Hersteller_Avid Software
Test
10
29.01.2015

PRAXIS

Dieser Testbericht fußt auf meinen Erfahrungen mit einem Pro Tools HD Native System, auch wenn ich die Software teilweise auf Rechnern ohne Avid-Audio-Interface oder mit einer Mbox betrieben habe. Welche Funktionen der „einfachen“ Version fehlen, steht hier und ist an vielen Stellen im Text bemerkt.

Ein kleiner Videoüberblick über die neuesten Features.

Der erste Eindruck der 64 Bit

Die Installation von Pro Tools 11 lief bei mir problemlos und gestaltete sich auf einem Mac mehr als einfach. Es wird übrigens immer das komplette Programm installiert. Ob der Startbildschirm anschließend „Pro Tools 11“ oder „Pro Tools 11 HD“ anzeigt, hängt nur von der Lizenz ab, die beim Start von einem iLok 2 als Kopierschutzstecker abgefragt wird. Diese USB-Dongles arbeiten mittlerweile mit einem Programm namens „License Manager“, das zum Übertragen der Lizenzen auf einen iLok verwendet wird und die Verbindung zum iLok-Server herstellt. Freundlicherweise erhält man beim Kauf einer Pro-Tools-11-Lizenz auch eine 10er-Lizenz in der entsprechenden Ausbaustufe. Damit ist die Abwärtskompatibilität sichergestellt.

Pro Tools 11 ist jetzt endlich auch eine 64-Bit-Applikation – mit weitreichenden Konsequenzen: Die wichtigste Veränderung dabei ist, dass nun der gesamte RAM des Computers für Pro Tools verwendet werden kann. In der 32-Bit-Variante (Pro Tools 10 und früher) waren maximal vier Gigabyte für einen Prozess nutzbar. Das konnte bei großzügigem Gebrauch von riesigen Multisample-Libraries schnell mal eng werden. Der Vollständigkeit halber weise ich darauf hin, dass Pro Tools 10 HD trotzdem mit dem überzähligen RAM umzugehen weiß: Großzügig mit RAM bestückte Computer können die Pro Tools Timeline im sogenannten Disk Cache verwalten. Die Wiedergabe der Clips auf den Spuren erfolgt dann nicht von der Festplatte, sondern direkt aus dem Arbeitsspeicher. Das entlastet die Festplatte und erhöht die Zugriffsgeschwindigkeit. Natürlich ist diese Funktion auch in Pro Tools 11 HD erhalten geblieben, dem „einfachen“ Pro Tools 11 bleibt sie aber weiter vorenthalten.

Ein weiterer Effekt der neuen 64-Bit-Engine ist, dass alle Plug-Ins 64-Bit-AAX-Plug-Ins sein müssen. Die Plug-In-Schnittstellen TDM und RTAS gibt es folglich nicht mehr. An dieser Stelle hat sich der Zwischenschritt mit Pro Tools 10 als clevere Strategie erwiesen: Viele Hersteller haben für Pro Tools 10 bereits AAX-Plug-Ins (32 Bit) programmiert und hatten mit der Umstellung auf 64 Bit für Pro Tools 11 kaum Probleme. Mittlerweile sind sehr viele Plug-Ins für AAX verfügbar. Wenn man auch feststellen muss, dass die AAX-DSP-Schnittstelle, über die Plug-Ins auf den DSP-Chips der HDX-Karten berechnet werden, spärlicher bedient wird. Während Waves die neue DSP-Schnittstelle aus sehr durchsichtigen Gründen nicht mehr bedient und nur noch native AAX-Plug-Ins anbietet, bleibt der Rückzug anderer Hersteller (etwa TC Electronic) rätselhaft. Immerhin hat Avid so gut wie alle TDM-Plug-Ins zu AAX DSP transformiert. Lediglich ein paar ganz alte Weggefährten wie DINR, Bruno und Reso wurden zur Ruhe gesetzt.

Ein Ergebnis dieser gravierenden Umstrukturierung bei den Plug-Ins heißt Offline-Bouncing. Ein kleines unscheinbares Häkchen namens „Offline“ im Bounce-Fenster veranlasst Pro Tools 11 dazu, die Session so schnell wie möglich mit allen zur Verfügung stehenden CPU-Ressourcen auf die Festplatte zu schreiben. Das klappt sogar mit HDX-Systemen, bei denen AAX-DSP-Plug-Ins in Gebrauch sind. De facto werden die DSP-Plug-Ins beim Bouncen in native AAX-Varianten umgewandelt, weil die DSPs sich nicht fürs Offline Bouncing eignen. Voraussetzung ist natürlich, dass es eine native Entsprechung des AAX-DSP-Plug-Ins gibt. Das trifft aber auf die meisten AAX-Plug-Ins zu. Der Benutzer wird mit diesen Umwandlungen nicht behelligt und kann nach dem Bounce einfach weiterarbeiten.

Die Integration der AAX-DSP-Plug-Ins in den Offline-Bounce kann in extremen Situationen dazu führen, dass ein Offline-Bounce langsamer als Echtzeit ist. Nämlich dann, wenn in einer Session sowohl die nativen als auch die DSP-Ressourcen so intensiv genutzt werden, dass die Umwandlung der DSP-Plug-Ins ins native Format einen Flaschenhals erzeugt. In vielen Situationen ist der Offline-Bounce jedoch deutlich schneller als Echtzeit. Besonders dann, wenn die Session im Disk Cache läuft und die CPU-Belastung sehr gering ist. Bei Sessions mit 44,1 oder 48 kHz Sampling Rate auf einem drei Jahre alten i5 iMac erreichte ich bei moderater Auslastung durchaus den Faktor 100. Bei einer ähnlichen Session mit 96 kHz waren die Ergebnisse kaum vorhersehbar. Zwischen den Faktoren 2 und 20 bin ich bei mehreren Versuchen immer wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen.

Am meisten profitiert man vom Offline-Bounce, wenn man lange Sessions erstellt, die mit wenig Plug-Ins und parallel genutzten Spuren auskommen, also beim Zusammenschnitt von Radiosendungen oder dem Final-Cut der Filmmusik, wenn die einzelnen Cues zu einer zusammenhängenden Strecke gebounced werden.

Neben dem finalen Bounce gibt es zahlreiche andere Anwendungsfälle, in denen der Offline-Bounce sehr sinnvolle Dienste leisten kann, etwa beim Ausspielen von Stems oder beim Rendern von virtuellen Instrumenten. Auch hier gibt es wieder ein Bonus-Feature für die HD-Fraktion: Bis zu 16 Quellen können gleichzeitig offline gebounced werden. Als Bounce-Quelle stehen alle Busse und Outputs zur Verfügung. Wer das beim Routing seiner Spuren konsequent berücksichtigt, hat später beim Ausspielen von Einzelspuren oder Stems leichtes Spiel.

Die neuen Turbos unter der Haube

Die Neu-Konstruktion von Pro Tools hat uns auch zwei neue „Engines“ beschert: Einerseits die neue Avid Video-Engine, die aus dem Media Composer entliehen, das Zusammenspiel der Avid-Video- und Audio-Software optimieren soll und für die Videowiedergabe in Pro Tools sorgt, und andererseits die neue Avid Audio Engine (AAE), die die altgediente DAE ablöst. Die Avid Video-Engine ist meiner Erfahrung nach recht Arbeitsspeicher-hungrig. Auf älteren Rechnern mit lediglich vier Gigabyte oder weniger Speicherausstattung und älteren Prozessoren (etwa Intel Core 2 Duo) sollte man die Video-Engine lieber ausgeschaltet lassen.

Nach einigen Kinderkrankheiten in den ersten Inkarnationen von Pro Tools 11 arbeitet sie spätestens seit Pro Tools 11.2 zuverlässiger und macht bei mir keine Probleme. Es verhallen aber die Kommentare anderer User nicht, die von größeren Schwierigkeiten mit verschiedenen Video-Codecs berichten. Ob die alle immer der neuen Video-Engine zugeschrieben werden können, mag ich nicht beurteilen.

Welches Videodateiformat auf dem eigenen System am besten läuft, sollte man durch Ausprobieren ermitteln. Für unsere Voice-over-Arbeit im Studio bekommen wir jede Menge Videomaterial aus verschiedenen Quellen und stehen und standen schon häufig vor dem Problem, dass Videomaterial für den Einsatz in der DAW konvertiert werden muss. Mit anderen Worten: Nichts Neues an dieser Front.

Wesentlich spannender sind dagegen die Veränderungen, die sich aus der neuen Audio-Engine ergeben: Avid selbst nennt den verbesserten Umgang mit Mehrkernprozessoren, die seit geraumer Zeit der Standard sind. Und das zeigt sich auch in der Praxis. Keine unerwarteten CPU-Spitzen mehr und insgesamt eine Performance, die bei meinen Vergleichen erheblich mehr Spuren und Plug-Ins erlaubte als mit Pro Tools 10. Das ist schon beeindruckend und sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass Avid nun eine «dynamische Plug-In-Verarbeitung» anbietet.

Wenn das entsprechende Häkchen in der Playback-Engine gesetzt ist, verbraucht ein natives Plug-In nur dann CPU-Ressourcen, wenn es ein Audiosignal verarbeitet. Mit anderen Worten: Sind auf einer Audiospur Plug-Ins insertiert, verbrauchen sie im Wiedergabemodus nur dann CPU, wenn gerade ein Clip auf der Spur abgespielt wird, in leeren Passagen zwischen Clips nicht. Dieser kleine Trick kommt in Logic schon seit vielen Jahren zum Einsatz und sorgt für den Ruf des Programms, Plug-Ins besonders Ressourcen-schonend zu verarbeiten.

Außerdem verfügt die neue Audio-Engine über zwei Audio-Buffer: Einen für die Wiedergabe, der von der Software automatisch eingestellt wird und für eine verlässliche Wiedergabe der Spuren sorgen soll, und einen weiteren für live durch das System laufende Signale, etwa auf scharfgeschalteten Spuren oder solchen, für die Input-Monitoring aktiviert ist. Dieser Buffer kann bei 44,1 oder 48 Kilohertz Sampling-Rate auf bis zu 32 Samples (64 Samples bei höheren Sampling-Rates) reduziert werden. Das führte in meinem Fall dazu, dass ich mit eingeschliffenen Plug-Ins aufnehmen konnte, ohne eine Latenz wahrzunehmen und Software-Instrumente ohne Verzögerungen zu spielen waren. Die Latenzkompensation kann 16.000 Samples Verzögerung bei 44,1 und 48 Kilohertz Sampling-Rate ausgleichen und reicht somit auch in extremen Situationen aus.

Verbessertes Metering

Die Pegelanzeigen des Mischpults sind größer geworden und lassen sich nun auf auf verschiedene Skalen und Ballistiken einstellen. Vier Basis-Modi stehen zur Verfügung: Sample Peak (Default-Einstellung), Pro Tools Classic, Venue Peak und Venue RMS. Pro Tools HD bietet insgesamt 13 weitere Varianten, zu denen neben Broadcast-Standards verschiedener Regionen auch drei K-Scale Meters nach Bob Katz und einige mehr zählen. Da sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein. In den Voreinstellungen ist diesem Thema ein eigener Reiter vorbehalten, mit sehr detaillierten Einstellmöglichkeiten (siehe Abbildung).

Eine Erweiterung des Meterings ist Benutzern von Pro Tools HD vorbehalten: die Anzeige der Gain-Reduction durch Dynamik-Plug-Ins wie Kompressoren oder Expander. Die entsprechende Anzeige taucht direkt neben der Pegelanzeige des Kanals auf und kann sich auf alle Dynamikprozesse gemeinsam oder einzelne beziehen. Eine Miniatur-Darstellung des Gain-Reduction-Meters wird sogar in den einzelnen Insert-Slots angezeigt, wenn dort ein Dynamik-Plug-In insertiert ist. Eine vergleichbar luxuriöse Anzeige lässt sich auch für die Sends einstellen. So hat man immer im Blick, welche Sends momentan aktiv sind. Zusätzlich ist es jetzt aber auch möglich, alle 10 Sends gleichzeitig im Expanded View anzuzeigen, was den Fokus im Mischpult ein wenig verzerrt. Während zehn gleichzeitig vielleicht etwas viel sind, ist die Arbeit mit drei oder vier detailliert dargestellten Sends auf einem entsprechend großen Bildschirm sehr angenehm.

Veränderte Weichen Part 2

Neben der Umgestaltung der Software hat sich Avid auch eine veränderte Lizenzierungspraxis für Pro Tools überlegt. Von der grundsätzlichen Entscheidung, die Nutzungslizenz mit einem Support-Vertrag zu koppeln, habe ich das erste Mal bereits vor zwei Jahren gehört. Jetzt wird es Realität. Ähnlich wie bei Adobe wird die zeitlich unbefristete Lizenz jetzt in eine Miete über die Support-Laufzeit umgewandelt, wenn man es mal überspitzt formuliert. Der Vergleich mit der Miete hinkt jedoch, denn nach Ablauf des Support-Vertrags kann man Pro Tools selbstverständlich unbegrenzt weiter nutzen, auch wenn man keinen neuen Support-Vertrag abschließt. Nur der Zugang zu neueren Versionen bleibt einem versperrt.

Aus Sicht des Herstellers ist es natürlich so gedacht, dass der Nutzer zukünftig eine Art Pro-Tools-Abo abschließt, jährlich die Support-/Lizenzgebühr bezahlt und dann immer mit der neuesten Version arbeiten kann. Außerdem sind sehr kurzfristige Lizenzen für einen oder drei Monate angedacht. Die spannende Gretchenfrage ist, was passiert, wenn ich meinen Support-/Lizenzvertrag auslaufen lasse, einige Monate später aber feststelle, dass ich die gerade frisch herausgekommene Pro-Tools-Version unbedingt haben möchte? Muss ich Pro Tools dann neu kaufen? Oder bezahle ich lediglich eine leicht erhöhte Jahreslizenz, um wieder ins Spiel zu kommen? Diese Frage scheint momentan noch nicht abschließend geklärt.

Das neue Lizenzmodell hat viele Kritiker und wird in Zukunft beweisen müssen, ob es hält, was es verspricht. Ein jährlicher Abo-Preis von mehr als 550 Euro für Pro Tools HD und von deutlich über 200 Euro für Pro Tools sind kein Pappenstiel. Vieles wird auch davon abhängen, wie gut die zum Produkt gehörenden Support-Leistungen wirklich sein werden. Oder ob sie nur das Feigenblatt sind, mit dem man die Umstellung auf ein für Avid lukrativeres Lizenzmodell verdecken will. Genau so gut ist auch vorstellbar, dass der Nutzer mittelfristig vom neuen Geschäftsmodell profitiert. Neue Funktionen in Pro Tools können schneller realisiert werden, weil der Druck wegfällt, möglichst viele neue Funktionen zu bündeln, die den Upgrade-Preis rechtfertigen. Doch das ist alles pure Spekulation und wird sich erst in der Zukunft zeigen.

Insbesondere im Post-Production-Lager sind viele Nutzer enttäuscht, dass es für sie lange keine neuen Funktionen mehr gab. Seit Pro Tools 7 zielten die meisten Programmverbesserungen auf Musiker ab, was an vielen Stellen richtig und wichtig war. Wer sich aber aktuell ansieht, was Steinbergs Nuendo 6.5 an Möglichkeiten bietet, um Sprachaufnahmen zu vereinfachen (vom Taker-System bis zu Video-Overlays), fragt sich zurecht, warum Pro Tools auf diesem Sektor lange keine Fortschritte mehr gemacht hat.

Doch unabhängig vom vielfältigen Kleinklein nützlicher Zusatzfunktionen ist aus meiner Sicht wichtig, dass das „Meilenstein“-Upgrade  von Pro Tools 10 auf 11 fürs praktische Arbeiten gut über die Bühne gegangen ist. Avid hat die eigenen Plug-Ins schnell an den Start gebracht, und in der täglichen Arbeit fühlt sich Pro Tools 11 noch performanter und besser an als vorangegangene Versionen. Mittlerweile gibt es kaum noch Plug-Ins, die nicht als AAX zur Verfügung stehen. Ich halte Pro Tools 11 deshalb für ein sehr gutes und stabiles Pro Tools, das den Vergleich mit den Vorgängern locker aufnehmen kann. 

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