Test
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17.09.2013

Praxis

Bedienung

Der Leipzig-S präsentiert sich erst einmal klar strukturiert und schlicht, ziert sich dann aber wegen seines ungewöhnlichen Layouts bei der ersten Annäherung durchaus etwas. Für gewöhnlich beginnt man den Klangschraubertag ja damit, dass man zum Beispiel die Schwingungsform von Oszillator 1 wählt, dann dessen Fußlage, seine Lautstärke, weiterhin Schwingungsform, Fußlage und vielleicht Finetune für Oszillator 2 und so weiter. Nichts davon passiert beim Leipzig-S auf gewohnte Weise. Das fängt ganz oben links auf dem Bedienfeld an, wo uns ein Poti mit der Beschriftung „Master Tune“ empfängt; etwas, das man bei anderen Synthesizern eher unter der Rubrik „Allgemeines“ findet. Es folgt ein Poti, mit dem sich VCO 2 stimmen lässt, allerdings immer in Relation zu dem zuerst eingestellten Master Tune, der übrigens einen relativ bescheidenen Umfang von ca. 29 Halbtönen besitzt. Damit lässt uns die Oszillatorabteilung erst mal im Regen stehen – keine Schwingungsformen oder Fußlagen weit und breit. Es geht weiter mit Glide, Pulsbreite und Sync für VCO 2; also nichts, was uns dabei hilft, überhaupt mal einen Grundsound einzustellen.

Das Geheimnis lüftet sich dann bei einem Blick auf den Mixer, der – komischerweise erst an den Positionen drei und vier – zwei Potis bereithält, welche für die Auswahl und Lautstärke der Schwingungsformen gleichermaßen verantwortlich sind. Sie funktionieren nach einem Prinzip, das von Oberheims SEM und auch vom hauseigenen Telemark 2 bekannt ist: Die Mittelstellung entspricht dem Nullpunkt, dreht man von dort nach links, wächst die Lautstärke des Sägezahns, kehrt man zurück zur Mitte und dreht dann nach rechts, hört man die Rechteckschwingung. Dem gleichen Prinzip folgen auch das Poti für die Suboszillatoren (links jener von VCO 1, eine Oktave tiefer, rechts der von VCO 2, zwei Oktaven tiefer) und ein Regler, der bizarrerweise ganz oben im Mixer zu finden ist und nach links drehend das externe Signal von Eingang 2 beimischt und nach rechts, je nach Wahl eines Kippschalters, Noise oder den Audioausgang des Sequencers.

Das Layout hat zweifellos den Vorteil, dass sich mit großer Platzökonomie eine Vielzahl von Einstellungsmöglichkeiten realisieren lassen. Diesen Vorteil erkauft man sich jedoch zu Ungunsten von Übersichtlichkeit und intuitiver Bedienung. Darüber hinaus beschleicht einen ständig das ungute Gefühl, dass die Potis in der Mittelstellung eben doch nicht ganz auf Null sein könnten – eine Sorge, die sich beim Testgerät aber zum Glück als haltlos herausgestellt hat. Ein paar Worte zur Bedienungsanleitung: Zwar bietet das PDF-Dokument einen ordentlichen Überblick über die Funktionen des Instruments, der Text steckt aber voller Fehler, sprachlich wie inhaltlich. Über manchen Knopf schweigt sie sich auch ganz aus. Hier würde man sich mehr Sorgfalt wünschen.

Sound

Hat man einmal alles so in Stellung gebracht, dass der Leipzig-S tatsächlich Klänge produziert, macht sich das durchaus bezahlt. Mit Hilfe der beiden Oszillatoren und der Suboszillatoren lassen sich in Kürze ziemlich fette Sounds schrauben, die extrem lebendig werden, wenn man sie zusätzlich durch leichtes Detune und Pulsbreitenmodulation anreichert. Zugegeben, mit zwei Schwingungsformen (plus Noise) ist dieser Monosynth erst mal keine Klangwundertüte. Aber bei den aggressiven, bratzigen Sounds macht er eine wirklich gute Figur. Und so richtig spannend wird es, wenn man die vielseitigen Modulationsmöglichkeiten nutzt.

Die Envelopes könnten für meinen Geschmack etwas flotter auf den Beinen sein. Bei Sounds mit relativ weit geschlossenem Filter kommt kein rechter Punch zustande, kein Vergleich etwa zu meinem Roland SH-2. Aber hier ernsthaft zu meckern, wäre übertrieben. Wo sich der Leipzig-S hingegen Kritik gefallen lassen muss, ist beim Filter. Analogue Solutions werben offensiv mit einem "Moog style"-Filter. Auch wenn das Filter des Leipzig-S nicht schlecht ist, wirkt es im Vergleich zu dem des Moog Voyager etwas schmalbrüstig. Zwar macht es weiter auf, was für aggressive Klänge nicht schlecht ist, aber bei tieferen Cutoff-Frequenzen ist deutlich weniger Leben in der Bude. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn man zusätzlich die Resonanz (die hier im Moog-Stil „Emphasis“ heißt) hineindreht. Das dazugehörige Poti hat zudem die merkwürdige Besonderheit, dass sich über mehr als zwei Drittel des Reglerwegs gar nichts tut, sodass man im letzten Drittel Mühe hat, das Ganze fein zu justieren. Dieser Fehler wurde bereits beim Vorgänger bemängelt, was Analogue Solutions aber seltsamerweise nicht veranlasst hat, bei diesem eindeutigen Konstruktionsfehler nachzubessern.

Sequencer

Der Sequencer hat in meiner Wahrnehmung eine Berg- und Talfahrt durchlaufen. Zunächst fand ich die Idee sensationell, dass man einen Monosynth mit einem Analogsequencer kombiniert. Dann war ich ziemlich enttäuscht über Ausführung und Ausstattung des Sequencers. Und schließlich erschien er mir als eine schöne Zugabe. Sicher, wenn man an ausgewachsene Sequencer denkt oder an vielseitige Zwerge wie den Dark Time, machen einen die acht Knöpfchen auf dem Leipzig-S nicht glücklich. Betrachtet man diesen Teil des Synths aber in erster Linie als Modulationsquelle und erst in zweiter als Melodienerzeuger, kommt man nicht umhin, langsam doch zum Fan zu werden. Zieht man nämlich alle Register, entstehen enorm lebendige, tiefgründige Analogsounds. Ein Beispiel: Bei der Einstellung "MIDI Key" geht der Sequencer immer dann zum nächsten Schritt über, wenn er einen Note-on-Befehl empfängt. Stellt man nun für alle Steps leicht unterschiedliche Werte ein und schickt dann diese Ausgangsspannungen sowohl ganz dezent an VCO 2 und etwas stärker an das Filter (was ja mit Hilfe der drei Potis für VCO 1, VCO 2 und VCF kein Problem ist), erhält man bei einem Arpeggio acht Variationen von Detune zwischen den Oszillatoren und natürlich acht verschiedene Werte für den Cutoff, die bei jedem gespielten Ton wechseln. Ein solches Setup ist auch dadurch extrem flexibel, dass sich die Sequencer Bewegung auch zu ganz anderen Quellen synchronisieren lässt, wie einem beliebigen MIDI-Controller oder sogar zu dem Signal, das an EXT 1 anliegt. Damit sind der Experimentierfreude kaum Grenzen gesetzt.

Natürlich taugt der Sequencer auch zur Produktion einfacher Melodielinien oder Arpeggios. Hier darf man keine Wunder erwarten, kann aber insbesondere in der Kombination mit einem MIDI-Sequencer schöne Ergebnisse erzielen, die vor allem immer ein deutlich analoges Feel haben.

Ein nicht alltägliches Feature ist die Möglichkeit, den „Sound“ des Sequencers in die Audiosignalkette einzuspeisen. Dreht man das Poti im Mixer auf, hört man im Grunde ein rhythmisches Knacken. Der Einfluss, den die Stellung der Potis des Sequencers darauf haben, lässt sich nur erahnen. Allerdings führt das Mischen dieses Sounds mit dem der Oszillatoren zu mehr oder minder rhythmisch zerstörten Gebilden, die spannend sind – auch wenn man mit einem solchen Sound eher nicht das Thema für eine neue Vorabendserie spielen würde.

Allerdings gewinnt das Ganze deutlich an Anziehungskraft, wenn man den Sequencer statt vom LFO von VCO 2 triggert, sodass die Sequencer-Clock im hörbaren Bereich liegt. Dann verwandelt sich das Geknacke plötzlich in eine veritable, tonal spielbare Klangquelle, im Grunde einen weiteren Oszillator. Dabei trägt jedes einzelne Poti etwas zum Sound bei und beeinflusst das Obertonspektrum der erzeugten Schwingung. Welche Physik sich dabei genau abspielt, sprengt meinen Horizont, allerdings hört man (wie im Klangbeispiel) sehr deutlich, dass eine ganze Palette verschiedener Schwingungsformen erzeugt werden kann. Auch hier geht es wieder eher aggressiv als romantisch zu, aber eine weitere Klangquelle dürfte den Liebhabern komplexer Sounds extrem willkommen sein.

Ecken und Kanten

Bei aller Schönheit ist der Leipzig-S alles andere als ein makelloses Wesen, und die Schraubsession kann durchaus auch mal an den Ritt auf einem nachlässig gewarteten Roboterpferd erinnern. Das liegt an Konstruktionsfehlern wie dem zu zwei Dritteln inaktiven Emphasis-Poti oder der Filter-Modulation, die bei der Einstellung Dreieckschwingungsform/LFO trotz vollem Amount nur mäßig hörbar ist, an Merkwürdigkeiten wie der Tatsache, dass man bei geschlossenem Filter den LFO in Form eines rhythmischen Knackens hört und an Designentscheidungen wie jener mit dem erwähnten „Master Tune“-Knopf, der einem auf der Suche nach einem brauchbaren Grundton Feinmechanikerfähigkeiten abverlangt. Hier wäre übrigens ein Tuning-Ton, wie ihn der Prophet oder der Vermona Perfourmer anbieten, extrem hilfreich gewesen. Je nach Gemüt wird man diese Ecken und Kanten als eine Art rauen Analog-Charme besonders mögen oder als Unzulänglichkeiten empfinden. Fest steht, dass zum Beispiel ein Moog Voyager im Vergleich eine absolute Präzisionsmaschine ist.

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