Hersteller_Clavia SP_2000bis3000
Test
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28.08.2018

Praxis

Bedienung 

Wie alle Produkte aus der Clavia-Familie, lässt sich das Nord Piano 4 sehr leicht bedienen. Gewissermaßen handelt es sich hier ja um ein Nord Electro ohne Orgel-Sektion. Die verbleibende Piano- und Sample-Abteilung ist jedenfalls fast ausschließlich über die Taster und Drehregler zu bedienen: Wenig Menü, wenig Handbuch, wenig Stress. Alleine für ein paar grundlegende Menü-Einstellungen sowie zum Abspeichern und Organisieren, sollte man das überschaubare Handbuch mit seinen 26 Seiten studieren. Im Nord Piano 4 befinden sich übrigens noch ein paar Features des Nord Electro 6D, z. B. der Live-Mode, welcher spontane Sound-Kreationen ohne Abspeichern zulässt. Oder auch die neue Organize-Funktion, die das Verschieben bereits gespeicherter Sounds innerhalb der Soundbänke ermöglicht. Insgesamt ist Clavia dem intuitiven Bedienkonzept treu geblieben; mit Sicherheit einer der Gründe, warum die roten Keyboards so beliebt sind.

 

Tastatur und Pedal

Die 88 Tasten des Nord Piano 4 haben mich persönlich sofort überzeugt. Nicht nur die Gewichtung und die Ansprache der Hammermechanik sind vorbildlich, auch die Abstimmung mit der Software kann sich sehen lassen. Wie bereits eingangs erwähnt, hat Clavia dazu die eigene „Virtual Hammer Action Technology“ entwickelt, mit der dynamisches Spielen, exaktes Triggern und auch Repetition möglich sind, wenn sich die Taste beispielsweise noch nicht wieder in der Ausgansposition befindet. Wie dem auch sei, man spürt jedenfalls, dass die Tastatur sehr präzise abgestimmt wurde.

Einen Druckpunkt konnte ich zwar nicht feststellen, aber das ist aufgrund der Verwendung mit diversen Keyboard-Sounds auch nicht weiter tragisch. Daneben gefallen mir die drei „Dynamic Curves“ sehr gut, denn je nach Instrument lässt sich damit die Velocity-Kurve ändern und eine etwas direktere Ansprache, wie sie beispielsweise bei E-Pianos hilfreich ist, bewirken. Auch das stufenlose Dreifachpedal arbeitet sehr gut mit dem Nord Piano zusammen: Sowohl Pedal-Geräusche als auch das Soft-Pedal lassen keine Wünsche offen. Schön, dass das Pedal inkl. einer Gummi-Matte bereits zum Lieferumfang gehört - hier dürften sich andere Hersteller gerne eine Scheibe abschneiden!

Klang

Flügelsounds & Co.

Ein Stagepiano sollte mit tollen Piano-Sounds punkten. Wie wäre es gleich zu Beginn mit ein paar Flügel-Klängen? 

Beginnen wir mit einer Auswahl an Grandpiano-Klängen, die man sich dank des 1 GB großen Piano-Speichers nach Belieben zusammenstellen kann. Um das Beste aus dem Nord Piano 4 herauszuholen, habe ich zwei Flügel in XL-Größe (ca. 200 MB pro Piano) heruntergeladen, denn hier kommen auch die Details wie z. B. die Saitenresonanzen zum Tragen. Jedes der elf Flügelmodelle findet man auf der Hersteller-Webseite in diversen Größen zum Download. Damit lässt sich der Speicher individuell befüllen. Das ist ein System, was mir grundsätzlich gut bei verschiedenen Nord-Keyboards gefällt: Alle Sounds sind austauschbar!

Die beiden Flügelklänge aus dem Nord Piano 4 klingen wirklich hervorragend und lassen sich sehr dynamisch spielen. Auch gefallen mir die Nebengeräusche, zu denen die Saitenresonanzen und das Pedalgeräusch gehört. Im Menü lassen sich diese beiden Parameter übrigens noch um 6 dB anheben, was ich gleich zu Beginn meines Tests gemacht habe. Übrigens reagiert das Nord Piano sehr genau auf die „Trittstärke“ und das Loslassen des mitgelieferten Haltepedals: Hierbei handelt es sich nämlich um ein stufenloses Pedal. Auch das linke Pedal lässt sich hier gut einsetzen und dämpft das Piano ein wenig in seiner Lautstärke und Brillanz.

Upright Pianos

Auch in der Upright-Piano-Abteilung finden sich eine Menge sehr guter Klavier-Samples, die über verschiedene Charaktere verfügen. Wenn man es ganz genau nimmt, bietet wohl kein Keyboard-Hersteller so viele detaillierte Upright Piano-Samples an, wie Clavia: Ganze zwölf Modelle umfasst die Library, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Das Grand Upright sowie auch das Bambino Upright gehören zu meinen persönlichen Favoriten - hören wir einfach mal rein.

Piano EQ

Eigens für die Piano-Abteilung gibt es verschiedene EQ-Settings, die mit ihren Namen „Soft“, „Mid“ und „Bright“ schon verraten, was sie klanglich bewirken. Die drei genannten Einstellungen bieten zwar keine weiteren Einstellmöglichkeiten, erlauben aber das Anpassen der Piano-Klänge an entsprechende musikalische Umgebungen. Ihr Vorteil ist außerdem, dass der EQ aus der Effektabteilung noch für die Sample-Synth Sektion frei bleibt. Außerdem verstecken sich hier zwei weitere Effekte, die mit Dyno 1 und Dyno 2 gekennzeichnet sind, aber bislang noch nicht benutzt werden können. Im Benutzerhandbuch wird verraten warum: Die genannten Einstellungen sind erst ab einem zukünftigen Betriebssystem verwendbar. Wir dürfen also gespannt bleiben, wie sich der Charakter der E-Pianos verändert, wenn die Dyno-Presets zum Einsatz kommen. Hören wir uns also vorerst die drei EQ Einstellungen Soft, Mid und Bright an.

E-Piano, Clavinet & Co.

Ab Werk befinden sich nahezu alle E-Pianosounds aus Clavias Piano-Library an Bord des Nord Piano 4. Hier zeigen sich mehrere Rhodes-Samples, sowie zwei Wurlitzer-, vier Clavinet-Sounds und weitere Keyboardklänge. Auch hier hat es in der letzten Zeit immer mal wieder ein paar Updates gegeben. Neben dem noch jungen Nefertiti-Rhodes existiert auch auch ein relativ neues Wurlitzer-Sample, das dem Original schon sehr nahekommt. Natürlich darf auch ein CP 70- oder ein DX7-Piano nicht fehlen. Einige der E-Piano Sounds fallen allerdings klanglich gegenüber den wirklich beachtlichen Piano-Sounds ab. Um den Sounds etwas mehr Lebendigkeit einzuhauchen, kann man sie mit unterschiedlichen Effekten der Effektsektion bearbeiten - für E-Pianos eignet sich z. B. der klassische Vibe-Effekt, sowie Tremolo oder Panorama. Dank der einfachen Bedienung sind die Einstellungen im Handumdrehen erledigt.

Synthesizersounds

Besonders gut gefällt mir die abgespeckte Hüllkurven-Abteilung: Ein Poti bestimmt Attack, das andere Poti hingegen zur einen Hälfte Decay, zur anderen Release-Zeiten. Damit lassen sich im Handumdrehen passende Werte für die verschiedenen Instrumente erstellen. Getragene Streicherklänge klingen beispielsweise erst dann, wenn man sie mit einer längeren Release-Zeit versieht. Darüber hinaus kann man über die Filter-Funktion auch per Velocity den Klang heller bzw. dumpfer erklingen lassen.

Für die verschiedenen Vintage-Keyboards, unter denen sich Mellotron, Chamberlin und so manche Synthesizer befinden, ist das sehr empfehlenswert. Die Auswahl der Nord Library ist jedenfalls so groß, dass man hier einige Stunden auf der Hersteller-Webseite verbringen sollte, um die vielen Samples zu erforschen. Die nachfolgenden Klangbeispiele zeigen also nur einen kleinen Ausschnitt der Nord-Library.

Nord Sound Manager & Nord Sample Editor

Das Austauschen der Samples ist recht einfach: Über die Webseite kann man die kostenlose Software „Nord Sound Manager“ downloaden. Ist das Piano mit dem Rechner verbunden, dann lassen sich sowohl Piano- als auch Synth-Samples austauschen und archivieren. Auch Backups lassen sich mit der Software erstellen. Daneben ermöglicht die Software „Nord Sample Editor“ das Erstellen eigener Samples, wobei hier pro Taste immer nur ein Sample verwendet werden kann. Clavia bietet übrigens regelmäßig OS-Updates für die Keyboards - Softwarefehler werden aus eigener Erfahrung schnell  behoben und oftmals werden neue Features in zukünftige OS-Updates integriert. Daumen hoch!

Effekte

Die Effektsektion des Nord Piano 4 ist den Modellen der Stage- und Electro-Serie ähnlich und beeinhaltet zwei Effektslots für diverse Modulationseffekte (Tremolo, Panorama, Wah, Ringmodulator, Chorus, Flanger, Phaser und Vibe), ein Delay, sowie eine Amp-Simulator- und Hallabteilung. Tatsächlich sehen sich die Effektsektionen der verschiedenen Nord-Modelle so ähnlich, dass ich mich als Nord Electro User sofort zu Hause fühle. Über schnelles Doppelklicken der Source-Taster lassen sich die Effekte der Piano- oder Sample-Abteilung zuordnen und schon kann es losgehen. Die Art des Effekts wird über die schwarzen Taster ausgewählt und die Effekt-Rate über das Poti.

Die Intensität lässt sich nicht stufenlos regeln, sondern wird meist durch mehrere Effekt-Variationen vorgegeben. Im Slot 2 kann man sogar mittels Shift- und Effekt-Auswahltaster eine „Deep“-Variation der Effekte wählen, die dann besonders stark ist. In der Delay-Sektion ist mir übrigens aufgefallen, dass es hier im Gegensatz zum Nord Electro 6D keine Ping-Pong-Delays gibt. Trotzdem kann sich die Effektsektion sehen lassen, weil sie sehr vielseitig einsetzbar und kinderleicht zu bedienen ist. Schön ist auch der „Bright“-Mode, denn jeder der drei Reverb-Typen kann per Shift-Taste auch als Bright-Variante erklingen. Hören wir deshalb in eine kleine Auswahl der verschiedenen Effekte sowie den Hall an.

Neue Features

Split Point Crossfades

Ebenfalls neu sind die sogenannten Split-Point Crossfades, die es in den drei Modi off / small / large gibt und sanfte Übergänge zwischen den gesplitteten Sounds möglich machen. Spielt man beispielsweise einen Lauf über den Splitpunkt hinweg, dann werden die beiden Klänge in den Einstellungen small und large ein- und ausgefadet und überlagern sich innerhalb eines kleinen Bereichs. Ein interessantes Feature, was ich in dieser Form bisher bei keinem anderen Keyboard entdeckt habe (abgesehen vom Nord Electro 6D). Hier ein kleines Beispiel, zunächst in der Einstellung small, dann in large.

Seamless Transitions

Neu im Nord Piano 4 ist die Tatsache, dass Klänge beim Umschalten nicht mehr abreißen. „Seamless Transition“ heißt das neue Feature und stellt sicher, dass gehaltene Akkorde, Samples mit langer Release-Zeit sowie Delay oder auch Hall-Fahnen beim Sound-Umschalten nicht mehr abgeschnitten werden. Das Feature lädt sogar zu kreativen Experimenten ein, denn man kann einen sehr effektbeladenen Synth-Sound beispielsweise halten und umschalten und dann mit dem neuen Sound weiterspielen. Solange man den „alten“ Sound gedrückt hält, verschwindet er nicht. Aus meiner Sicht eine willkommene Bereicherung!

Erweiterte Polyphonie

Dank der Erweiterung der Polyphonie braucht man sich jetzt sicherlich keine Gedanken mehr über abreißende Klänge bei gedrücktem Haltepedal zu machen. Tatsächlich ist hier ordentlich aufgestockt worden: hatte das Nord Piano 3 nur 40-Stimmen für den Stereo-Betrieb (ja, hier gab es tatsächlich eine Unterscheidung je nach Mono- oder Stereobetrieb!), dann sind die 120 Stimmen in der Piano-Abteilung des Nord Piano 4 wirklich luxuriös. Glissandi oder ausladende Läufe über die Tastatur dürften bei gedrücktem Dämpferpedal kaum zu unerwarteten Überraschungen führen! 

In der Sample-Abteilung sieht es etwas anders aus: Hier wurde die Polyphonie vom 15 auf 30 Stimmen angehoben: das ist zwar deutlich weniger als in der Piano-Sektion, allerdings bin ich mir sicher, dass man etwa bei gelayerten Synth-Sounds oder etwa manuell erstellten Samples auch keine Piano-Polyphonie benötigt. Bedenkt man etwa, dass viele analoge Synthesizer nur wenige Stimmen hatten, dann dürfte man mit 30 Stimmen sicherlich gut auskommen.

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