein Prophet-5.

Schon wegen der neu entwickelten Oszillatoren und der Verwendung neuer Techniken und Bauteile ist das allerdings kaum zu erwarten. Und überhaupt – muss er das denn? Ich habe den Eindruck, dass man bei Dave Smith Instruments gar nicht so religiös versucht hat, exakt den Sound des Vorbilds zu treffen wie beispielsweise Korg beim MS-20 mini und ARP Odyssey. Stattdessen hat Dave Smith einen Prophet für 2015 gebaut, mit den besten Eigenschaften des Klassikers, vielen neuen, zeitgemäßen Ideen und einem Klangcharakter, der vielleicht sogar etwas besser in die heutige Zeit passt als der untrennbar mit den Achtzigern verbundene Prophet-5.

Wir haben es uns natürlich trotzdem nicht nehmen lassen, den direkten Vergleich anzustellen. Hier hört ihr fünf Beispielsounds vom Prophet-5 (Dank an den Kollegen Ralf Schlünzen!) und meine Versuche, dem Prophet-6 etwas ähnliches zu entlocken. Die Settings exakt umzusetzen war nicht in allen Fällen möglich, da der Prophet-6 ja vor allem in der Oszillatorsektion eine andere Struktur aufweist als der Alte (Schwingungsformen überblendbar, dafür aber nicht mehr gleichzeitig abrufbar).

Wie unschwer zu erkennen ist, zeigen die beiden Synthesizer doch recht deutliche Unterschiede. Der Prophet-6 ist in meinen Augen grundsätzlich etwas bissiger und direkter als der Prophet-5. Mancher würde vielleicht sagen, dass es ihm an „Weichheit“ fehlt, ein anderer dafür, dass er sich „besser durchsetzt“. Ich finde es immer schwierig, Worte dafür zu finden, aber in meinen Augen hört man beim Fünfer eine Art „Patina“, die der Sechser als nagelneues Instrument natürlich nicht hat. Wie man das nun bewertet, bleibt eine Frage des Geschmacks und jedem selbst überlassen. Es wäre aber töricht, die Qualität des Prophet-6 deshalb auch nur im geringsten in Zweifel zu ziehen. Ich würde es vielleicht so auf den Punkt bringen: Klingt der Prophet-6 genau wie der Prophet-5? Natürlich nicht. Klingt er genauso gut wie der Prophet-5? Definitiv!

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