Schrottpresse
Feature
9
30.03.2021

Corona-Geschwurbel auf Plakaten: Veranstalter und Clubs distanzieren sich von zwei Hamburger Kultclubs

Das Docks und die Große Freiheit 36 nahmen jetzt Stellung

Und bekamen von Hamburger Clubs ordentlich Gegenwind

The Beatles, Neil Young, Arctic Monkeys, Daft Punk, Pearl Jam und viele mehr. Sie alle haben schon in der Großen Freiheit 36 in St. Pauli gespielt. Doch mit Auftritten weltbekannter Bands könnte es in Zukunft schlecht aussehen. Seit Monaten dienen die Fassade des Docks und der Großen Freiheit 36 in Hamburg als Littfasssäule für Corona-kritische Statements. Große Veranstalter und Clubs haben sich jetzt von den zwei Clubs öffentlich distanziert. Diese nahmen in einem Statement Stellung zur Situation.

Schauplatz Hamburg-Altona. Seit einem Jahr sind die Clubs der Hafenmetropole geschlossen. Ähnlich lange zieren auch schon diverse Plakate zu Corona und einschränkenden Maßnahmen die Wände der zwei Hamburger Kiez-Locations Docks und Große Freiheit 36. Kritik an den Plakaten war nur vereinzelt zu finden, schließlich ist Kritik an den Corona-Maßnahmen in vielen Fällen mehr als verständlich. Die Veranstaltungsbranche ist nun mal stark gebeutelt und kann sich schwer gegen die fehlende Umsätze stemmen. Mit der Zeit wurden die Außenwände der Clubs aber immer mehr zur Plattform für Personen, die mit Verschwörungstheorien, Geschwurbel und unwissenschaftlichen Behauptungen das Corona-Virus und dazugehörige Maßnahmen in Frage stellten. Vor allem die ungefilterte Anbringung mancher Inhalte sorgte jetzt zu einem öffentlichen Statement von Veranstaltern, die die zwei Konzertstätten in Zukunft meiden wollen. Mittlerweile haben sich einige renommierte Hamburger-Clubs dem Protest angeschlossen. 

"Unsere Geduld hat ein Ende gefunden"

Seit vielen Monaten hängen am Eingangsbereich des Docks und der Großen Freiheit 36 Plakate, welche die Corona-Politik und Maßnahmen kritisieren. Ebenso hängen aber auch Plakate, bei dem die Gefährlichkeit des Virus oder der Nutzen von Masken infrage gestellt wird. Auch wird auf Internetplattformen verwiesen, die für rechte Inhalte oder Verschwörungstheorien bekannt sind: etwa KenFM oder der rechtskonservative Blog von Reitschuster (siehe Bild). 

Vor allem dass man in dieser schwierigen Zeit Rechtspopulisten, Schwurblern und Verschwörern eine Bühne bietet, brachte das Fass der Veranstalter zum Überlaufen: "In einer Zeit, in der unsere Branche zusammenstehen sollte, und in der sich unzählige Menschen nach der verbindenden Kraft von Live-Kultur sehnen, sucht ihr anscheinend den Schulterschluss mit Schwurblern, Verschwörern und jenen, die keinen Widerspruch darin sehen, neben Nazis für Demokratie zu demonstrieren". In einem von FKP Skorpio veröffentlichten offenen Brief, der von den größten Konzertveranstaltern der Hansestadt unterzeichnet wurde, steht außerdem, dass "Veranstaltungen unter eurem Dach unter diesen Bedingungen für uns nicht infrage kommen". Das ist insofern ein großer Schritt, da die unterzeichnenden Veranstalter für über 90 Prozent der Bookings im Docks und der Großen Freiheit 36 zuständig waren. Das vollständige Statement könnt ihr hier lesen:

Statement vom Docks und Großer Freiheit 36

Nach fast zwei Wochen meldeten sich nun auch die beiden Hamburger Veranstaltungsstätten mit einem gemeinsamen Statement zu Wort. Dabei wurde viel mit Meinungsfreiheit argumentiert, was schon mit dem Eingangszitat eingeleitet wurde:

"Ich mag verdammen, was Du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass Du es sagen darfst.“ Voltaire (1694-1778)

(Anmerkung: Das Zitat ist nicht von Voltaire, sondern von der britischen Autorin Evelyn Beatrice Hall, die eben jenes in ihrem Buch "The Friends of Voltaire" verwendete.)

Es wird mehrmals betont, dass Meinungsvielfalt ein wichtiges Gut ist und man sich dafür einsetze. Es wird auch zugegeben, dass man auch Quellen abgebildet habe, die "rechtspopulistisch" oder "verschwörerisch" einzuordnen sind. Verantwortung für die Aussagen wird allerdings nicht genommen, da diese größtenteils "von Dritten" kommen. In dem Statement steht außerdem, dass die Plakatflächen nur zur Verfügung gestellt wurden, ohne dass die Clubs mit den Inhalten stets konform gegangen wären. Dabei hat die Geschäftsführerin des Docks, Susanne Leonhard, in einem Kommentar im Juni 2020 auf Facebook geschrieben, dass die Plakate "sorgsam ausgewählt und auf rechte Inhalte und Verschwörungstheorien überprüft werden". Das vollständige Statement der zwei Clubs gibt es hier:

Clubs fordern Rausschmiss aus Clubkombinat

Das Statement brachte den Clubs auf Facebook wieder viel Gegenwind ein. "Die Clubs übernehmen keine Verantwortung" und "rechtfertigen alles unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit" ist dabei oft der Tenor. Aber es finden sich dort ebenso unterstützende Kommentare. Vor allem, dass auch einmal "alternativen Meinungen, die man sonst im Mainstream nicht hört, eine Stimme gibt", wird befürwortet.

Das "Verstecken hinter der Meinungsfreiheit" ist aber auch genau der Punkt, über den sich Veranstalter und Clubs ärgern. Keiner der beteiligten Akteure möchte dem Docks und der Großen Freiheit 36 die Veröffentlichung von Plakaten verbieten. Eine Kritik und öffentliche Diskussion an den Corona-Maßnahmen, durch die die Live-Industrie praktisch ausradiert wurde, ist absolut vertretbar. Dass man bei Meinungsfreiheit aber im Gegenzug bestimmte Meinungen kritisieren darf, ist der logische Umkehrschluss. Und das Veranstaltungslocations, die solche Meinungen auf die eigenen Wände platzieren, für diese auch Verantwortung tragen sollten, erscheint ebenso logisch. Der Versuch sich nun als Plattform für den Meinungsaustausch beider Seiten - also der Maßnahmengegner und Maßnahmenbefürworter - zu positionieren, wirkt daher für viele Clubs und Kulturverbände in Hamburg als fragwürdig.

In einem gemeinsamen Statement von 70 Clubs, Kultureinrichtungen und Künstlern wird in Folge der Austritt des Docks, Große Freiheit 36, Prinzenbar, Kaiserkeller und Galeria 36 aus der Interessensgemeinschaft "Clubkombinat" gefordert. In dem offenen Brief wird unter anderem kritisiert, dass einerseits ein Meinungsaustausch propagiert, aber Kritik an den Inhalten als "Meinungsdiktatorisch" abgetan wird. Vor allem die fehlenden wissenschaftlich fundierten Fakten können zu einer "Wahrnehmungsverschiebung" führen, welche die gesellschaftliche Spaltung vorantreibe. Dies ist ausgerechnet in Pandemiezeiten der falsche Weg, bemängeln die Hamburger Clubs und Veranstalter die Plakataktion in dem gemeinsamen Statement weiter:

Clubkombinat erwägt Rausschmiss

Nicht lange musste man auf eine offizielle Stellungnahme des Clubkombinats warten. Darin wird vor allem kritisiert, dass man eine "offene Plattform" für Corona-Kritik betreibt, obwohl bekannt ist, dass "Pandemie-Leugner:innen, Verschwörungstheoretiker:innen, antisemitische, sowie rechtsnationale Strömungen miteinander verwoben sind" und "Radikale diesen Diskurs aktiv für ihre Zwecke instrumentalisieren." Das Bereitstellen der Außenfassade gehe mit einer "hohen Verantwortung" einher, bei der eine einfache Distanzierung gegenüber "Rassismus, Nationalismus, Faschismus, Extremismus und Gewalt" nicht ausreiche. Eine echte Distanzierung wäre es dem Clubkombinat nach nur, solchen alternativen Meinungen keinen Raum zu bieten. Am Ende der Stellungnahme wird erwähnt, dass der Vorstand weitere Schritte prüfen wird. Ob es zu einem endgültigen Rausschmiss kommt ist noch nicht entschieden. Das gesamte Statement gibt es hier:

Verwandte Artikel

User Kommentare