Feature
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23.12.2011

Buchtipp: Anthony Kiedis - Scar Tissue

Pharmakologie auf der Center Stage

Im August stellten die Red Hot Chili Peppers ihr aktuelles Album „I’m With You“ vor – „Hurra, Sie leben noch!“ titelte der deutsche Rolling Stone dazu recht treffend. Und wieder mal gab es einen Gitarristenwechsel: Josh Klinghofer übernahm das gitarrenhölzerne Staffelholz von John Frusciante. Wer mehr über diese funkige Rockband wissen möchte, die es immerhin seit 1983 gibt, dem sei die sehr gelungene Autobiographie von Frontmann Anthony Kiedis ans Herz gelegt.   

Der Mann hat früh angefangen: Seine Kindheit verbringt er im ländlichen Michigan der 60er Jahre. 1974 zieht er im Alter von 12 Jahren nach der Trennung der Eltern zum Vater nach Los Angeles um, der sich dort als Schauspieler versucht. Sein Vater bietet ihm auch gleich den ersten Joint an, für den jungen Anthony beginnt eine abenteuerliche Zeit: „Skate-Boarding und Taschendiebstahl“ fasst er es zusammen. Er empfindet es aber auch als unbeschwert, er vergöttert seinen Vater. Er begleitet seinen Dad auf Drogendealtouren, hat seinen ersten One-Night-Stand – eben das, was man als 12jähriger so macht... äh, wie war das? Man würde vermuten, dass er auf dem Weg zu einer Karriere als Kleinkrimineller war –mitten im L.A. der frühen 70er mit Pillen, Parties und jeder Menge Live-Musik.   

Und dann ging’s doch anders weiter: Auf der Highschool lernt er Flea kennen, und kurze Zeit später den Gitarristen der Band Anthym – Hillel (den ersten Gitarristen der späteren RHCP). Der bringt Flea dann heimlich Bass spielen bei, eigentlich mit dem Ziel mit ihm den nicht adäquaten Bassisten in der eigenen Band zu ersetzen. Zum ersten Mal auf der Bühne steht Anthony mit ihnen um sie anzusagen, selbst Musik machte er noch nicht. Im Februar 1983 bringt ihn dann ein Freund dazu, mit Hillel und Flea als Vorband aufzutreten. Von Grandmaster Flash kriegt er die Idee, dass man nicht singen muss, sondern als Performer auch Gedichte rappen kann ... erstaunlich, wie aus solchen Zufällen Weltkarrieren werden! Natürlich kommt der Weg der Band zum Erfolg nicht zu kurz in diesem Buch – aber besonders lesenswert fand ich die persönlichen Erinnerung: wie die Band trotz zunehmenden Erfolges immer mehr in den Drogensumpf absteigt und auch Freunde und Bandmitglieder auf der Strecke bleiben. 

Im Auge des Sturms: Anthony Kiedis nennt die späten 90er seine „Jekyll-und-Hyde“ Jahre, für Flea ist das Jahr 1997 gar das „Jahr des Nichts“, weil die Band nur einen einzigen Auftritt spielte. Der Weg raus aus dem Sumpf ist lang und qualvoll, man kann förmlich mitfühlen, wie schwer es ihm gefallen sein muss, sich von dem Kreislauf aus Exzessen als Junkie wieder ins Leben zurück zu bewegen. Wie der Rolling Stone schon bemerkte: Erstaunlich, dass die Jungs noch unter uns weilen! All die Dinge, die passierten, sind für den Frontmann der Peppers „Scar Tissue“, das Narbengewebe, das in seiner Seele zurück bleibt. Jede Menge Fotos von Klein Anthony bis hin zum heutigen Mr. Kiedis in allen Lebens- und Bühnenlagen illustrieren seine Story. 

Sehr lesenswert – auch wenn das Buch bereits 2004 erstmals erschienen ist. Der New Musical Express erklärte es damals sogar zum Buch des Jahres. Ich habe die englische Originalfassung gelesen, aber in den Kritiken zur deutschen Fassung auf amazon.de habe ich nichts Negatives gesehen. Sollte man also auch bedenkenlos wagen können ...

Info

Deutsch
Taschenbuch, 432 Seiten          
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3462034837

Englisch
Taschenbuch, 465 Seiten 
Verlag: Little, Brown Book Group

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