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Test
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17.03.2013

Coles 4038 Test

Klassisches Bändchenmikrofon

Der bekannteste Schuhanzieher der Welt – 60 Jahre britische Mikrofongeschichte

Jaja, das Coles 4038: Es gibt Formen, an denen sich die Geister scheiden. Unter den Mikrofonen gehört das gute, alte "Waffeleisen" definitiv zu den am meisten polarisierenden – nicht nur optisch. Auch der Klang des Bändchenmikros ist keineswegs einer, der zu allen Quellen passt und die Vorlieben aller Tontechniker bedient – über ebendiese Eigenschaften werdet ihr im folgenden Testbericht einiges erfahren.

Das Mikrofon des englischen Herstellers Coles wandelt wie die anderen Produkte des Herstellers den Schall nach dem dynamischen Prinzip. Beim 4038 ist es wie bei 4040, 4104 und 4115 ein Aluminiumbändchen, welches in einem Magnetfeld die Schwingungen der Luft nachvollzieht und eine Spannung induziert. Gemeinsam mit den alten, amerikanischen RCA-Klassikern (beziehungsweise den AEA-Neuauflagen) lassen sich an den Coles-Mikrofonen wahrscheinlich am besten die Vor- und Nachteile des Ribbon-Prinzips erkennen. Dass meiner Meinung nach die Vorteile klar überwiegen und man die Nachteile in Kauf nehmen sollte, könnt ihr eigentlich jetzt schon anhand der Sternchenbewertung erkennen. Für mich steht fest: Das 4038 verdient den High-Score absolut zurecht!

Details

Was das 4038 mit Telefonen und Zebrastreifen zu tun hat…

Wenn ich das Coles 4038 ein "gutes, altes" Mikrofon nenne, dann zeigt das natürlich, dass es sich hier mitnichten um eine Neuentwicklung handelt, die sich soeben erst auf dem Markt unter die Flut an verschiedenen verfügbaren Mikrofonen gemischt hat. Ganz im Gegenteil: Die BBC benötigte nach dem Zweiten Weltkrieg ein vergleichsweise einfaches, leichtes, kleines und preiswertes Bändchenmikrofon. Angesichts des Gewichts von über einem Kilogramm und der Länge von knapp 20 Zentimetern mag jetzt mancher schmunzeln - wenn man jedoch bedenkt, dass es vor allem das Marconi Type A und seine Derivate beerbte – ein Trumm von einem Mikrofon –, dann sieht die Sache schon anders aus. Das 4038 ist heute mit 60 Jahren annähernd so alt wie die sagenumwobenen Neumann U 47 und AKG C 12. Im Jahre 1953 wurde es noch mit leicht anderem Korb als PGS (Pressure Gradient Single Ribbon) vom traditionsreichen Londoner Unternehmen STC ("Standard Telephones and Cables“, vormals sogar "Standard Telegraphs and Cables") hergestellt und fortan von der BBC viel genutzt und geliebt. Eine weitere Institution von der Insel war ein dankbarer Abnehmer und fleißiger Nutzer dieses Ribbon-Mikes und hat auch heute noch 15 Stück verschiedener Jahrgänge im seiner Mikrofonsammlung (die zu den bedeutendsten der Welt zählt). Ich rede von einem Studio, mit dem sicherlich bekanntesten Zebrastreifen der Welt, der über eine gewisse Abbey Road führt. So hat man das Bändchen beispielsweise über dem Ludwig-Schlagzeug eines Herrn Ringo Starr hängen sehen. Die Produktion des 4038 übernahm von der STC ab 1974 die ebenfalls britische Firma Coles. Anders als bei derartigen Veränderungen üblich, halten sich die Rufe, nur STC-4038er würden richtig nach 4038 klingen, bis heute im Rahmen.

Beileibe kein Museumsmikrofon, sondern immer noch aktuell

Nicht nur die Abbey Road Studios, auch die BBC nutzt bis heute die auffälligen Mikrofone, wenngleich für Sprache dort auch häufig die 4104 genutzt werden – ebenfalls geradezu kauzige (eben englische), aber hervorragende Mikrofone. Die Einsatzmöglichkeiten eines Coles 4038 sind mannigfaltig, nicht immer passend, aber manchmal die mit riesigem Abstand beste Lösung für ein bestimmtes Ergebnis. Eine schon zuvor genannte Mikrofonierung ist gleichzeitig eine der besten: Am Schlagzeug, besonders als Overheads bzw. Shoulderheads oder Frontmikrofonierung. Besonders hier kann sich etwas entwickeln, dass in Verbindung mit den Coles der "Bigger-Than-Life-Sound" genannt wird. Aber auch Streicher im nicht-klassischen Bereich, Akustikgitarren, Saxophon, ja sogar Blech (French Horn!), manchmal Leslie und wie ich finde viel zu selten auch Gesang sind sehr dankbare Schallquellen. Aufgrund der Bändchen-immanenten Richtcharakteristik Acht bieten sich natürlich die Stereoverfahren MS und Blumlein mit zwei 4038 an, weshalb die Mikrofone auch als Matched Pair erhältlich sind. Doch natürlich lassen sich auch andere Anordnungen, wie Achter-XY, MS mit anderen M-Mikros, Spaced-Verfahren wie Faulkner oder Recorderman, Kugel-Acht-Pakete und vieles mehr aufbauen. Für Achten gibt es ja eine Vielzahl an Anwendungen.

Dickes Lochblech schützt dünne Alufolie und schweren Magneten

Das Gehäuse des 4038 besteht aus rustikal anmutendem, gelochten Messingblech ordentlicher Stärke. Was gerne vergessen wird: Die die Membranen umgebenden Materialien haben oft enormen Einfluss auf den Klang, so trägt genau dieses Blech zum typischen Charakter des STC/Coles bei, besonders in den Höhen. Glücklicherweise ist das empfindliche Bändchen zudem durch eine feine Metallgaze geschützt. Diesen Schutz hat es auch notwendig, denn trotz des Alters des Designs ist das vertikal im 4038 liegende, gefaltete Aluminiumband mit 0,6 Mikrometern Dicke eines der dünnsten Mikrofonbändchen überhaupt. 2/9" breit und 1" lang ist es, besonders durch die Länge und die Einspannung mit etwa 50 Hz Resonanzfrequenz ist es naturgemäß durchaus höhenarm – auf diesen Umstand komme ich gleich noch einmal zu sprechen. Zunächst einmal sollte deutlich sein, dass das Bändchen aufgrund seiner Dimensionen und seiner daraus resultierenden Masse in die gleiche Kerbe schlägt wie das Magermodel Twiggy: Es wiegt fast nichts! Dies wiederum hat den Vorteil, dass es Impulsen recht flott folgen kann und bei weitem nicht so behäbig ist wie fast alle anderen dynamischen Mikrofone. Eine ausgefuchste Dämpfung sorgt dafür, dass das Ribbon-Signal nicht verschmiert und immer knackig und trocken bleibt. Der Nachteil folgt aber auf dem Fuße: Die Spannung, die ein kleines Stückchen Aluminium bei den typischen winzigen Amplituden in einem Magnetfeld zu induzieren vermag, ist sowieso sehr gering - bei dem Hauch von Metall im Coles 4038 sind es trotz des großen Alnico-Magneten nur 0,56 mV/Pa Feldübertragungsfaktor nach der Impedanzwandlung. Ein hochwertiger, rauscharmer Preamp ist damit also eindeutig indiziert, wenn man mit einem 4038 arbeiten möchte. Der Magnet, dessen Hufeisenform auch die Gehäuseform des gesamten Mikrofons bestimmt, ist seit Jahren nicht verändert oder "aktualisiert" worden. Aus diesem Grund ist ein 4038 auch heute noch nicht nur "schwach", sondern auch sehr schwer: 1,08 Kilogramm sind es genau, die das Ribbon-Mikro auf die Waage bringt.

Je höher die Frequenz, desto geringer der Klirr

Ebenfalls kein Leichtgewicht ist der Ringkerntransformator, der als Ausgangsübertrager zum Einsatz kommt. Dieser ist verkapselt, um dadurch gegen Einstreuungen 30-40 Dezibel unempfindlicher zu sein. Hinter dem Toroiden beträgt die Nennimpedanz 300 Ohm, liegt also geringfügig über der heute von Preamp-Herstellern üblicherweise verlangten von maximal 200 Ohm – allerdings hat das keine sonderlich großen Auswirkungen. Bei 110 Hz liegt der 1%-THD-Punkt bei 125 dB(SPL), bei geringeren Frequenzen zerrt es – wie bei den meisten Bändchen – etwas eher: Bei 55 Hz ist dies schon bei 110 dB(SPL) der Fall. Dafür liegt aber eine enorme Unempfindlichkeit bei hohen Frequenzen vor. In den 1950ern konnte man noch von "Linearität" des Pegelfrequenzgangs sprechen, heute tut man das im Angesicht dahingehend annähernd perfekter Mikrofone besser nicht. Im recht schmalen Toleranzschlauch bewegt sich der Graf behende auf und ab, die Überhöhungen und Absenkungen erinnern an den Frequenzgang einiger Druckempfänger-Tauchspulenmikrofone – sie liegen bei 50 Hz, im Mittenbereich und in den Höhen. Die Resonanzfrequenz des Bändchens, interne Reflektoren, die Größe der Löcher im Gitter und nicht zuletzt die Form des Frontgrills tragen dazu bei. Oberhalb von 10 kHz setzt jedoch der charakteristische Roll-Off ein, wodurch das 4038 weitaus weniger in diesem Frequenzband transportiert als etwa übliche Kondensatormikrofone. Das klingt erst einmal unerfreulich, doch ist es genau das, was bei vielen Signalen durchaus gewünscht ist. Außerdem klingt das deutlich anders, als wenn ein Equalizer mit Shelf-Charakteristik das Höhenband abschwächt, da beim Coles-Bändchen immer noch eine enorme Impulstreue bleibt.

Drehen und Wenden für den Klang

Die Achtercharakteristik des Mikrofons mit dem langen Bändchen ist in vertikaler Betrachtung nicht so schmal, wie es im Lehrbuch steht, besonders hin zu tiefen Frequenzen. Weiß man dies, lässt sich mit Drehung um die Achsen des Mikrofons der Sound ein wenig verändern. Besonders in Anbetracht der Tatsache, dass der Klirr bei tiefen Frequenzen tendenziell höher wird und das Ribbon sehr empfänglich für den Nahbesprechungseffekt mit seiner Tiefenanhebung ist, ermöglicht das einen recht flexiblen Einsatz – ohne dass der Grundcharakter des 4038 in den Hintergrund treten würde. Nun: Dafür ist dieses auffällige Mikrofon eben auch bekannt!

Die drei Ösen am Body lassen sich drehen, denn urspünglich wurden die 4038 mit Bändern an Bügeln von Mikrofonstativen abgehängt – gut zu sehen auf alten Fotos. Zusätzlich kann der Korb um ganze 180° gedreht werden!

Wetten gewinnen mit dem 4038

Viele Klassikermikrofone – beispielsweise Sennheiser MD 21, MD 421 und MD 441 haben ein Update ihrer Anschlussnorm von (meist) Kleintuchel auf XLR erfahren – das 4038 nicht. Der Mikrofonanschluss lautet auf den Namen "Western Electric 4069". Ihr könnt im Musikfachhandel damit wahrscheinlich die ein- oder andere Wette gewinnen, ein passendes Mikrofonkabel habt ihr dadurch aber dann noch lange nicht. Coles weiß Rat, indem es verschiedene Adapter anbietet, welche mit einem kurzen Kabel auf das "topmoderne" (höhö…) XLR adaptieren und gleichzeitig so etwas Luxuriöses wie ein Gewinde zum Anschluss an ein handelsübliches Mikrofonstativ ermöglichen. Zur Auswahl stehen 4071B und 4072, wobei letztgenannter Adapter über eine kleine Shock-Mount verfügt. Wichtig zu wissen: Die Adapter gehören nicht zum Standard-Lieferumfang des Mikrofons, ohne ihn kann man das 4038 weder anschließen noch befestigen!

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