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Workshop
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04.11.2014

Chromatics in der Improvisation #1 - Gitarren-Workshop

Chromatic im Rock-, Pop-, und Jazz-Solospiel

Die Basics

Die Grundlagen zum Thema Chromatic in der Improvisation lernt ihr im ersten Teil unserer neuen Workshop Serie für Gitarristen kennen. Vielleicht hat der eine oder andere unter euch in seinem Musikerleben bereits Bekanntschaft mit dem Ausdruck Chromatic machen dürfen. Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort "Chroma" für "Farbe" ab und wird in der Musik sehr häufig als Synonym für Halbtonschrittbewegungen verwendet - "chromatisch" bedeutet demnach "in Halbtonschritten".

Häufig benutzt man die Ausdrücke "diatonisch" und "chromatisch" als Gegensätze, was aber nicht zwingend korrekt ist. So finden wir z.B. in der C-Durtonleiter zwischen den Tönen e und f sowie zwischen b und c eine chromatische Bewegung, die jedoch in C-Dur ebenso diatonisch ist. Auf der anderen Seite wird unter dem Begriff "chromatisches Tonmaterial" auch gerne verstanden, dass es sich um "nicht- diatonische" Töne im Allgemeinen handelt. Wie ihr seht, kursieren zum Begriff "Chromatik" unterschiedliche Arten der Verwendung und Deutung, darum würde ich vorschlagen, die vereinfachte Definition "in Halbtonschritten" anzuwenden. Wer sich nochmals vergewissern will, was man unter Chromatik und Diatonik genauer versteht, ist natürlich herzlich eingeladen, meine Harmonielehre-Reihe zu Rate zu ziehen, dort wird der theoretische Unterbau noch einmal konkret erklärt.

Die Verwendung der Chromatik zeigt sich in der Musik sehr mannigfaltig und die Funktion chromatischer Töne kann je nach Stilrichtung ganz unterschiedlich ausfallen. In der Zwölftonmusik (eine Strömung der klassischen Musik Anfang des 20. Jahrhunderts mit Vertretern wie Arnold Schönberg oder Alban Berg) wird z.B. die chromatische 12-Tonleiter als Grundlage für Kompositionen verwendet, mit der Prämisse, vertraute melodische und harmonische Strukturen zu meiden. Das heißt, es entstehen Kompositionen, die man - vorsichtig ausgedrückt - nicht unter der Dusche pfeifen würde. Vollkommen anders also als beispielsweise im Blues, wo wir mit der blue note eine chromatische Note ins Rennen werfen, die jedoch als isolierter Melodieton keine große Bedeutung hat, sondern meistens aufgelöst wird.

Besonders extrem wird die funktionale Bedeutung der Chromatik im Jazz, wo chromatische Noten oft eingesetzt werden, um diatonische Intervalle aufzufüllen oder Zielnoten einzukreisen bzw. zu "approachen" (daher auch der Name "approach notes") - das heißt, sie dienen dem Spannungsaufbau oder der Ausschmückung. Wer sich mit Soli der alten BeBop-Hasen wie Charlie Parker und Konsorten beschäftigt hat (für diesen Zweck kann ich sehr das Charlie Parker "Omnibook" ans Herz legen), der weiß, wovon ich rede und wie stark die Chromatik stilprägend für dieses Genre ist. Längst hat dieses, doch eher dem Jazzidiom entspringende Stilmittel, Einzug in das Spiel moderner Gitarristen gefunden und darum möchte ich euch dieses Thema nicht vorenthalten.

Um eure Ohren zu öffnen und auch eure Greifhand mit den neuen Fingersätzen vertraut zu machen, möchte ich euch zunächst ein paar gängige Pattern der kompletten chromatischen Tonleiter auf dem Griffbett zeigen.

Der erste Fingersatz bewegt sich prinzipiell in Lage, wobei jedoch bei der aufsteigenden Variante der Zeigefinger den 4. und den 5. Bund übernimmt. Fallend macht es mehr Sinn, den kleinen Finger zu benutzen, so dass steigend und fallend unterschiedliche Fingersätze entstehen:

Auch in einer diagonal fallenden Bewegungsrichtung lässt sich unsere 12-Tonleiter spielen:

Diagonal steigend können wir diesen Fingersatz wählen:

Oder diesen:

Auch eine triolische Rhythmisierung sollten wir parat haben, entweder so:

Oder so:

Eine kleine Sequenz, die man auch super als Etüde oder zum „Warm-Up“ einsetzen kann, könnte folgendermaßen aussehen - versucht sie auch mal mit triolischer Rhythmisierung zu spielen:

Nachdem wir nun ein paar technische Übungen an der Hand und unser Ohr an den Sound der chromatischen Tonleiter gewöhnt haben, sollten wir einige Anwendungsformen der Chromatik genauer unter die Lupe nehmen.

Wie eingangs bereits erwähnt, liefert uns die Bluestonleiter bereits einen chromatischen Füllton in Form der "blue note". Nichtsdestotrotz ist dieser Sound inzwischen so vertraut, dass die Entstehung eines überraschenden Spannungsgefühls kaum noch aufkommt - anyway, interessante Licks entstehen allemal. Hier ein kleines Soundbeispiel über einen Dm-Akkord mit dazugehöriger D-Bluestonleiter:

Ein weiteres und sehr gängiges Stilmittel ist das halbtonmäßige  Annähern eines Zieltons von unten. Rein theoretisch kann ich jeden Skalen-  oder Arpeggioton auf diese Weise "approachen"  - aus diesem Grund nennt man diese Form von Chromatik auch gerne „one note approach“, doch später mehr dazu. 

Im folgenden Beispiel denke ich mir eine Dm-Pentatonik und nähere mich an die Grundtöne (in diesem Fall die Ds) mit einem Halbton von unten an:

Warum nicht mal übertreiben? Im unten aufgeführten Beispiel denke ich mir ebenfalls in der V. Lage ein Dm-Dreiklangsarpeggio (wem die Fingersätze der Triadarpeggios noch nicht vertraut sind, darf gerne in meiner Triadworkshopreihe nachschlagen) innerhalb der Dm-Pentatonik und „approache" die Akkordtöne (d, f und a), wohingegen ich die Dm-Pentatöne neutral belasse:

Wenn ich mir nun die Akkordtöne nicht steigend, sondern kreuz und quer angeordnet vorstelle, entstehen bereits sehr interessante Sounds:

Eine fast schon lickartige Anwendung, wie man sie häufig im Swing oder Gypsyjazz findet (wer sich für letztere Form des Jazz interessiert, dem seien natürlich Musiker wie z.B.  Django Reinhardt besonders ans Herz gelegt), besteht aus dem Umspielen jedes Akkordtons in folgender Manier:

Und funktioniert auch glänzend über Durakkorde:

In den folgenden Teilen dieses Workshops werde ich noch näher und vor allem noch viel detaillierter auf das Phänomen der "Approach Notes" eingehen, für die heutige Folge würde ich es jedoch gerne an dieser Stelle dabei bewenden lassen und noch einen Schritt weitergehen.

Eine weitere Möglichkeit, chromatische Fülltöne in unser Solospiel zu bringen, habe ich in meinem PlayAlike über John Petrucci bereits erläutert, eine Technik, die übrigens auch gerne von Gitarristen wie z.B. Steve Morse angewandt wird. Wir können nämlich, ausgehend von bekannten Tonleiterfingersätzen, die entstandenen „Lücken“ in den Intervallen auffüllen und so aus einem vertrauten Pentatonikfingersatz folgendes Konstrukt entstehen lassen:

Aus diesem Konzept könnten z.B. Licks wie das folgende entstehen, und um den Morse-Petrucci-„Gurgel"-Sound zu kreieren, sollte man den Halspickup verwenden:

Analog dazu können wir auch ein Durtonleiterfingershape mit Zusatztönen anreichern und dadurch aus einer „three note per string scale“ eine „four note per string scale“ zaubern. Falls wir zwei Ganztonabstände auf einer Saite haben, halte ich es für ratsam, den zweiten Ton aufzufüllen:

Ein Lick, bei dem diese Form der Auffüllung im Metal-Kontext zur Anwendung kommt, könnte wie folgt aussehen:

Wie gesagt, dieses Prinzip kann man in schnell gepickten Rocksoli anwenden - siehe John Petrucci oder Steve Morse – allerdings auch, um einer Improvisation einen jazzigen Touch zu verleihen. Jazzimprovisation muss nicht zwangsläufig mit komplexem Tonmaterial oder abgefahrenen Arpeggios verbunden sein. Auch wenn das Ganze ein wenig wie „Jazz für Kassenpatienten“ wirkt, funktioniert diese Technik überraschend gut und man kann mit sehr einfachen Mitteln sehr stilauthentisch solieren.

Ein wichtiger Punkt ist bei alldem natürlich die Dosis, die bekanntlich das Gift macht oder anders ausgedrückt: Wenn ich die Chromatik überstrapaziere, besteht die Gefahr, dass der Zuhörer oder sogar man selbst den tonalen Zusammenhang verliert. Darum sollte man sehr bedacht und ausbalanciert die Waage zwischen Tonleitermaterial und chromatischer Schmückung wählen. Zu Beginn könnt ihr z.B. die Faustformel anwenden, dass jedem aufgefüllten Intervall ein Nicht-Aufgefülltes folgen soll.

An dieser Stelle möchte ich euch ein paar angereicherte Pentatoniklicks präsentieren, die sich im Prinzip genau dieser Technik bedienen, in diesem Fall in Cm:

Eine andere Phrase in Kombination mit der Cm-Tonleiter:

Da man es im Jazz sehr häufig mit Spielen über „Changes“ - also wechselnden tonalen Zentren oder Tonarten - zu tun hat,  kommen wir manchmal nicht darum herum, auf Akkordwechsel einzugehen. Das muss uns aber nicht stören, da man ja für jeden Akkord eine passende Pentatonik anwenden kann. Im folgenden Beispiel pendeln die Akkorde Cm und Fm. Rein theoretisch könnten wir beide Harmonien der Tonalität Cm zuordnen und die Cm-Penta über beide Akkorde anwenden. Machen wir aber nicht, sondern benutzen die Cm-Penta für den Cm-Akkord, für den Fm jedoch die Fm-Pentatonik. 

Die Akkordfolge lautet also:

II: Cm I Fm :II

Ein Lick könnte z.B. folgendermaßen aussehen:

Oder so:

Hier ist euer Playback:

Zum Abschluss möchte ich euch noch ein Beispieltrack an die Hand geben, an dem ihr eure chromatischen Messer wetzen könnt.

Die Akkordfolge lautet folgendermaßen:

II: Fm7 I Fm7 I  Ab/Bb I C7/#9 :II

Harmonisch begegnet uns hier eine Akkordfolge in Fm, das bedeutet, dass sich die ganze  Progression mit chromatisch aufgefülltem Tonmaterial aus F-dorisch oder der Fm-Pentatonik ausspielen lässt.

Alternativ könnten wir den Fm7-Akkord mit Fm-Material bedienen, den Ab/Bb (hinter dem sich ein Bb7/9/sus4 verbirgt und damit aus dem Tonfeld Bb mixolydisch entspringt) mit der Gm-Pentatonik ausspielen und den C7 entweder ebenfalls mit der Fm-Pentatonik/F-dorisch oder, um einen alterierten Sound zu erzeugen, mit der Ebm-Pentatonik.

 

Hier ein kleines Beispiel von mir:

Und das Playback für euch:

So viel zur ersten Folge. Nehmt euch Zeit, mit den neuen Sounds vertraut zu werden, und auch, um die neuen Fingerkombinationen in den Griff zu bekommen. Im nächsten Teil wollen wir verstärkt auf den Umgang mit Approach Notes und der Umspielung von Arpeggiotönen eingehen.

Bis dahin würde ich sagen – stay tuned,

Haiko

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