Software
Test
10
20.03.2018

Praxis

Gewohnte Bedienung und Zusatzfeatures


Da Arturia nicht nur den Klang, sondern auch die Bedienfelder der Klangerzeuger emuliert, fühlt man sich bei den Synths sofort zu Hause, sofern man schon mal eines der Vorbilder bedient hat. Die wesentlichen Funktionen befinden sich zumeist auf dem Mainscreen, also dem eigentlichen Interface der Vorbilder. Hinter erweiterten Bedienoberflächen, die bei den Originalen nicht mit dabei sind, befinden sich Zusatzfeatures. In diese gelangt man durch den Open Mode, den man über einen kleinen Pfeil am oberen Rand der Bedienoberflächen findet. Das ist praktisch gelöst, da man beim Durchforsten der Presets und „normalen“ Klanganpassungen alles Wesentliche auf einen Blick hat. Wenn man tiefer ins Klanggeschehen eintauchen oder eben auf die Zusatzfeatures zugreifen möchte, „öffnet“ man das Instrument mittels Open Mode. Somit ist nicht eine Singlescreen-Bedienoberfläche mit Features zugekleistert, die den eigentlichen Synth unnötig kompliziert wirken lassen. Vielmehr ist alles an seinem rechten Fleck und bei Bedarf abrufbar. Der Browser ist im Vergleich zu den Vorgängerversionen noch mal übersichtlicher geworden und erleichtert so die schnelle Soundsuche.

Yamaha DX7

Natürlich handelt es sich bei den neuen Synths des Bundles wieder um alte Klassiker, die – wie von Arturia gewohnt – um interessante Features erweitert wurden. Der DX7 ist ein auf FM-Synthese basierender Synthesizer aus dem Hause Yamaha. Er gilt als erster – für Normalsterbliche käuflich zu erwerbender – digitaler Synthesizer, der für Klänge beliebt ist, die man mit der subtraktiven Synthese weniger gut realisieren kann. Darunter synthetische E-Pianos, perkussives Material à la Xylophon und weitere Nachbildungen akustischer Instrumente, etwa Orgeln und Blasinstrumente. Auf gefühlt unendlich vielen Christmas Hits sind seine „gläsern-metallischen“ Glockensounds zu hören.

Die Emulation bekommt eine etwas modernere Bedienoberfläche mit Easy-Edit-Page verpasst, was das Ändern der FM-Klänge simpler gestaltet – in der virtuellen Welt hat man eben andere Möglichkeiten, ein Interface und dessen Bedienung zu gestalten. In dieser Sektion befinden sich sechs klassische FM-Operatoren inklusive Multimode-Filter und Feedback sowie auswählbare Wellenformen für die Oszillatoren, die sich in einer übersichtlichen Liste befinden. Die Hüllkurven des Originals sind hier ebenfalls vorzufinden wie neu hinzugefügte. Und das Schönste: Das alles ist wesentlich übersichtlicher gestaltet als beim echten DX7 dank grafischer Darstellungen und selbstdefinierbaren Hüllkurven – virtuelle Nachbildungen haben eben auch so ihre Vorteile. Hinzu kommt eine umfangreiche Modulationssektion mit einem einfach zu bedienenden Sequencer und einer 8x8 Matrix mit drei Tabs (1-8, 9-16, 17-24), in der sich die Parameter bequem und überschaubar zuweisen lassen. Die Patterns werden intuitiv mit Stift-, Linien- und Radiergummiwerkzeugen eingezeichnet. Mit dabei ist außerdem ein zusätzlicher LFO, den das Original nicht an Bord hatte. Hinzu kommt eine solide Effekt-Sektion mit vier Insertslots, in der von Modulationseffekten, über Reverb und Delay bis hin zu Kompressor und Filter einiges dabei ist.

Auf dem Mainscreen erhält man Zugriff auf die 32 Algorithmen des Originals inklusive grafischer, bunter Darstellung. Neben dem Volume-Fader sind vier statt nur zwei frei zuweisbare CS-Fader am Start, die als Macro-Fader nahezu jeden erdenklichen Parameter des Open Modes annehmen können – sehr schön für Performances! Und ja, der SysEx-Import aus dem Original DX7 ist möglich!

Die folgende Bell-Passage sollte so ziemlich jedem aus „Do they know it’s Christmas“ bekannt sein. Zum etwas trockenen, aber dennoch authentischen Preset „Tub Bells“ habe ich im zweiten Klangbeispiel die Onboard-Effekte Chorus und Reverb beigemischt, damit es noch etwas mehr wie im Original klingt. Insgesamt ein authentischer DX7-Sound mit übersichtlicherem Konzept.

Buchla Music Easel

Der Buchla Music Easel ist ein analoger Synthesizer, dessen Fokus auf der Spielbarkeit und der Performance liegt. Das ist gerade deshalb besonders, da er zur Klangerzeugung die eher aufwendige additive Synthese verwendet. Dennoch kommt er mit wenigen Bedienelementen aus und minimale Parameteränderungen modifizieren den Klang drastisch. Für einen Synthesizer anno 1979 gehörte er zu den innovativen Kollegen: druckempfindliche Touch-Tastatur (ähnlich Korg Volcas), Sequenzer, Impulsgeber, Hüllkurvendetektor, symmetrischer Modulator, Oszillatoren, Gates, Hüllkurvengeneratoren, Filter und Mixing-Sektion sind mit an Bord. Die Sektionen werden durch eine Kombination aus Patching und Switching miteinander kombiniert, was flexibel ist und gleichzeitig zu schnellem Sounddesign führt. Nicht zuletzt seine Fähigkeit, vollständige Patches oder Teile davon mittels Programmkarten dauerhaft zu speichern und sofort abzurufen, machte ihn zu einem für seine Zeit flexiblen Performance-Instrument.

Die Arturia-Nachbildung sieht ebenfalls so verspielt aus wie das Original und bekommt eine Sektion namens Gravity spendiert. Eine auf Physik basierende Engine (kein Physical Modeling), die zu den ohnehin schon umfangreicher gestalteten Modulationen unregelmäßige Variationen ermöglicht. Die Variationen können beispielsweise über die Tastatur, den Pulser oder die Sequential Voltage Source getriggert werden. Das Ganze lässt die Klänge noch organischer wirken, da sie fast wie von selbst stetig in Bewegung sind. Ganz sicher keine schlechte Idee bei einem ohnehin schon Performance-orientierten Instrument. Die eigentlichen Modulationen verfügen über selbstdefinierbare Hüllkurven, die 76 Modulationsziele modulieren können. Wie auch die Gravity Engine befindet sich das Ganze glücklicherweise im Open Mode – die Lernkurve des Synths ist nämlich schon auf der Hauptbedienoberfläche des Originals recht steil. Als Neuling – wie ich – sollte man etwas Einarbeitungszeit einplanen. Auch wenn es sich hierbei um ein Performance-Instrument handelt, ist die additive Synthese schon eine Welt für sich. Schön ist, dass man beim Bedienen der virtuellen Patchkabel immer angezeigt bekommt, welche Parameter sich miteinander koppeln lassen.

Optisch mag der Synth zwar einem bunten Kinder-Spielzeug-Keyboard ähneln, aber umso weniger mag man glauben, was aus der Kiste herauskommt. Seine Stärken liegen ganz sicher in sequentiellen Sounds und rhythmischem Material, das einen gewissen Retro-Touch hat und stellenweise schon FM-Synthese gleichkommt. Das kommt nicht zuletzt daher, dass sich der Complex Oscillator (das Herzstück des Synths), dessen Grundsound eine Sinuswelle ist, mit Obertönen addieren lässt. Das kann schnell in metallische Klänge ausarten. Besonders dann, wenn der Complex Oscillator mit dem Modulation Oscillator mittels FM oder AM moduliert wird.

Fairlight CMI

Der Fairlight CMI (Computer Musical Instrument) war der erste digitale Synthesizer mit Sampling-Funktion, der mittels Sample-Library und Sequencer das Zeitalter des Samplings einläutete. Arturias Emulation bietet 10 multitimbrale, polyphone Slots zur Klanggestaltung und ist um eine Effekt-Sektion erweitert worden. Neu dabei ist auch ein Spektral-Synthesizer mit Echtzeitwellenformdarstellung, mit dem sich Audioschnipsel scannen und mischen sowie Wavetables erstellen lassen. Spektral- und Wavetable-Synths erfreuen sich aktuell wachsender Beliebtheit. Daher ist es nur sinnvoll, konkurrenzfähig zu bleiben und die CMI-Emulation mit diesen Features zu erweitern.

Bei dieser Nachbildung wird wieder einmal deutlich, mit welcher Liebe zum Detail Arturia an die fotorealistischen Darstellungen der Emulationen herangeht. In der Hauptansicht sieht man das gesamte Setup. Übrigens: die Computertastatur des Samplers wurde mit emuliert, die ebenfalls Geräusche von sich gibt (nettes Gimmick) – leider muss man durch die eine oder andere Spielerei einen unnötig hohen Verbrauch der Rechenleistung in Kauf nehmen. Das fällt beim CMI am meisten auf, aber auch andere Emulationen der V Collection bringen den Rechner recht schnell ins Schwitzen. Klickt man auf den Bildschirm des Samplers, gelangt man in die einzelnen Sektionen, in denen dann das eigentliche System des Samplers und auch die Erweiterungen zu finden sind.

Die zweifarbige Bildschirmdarstellung ist heutzutage nicht mehr wirklich zeitgemäß, aber irgendwie kommt in der Verbindung mit dem Klangcharakter des Synths ein leicht nostalgisches Retro-Feeling auf, das einen auf eine gute Art und Weise in die Steinzeit der Sampling-Technik katapultiert. In Verbindung mit den neuen Features des Synths geht das aber in Ordnung. Der Import eigener Samples ist mit einem Klick auf ein Ordner-Symbol möglich. In einer Control Section befinden sich vier Module (Tune/Filter, Envelope, Vibrato und Porta/Bend) mit denen sich die Samples zurechtrücken lassen. Hinzu eine Edit Sektion, mit der Parameter wie Bittiefe angepasst oder die Samples reverse abgespielt werden. Insgesamt hat man also trotz des alten Konzepts viele Möglichkeiten zum Editieren. Die Bedienoberfläche erfordert verglichen mit aktuellen Sampler-Wavetable-Kollegen wie dem Initial Audio SEKTOR etwas mehr Einarbeitungszeit. Das Gesamtpaket ist aber dennoch übersichtlich. Der Grundsound der CMI-Emulation bringt den gewollten „digitalen Dreck“ in eine Produktion, den man heute gerne mit Bitcrushern nachschraubt.

Clavinet

Das Clavinet ist ein elektro-mechanisches Tasteninstrument aus dem Hause Hohner, das auf unzähligen Funk- und Rock-Platten zu hören ist. Beim echten Clavinet erfolgt die Klangerzeugung mit stimmbaren Saiten, die – ähnlich einer E-Gitarre – mit einem elektromagnetischen Tonabnehmer abgenommen werden. Arturias Nachbildung besitzt wie einige Modelle des Originals Taster zu Klangregelung, die sich links neben der Tastatur befinden: Zu den Treble, Medium, Soft sowie A/B und C/D kommt noch ein weiterer namens Brilliant hinzu, der einen noch obertonreicheren Sound erlaubt. Ein passender Guitar Amp ist bereits dabei, der sich On oder Off Axis schalten lässt. Hinzu kommen typische Bodentreter-Effekte, die in Verbindung mit einem Clavinet gerne genutzt werden: Delay, Chorus, Phaser, Flanger und Auto-Wah. Alles bereits virtuell verkabelt und leider im Signalfluss nicht änderbar. Im Open Modus schaut man dem Clavinet virtuell unter die Haube, wo sich Resonanzverhalten, die für den Klangcharakter des Clavinets wichtige Releasezeit und Tuning der Saiten feinjustieren lassen. Ebenso typisch für das Instrument sind die Plopp-Geräusche von Hammer- und Tonabnehmer, die beim Loslassen der Tasten je nach Anschlagstärke mehr oder weniger hörbar sind. Im „Innenleben“ der Emulation ist alles detailliert einstellbar.

Klanglich hinterlässt es zwar einen lebendigen Eindruck, im Vergleich zu aktuellen Sample-Libraries klingt es etwas „schwach auf der Brust“. Als ob man dem Instrument nicht genügend Saft gibt. Mit den Native Instruments Scarbee Vintage Keys, die auf Samples basieren, klingt dasselbe Riff einfach fetter.

Piano V

Arturias Piano-Sammlung wurde auf insgesamt 12 Pianos aufgestockt, Concert Grands, Uprights und mehr, wodurch die V Collection im Hinblick auf akustische Instrumente ein wenig facettenreicher wird. Um klanglich flexibler zu sein, gibt es Erweiterungen, um die Mikrofonpositionen anzupassen, und eine ausgebaute Effekt-Sektion, in der fortan Kompressor, Equalizer und Stereo-Delay zu finden sind.

Der Großteil der Kollektion – vor allem die Synth-Abteilung – kann mich klanglich überzeugen. Leider kann mir die Piano-Sammlung diesen Eindruck weniger vermitteln. Aktuelle Sample-Libraries von Native Instruments und Co. würde ich in einer ernst gemeinten Produktion ganz sicher vorziehen.

MIDI Assign, Analog Lab und NKS 

Mit der stetig steigenden Anzahl an Klangerzeugern werden natürlich auch die Presets nicht weniger. Mittlerweile umfasst das Bundle über 6.000 vorgefertigte Klänge, die sich entweder in den entsprechenden Software-Instrumenten selbst oder aber allesamt in der mitgelieferten Software Analog Lab laden und tweaken lassen. Wer die Parameter bereits fertig gemappt zum Sofortloslegen am Controller bedienen möchte, sollte sich einmal die Controller Keyboards der Arturia Keylab Serie anschauen, die es in simplen und umfangreicheren Ausführungen gibt.

Aber auch als User von Native Instruments Hardware, wie der Maschine oder den Komplete Kontrol Keyboards erhält man dank unterstütztem Kurz-NKS (Native Kontrol Standard) direkten Zugriff auf die wesentlichen Parameter der V Collection Klangerzeuger.

Natürlich bleibt das manuelle Mapping weiterhin bestehen, was übersichtlich gehalten ist. Neben dem Button für den Open Mode gibt es einen weiteren fürs MIDI Mapping, mit dem sich alle Parameter des jeweiligen Klangerzeugers in den Mapping Modus versetzen lassen. Klickt man ein Bedienelement mit der Maus an, ist es automatisch im Lernmodus und wartet auf MIDI-Input eines Hardware-Reglers. Das Fernsteuern der V Collection Instrumente ist demnach mit jedem beliebigen MIDI Controller möglich.

Zu guter Letzt habe ich ein kurzes Arrangement erstellt, das ausschließlich aus den neuen Synths der Kollektion besteht. Daran lässt sich gut erkennen, dass, obwohl die Emulationen nicht immer ganz das Original erreichen, im Kontext eines Songs eine runde Sache daraus wird, die insgesamt eine ordentliche Portion Retrocharme mitbringt.

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