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03.01.2022

Audiovergleich - IK Multimedia Amplitube X-Drive vs. Original-Pedale

Amplitube X-Drive vs. Tube Screamer, Boss DS-1, Arbiter Fuzz Face, MXR Distortion+ und andere

Modeling-Zerrer gegen Originale

Der italienische Hersteller IK Multimedia, bekannt für die Amplitube Software für PC und Mac, hat sein Sortiment erweitert und ist nun auch ins Hardware-Geschäft eingestiegen. Seine X-Gear Serie enthält vier Effektpedale für Gitarre, die sich jeweils einem speziellen Thema widmen: X-Drive (Overdrive, Distortion, Fuzz), X-Space (Reverb), X-Time (Delay) und X-Vibe (Modulation).
Alle Pedale verfügen über 16 Algorithmen zur Erzeugung der jeweiligen Effekte, unter ihnen auch einige digitale Nachbildungen analoger Effektpedal-Klassiker. In diesem Audiovergleich steht der X-Drive im Rampenlicht und darf gegen einige dieser analogen Zerr-Ikonen antreten.

Die Klassiker

Wir wollen herausfinden, wie nah der Sound des X-Drives an den Originalen ist und dabei nicht nur den Klang in den Mittelpunkt stellen. Bei manchen Pedalen gilt es auch, die Reaktion auf die Anschlagsdynamik im Blick zu haben sowie die Möglichkeit, den Zerrgrad über das Volume-Poti an der Gitarre zu steuern. Beim X-Drive sind einige der beliebtesten Overdrive/Distortion- und Fuzz-Pedale als digitale Modelle integriert und wir haben die verfügbaren Originale zum Vergleich zusammengetrommelt. Hier die Kandidaten aus der analogen Abteilung:

Der SD-1 ist der Nachfolger des beliebten OD-1 Pedals, des ersten Overdrives aus dem Hause Boss, ausgestattet mit einer klassischen Overdrive-Schaltung. Im Vergleich zum OD-1 hat man dem SD-1 neben den Regelmöglichkeiten für Drive und Level ein Tone-Poti spendiert - die klassische Dreierkette für Overdrive-Pedale.

Die Ratte, die Ende der 1970er-Jahre entwickelt wurde, ist ebenfalls mit diesen drei Reglern bestückt. Allerdings hat das Filter-Poti eine eher gegensätzliche Funktion als übliche Tone-Regler bei solchen Zerrern. Hier werden die hohen Frequenzen abgesenkt.

Ein Klassiker, der irgendwo zwischen Distortion und Fuzz einzuordnen ist. Das Pedal wurde 1970 von Electro Harmonix Mastermind Mike Matthews entwickelt und hat mit seinem Sound diverse Songs der Rockgeschichte geprägt. Von Pink Floyd über Nirvana bis zu Jack White oder den Smashing Pumpkins ist der sustainreiche Zerrsound zu hören. Auch bei Bassisten steht das Pedal sehr hoch im Kurs, wenn es mal in den tiefen Frequenzen richtig sägen soll.

Diesen Klassiker aus dem Hause Boss gibt es seit 1978 und als meistverkauftes Effektpedal der japanischen Marke liefert er kernige Zerrsounds mit gutem Durchsetzungsvermögen. Joe Satriani, Steve Vai oder auch Kurt Cobain haben dieses Pedal auf der Bühne und im Studio benutzt.

Dieser schwarze Zerrgenerator von Boss hat eine stark polarisierende Wirkung. Während die einen ihn lieben, ist er für andere schlichtweg ein rotes Tuch. Aber so ist das nun mal mit den Geschmäckern. Fakt ist, dass der MT-2 mehr oder weniger als Nachfolger des HM-2 angetreten ist und für High-Gain-Zerrsounds im Metal-Bereich sorgen soll. Charakteristisch ist dabei die parametrische Mittenregelung für die bekannten und beliebten Mid-Scoop-Sounds.

Der Distortion+ kam ebenfalls in den 1970er-Jahren auf den Markt. Er erzeugt seinen Zerrsound mit einem einfachen OP-Amp und einem Paar Germaniumdioden. Auch bei den Regelmöglichkeiten ist das Pedal sehr übersichtlich – es gibt lediglich einen Regler für die Lautstärke und einen für den Zerrgrad. Randy Rhoads oder auch Dave Murray von Iron Maiden setzten den Distortion+ gerne ein.

Mit Hendrix wurde das Fuzz Face bekannt, das den Sound vieler seiner Aufnahmen und Live-Performances geprägt hat. Auch hier gibt es beim Original mit Volume und Fuzz lediglich zwei Regelmöglichkeiten. Trotz des kaputten Sounds, den das Pedal erzeugen kann, reagiert es sehr gut auf das Volume-Poti an der Gitarre, vor allem bei Singlecoil-Pickups. Es liefert einen recht klaren und auch höhenreichen Ton, wenn man das Volume an der Gitarre zurücknimmt.

Der Klassiker, über den man eigentlich nicht mehr viel sagen muss. Es gibt wohl auch kein Modeling-Gerät, das den Tube Screamer nicht als digitales Abbild im Sortiment hat. Der grüne Klassiker ist beliebt für seine angezerrten Sounds, wenn man ihn vor einen unverzerrten Amps schaltet, er wird aber auch sehr gerne als Booster zum Anfeuern von bereits verzerrten Amps oder weiteren Zerrpedalen benutzt.

Audiovergleich

Bevor es losgeht, eine Sache vorweg: Von vielen Original-Pedalen existieren unterschiedliche Versionen, weshalb es nicht den einen Big Muff oder Tube Screamer gibt. Im Laufe der Zeit wurden bei vielen Geräten Bauteile ausgetauscht, sodass sich auch der Klang immer mal wieder änderte. Wir wissen auch nicht, welche dieser Versionen IK Multimedia als Vorlage für das jeweilige digitale Modell genommen hat. Um das Ganze authentisch darzustellen, müsste man genau diese Pedale mit den Sounds des X-Drive vergleichen. Aber das sollte eigentlich auch nicht der Ansatz sein, denn wir wollen wissen, ob man den Charakter der Originalpedale mit dem X-Drive erzeugen kann. Damit soll die Frage beantwortet werden, wie nahe man an den Originalsound und das Spielgefühl herankommt und ob das Ganze auch für Bühne und Studio tauglich ist. Im Einsatz ist hier wieder der Sovtek MIG-50H, clean eingestellt. Der Amp läuft über eine 4x12 Marshall Box (Celestion G12M), die mit einem Neumann TLM-103 abgenommen wird. Lediglich bei zwei Beispielen kommt statt des Sovtek ein Marshall Plexi mit bereits verzerrtem Sound zum Einsatz. Das ist der Fall beim Fuzzface Beispiel 2 und dem TS-808 Beispiel 1 sowie den dazugehörigen Nachbildungen aus dem X-Drive. Beim Fuzzface wurde das Reaktionsvermögen auf das Volume-Poti an der Gitarre getestet und der TS-808 in dem genannten Beispiel als Booster für den Plexi-Sound benutzt. Dort hört ihr auch zuerst den Sound des Marshalls ohne TS-808 und dann mit dem Tube Screamer.

Fazit

Generell trifft das IK Multimedia Amplitube X-Drive die klanglichen Eigenschaften der Pedalklassiker sehr gut. Das betrifft den Frequenzgang und die Art der Verzerrung sowie das Ansprechverhalten auf die dynamische Spielweise oder die Einstellung des Volume-Potis an der Gitarre. Bei manchen Beispielen kam ich recht nah an den Originalsound heran (z. B. SD-1), bei anderen (z. B. Fuzzface) war der Unterschied etwas größer. Das liegt natürlich auch daran, dass es beim X-Drive etwas mehr Einstellmöglichkeiten gibt und man immer mal wieder mit der Klangregelung und den anderen Parametern experimentieren muss. Im Detail betrachtet hat der X-Drive einen etwas härteren Höhenbereich. Bei den analogen Originalen klingt es in den oberen Frequenzen immer eine Ecke glatter und harmonischer, dort kommt der X-Drive ein wenig eckig daher. Das wird beim genauen Hören der allein gespielten Gitarrenspur im direkten Vergleich deutlich. Geht man aber in die Praxis und nimmt einen Song im Band-Arrangement mit dem X-Drive auf und benutzt die üblichen Tools wie einen dynamischen EQ, der den Höhenbereich bei lauteren Stellen etwas absenkt, dann wird der Unterschied geringer und ist im Gesamtmix nicht mehr so stark hörbar. Der X-Drive punktet auf jeden Fall mit seiner Flexibilität, einem eingebauten Noise-Gate und komfortablen Einstellmöglichkeiten.  

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